Außerschulische Bildung 3/2026

Kolonialismus und rassismuskritische Bildungspraxis

Each One Teach One (EOTO) e. V. im Kontext Schwarzer Bewegungsgeschichte in Deutschland

Die Anerkennung von Kolonialismus als ungerechtes System und die Integration von Rassismuskritik sind zentral für eine kritisch-emanzipatorische politische Bildung. Am Beispiel des Vereins Each One Teach One (EOTO) e. V. wird gezeigt, wie dekoloniale Praxen durch Methoden und Formate neue Wissensbestände schaffen – etwa in Projekten wie „Dekoloniale. Erinnerungskultur einer Stadt“ oder der „Black Empowerment Academy“. Die Autor*innen zeigen, wie sich dieser Anspruch in konkretes Handeln übersetzen lässt. von Each One Teach One e. V.

Die Anerkennung von Kolonialismus als ungerechtes Herrschaftssystem sowie die Inkorporation von Rassismuskritik in das Selbstverständnis der deutschen Gesellschaft und der Institutionen ist unvermeidlich, wenn politische Bildung als kritisch-emanzipatorischer Prozess definiert wird. Politische Bildung im Sinne eines dekolonialen und machtkritischen Diskurses repräsentiert einen transformativen Ansatz, der Lernende befähigen soll koloniale Kontinuitäten, strukturelle Ungleichheiten und hegemoniale Wissensordnungen zu erkennen, zu hinterfragen und zu verändern. Ziel dabei soll sein, Gerechtigkeit im Kontext eines westlichen Bildungssystems anzustreben, hier vor allem epistemische Gleichwertigkeit. Aber wie kann dieser Anspruch in praktisches Handeln umgesetzt werden und welche Wissensbestände, Reflexionen, Formate und Akteur*innen braucht es für eine rassismuskritische politische Bildung?

Am Beispiel der Entstehung des Vereins Each One Teach One (EOTO) e. V., im Kontext Schwarzer Organisierung und Widerstandsbewegungen in Deutschland wird gezeigt, wie pädagogische Praxen der Dekolonisierung über verschiedene Methoden und Formate neue Wissensbestände kreieren, die neue Perspektiven auf die epistemischen Grundlagen von Wissenssystemen ermöglichen – eine Notwendigkeit, wenn politische Bildung konsequent antirassistisch und dekolonial ausgerichtet sein möchte.

Die Anerkennung von Kolonialismus als ungerechtes Herrschaftssystem sowie die Inkorporation von Rassismuskritik in das Selbstverständnis der deutschen Gesellschaft und der Institutionen ist unvermeidlich, wenn politische Bildung als kritisch-emanzipatorischer Prozess definiert wird.

Hierfür wird mit einer kurzen Begriffsgeschichte zum Prinzip „each one teach one“ begonnen, um die Arbeit des Vereins im Kontext dekolonialer Praxen der Wissensherstellung, Vermittlung und Kanonisierung zu verorten. Im Anschluss wird der Verein und seine Geschichte im Kontext Schwarzer Bewegungsgeschichte in Deutschland beschrieben. Abschließend werden zwei Projekte vorgestellt, die Praxisbeispiele zur Bearbeitung und Vermittlung von Kolonialismus und seinen Folgen darstellen und an denen EOTO beteiligt war: das Pilotprojekt Dekoloniale. Erinnerungskultur einer Stadt und das Projekt Black Empowerment Academy. Eine Fortbildungsreihe für Schwarze, afrikanische und afrodiasporische Trainer*innen. Auf diese Weise werden wichtige Impulse und Beiträge für transkulturelle Erzählungen im deutschen Bildungs- und Kulturdiskurs, die u. a. die Praxis von EOTO hervorbringt, für Akteur*innen in der politischen Bildung aufbereitet und als Praxis der Wissensvermittlung nachvollziehbar gemacht.

