Koloniales Denken, Rassismus und Antisemitismus in den nationalsozialistischen Expansionsplanungen
Zu den zentralen Anliegen des Projekts „Verflechtungen“ gehörte es, quellenbasierte biografische Zugänge zur Geschichte von Schwarzen Menschen und People of Color unter NS-Herrschaft bereitzustellen, auf diese Weise die bis heute noch immer weitgehend voneinander getrennten historischen Narrative zu Kolonialismus und Nationalsozialismus zu verknüpfen und verflechtungsgeschichtliche Perspektiven auf die NS-Geschichte zu eröffnen. Wir wollten damit eine kritische Auseinandersetzung mit verschiedenen Formen von Rassismus in der longue durée bis in die Gegenwart anregen und Anstöße geben für eine multiperspektivische und inklusive Erinnerungskultur (www.kz-gedenkstaette-neuengamme.de/nachrichten/news/bildungsmaterialien-verflechtungen-als-gedruckte-broschuere-erschienen). Zugriff auf diesen und alle weiteren in diesem Beitrag genannten Links: 21.07.2026.
Zentral ist in den Materialien (vgl. KZ-Gedenkstätte Neuengamme 2019) die Frage nach dem Fortwirken von kolonialem Rassismus im Nationalsozialismus und dessen Folgen insbesondere für Schwarze Menschen und People of Color in Deutschland. Biografien und agency einzelner Personen stehen im Fokus. Mit Hilfe von Quellen, biografischen Informationen und kontextualisierenden Texten können die Auswirkungen von Rassismus auf individuelle Lebensverhältnisse, Handlungsspielräume und Handlungsstrategien der Porträtierten erschlossen werden (vgl. Lewerenz 2018).
Das Verhältnis von Rassismus und Antisemitismus wird in den Materialien zwar in einigen Fällen angerissen, es steht jedoch nicht im Zentrum. Auch geht es weniger um die Frage nach möglichen Kontinuitäten von kolonialer genozidaler Gewalt zur Shoah, auf die die Debatten um Verflechtungen zwischen kolonialen Rassismen und Antisemitismus oftmals bezogen werden. Vielmehr war es uns ein Anliegen, Aktualisierungen kolonialrassistischer Denk- und Deutungsmuster durch Akteure des NS-Regimes herauszuarbeiten und diese auf ihre jeweiligen Verknüpfungen mit dem nationalsozialistischen Antisemitismus hin zu untersuchen. Im Folgenden möchte ich drei Beispiele aus den Materialien schlaglichtartig aufzeigen, bevor ich anhand der nationalsozialistischen Expansionsplanungen vertiefter nach dem Verhältnis von (kolonialem) Rassismus und Antisemitismus in nationalsozialistischer Ideologie und Propaganda frage.
Am Beispiel der Geschichte der Geschwister Hegner, deren Urgroßmutter afrikanischer Herkunft war, werden in Modul 2 der Materialien die nationalsozialistischen ‚Rassengesetze‘ und ihre Folgen für die Lebensbedingungen von Schwarzen Menschen und People of Color im nationalsozialistischen Deutschland thematisiert – darunter z. B. Ausschlüsse von höherer Bildung und bestimmten Berufen, Eheverbote, Einschränkungen bzw. der Verlust der Staatsbürgerschaft etc. Da sich die ‚Rassengesetze‘ in erster Linie gegen Menschen richteten, die aus nationalsozialistischer Perspektive als ‚Juden‘ galten, lässt sich in diesem Modul ein Bezug zwischen antisemitisch und rassistisch motivierter Diskriminierungs-, Ausgrenzungs- und Verfolgungspolitik herstellen (vgl. KZ-Gedenkstätte Neuengamme 2019, S. 65 ff.).
Die Möglichkeit eines Vergleichs zwischen Rassismus und Antisemitismus im Nationalsozialismus eröffnet sich auch in der Zusammenschau von drei unterschiedlichen Verfolgungsschicksalen in Modul 3. Vorgestellt werden hier die Biografie des aus Daressalam kommenden und in Berlin lebenden Bayume Mohamed Husen, die des Sinto Johann Trollmann aus Hannover und die des jüdischen Mädchens Cecilie Landau aus Hamburg. Der Fokus richtet sich dabei auf Ähnlichkeiten wie auch auf Unterschiede und Spezifika z. B. in den Verfolgungsmotiven und -maßnahmen sowie der Reichweite der nationalsozialistischen Diskriminierung und Verfolgung dieser drei Personen bzw. ihrer Familien (vgl. ebd., S. 81 ff.).
