Nachruf auf Mechthild Merfeld, Geschäftsführerin des AdB von 1974–2007

In den 1960er und 1970er waren es Männer, die der politischen Bildung ein Gesicht gaben und sie prägten. Dazu gehören Namen wie Berthold Finkelstein, Bernhard Gebauer, Ulf Lüers, um nur einige zu nennen. Umso erstaunlicher, dass der Arbeitskreis deutscher Bildungsstätten 1974 eine Frau zur Geschäftsführerin des Verbandes machte. Mechthild Merfeld setzte sich im Bewerbungsverfahren durch, obwohl ihr zuvor bescheinigt worden war, dass sie sich „nicht zu bewerben bräuchte, da (sie) als Frau keine Chance hätte und außerdem zu links sei“, wie das Zitat aus einem Interview mit ihr anlässlich des 50jährigen Bestehens des AdB belegt.
Dass die Entscheidung dann aber doch für Mechthild ausfiel, erwies sich als außerordentlicher Glücksfall für den AdB. Nicht nur, dass sie den Verband mit großem Engagement, hoher fachlicher Kompetenz und Menschlichkeit leitete, sie prägte den AdB entscheidend und legte ein Fundament, das bis heute trägt und von dem alle nachfolgenden Akteure – ob in Vorstand, Geschäftsstelle oder Gremien – profitieren.
Sie stärkte die internationale Bildungsarbeit im AdB, unterstützte die weiblichen Fachkräfte in den Mitgliedseinrichtungen durch die Einrichtung einer eigenen Kommission Mädchen- und Frauenbildung, beantragte erfolgreich ein Projekt zum Gender Mainstreaming, das letztendlich auch zur geschlechterparitätischen Besetzung des Vorstands führte.
Einschneidend für die Struktur des Verbandes war auch ihr Wirken nach dem Mauerfall. Der AdB wurde Teil des Programms „Aufbau freier Träger“ in den neuen Bundesländern und bot fachliche, rechtliche und förderpolitische Beratung an – auf Augenhöhe, mit hoher Sensibilität und Achtung vor der Leistung der Kolleg*innen im Osten der Republik. Die Mitgliedschaft im AdB wurde unter unkomplizierten Bedingungen angeboten. Über 30 Einrichtungen und Träger nutzten die Möglichkeit. Zum großen Bedauern konnten sich trotz Unterstützung nur wenige Einrichtungen halten.
Mechthilds Wirken reichte aber weit über den AdB hinaus. Der AdB war, als federführende und dann als geschäftsführende Organisation, maßgeblich an der Koordinierung und Realisierung von Aktivitäten des Bundesausschusses politische Bildung (bap) beteiligt. Mechthild war über Jahrzehnte die Geschäftsführerin des bap und hat auch in diesem Zusammenschluss, erfahren durch und geprägt von der Heterogenität des AdB, dafür gesorgt, dass gemeinsame Positionen gefunden und vertreten werden konnten.
All dies hört sich bereits nach einem mehr als ausgefüllten Arbeitsalltag an, aber ihre Verantwortungsbereitschaft und ihr Arbeitsethos führten zur Übernahme weiterer, für die politische Bildung und den AdB wichtigen Aufgaben. Dazu gehörten die Mitgliedschaft im Kuratorium und später im Beirat des Deutsch-französischen Jugendwerks, die Übernahme des Vorsitzes des Internationalen Jugendaustausch- und Besucherdienstes IJAB, der Vorsitz im Bundesjugendkuratorium sowie die Geschäftsführung des Hauses der Jugendarbeit und Jugendhilfe, in dem der AdB bis heute seinen Sitz hat. In dieser Funktion war Mechthild auch für den Umzug des Hauses von Bonn nach Berlin zuständig, der 2001 erfolgte.
Ihr überaus beeindruckender Einsatz für die politische Bildung fand bundesweit Anerkennung. 2005 wurde dies mit der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes gewürdigt.

Mechthilds Wirken nach außen war identisch mit dem Wirken nach innen. Sie leitete die Geschäftsstelle voller Engagement und hohem zeitlichen Einsatz. Es waren die leisen Töne, die von ihr in bilateralen Gesprächen und Besprechungen zu vernehmen waren. Leise, ruhig und zielbewusst führte sie die Mitarbeiterinnen und den einen Mitarbeiter über die vielen Jahre. Informationen waren bei ihr kein Herrschaftswissen. Informationen wurden geteilt und wenn nötig mit allen besprochen. Statt Dissens lotete sie immer Wege des Kompromisses aus, vor allem im Zusammenspiel von Vorstand und Geschäftsstelle.
Eine feste Institution im Arbeitsablauf der Geschäftsstelle war das gemeinsame Frühstück. Mechthild legte sehr viel Wert darauf, um kurze und unkomplizierte Möglichkeiten der Information und des Austauschs über anstehende Angelegenheiten zu nutzen. Dieses mitunter familiäre Setting – es wurden auch private Dinge erzählt – verleitete sie so manches Mal zur Einschätzung, der AdB sei eigentlich eine Familie. Das wurde nicht von allen geteilt, es wurde aber auch nicht widersprochen.
Nach dem Frühstück verschwanden wieder alle hinter ihren Bürotüren, die bis zur Mittagspause auch verschlossen blieben. Konzentriertes Arbeiten, persönliche Atmosphäre und kollegialer Austausch – das bildete den „Merfeldschen Dreiklang“ der Geschäftsstelle. Dahinter steckte bei Mechthild eine Idee: Eine andere Art zu arbeiten, die von Emanzipation und Gleichberechtigung geprägt war.
Im bereits erwähnten Interview, das Dr. Paul Ciupke mit ihr anlässlich des 50-jährigen AdB-Bestehens führte, resümierte sie: „Die Geschäftsführung des AdB war eine spannende und bereichernde Aufgabe, auf die ich sehr gern zurückschaue.“
Nun schauen wir auf Mechthilds Leben und Wirken und stellen fest, dass wir gern und voller Dankbarkeit und Anerkennung auf ihr Wirken zurückschauen. Danke für alles, liebe Mechthild!
Ina Bielenberg, Geschäftsführerin des AdB und Nachfolgerin von Mechthild Merfeld
Boris Bromeier, ehemaliger Bundestutor und stellvertretender Geschäftsführer