Each One Teach One – von der Überlebensstrategie zum Prinzip der Selbstermächtigung

„Each One, teach one, next one teach the other/Vergangenheit kennen, Gegenwart deuten, Zukunft gestalten“ Songszitat, BSMG „Dunkles Kapitel“, Album: Platz an der Sonne

Der Ausspruch „each one teach one“ hat eine mehr als 200-jährige Geschichte und ist als Überlebensstrategie versklavter Menschen entstanden. Der Ausruf wurde beispielsweise im Kontext des südafrikanischen Freiheitskampfes zum Kampfruf und in der HipHop-Kultur zum Grundsatz-Prinzip. Wissensweitergabe wird darin als kollektive Verpflichtung verstanden, die notwendig ist aufgrund institutioneller Exklusion. Der historische Ursprung von „each one teach one“ liegt in der Ära der Chattel Slavery im amerikanischen Süden, wo im 18. und 19. Jahrhundert zahlreiche Anti-Alphabetisierungsgesetze erlassen wurden, die untersagten, versklavten Menschen und freien People of Colour das Lesen oder Schreiben beizubringen. Die Motivation dahinter lag in der Erhaltung des Sklavereisystems und der Sorge, dass der Zugang für Schwarze Menschen zu emanzipierter Literatur, zu den Ideen politischer Freiheit oder die Möglichkeit der Dokumentation von Rechtsverstößen das System akut bedrohen könnten.

Es wurde also aus Angst vor Widerstand und Rebellionen dezidiert der Zugang zu Wissen unterbunden. Dennoch gelang es Schwarzen Communities, geheime Netzwerke des Wissenstransfers zu etablieren. Denn trotz der rechtlichen Einschränkungen lag die Alphabetisierungsquote in der antebellumzeitlichen Ära (1740–1834) bei etwa 10 %. Es wurde als Pflicht empfunden, die Fähigkeiten des Lesens und Schreibens weiterzugeben, auch wenn mit den schlimmsten Repressionen zu rechnen war (vgl. Bly 2020). Damit ist der Ausdruck „each one teach one“ aus einer subversiven Bildungspraxis entsprungen, die sich in ihrem Prinzip grundlegend von institutionalisierten Bildungsformen unterscheidet, indem sie Wissensweitergabe nicht hierarchisch organisiert.

Politische Bildung im Sinne eines dekolonialen und machtkritischen Diskurses repräsentiert einen transformativen Ansatz, der Lernende befähigen soll koloniale Kontinuitäten, strukturelle Ungleichheiten und hegemoniale Wissensordnungen zu erkennen, zu hinterfragen und zu verändern.

„Each one teach one“ enthält eine moralische Formel, die auf Verantwortungsübernahme verweist. Wer Zugang zu Wissen hat, ist der/seiner Gemeinschaft rechenschaftspflichtig. So wird jede Person zugleich potenziell Lernende und potenziell Lehrende. Diese moralische Verpflichtung spiegelt sich bis heute in den Aussagen Schwarzer Bildungsreferent*innen wider, wenn sie über ihre Arbeit und die Arbeitsräume sprechen, in denen sie wirken (vgl. Isaak 2021). Anhand der Black Empowerment Academy kann diese Herangehensweise an Bildungsarbeit noch tiefer erläutert werden.

Im Zuge des südafrikanischen Apartheidswiderstands wurde der Ausspruch wieder bewusst angeeignet, als Reaktion auf die enormen Bildungsrestriktion für die politischen Gefangenen von Robben Island, unter ihnen auch Nelson Mandela. „each one teach one“ wird auch hier zur Handlungsmaxime der geheimen Wissensweitergabe (vgl. Prince 2026).

Vor dem Hintergrund der Angebote von EOTO im Kinder- und Jugendbereich ist es wichtig, auch die Rezeption des Ausspruchs im Zuge der Entwicklung der HipHop-Kultur seit den 1970er in New York zu erwähnen. Hier wird der Ausspruch kulturell eigenständig implementiert und auf die HipHop-Kultur erweitert. Dabei wird „each one teach one“ zum Kernelement der Hip-Hop-Ethik, die eine informelle und intergenerationelle Weitergabe von kulturspezifischen Praktiken, wie Breakdancing, Graffiti, MCing etc. vorsieht.

Auch die Arbeit von EOTO verschreibt sich einer subversiven Bildungspraxis, die mit dem Namen und der damit verbundenen moralischen Formel verbunden ist. Inwiefern das in Aufbau und Entwicklung des Vereins zum Tragen kommt, wird im Folgenden beschrieben.