Modul 5 thematisiert im Zusammenhang mit der Frage nach individuellen Handlungsspielräumen und Formen von Widerstand die kriegspolitischen Interessen des NS-Regimes an Personen aus Kolonialgebieten bzw. Einflussgebieten der Kriegsgegner im Nahen und Mittleren Osten und die daraus entstehenden Handlungsspielräume für nicht-jüdische Migrant*innen z. B. aus Ägypten. Porträtiert wird der Berliner Arzt Dr. Mod Helmy: Dieser profitierte beruflich zunächst von antisemitisch motivierten Entlassungen jüdischer Ärzte, erlebte dann aber selbst rassistische Diskriminierung aufgrund seiner ägyptischen Herkunft. Während des Zweiten Weltkriegs versuchte er die auf nicht-jüdische und insbesondere muslimische – bzw. muslimisch gelesene – Migrant*innen arabischer Herkunft gerichteten kriegspolitischen Interessen des NS-Regimes zu nutzen, um eine jüdische Patientin vor Verfolgung zu schützen, u. a. indem er ihre Konversion zur Muslimin sowie eine muslimische Hochzeit mit einem ägyptischen Bekannten für sie organisierte (vgl. ebd., S. 152 ff.).

Die Verflechtungen-Materialien bieten noch weitere Ansatzpunkte, um spezifische Verflechtungen von kolonialem Rassismus und Antisemitismus im Nationalsozialismus in den Blick zu nehmen – auch, um auf diese Weise den Blick für aktuelle Verknüpfungen von Rassismus und Antisemitismus z. B. in rechtsextremen Narrativen zu schärfen. Es stellt sich dabei allerdings immer die Frage, ob, und wenn ja, in welcher Weise und mit welchen Zielgruppen dies für die historisch-politische Bildungsarbeit mit Gegenwartsrelevanz fruchtbar gemacht werden kann, welche Herausforderungen damit verbunden sind und wo potenzielle Probleme, Grenzen oder Gefahren bestehen.
Im Folgenden möchte ich an zwei Beispielen, die sich vor allem auf in Modul 2 und 4 der Bildungsmaterialien verhandelte Themen und Quellen beziehen, der Frage nachgehen, wie sich das Verhältnis von kolonialen Vorstellungen, Rassismus und Antisemitismus in den nationalsozialistischen Expansionsplanungen und damit verbundenen Weltordnungsvorstellungen konkret beschreiben lässt. Dazu nehme ich die NS-Kolonialplanungen für ‚Afrika‘ und damit verbundene Propaganda-Kampagnen genauer in den Blick und setze sie in ein Verhältnis zu den Expansionsplanungen des NS-Regimes für das östliche Europa, konkret: die Sowjetunion. Dabei interessiert mich in erster Linie, Aktualisierungen kolonialrassistischer Denk- und Deutungsmuster durch Akteure des NS-Regimes herauszuarbeiten und diese auf ihre jeweiligen Verknüpfungen mit dem nationalsozialistischen Antisemitismus hin zu befragen.
