Außerschulische Bildung 3/2026

Max Czollek/Hadija Haruna-Oelker: Alles auf Anfang

Auf der Suche nach einer neuen Erinnerungskultur

Frankfurt am Main 2025
S. Fischer Verlag, 235 Seiten
 von Norbert Reichel

Das Buch bietet mit seinen zahlreichen Referenzen einen guten Überblick über die Szenen der Menschen, die sich in den vergangenen 15 Jahren in Büchern und Podcasts, in Zeitungen und auf Kongressen für Vielfalt engagiert haben, nicht zuletzt die Autor*innen im „Manifest der Vielen“ (Berlin, Blumenbar 2011) und die Teilnehmer*innen am „Desintegrationskongress“ vom Mai 2016 im Berliner Maxim-Gorki-Theater. Zu dieser Szene gehören auch die beiden Autor*innen des Buches. In seinem zum Klassiker gewordenen Buch hatte Max Czollek gefordert: „Desintegriert euch!“ (C. Hanser, München 2018). Von Michal Y. Bodemann übernahm er die These, die offizielle und offiziöse deutsche Erinnerungskultur sei zum „Gedächtnistheater“ mutiert. Hadija Haruna-Oelker formulierte versöhnlicher, beispielsweise in dem Titel des Buchs „Zusammensein – Plädoyer für eine Gesellschaft der Gegenseitigkeit“ (btb Verlag, München 2024). Gemeinsam gestalten die beiden den Erinnerungspodcast „Trauer & Turnschuh.“

„Alles auf Anfang“ knüpft daran an. Adressat*innen des Buches sind gleichermaßen Angehörige von Mehrheitsgesellschaft und Minderheiten. Das Buch beginnt mit einem kämpferischen Prolog: „Es gibt keine deutsche Gesellschaft ohne uns!“ (S. 7 ff.) Es lädt ein zu einer „Reise durch die Gegenwart“ (S. 17 ff.), die in fünf Kapiteln eine schonungslose Bestandsaufnahme bietet. Das Buch ist kein Essay, kein Programm, sondern eine Art Briefwechsel zweier Menschen mit vergleichbaren (nicht nur) persönlichen Erfahrungen und Gefühlen, kein Streit. Es ist eher der Versuch einer gegenseitigen Bestätigung, letztlich auch ein Aufruf zur Solidarität der „Minderheiten“ untereinander, denen die beiden Autor*innen angehören.

Das Buch bietet ein erschreckendes Stimmungsbild Deutschlands nach dem Massaker der Hamas am 7. Oktober 2023, nach dem Terror des NSU. Es endet im Epilog trotz allem mit einem Hauch von Ironie: „Dass wir da noch lachen können.“ (S. 209) Sie können.

Gleichzeitig bietet das Buch einen Ausblick auf erste Bausteine der im Titel versprochenen neuen Erinnerungskultur. Letztlich geht es um eine Richtungsentscheidung, die gleichermaßen von Mehrheitsgesellschaft und Minderheitsgesellschaften abverlangt wird. Spaltende Identitätspolitiken sind die falsche Antwort: „Wie bis heute inzwischen ‚entweder bist du für oder gegen uns‘ polarisiert wird. Wie auch dieses Buch vielleicht ein Anlass sein wird für Versuche, uns auseinanderzudividieren. Aber das lassen wir nicht zu, nicht wahr, Max?! Denn wir haben gesehen, welche massiven Auswirkungen diese Tendenz der Trennung auf die Communities und damit die Zivilgesellschaft hat. Die medialen Mechanismen, die das noch verstärken. Das verlorene Vertrauen auf allen Seiten. Darum sprechen wir, schreiben wir das hier auf.“ (S. 110 f.)

Eine grundlegende Frage lautet: Was machen all die Debatten, Diskussionen, Dissonanzen und Diffamierungen mit uns, die wir alltäglich erleben und von denen niemand wirklich frei zu sein scheint? So ganz erfolglos war man nicht: „Vielleicht muss man das so denken: Nicht, dass die Gewalt in Deutschland weiterhin existiert, ist die Überraschung, sondern, dass wir die Rückkehr der Gewalt bis heute aufhalten konnten. Genau das war ja unser Ansatz für eine Gegenerzählung in diesem Buch, die auch die Grundlage für unseren gemeinsamen Podcast zur deutschen Erinnerungskultur ist.“ (S. 107) Doch zeigt der NSU-Komplex, „dass diese Nazis nach Jahrzehnten deutscher Erinnerungskultur nicht als solche erkannt wurden“ (S. 33).

Diesen Ambivalenzen muss man sich stellen. Daher wäre vielleicht der nächste Schritt – im Anschluss an Mirjam Zadoffs Buch „Gewalt und Gedächtnis“ (C. Hanser, München 2023) – „eine Erinnerung, die den Austausch von Gewalterfahrungen aus verschiedenen Perspektiven vorschlägt“ (S. 117). Es kann eben nicht nur „eine Seite der Opfer geben“ (S. 111). Vergangenheit müsse anders erzählt werden, wir bräuchten „eine aktive und selbstbestimmte Erinnerungskultur, die sich mit der Frage verknüpft, inwiefern die bisherige Vorstellung des sogenannten Westens und der Demokratie mit dem Massaker der Hamas am 7. Oktober 2023 in Israel eine schmerzliche Zäsur erlebt hat.“ (S. 110) Damit einher geht eine neue Bewertung des vielbemühten Begriffs der Intersektionalität, „die erkennen lässt, dass man als rassistisch diskriminierte Person antisemitisch und als von Antisemitismus betroffene Person rassistisch sein kann.“ (S. 111)

Im Epilog wird das von Aladin El-Mafalaani in seinem Buch „Das Integrationsparadox“ (Kiepenheuer & Witsch, Köln 2018) eingeführte Motiv einer „Tischgemeinschaft“ zitiert: „Es ist genug Platz für uns alle an unserer Tafel, Max. Ich weiß nicht, wie eine neue Erinnerungskultur ganz konkret aussehen wird, aber ich weiß, dass ihre Geschichten ein Teil davon sein müssen.“ (S. 216) Sich-gegenseitig-etwas-erzählen, Einander-Zuhören-und-gegenseitiges-Anerkennen, das wäre vielleicht der neue Anfang, den der Titel des Buches fordert.

Norbert Reichel ist promovierter Literaturwissenschaftler und Pädagoge. Er betreibt das Internetmagazin „Demokratischer Salon: Argumente zur historisch-politischen Bildung“ (www.demokratischer-salon.de).