Each One Teach One (EOTO) e. V. ist eine community-basierte Bildungs- und Empowerment-Organisation sowie ein Ort des Lernens und der Begegnung für Menschen afrikanischer Herkunft. Seit 2012 leistet der Verein Pionierarbeit in der diskriminierungskritischen Wissensvermittlung.

Als community-basierte Bildungs- und Empowerment-Organisation verfolgt EOTO das Ziel, das Verständnis politischer Bildungsarbeit zu erweitern, indem sie als gemeinschaftlicher Lern- und Empowerment-Prozess verstanden wird.

EOTO versteht sich dabei als Verschmelzung von Kunst und Kultur, Politik, Bildung und Aktivismus – nicht nur wegen der zahlreichen Community-basierten Projekte, sondern auch wegen der Menschen, die diesen Ort lebendig machen. Hier treffen alt auf jung, Expert*innen auf Autodidakt*innen, Grassroots-Aktivist*innen auf internationale Persönlichkeiten. Als community-basierte Bildungs- und Empowerment-Organisation verfolgt EOTO das Ziel, das Verständnis politischer Bildungsarbeit zu erweitern, indem sie als gemeinschaftlicher Lern- und Empowerment-Prozess verstanden wird.

Dabei steht nicht nur die Vermittlung des Wissens politischer Strukturen und das Verständnis zur Funktionsweise von Staat und Gesellschaft im Vordergrund, sondern insbesondere die Kraft von kollektivem Handeln, Selbstorganisation und Solidarität. Es geht darum, Menschen zu befähigen, sich in ihren eigenen sozialen und kulturellen Kontexten und Communities selbst zu ermächtigen, indem sie genuin und ihren Lebensrealitäten entsprechende Strategien für gesellschaftliche Teilhabe und strukturellen Wandel entwickeln.

EOTO richtet seine Bildungsarbeit auf Schwarze, afrikanische und afrodiasporische Menschen in Deutschland (= People of African Descent, kurz: PAD) aus, wobei auch der Transfer Schwarzen Wissens in die (Fach-)Öffentlichkeit und Mehrheitsgesellschaft über Großveranstaltungen und Publikationen geleistet wird. Als bildungspolitische Organisation arbeitet EOTO zu den Themenfeldern Jugend- und Erwachsenenbildung mit Empowerment-Ansatz, Erinnerungskultur in Bezug auf den deutschen Kolonialismus und sein Nachwirken, Schwarze Wissensproduktion in Deutschland und Anti-Schwarzer-Rassismus. Hierbei wird insbesondere über non-formale bildungspolitische Formate, Wissen erarbeitet, geteilt und teilweise in Regelstrukturen transferiert.

Durch Organisationen wie EOTO – hier müssen auch die Vereine ADEFRA und die Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD) genannt werden – sowie ambitionierte Einzelpersonen aus den PAD-Communities in Deutschland konnten erste Wissensbestände, die die Lebensrealitäten Schwarzer Menschen fokussierten, für eine interessierte Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Hierbei ist die Auseinandersetzung mit dem deutschen Kolonialismus und seinen Nachwirkungen immer unvermeidbar. Diese Praxis der Wissensproduktion stellt ein entscheidendes Tool der politischen Bildung aus Schwarzer Perspektive dar. Mit diesem Wissen können Leerstellen benannt, scheinbar naturgegebene Hierarchien und Machtverhältnisse dekonstruiert und kritisiert werden.

Schwarze Bibliotheken und Wissensarchive in Deutschland im Kontext Schwarzer Bewegungs- und Widerstandsgeschichte

Für eine machtkritische Bildungspraxis ist es sehr wichtig, Zugang zu alternativen Wissensbeständen zu haben, die bisher nur unzureichend in Institutionen, wie Bibliotheken und Ausstellungshäusern vertreten sind. Wie diese Leerstellen durch einen Bedarf und zivilgesellschaftliches und ehrenamtliches Engagement gefüllt werden, zeigen weitere community-basierte Bibliotheksprojekte wie die Theodor Wonja Bibliothek in Köln (https://twm-bibliothek.de/de) Zugriff auf diesen und alle weiteren in diesem Beitrag genannten Links: 22.06.2026, die SchwaKiBi – Schwarze Kinderbibliothek (https://schwarze-kinderbibliothek.de) in Bremen, die Fasiathek in Hamburg (https://arca-ev.de/projekt/fasiathek-schwarze-praesenzbibliothek) oder das LIAA Kollektiv in Leipzig (www.instagram.com/liaa_kollektiv).