Beispiel 1: Kolonialrevisionismus und die nationalsozialistischen Planungen zur Schaffung von ‚kolonialem Ergänzungsraum‘ in Afrika
Den NS-Kolonialplanungen für ‚Afrika‘ – gemeint waren hierbei insbesondere die im westlichen und im östlichen Afrika gelegenen ehemaligen deutschen Kolonialgebiete, ergänzt durch zu erobernde Kolonien der alliierten Kriegsgegner – lagen herrschaftskoloniale Vorstellungen zugrunde. Von zentraler Bedeutung war die Vorstellung, dass sich ‚Afrika‘ nicht als Siedlungsraum für Europäer*innen eigne. Diese Vorstellung bildete gleichsam die Voraussetzung für die Konzeption einer kolonialen Bevölkerungspolitik, in der die afrikanische Bevölkerung als unentbehrliches ‚Arbeitskräftereservoir‘ für die deutsche Kolonialwirtschaft galt. Entsprechend der NS-Rassenideologie zielten die ab 1936/37 von verschiedenen Reichsbehörden und kolonialpolitischen Institutionen und Parteistellen erarbeiteten kolonialen Planungen auf eine strikte Trennung und Hierarchisierung von Kolonisierenden und Kolonisierten ab. Ziel dieser kolonialen ‚Rassenpolitik‘ war es, die afrikanische Bevölkerung einerseits zu ihrer vermeintlich ‚arteigenen‘ Kultur ‚zurückzubilden‘ und die afrikanischen Männer zugleich ‚zur Arbeit zu erziehen‘. Die afrikanischen Frauen sollten dagegen in den Bereich von Haushalt und Familie zurückgedrängt werden, für die Reproduktion des ‚Arbeitskräftereservoirs‘ zuständig sein und zusätzlich zur ‚Konservierung der sozialen Strukturen‘ beitragen. Die Vorstellung war, dass auf diese Weise die einheimische Bevölkerung für eine krisenfreie Versorgung des unter deutscher Vorherrschaft stehenden ‚neuen Europa‘ mit Rohstoffen aus dem ‚kolonialen Ergänzungsraum‘ Afrika nutzbar gemacht werden könne. Mit Bezug auf die ‚Rassenlehre‘ und die ‚Lehre von der Anerkennung der völkischen Eigenart jeglichen Volkstums‘ als den zwei grundlegenden Prinzipien einer nationalsozialistischen kolonialen Bevölkerungspolitik, wurde diese angestrebte, entlang der Achsen ‚Rasse‘ und ‚Geschlecht‘ strukturierte globale Arbeitsteilung gleichsam naturalisiert (vgl. dazu Linne 2002).
Der Logik der NS-Ideologie folgend, wurden die kolonialen Bevölkerungspolitiken Großbritanniens und Frankreichs immer wieder – teils implizit, oft aber auch explizit – als Instrumente einer ‚jüdischen Weltverschwörung‘ ausgemacht, deren Ziel das Ende der Vormachtstellung der ‚weißen Rasse‘ sei.
Die hier artikulierte Vision war nicht nur eng verklammert mit rassenideologischen Zuschreibungen gegenüber der Bevölkerung in den zu erobernden Regionen, sondern auch mit antisemitischen Vorstellungen. Denn antisemitisch aufgeladene Beschreibungen der britischen und französischen Kolonialpolitik dienten immer wieder als Negativfolie für die nationalsozialistischen Weltordnungsvorstellungen. NS-Kolonialplaner und -propagandist*innen führten die seit Ende des Ersten Weltkrieges sprunghaft angewachsenen antikolonialen Bewegungen in den französischen und britischen Kolonien auf eine nach nationalsozialistischen Kriterien ‚verfehlte‘ Bevölkerungspolitik der verantwortlichen Kolonialmächte zurück. Argumentiert wurde, dass diese die ‚natürliche‘ Differenz und Hierarchie verschiedener ‚Rassen‘ unterminieren und damit ‚Rassenchaos‘ anstiften würden. Damit würden sie, so die NS-Kolonialpropaganda, die Gefahr eines ‚Rassenkampfes‘ heraufbeschwören (vgl. Lewerenz 2006).
Der Logik der NS-Ideologie folgend, wurden die kolonialen Bevölkerungspolitiken Großbritanniens und Frankreichs dabei immer wieder – teils implizit, oft aber auch explizit – als Instrumente einer ‚jüdischen Weltverschwörung‘ ausgemacht, deren Ziel das Ende der Vormachtstellung der ‚weißen Rasse‘ sei. Großbritannien wurde dabei vor allem vorgeworfen, den Widerstand ihrer Kolonisierten durch rücksichtslose, rein macht- und profitorientierte Kolonialpolitik geradezu zu provozieren und auf diese Weise die kolonialrassistische Ordnung zu destabilisieren (vgl. z. B. Rose 1941; mit Fokus auf die NS-Kriegspropaganda sowie damit verknüpfte populärkulturelle Darbietungen vgl. Lewerenz 2017). Demgegenüber wurde Frankreich in diesem Zusammenhang vor allem unterstellt, eine liberal begründete Politik der – biologischen wie kulturellen – ‚Rassenmischung‘ zu betreiben (vgl. z. B. Duems 1933; Analyse des Artikels: Lewerenz 2006, S. 58 ff.). Eine auf die französische Kolonialpolitik bezogene verschwörungstheoretische Verknüpfung von Rassismus und Antisemitismus, in der Schwarze Menschen zu Instrumenten einer ‚jüdischen Verschwörung‘ gegen Deutschland werden, findet sich bereits in Adolf Hitlers Buch Mein Kampf von 1923. Darin führt er die nach dem Ersten Weltkrieg erfolgte Stationierung französischer Kolonialsoldaten im Rheinland auf eine ‚jüdische Weltverschwörung‘ zurück. Deren Ziel sei es, so die Argumentation, mittels massenhafter Vergewaltigung deutscher Frauen durch Schwarze Soldaten sogenannte ‚Rassenmischlinge‘ zu zeugen und durch diese ‚Rassenvermischung‘ letztlich die Vorherrschaft der ‚weißen Rasse‘ zu beenden (vgl. zur Verknüpfung rassistischer und antisemitischer Bilder im Nationalsozialismus Lewerenz/Scheck 2025).

