Ausgrenzung und Aneignung im Online-Diskurs der AfD
transcript Verlag, 320 Seiten
Es mehren sich Hinweise, nicht zuletzt angesichts der jüngsten Kommunalwahlergebnisse im Ruhrgebiet, dass die AfD auch bei denjenigen attraktiv wird, die sie bekämpft. Die AfD wird inzwischen auch von Menschen mit sogenanntem Migrationshintergrund gewählt, ihre Vorsitzende ist lesbisch und lebt mit einer Frau aus Sri Lanka zusammen. Viola Dombrowski befasst sich in ihrer Dissertation mit solchen scheinbaren Widersprüchen, die sie „Ambivalente Antagonismen“ (S. 9 ff.) nennt. Konkret geht es um drei Gruppierungen innerhalb der AfD, die „Neudeutsche Alternative“, „Alternative Homosexuelle“ und „Juden in der AfD“.
Das Buch enthält sechs Kapitel, zwei Theorie-Kapitel („Ambivalente Antagonismen?“ und „Zur Konstruktion von kollektiver Identität und Fremdheit“), ein Methodenkapitel sowie drei Kapitel zu den Ergebnissen („Rechte Krisennarrative“, „Rechte Selbstver(un)sicherungsprozesse“, „Zwischen dem Fremden und dem Eigenen“). Neben dem Literaturverzeichnis bietet es ein umfangreiches Materialverzeichnis von fast 60 Seiten mit den Posts aus Twitter beziehungsweise X, die Viola Dombrowski aus einem Konvolut von ursprünglich über einer halben Million Tweets ausgewählt und ausgewertet hat. Methodisch folgt die Autorin der Wissenssoziologischen Diskursanalyse. Sie untersucht, welche Geschichte die Posts erzählen, eine ihrer Kernfragen lautet: „Welche Ein- und Ausschlüsse formuliert sie (…) und wie baut sie auf diesen Konstrukten von Zugehörigkeit (Einheit, ‚Wir‘) und Fremdheit (Differenz, ‚die Anderen‘) ein konsistentes Narrativ von Gesellschaft, Volk, Nation und Kultur auf?“ (S. 22)
Viola Dombrowski kommt zu folgendem Ergebnis: „So sichern die Ambivalenzen die Antagonismen wie ein Überdruckventil ab und treiben gerade dadurch die unauflösbare, diskursive Dialektik zwischen ‚dem Fremden‘ und ‚dem Eigenen‘ weiter voran.“ (S. 203) Die Partei setzt diese „Ambivalenzen“ strategisch geschickt ein. Die Feindbilder bleiben, die eigentlich „Fremden“ in der eigenen Partei erhalten eine „Expert*innenposition“, die die Grundthese der Partei bestätigt (S. 200). Migrant*innen, Homosexuelle und Queers, Jüdinnen und Juden in der Partei sind jedoch letztlich nur Zugehörige zweiter Ordnung, sie werden als „Ausnahme“ markiert (S. 204).
Es helfe wenig, der Partei Rassismus vorzuwerfen. Die Partei weist jederzeit Antisemitismus, Rassismus und Homophobie von sich. Sie pflegt und propagiert stattdessen ein „Selbstverständnis als Partei der ‚echten‘ Vielfalt“ (S. 180). Sie wende sich nicht gegen Homosexuelle, sondern gegen aus ihrer Sicht Übertreibungen, beispielsweise gegen „Frühsexualisierung“ (S. 101). Hinzu kommt die „diskursive Verbindung von Homosexualität und Pädophilie“ (S. 99). Homosexualität widerspreche dem Idealbild von Ehe und Familie, das von linker Seite und inzwischen auch von scheinbar konservativen Parteien zerstört werde. In diesem Sinne „positioniert sich die AfD als tolerante Partei und Verteidigerin von Gleichheit“ (S. 111). Die eigentliche Bedrohung gegen Homosexuelle gehe von „Muslimen“ aus (S. 106).
Ähnlich argumentiert die AfD zu Judentum und Antisemitismus (S. 120 f.). Die AfD interessiert sich nicht für Jüdinnen und Juden, aber sie behauptet, „dass eine unter dem Deckmantel der ‚Vielfalt‘ geduldete Gefährdung der Jüdinnen*Juden früher oder später zu einem Christen- und ‚Deutschenhass‘ und ‚antiweiße(m) Rassismus umschlagen werde.“ Viola Dombrowski spricht von einer „Deutungsumkehr“, die im Grunde eine Täter-Opfer-Umkehr ist. „Antirassismus führt in dieser Deutung zwangsläufig zu Antisemitismus und einer Dämonisierung von ‚Deutschen‘.“ (S. 133 f.) Antisemitismus sei „im ‚Muslim-Sein‘ verwurzelt (S. 128), der Islam ein Wiedergänger des Nationalsozialismus. Den Islam sieht sie als „quasi-biologisches Merkmal“ (S. 127). Mit ihm einher gehe durch Migration „importierte Kriminalität“ (S. 146 ff.), die Schuld trügen „‚linke Deutschenhasser‘ und ‚fremde Invasoren‘“ (S. 174).
Die Positionierungen der AfD zur „Remigration“ und zum identitären Konzept des Bevölkerungsaustauschs lassen sich zwar in Inhalten und Struktur auf das NS-„Rassenkonzept“ beziehen, doch ist das „zentrale Krisennarrativ“ ein anderes: „Der ‚Kulturkampf‘ bildet im untersuchten Material das zentrale Krisennarrativ, das alle anderen Bedrohungsszenarien verbindet.“ (S. 187) „Kulturmarxismus“, „Gender-Ideologie“ „Multi-Kulti-Ideologie“ (S. 189). Ein übergreifender Kampfbegriff ist „Wokeism“, dem die AfD ihre Positionierung im „Kulturkampf“ entgegensetzen will. Der einzelne Mensch zählt nicht, es zählt nur die „kollektive Identität“ (S. 194 f.). Diese geht über nationale Identität hinaus, von „Familie und Heimat“ hat die Partei sehr einseitige Vorstellungen.
Die lesenswerte Arbeit von Viola Dombrowski ergänzt Forschungsarbeiten zum von der Identitären Bewegung und in der AfD vertretenen „Ethnopluralismus“. Ein nächster Schritt wäre die Analyse der Kontakte der AfD mit rechtsextremen Gesprächspartnern in Israel und mit Islamisten.