Wie so etwas praktisch umgesetzt wurde, soll am Beispiel der Entstehung der EOTO-Bibliothek im Kontext Schwarzer Bewegungsgeschichte und aus den Erinnerungen Nouria Asfahas veranschaulicht werden.

Für eine machtkritische Bildungspraxis ist es sehr wichtig, Zugang zu alternativen Wissensbeständen zu haben, die bisher nur unzureichend in Institutionen, wie Bibliotheken und Ausstellungshäusern vertreten sind.

Orte wie EOTO sind aus den Bedürfnissen einer diversen Schwarzen Community entstanden, die sich aus den Lebensverhältnissen Schwarzer Menschen in Deutschland ergeben und geprägt sind durch Kolonialismus und Rassismus. Dabei steht EOTO in einer über 100-jährigen Tradition Schwarzer, afrikanischer und afrodiasporischer Organisierung in Deutschland. So versammelten sich bereits 1895 rund 230 Schwarze Menschen zu einem Sommerfest am Berliner Müggelsee. Im Zeitraum von 1918 bis 1925 legte der in Hamburg befindliche Afrikanische Hilfsverein wahrscheinlich die Grundlagen für den späteren Schwarzen Aktivismus in Deutschland. So gründete sich bereits 1929 eine Sektion der Liga zur Verteidigung Schwarzer Menschen (die Originalbezeichnung wird vermieden, um keine rassistischen Bezeichnungen zu reproduzieren). Vgl. Mouhamed/Gyamerah/Yıldırım-Caliman/Bremberger 2026. Die Studie wird eingeführt mit einem Überblick über Schwarze Organisierung in Deutschland, insbesondere im 20. Jahrhundert.

Große Gruppe von Menschen unterschiedlichen Alters und Geschlechts vor einem Gebäude mit Bogenfenster, einige sitzen, andere stehen
Bundestreffen 1989 in München Foto: EOTO e. V.

Auch in der Zeit zwischen 1945 und 1980, eine bisher wenig erforschte Ära Schwarzer Geschichte in Deutschland, formierte sich Schwarzer Aktivismus weiter. Eine neue Phase des politischen Bewusstseins mit globaler Ausrichtung entwickelte sich in enger Verbundenheit mit der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung und den antikolonialen Befreiungskämpfen in Afrika und der Karibik. Welche Bedeutung das Wirken Schwarzer Aktivist*innen für eine gesamtdeutsche Geschichte hatte, zeigt die Einschätzung Rudi Dutschkes, Wortführer der westdeutschen Studierendenbewegung der 1960er. Er beschrieb die westdeutsche Anti-Tshombe-Demonstration im Jahr 1961 wenige Jahre später als „Beginn unserer Kulturrevolution“ (Koepsell 2025, S. 515).

Die heutigen Bibliotheksbestände von EOTO wären nicht ohne das über Jahrzehnte andauernde Engagement Schwarzer Aktivst*innen entstanden, die regelmäßig bundesweite Treffen organisierten und Austausch ermöglichten. Diese Gruppen und Einzelpersonen, die sich regelmäßig, oft auch in privaten Wohnungen zu Hangouts trafen – unter ihnen wichtige Vertreter*innen, wie May Ayim, Katharina Oguntoye, Michael Küppers – sollten mit den 1980er Jahren zur Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland werden (vgl. EOTO 2017).

Das Vera-Heyer Archiv

Das Vera-Heyer Archiv legt den Grundstein für den Verein EOTO, der als Kiez-Bibliothek 2014 die Türen öffnete und nach der afrodeutschen Aktivistin Vera Heyer benannt ist. Die Präsenzbibliothek beherbergt heute Werke von Autor*innen des afrikanischen Kontinents und der Diaspora und umfasst mehr als 8.000 vor allem deutschsprachige Bücher sowie zeitgeschichtliche Dokumente zu Schwarzer Geschichte und Gegenwart in und außerhalb Deutschlands. Die EOTO-Bibliothek stellt Literatur von Menschen afrikanischer Herkunft vor und vermittelt Wissen im intergenerationellen Dialog.