Ein ‚positives‘ Gegenbild zum antisemitisch gerahmten und damit negativ markierten britischen und französischen Kolonialismus bildete in der NS-Kolonialpropaganda der durch die deutsche Niederlage im Ersten Weltkrieg beendete deutsche Kolonialismus. Er war insbesondere verkörpert im Stereotyp des den Deutschen treu ergebenen ‚Schutzbefohlenen‘, der sich angeblich willig in den ihm zugewiesenen, untergeordneten Platz innerhalb der kolonialen Ordnung eingefügt habe. Dieses Stereotyp fand seine Zuspitzung in der Figur des ‚treuen Askari‘, der im Ersten Weltkrieg vermeintlich ‚treu bis in den Tod‘ auf deutscher Seite gekämpft habe – eine Figur, die im kolonialrevisionistischen Diskurs seit Ende des Ersten Weltkrieges immer wieder als Beleg für die angeblich besonderen kolonialen Fähigkeiten der Deutschen diente (vgl. Michels 2004; Lewerenz 2011).
Die NS-Propaganda führte die vermeintlich krisenfreie deutsche Kolonialherrschaft auf die strikte ‚Rassentrennung‘ in den deutschen Kolonien zurück und setzte diese immer wieder in einen direkten Bezug zur nationalsozialistischen ‚Rassenpolitik‘ (vgl. Duems 1933; Lewerenz 2006). Entsprechend könne nur die (Wieder-)Herstellung einer globalen Ordnung, in der jede ‚Rasse‘ den ihr ‚naturgemäß‘ – das heißt, nach dem rassistischen Wertungsraster der NS-Ideologie – zustehenden Platz einnehme, die laut NS-Propaganda gezielt aus dem Gleichgewicht gebrachte ‚organische Weltordnung‘ wieder stabilisieren und die ‚natürliche‘ Vormachtstellung der ‚weißen Rasse‘ sichern (Anonymus 1936). In einer solchen Logik war die Vorstellung einer Vernichtung der Jüdinnen*Juden als notwendiges Mittel zur Etablierung einer solchen ‚neuen Weltordnung‘ gewissermaßen bereits angelegt, insofern als diese der antisemitischen Weltdeutung der Nationalsozialist*innen folgend das zu zerschlagende ‚System‘ verkörperten.
Beispiel 2: Der deutsche Angriffs- und Vernichtungskrieg zur Eroberung von „Lebensraum“ im östlichen Europa
Im Gegensatz zu den herrschaftskolonialen Planungen des NS-Regimes für ‚Afrika‘ standen für ‚den Osten‘ siedlungskoloniale Planungen im Vordergrund. Insbesondere Polen und die Sowjetunion sollten als ‚Lebensraum‘ bzw. ‚Siedlungsraum‘ für ‚arische‘ Deutsche dienen. Die angestrebte und im ‚Generalplan Ost‘ konzipierte Landnahme implizierte die Zerschlagung der staatlichen Strukturen sowie weitreichende Vertreibungen und Ermordungen der militärisch-politischen Eliten, der gesamten jüdischen und großer Teile der nicht-jüdischen Bevölkerung, u. a. in Form von Hungerpolitik sowie durch ‚Vernichtung durch Arbeit‘ (vgl. z. B. Heinemann 2014). Auch hier griffen rassenideologische Vorstellungen von den als ‚slawisch‘ kategorisierten und als ‚rassisch minderwertig‘ markierten nicht-jüdischen Bevölkerungen des östlichen Europas – kolonialrassistische Vorstellungen, die sich bereits im 19. Jahrhundert herausgebildet hatten und im Nationalsozialismus radikalisiert wurden (vgl. zur Geschichte des deutschen Antislawismus z. B. Thum 2006).
