Warum wir vor den Tech-Milliardären noch nicht einmal auf dem Mars sicher sind
edition suhrkamp, 282 Seiten
„Not ist hierarchisch, Smog ist demokratisch“ – plakativ, gut klingend und so falsch ist dieser Satz aus Ulrich Becks Soziologieklassiker Risikogesellschaft (1986). Denn natürlich kann ich mit dem nötigen Kleingeld dort leben, wo die Luft weniger verschmutzt ist. Das Gleiche gilt für Hochwasser- und Dürregefahr, Lebensmittelknappheit und Pandemien: Apokalypse ist hierarchisch!
Das wissen auch die Tech-Milliardäre, denen Douglas Rushkoff, Medientheoretiker aus NY, ehemaliger Cyberpunk und Erfinder der Begriffe „social media“ und „viral“, zu Beginn seines Buches begegnet. Sie haben ihn in ein Luxusressort in der Wüste eingeladen, um über Zukunftstechnologien und -investments zu sprechen. Am Ende soll Rushkoff ihre Strategien für den Fall der Fälle, sie sprechen von „dem Ereignis“, bewerten. Wobei sie mit „dem Ereignis“ jedes mögliche menschheitsbedrohende Szenario meinen. Sie fragen sich: Wie werde ICH mit meiner Familie überleben, wenn alle anderen vor die Hunde gehen?
Dass sie selbst an vorderster Kapitalismusfront zu Verwerfungen beitragen, vor denen sie sich retten wollen, übersehen sie geflissentlich. Sie möchten von Rushkoff lieber wissen, wie sie sicherstellen, dass ihre Leibwächter sich nicht gegen sie wenden, wenn „das Ereignis“ eintritt.
Rushkoff nimmt uns in seinem anekdotenreichen Buch mit auf eine Reise in die Welt der millonen- und milliardenschweren Prepper, zeigt uns, welche Angebote für deren „Great Escape“ es gibt, und kommt doch immer wieder auf das zurück, was er als das „Mindset“ der Tech-Elite identifiziert.
Es ist paradox: Viele Ideen aus dem Silicon Valley und seinem ideologischen Umfeld wollen etwas Gutes bewirken – hier scheinen die Hippie-Wurzeln der Valley-Ideologie durch – und wenn es ganz großspurig wird, dann soll die Menschheit gerettet werden. Das Problem ist, dass die Rettung oft auf dem basiert, was eine Rettung überhaupt erst notwendig macht. Hinzu kommt die Vorstellung, dass man alles neu machen und denken müsste, was verhindert, dass Bestehendes als unterstützenswert angesehen wird. Das „Mindset“ ist auf „disruption“, auf „make it new“ angelegt, nicht auf kleinschrittige Prozesse, Weiterentwicklung und Vernetzung mit anderen Akteuren. In der Solidarität statt im Alleingang der Reichsten sieht Rushkoff den Weg „das Ereignis“ zu verhindern – also das „survival of the richest“ sollte am „survival of the most“ hängen. Dem stehen aber Facetten des „Mindset“ wie Wettbewerb, Eigennutz, Genieglaube entgegen. Im Angesicht der möglichen Apokalypse verliert sich der menschheitsbeglückende Tech-Messianismus. Projekte wie private Raumfahrt, künstlichen Inseln außerhalb nationaler Grenzen, und transhumanistischer Unsterblichkeit werden dann vor allem persönliche Rettungsprogramme.
Na und? Sollen sie doch Raketen fliegen, Bunker bauen, künstliche Inseln anlegen, ihr Hirn in einen Computer uploaden. Leider sind die Produkte und Services, die ihren Reichtum und damit ihren Eskapismus ermöglichen, extrem ressourcenintensiv und beruhen auf der Ausbeutung von Menschen und Umwelt – bspw. der Abbau seltener Erden, Energiebedarf von KI, Ausbeutung im Lieferwesen, bei der Datenarbeit, beim Bücherscannen, bei Content Moderation.
Aber was tun gegen Technologiehörigkeit, „rugged individualism“ und Übermenschenträume? Rushkoff möchte „keinen Plan für die Rettung der Welt vorlegen“ jedoch Hinweise geben, „um die Machenschaften dieser Leute einzudämmen“ (S. 252). Darunter: Abkehr vom Wachstumszwang, Kreislaufwirtschaft, Boykott bestimmter Tech-Firmen, mehr Solidarität, Skepsis gegenüber Vorstellungen von grünem Wachstum statt voller Konzentration auf individuellen Erfolg, maximalen Profit, technische Lösungen.
Dieses Plädoyer ist weder neu noch originell – trotzdem richtig und wichtig. Auch wer sich mit der „californian ideology“ (Barbrook/Cameron 1995) auseinandergesetzt hat, findet im Begriff des „Mindset“ wenig Neues. Zudem ist das Buch auf Englisch bereits 2022 erschienen und kann neuere Entwicklungen der zweiten Amtszeit von Donald Trump nicht thematisieren –im Original ist es allerdings treffender untertitelt: Escape Fantasies of the Tech Billionaires.
Was das Buch unterstreicht und seine Lektüre gewinnbringend macht, ist dieser Fokus auf die „Tech Billionaires“ und ihr Denken und Handeln. Mit Fragen zu Einfluss und Macht der Superreichen bzw. der Wirtschaftselite ist Rushkoff in guter Gesellschaft, wie u. a. die Publikationen von Sebastian Klein Toxisch reich (2025) oder Julia Friedrichs Crazy rich (2024) zeigen. Beim Lesen fragt man unweigerlich: Haben deutsche Superreiche neben Privatjets auch schon Bunker unter den Alpen? Wie verbreitet sind utopische Technologiegläubigkeit plus egoistische Rettungsfantasien bei den reichsten Deutschen?
Hier sollte eine elitensoziologisch geschärfte, kritische politische Bildung ansetzen, ohne Neid-Diskurse oder Verschwörungsnarrative bedienen.