Porträt einer Frau mit lockigem Haar, Schal und Jacke vor unscharfem Hintergrund
Portrait Vera Heyer Foto: EOTO e. V.

Im Rahmen der bundesweiten Treffen der ISD, die durch Aktive in den 1980er organisiert und etabliert wurden, trafen sich auch Vera Heyer, Fidelis G. und Nouria Asfaha. Der Originalfundus an Büchern, der EOTO vermacht wurde, ist auf diese Gruppe zurückzuführen, die die Leidenschaft für das Dokumentieren und Recherchieren von Schwarzer Literatur teilte. Durch die Energie, das strukturelle Vorgehen und die finanziellen Investitionen Vera Heyers wurden diese Sammlungen an Literatur zum ersten Archiv in ihrer Wohnung, die sie auch öffentlich zugänglich machte (vgl. ebd.).

Von der Kiezbibliothek zu Each One Teach One (EOTO) e. V.

Was mit der Kiezbibliothek begann, entwickelte sich 2017 durch die konzeptionelle Arbeit und Vision Tina Bachs zum Träger EOTO. Nouria Asfha beschreibt es mit folgenden Worten: „Ein gemeinnütziger Verein mit über 10 Stellen, der verschiedene Projekte betreut. (…) Das ist eine Struktur, die ich EOTO oder auch der Afro-Bewegung allgemein wünsche, denn nur so können wir eine Kontinuität ermöglichen.” (Interview mit Nouria Asfaha in EOTO 2017, S. 26)

Ihr Wunsch sollte in Erfüllung gehen: EOTO hat sich bis in das Jahr 2026 stetig weiterentwickelt und unter der Formel „each one teach one“ als Maxime der Arbeit entscheidende Projekte umgesetzt. Politische Bildungsarbeit im Sinne EOTOs ist vor allem zielgerichtet auf die (Weiter-)Entwicklung individueller Fähigkeiten (z. B. Selbstbestimmung, Talenterkennung, kognitive Kompetenzen etc.). Auf diese Weise wird das Verständnis für gesellschaftliche Teilhabe, eine freiheitliche Demokratie sowie die globalen Zusammenhänge von Staaten und Gesellschaften gefördert und transformiert, insbesondere im Hinblick auf die großen global-gesellschaftlichen Herausforderungen, wie Klimagerechtigkeit, Kriminalisierung von Migrationsbewegungen, globale strukturelle Ungleichheiten und Machtverhältnisse. Das ideelle Ziel von EOTO ist es, einen Beitrag für ein inklusive, gleichberechtigte und hochwertige Bildung für alle Menschen, unabhängig von Herkunft, Klasse und Fähigkeiten in Deutschland zu leisten.

Langfristig will sich EOTO als Bildungsträger etablieren und geht die ersten Schritte, indem der Verein 2025 Träger der politischen Bildung geworden ist und den Ankauf eines Gebäudes vornahm. Mit dem Ankauf wird die Entwicklung des Community-Centers (CUZ) als Lern- und Lehrort für die PAD-Communities und als professionelle Anlaufstelle zu den genannten Themenfeldern für eine interessierte (Fach-)Öffentlichkeit vorangetrieben.

Beispiele aus der Praxis: Black Empowerment Academy und Dekoloniale!

Mit den Projekten Dekoloniale. Erinnerungskultur in der Stadt und Black Empowerment Academy werden zwei Bildungsformate vorgestellt, die von Schwarzen Pädagog*innen, politischen Bildner*innen und Kulturschaffenden entwickelt wurden und die heute Best Practices für eine rassismuskritische politische Bildung darstellen. Hierbei soll auch auf die Rollen von Schwarz positionierten Trainer*innen, Lehrenden und Vermittler*innen eingegangen werden.