Im Gegensatz zu den herrschaftskolonialen Planungen des NS-Regimes für ‚Afrika‘ standen für ‚den Osten‘ siedlungskoloniale Planungen im Vordergrund. Insbesondere Polen und die Sowjetunion sollten als ‚Lebensraum‘ bzw. ‚Siedlungsraum‘ für ‚arische‘ Deutsche dienen.
Während in Bezug auf die kolonialen Planungen bezüglich ‚Afrika‘ antisemitisch aufgeladene Beschreibungen der britischen und französischen Kolonialpolitik als Negativfolie für das vom NS-Regime angestrebte Ideal einer stabilen, weil rassistisch fundierten Weltordnung unter ‚arischer‘ Vorherrschaft dienten, waren Kriegsziele, Kriegsführung und Besatzungspolitik in Bezug auf die Sowjetunion eng verknüpft mit dem Ziel der Zerschlagung des sogenannten ‚jüdischen Bolschewismus‘ (vgl. Fay 2019). Auch in diesem Kontext waren also kolonialer Rassismus – hier antislawischer Rassismus gegen Menschen osteuropäischer Herkunft – und Antisemitismus eng miteinander verflochten: In der nationalsozialistischen Vorstellung verkörperte der sowjetische Staat eine quasi-koloniale, ‚jüdisch-bolschewistische‘ Fremdherrschaft über die ‚slawische‘ Bevölkerung. Durch seine Auslöschung sollten das Land wie auch die Arbeitskraft der nicht-jüdischen Bevölkerung für Deutschland zugänglich gemacht werden.
Die Vernichtung als jüdisch geltender Menschen stellte auch in dieser Logik letzten Endes die Bedingung für eine erfolgreiche Kolonisierung des ‚Ostens‘ und, allgemeiner, für die Herstellung einer als natürlich imaginierten globalen ‚Rassenordnung‘ dar. Gemäß dieser Vorstellung stünde Europa unter deutscher Vorherrschaft an der Spitze dieser Weltordnung, der ‚Osten‘ würde als ‚Siedlungsraum‘ für Deutsche dienen und ‚Afrika‘ als kolonialer ‚Ergänzungsraum‘ zur Versorgung Europas mit Rohstoffen.
„Messy imprecisions of history“
Neben dieser engen Verklammerung mit Antisemitismus wird eine Analyse, die sich den nationalsozialistischen Expansionsvorhaben in ‚Afrika‘ sowie im ‚Osten‘ mit Instrumenten der Kolonialgeschichtsschreibung nähert, indes durch verschiedene weitere Phänomene kompliziert, die sich mit einem solchen Instrumentarium nicht erfassen lassen.
Zunächst einmal ist festzustellen, dass die Kolonialplanungen für ‚Afrika‘ – aufgrund der Priorisierung der verschiedenen Expansionspläne, aber auch aufgrund des Kriegsverlaufs – auf dem Papier verblieben und sich damit letztlich keine Aussagen in Bezug auf nationalsozialistische Kolonialpraktiken, z. B. angesichts von Widerstand seitens der Bevölkerungen in den zu erobernden Regionen, treffen lassen. Allerdings lassen nationalsozialistische Gesetzesentwürfe wie der für das sogenannte ‚Kolonialblutschutzgesetz‘ von 1940 Mutmaßungen hinsichtlich des Ausmaßes von Gewalt zu, die zur Sicherung der angestrebten rassistischen Ordnung vorgesehen war (vgl. z. B. Schmokel 1967).
In Bezug auf den deutschen Angriffs- und Vernichtungskrieg zur Eroberung von ‚Lebensraum‘ im ‚Osten‘ sind in der Analyse demgegenüber zahlreiche kriegsbedingte „messy imprecisions of history“ (McClintock 1995, S. 66 f.) einzubeziehen und zu reflektieren. Dazu zählt insbesondere die Verschleppung von Millionen osteuropäischer – und ab 1944 sogar jüdischer – Menschen zur Zwangs- bzw. Sklavenarbeit ins Deutsche Reich – eine Maßnahme, die eindeutig die Prinzipien der NS-Rassenideologie unterlief, wenngleich die Verschleppung ziviler osteuropäischer Zwangsarbeiter*innen durch die rigiden ‚Polenerlasse‘ bzw. ‚Ostarbeitererlasse‘ flankiert wurden, um Kontakte und vor allem die ‚Rassenmischung‘ zwischen ihnen und der deutschen Bevölkerung zu unterbinden (vgl. grundlegend Herbert 1999; zur Verschleppung polnischer und sowjetischer Menschen zur NS-Zwangsarbeit vgl. Stiftung Polnisch-Deutsche Aussöhnung und Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit Berlin-Schöneweide 2007; Memorial Moskau/Heinrich-Böll-Stiftung 2019).
Der Kolonialismus fungierte gleichsam als ‚Resonanzraum‘ der nationalsozialistischen Expansionspläne und damit verbundener rassistischer und antisemitischer Vorstellungen.
Des Weiteren kann dazu die ‚Germanisierungspolitik‘ vor allem im deutsch besetzten Polen, später auch in der Sowjetunion zählen, beispielsweise mit Bezug auf die im Kriegskontext gezeugten Kinder deutscher Wehrmachtssoldaten mit sowjetischen Frauen. Darin wurde, vor allem vor dem Hintergrund des benötigten Nachschubs an Soldaten, die rassenideologischen Zuschreibungen gegenüber Menschen osteuropäischer Herkunft so weit flexibilisiert, dass zwischen eindeutschungsfähigen und nicht eindeutschungsfähigen Menschen osteuropäischer Herkunft unterschieden wurde, um erstere für Deutschland ‚nutzbar‘ zu machen (vgl. Mühlhäuser 2012; Wolf 2012).
Schließlich ist die Gleichzeitigkeit verschiedener, unterschiedlich motivierter Formen systematischer Massengewalt im osteuropäischen Raum zu nennen, also die Tatsache, dass in den deutsch besetzten Gebieten in Polen und der Sowjetunion nicht allein die nicht-jüdische Bevölkerung vertrieben, zur Zwangsarbeit verschleppt oder ermordet wurde, sondern diese Regionen zugleich zu zentralen Tatorten der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik insbesondere gegenüber den europäischen Jüdinnen*Juden, aber auch den Rom*nja und Sinti*ze sowie Menschen mit psychischen Erkrankungen und Behinderungen wurden.
Schluss
Marcia Klotz (2005) hat die Weimarer Republik einmal als ‚postkolonialen Staat in einer noch kolonialen Welt‘ beschrieben. Damit hat sie darauf verwiesen, dass Deutschland bis weit in das 20. Jahrhundert hinein vom global herrschenden europäischen Kolonialismus beeinflusst war. Und dies, obwohl – oder vielleicht auch gerade, weil – die formale deutsche Kolonialherrschaft durch die Niederlage im Ersten Weltkrieg beendet worden war. Dies galt, so meine These, auch für den Nationalsozialismus, wenngleich koloniales Denken und Handeln hier mit anderen Ideologien, zuallererst dem Antisemitismus, aber z. B. auch dem Antibolschewismus, zusammenwirkte.

Pascal Grosse und anderen zufolge fungierte der Kolonialismus gleichsam als ‚Resonanzraum‘ der nationalsozialistischen Expansionspläne und damit verbundener rassistischer und antisemitischer Vorstellungen (vgl. Grosse 2005; neuer: Bajohr/O’Sullivan 2022). Zum einen wirkten im europäischen Kolonialismus etablierte kolonialrassistische Denk- und Deutungsmuster auch nach Beendigung der deutschen Kolonialherrschaft und bis in den Nationalsozialismus hinein in der deutschen Gesellschaft fort. Zum zweiten setzte sich das nationalsozialistische Deutschland als eine Nation ohne eigenen Kolonialbesitz in ein Verhältnis vor allem zu den europäischen Kolonialmächten Großbritannien und Frankreich. Die Nationalsozialist*innen deuteten das durch die deutsche Niederlage nach dem Ersten Weltkrieg verschobene globale Machtgefälle antisemitisch im Sinne einer ‚jüdischen Weltverschwörung‘. Entsprechend verband sich in der nationalsozialistischen Logik der Kampf um ‚Lebensraum‘ im ‚Osten‘ und ‚Ergänzungsraum‘ in ‚Afrika‘ als Mittel, um die Herrschaft über zusätzlichen Raum sowie die dort lebenden, rassistisch abgewerteten Bevölkerungen zu erlangen, mit dem Kampf gegen eine imaginierte ‚jüdische Weltherrschaft‘. Koloniale Expansion und damit verbundene Gewalt und die Vernichtung der Jüdinnen*Juden waren somit nicht identisch, aber eng miteinander verbunden.