Black Empowerment Academy als Beispiel für dekoloniale Bildungspraxen im deutschsprachigen Kontext

Hinter der Black Empowerment Academy steckt ein 2022 beendetes Modellprojekt, das erstmalig in Deutschland eine Fortbildungsreihe nur für Schwarze, afrikanische und afrodiasporische Multiplikator*innen entwickelt und umgesetzt hat. Zielsetzung war, die Vernetzung und den Fachaustausch zwischen politischen Bildner*innen afrikanischer Herkunft zu fördern und so die seltenen gemeinsamen Lernräume anzubieten. Die Fortbildungsreihe bestand aus vier Hauptmodulen (Kolonialismus und Widerstand, Flucht und Migration, Intersektionalität und Empowerment) und wurde durch inhaltliche Zusatzveranstaltungen, ein Angebot für Einzelsupervision und Körperarbeit-Sessions ergänzt. Die ergänzenden Aktivitäten zur Fortbildungsreihe zeigen die Besonderheit Schwarzer Lernräume im Gegensatz zu denen der Mehrheitsgesellschaft auf. In ihnen kommt viel mehr zusammen, das beachtet und versorgt werden muss (vgl. EOTO 2022).

Schwarze politische Bildungsarbeit verwendet Empowerment als Methode, die Räume gestaltet, in denen Wissen und Bedürfnisse der Teilnehmenden geachtet und gemeinsam reflektiert werden.

Schwarze politische Bildungsarbeit verwendet Empowerment als Methode, die Räume gestaltet, in denen Wissen und Bedürfnisse der Teilnehmenden geachtet und gemeinsam reflektiert werden. Diese können je nach Bedürfnis der verhandelten Themen als Safe Spaces oder Braver Spaces gestaltet werden. Allgemein ist die Reflexion der eigenen Positionierung, der Privilegien in einem Lernraum, ein wichtiger Anspruch für Schwarze Bildungsarbeit. Eine andere Ebene der Empowerment-Methode betrifft die aktive Auseinandersetzung mit Schwarzer Geschichte und Widerstandsgeschichte. Wissensproduktion ist hier ganz im Sinne „each one teach one“ eine kollektive Strategie der Selbstermächtigung, wobei auch die Erfahrungen der Fortbildungsreihe verdeutlichen, das Empowerment immer auch an einen Gemeinschaftsgedanken in Bezug auf Fürsorge und Verantwortung geknüpft sein muss.

Das Pilotprojekt Dekoloniale und seine Bedeutung für die Ausrichtung deutscher Erinnerungspolitik

Das fünfjährige Pilotprojekt Dekoloniale! wäre ohne den Druck und das Drängen afrodiasporischer zivilgesellschaftlicher Stimmen für ein übergreifendes, stadtweites, Erinnerungs- und Aufarbeitungskonzept zum Kolonialismus in Berlin nicht entstanden. 2019 trafen sich die Kooperationspartner*innen, bestehend aus afrodiasporischen und postkolonialen Initiativen und staatlichen Institutionen, auf Einladung der Berliner Senatsverwaltung und erarbeiteten ein Projektkonzept, das schließlich von 2020 bis 2025 umgesetzt wurde.

Schwarz-weiße Nahaufnahme eines Menschen mit lockigem Haar, der eine Kette im Mund hält
Cover der Zeitschrift afro look – eine zeitschrift von schwarzen deutschen aus dem Jahr 1989

Um die Tragweite und Multiperspektivität des Projekts Dekoloniale! zu verstehen, lohnt es, sich der Arbeitsweise und Ausrichtung des Projekts und beteiligen Projektpartner*innen zuzuwenden. Bezeichnend für den Ansatz des Projekts ist seine Trägerstruktur. Initiiert wurde es von Berlin Postkolonial e. V., dem Berliner Entwicklungspolitischen Ratschlag (BER) e. V., Each One Teach One (EOTO) e. V., der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD) e. V. und der Berliner Senatsverwaltung für Kultur, in Kooperation mit der Stiftung Stadtmuseum Berlin. Entscheidend ist dabei die Steuerungslogik, die durch eine Stimmenmehrheit der Initiativen im Lenkungsausschuss sicherstellt, dass die Projektsteuerung maßgeblich in afrodiasporischer Hand liegt und institutionelle Partner wie das Stadtmuseum gegen das gemeinsame Votum der Communities keine Maßnahmen beschließen können. Diese Umkehr klassischer Deutungsverhältnisse von musealer Fremdrepräsentation zu Selbstrepräsentation Schwarzer Wissensproduktionen ist modellhaft für Projekte, die sich mit Kolonialismus und Stadtgeschichtsschreibung auseinandersetzen.

Nicht zufällig befand sich der Projektraum in der Wilhelmstraße 92, zwischen den ehemaligen Standorten der Reichskanzlei und des Auswärtigen Amtes. Der Ort, an dem 1884/85 die Gesandten der europäischen Mächte, der USA und des Osmanischen Reichs zur Berliner Konferenz zusammenkamen und sich über die Regeln für die koloniale Aufteilung und Ausbeutung des afrikanischen Kontinents verständigten. Die Wahl dieses „Täterortes“ als Ausgangspunkt erinnerungspolitischer Arbeit verdeutlicht den Anspruch des Projekts. Die Auseinandersetzung mit Kolonialismus und seiner Geschichte muss auch an den konkreten Schauplätzen ihrer Verhandlung und Ausübung sichtbar gemacht werden (vgl. Berlin Postkolonial/Each One Teach One e. V./Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland e. V. 2025).

Die Projektarbeit gliederte sich in drei komplementäre Arbeitsbereiche. Im Bereich „Geschichte(n)“ entstand in Zusammenarbeit mit dem Designstudio Visual Intelligence eine Online-Weltkarte, die mit eurozentrischen Perspektiven bricht und multimediale Erzählweisen antikolonialer Sichtweisen unterstützt. Der Bereich „(Re)präsentationen“ realisierte mehrere dezentrale und kooperativ entwickelte Ausstellungen in Berliner Bezirksmuseen, darunter eine Schau zu Berlin als postkolonialer Metropole zwischen 1919 und 1933 in der Villa Oppenheim. Schließlich etablierte der Bereich „In(ter)ventionen“ das praktische subversive Moment, in dem es die Arbeit im Projekt, im Spannungsfeld von (kritischer) Intervention und (schöpferischer) Neuerfindung verortet. Hierfür wurden mehrere Interventionen umgesetzt, die Versuche darstellen, Prozesse der Dekolonisierung auf verschiedenen gesellschaftlichen Ebenen in Gang zu bringen, so zum Beispiel die Dekoloniale City Touren oder das Dekoloniale Festival (vgl. ebd., S. 35 ff.).

Die Relevanz des Projekts für politische Bildungsarbeit liegt in seiner doppelten Funktion. Es leistet die längst überfällige historische Aufklärungsarbeit über den deutschen Kolonialismus und sein Wirken, unter Berücksichtigung und Einbezug der PAD-Communities-Perspektive, die durch zivilgesellschaftliche Initiativen und Organisationen vertreten werden. Auf diese Weise konnte, im Sinne eines (Ver)lernens und (Ent)innerns, neue, postmigrantisch verfasste Formen institutioneller Zusammenarbeit erprobt werden. Dank der Publikation der Projektergebnisse im Band „Dekoloniale Erinnerungskultur in der Stadt/Memory Culture in the City“, der auch für die Erstellung dieses Aufsatzes unabdingbar war, werden sehr schön die multiperspektivischen Zugänge zur deutschen Kolonialgeschichte mit einem besonderem Fokus auf Schwarzer Widerstandsgeschichte dokumentiert. Es bleibt abzuwarten, ob in den aktuellen politischen Mehrheitsverhältnissen weitere Projekte folgen werden, die PAD-Perspektiven zur Aufarbeitung des Kolonialismus selbstverständlich miteinbeziehen. Der Dekoloniale Reader bietet eine gute Grundlage für die Übertragbarkeit der entwickelten Methoden für andere Kontexte und zum Anstoßen von Dekolonisierungsprozessen auf verschiedenen Ebenen.

Pädagogische Praxen der Dekolonisierung

Anhand der Entwicklungsgeschichte des Trägers EOTO und seiner Kontextualisierung in Schwarze Bewegungsgeschichte Deutschlands sollte anschaulich gemacht werden, dass in Deutschland über die Jahre zahlreiche Praxen der Dekolonisierung durch verschiedenste Projekte entwickelt wurden und dass Schwarze Aktivist*innen und ihr Engagement darin eine entscheidende Rolle zukam. Dabei liegen ihre Verdienste unter anderem in der Etablierung des Empowerment-Begriffs und der dahinter liegenden Methode und der Produktion und Dokumentation alternativer Wissensbestände, die den Blick auf Geschichte neu ausrichten und schärfen. Ganz praktisch ist diese Arbeit aus viel ehrenamtlichem Engagement und Verantwortungsbewusstsein gewachsen.