Abschließend zurück zu den Fragen vom Beginn: Welchen Gewinn kann es haben, wenn historische Formen von Rassismus und Antisemitismus in der historisch-politischen Bildungsarbeit in Bezug zueinander gesetzt werden? Welche Herausforderungen sind damit verbunden? Und kann eine solche verflechtungsgeschichtliche Perspektive dazu beitragen, den Blick für Funktions- und Wirkungsweisen sowie das Zusammenwirken aktueller menschenfeindlicher Ideologien zu schärfen?
Meiner Ansicht nach ermöglicht es ein solcher verflechtungsgeschichtlicher Ansatz, sowohl Ähnlichkeiten als auch Unterschiede, Spezifika sowie schließlich Bezüge zwischen Rassismus und Antisemitismus anhand konkreter Beispiele zu veranschaulichen und damit besprechbar zu machen. Ein solcher Ansatz ist allerdings mit einer ganzen Reihe von Herausforderungen verbunden und bedarf einer gewissen Gratwanderung: So erfordert ein verflechtungsgeschichtlicher Ansatz, komplexe und, je nach Zielgruppe, oft auch wenig geläufige Zusammenhänge auf ein verständliches Maß herunterzubrechen. Zugleich birgt er die Gefahr unangemessener Gleichsetzungen sowie der Reproduktion von Rassismus bzw. Antisemitismus. Und er impliziert durch den Fokus auf menschenfeindliche Denk- und Deutungsmuster, dass die Täterperspektive vor die Verfolgtenperspektive tritt.
Im europäischen Kolonialismus wirkten etablierte kolonialrassistische Denk- und Deutungsmuster auch nach Beendigung der deutschen Kolonialherrschaft und bis in den Nationalsozialismus hinein in der deutschen Gesellschaft fort.
Diesen Herausforderungen lässt sich unter anderem mit Hilfe biografischer Beispiele begegnen, wie sie die Verflechtungen-Materialien geben. Biografien können den Zugang zu komplexen historischen Zusammenhängen ebnen. Den Blick auf die Lebensrealitäten und Handlungsstrategien derjenigen zu richten, auf die sich rassistische bzw. antisemitische Zuschreibungen richteten, kann zudem dazu beitragen, diskriminierenden Bildern, Begriffen und Narrativen nicht ‚das letzte Wort‘ zu lassen. Und eine solche Herangehensweise ermöglicht es – ebenso wie eine kritische Auseinandersetzung mit der Anpassung von Fremdzuschreibungen an veränderte historische Rahmenbedingungen –, den Konstruktionscharakter solcher Zuschreibungen herauszuarbeiten.
Ich bin davon überzeugt, dass eine solch differenzierte und zugleich reflektierte Zusammenschau mit Blick auf Differenzen, Ambivalenzen, Widersprüchen, Ähnlichkeiten, Überlappungen und wechselseitigen Bezügen Solidarisierungseffekte erzeugen und damit dem wachsenden Spannungsverhältnis zwischen Rassismus- und Antisemitismus-Forschung entgegenwirken kann. Und in einer Zeit, in der sich antisemitisches und rassistisches Denken und Handeln in verschwörungsideologischen Diskursen insbesondere im rechtsextremen Spektrum verschärft und diese menschenfeindlichen Ideologien aufs Neue miteinander verknüpft werden, kann die Auseinandersetzung mit solchen Verflechtungen auf historischer Ebene den Blick auch für gegenwärtige Phänomene schärfen – nicht zuletzt für das zunehmend populäre neurechte Narrativ vom ‚großen Austausch‘ bzw. vom ‚Volkstod‘ (vgl. Botsch/Kopke 2019).
Zur Autorin

susann.lewerenz@gedenkstaetten.hamburg.de
Foto: Clara Mansfeld