Dass heute die Auseinandersetzung mit dem deutschen Kolonialismus bis in die Schichten der Mehrheitsgesellschaft gedrungen sind, ist vor allem community-basierten Wissensbeständen und Community-Multiplikator*innen zu verdanken.

Auf diese Weise kann die Bedeutung Schwarzer Bewegungen für die heutige politische Bildungsarbeit sichtbar gemacht werden. Dass heute die Auseinandersetzung mit dem deutschen Kolonialismus bis in die Schichten der Mehrheitsgesellschaft gedrungen sind, ist vor allem community-basierten Wissensbeständen und Community-Multiplikator*innen zu verdanken. Damit leistet die Schwarze Perspektive entscheidende Beiträge zu einer macht-kritischen und subversiven Bildungspraxis, die ihren Anspruch aus einer grundlegenden Bereitschaft zur Transformation speisen muss.

Zu den Autor*innen

Each One Teach One (EOTO) e. V. ist eine im Jahr 2012 gegründete, Schwarze community-basierte Bildungs- und Empowerment-Organisation in Berlin. Der Verein eröffnete im März 2014 als Bibliothek und Archiv seine Türen und ist seither ein Ort des Lernens und der Begegnung für Menschen afrikanischer Herkunft. EOTO besteht aus einem intergenerationalen Team von Schwarzen, afrikanischen und afrodiasporischen Menschen und hat Expertisen und Arbeitsbereiche in der Literatur- und Kulturvermittlung, (außer-)schulischen Bildung, Jugendarbeit, Antidiskriminierungsberatung und -monitoring, Praxisforschung sowie Interessenvertretung Schwarzer, afrikanischer und afrodiasporischer Menschen.
www.eoto-archiv.de
info@eoto-archiv.de

Literatur

Berlin Postkolonial/Each One Teach One e. V./Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland e. V. (Hrsg.) (2025): Dekoloniale. Erinnerungskultur in der Stadt: Berlin: Falschrum Books
Bly, Antonio (2020): Literacy and Education of the Enslaved in Virigina. In: Encyclopedia Virginia; https://encyclopediavirginia.org/entries/slave-literacy-and-education-in-virginia
Each One Teach One (EOTO) e. V. (Hrsg.) (2017): Sankofa BRD. Eine Dokumentation Schwarzer Deutscher Kulturproduktion. Berlin: Neopubli
Each One Teach One (EOTO) e. V. (Hrsg.) (2022): Black Empowerment Academy: Erfahrungen und Visionen Schwarzer Politischer Bildungsarbeit. Berlin: EOTO
Isaak, Makda (2021): „Bildung als Praxis der Freiheit“. Gedanken und Erfahrungen einer Schwarzen Feministischen Trainerin zu emanzipatorischer Bildungsarbeit. In: Außerschulische Bildung. Zeitschrift der politischen Jugend- und Erwachsenenbildung, 4/2021; https://fachzeitschrift.berlinersueden.de/bildung-als-praxis-der-freiheit
Koepsell, Philipp Khabo (2025): Schwarzer Aktivismus im bundesrepublikanischen Nachkriegsdeutschland 1949–1980. In: Berlin Postkolonial/Each One Teach One e. V./Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland e. V. (Hrsg.): Dekoloniale. Erinnerungskultur in der Stadt. Berlin: Falschrum Books, S. 504–515
Mouhamed, Jamila/Gyamerah, Daniel/Yıldırım-Caliman, Deniz/Bremberger, Teresa (2026): Förderung und Finanzierung Schwarzer, afrikanischer und afrodiasporischer Organisierung in Deutschland: Eine Bestandsaufnahme. Berlin: Zentrum für Data-driven Empowerment, Leadership und Advocacy (zedela)/Each One Teach One (EOTO) e. V., S. 9–13
Prince, Victor (2026): „Leadership Lessons from Nelson Mandela on Robben Island“. LinkedIn Pulse, o. D.; linkedin.com/pulse