Außerschulische Bildung 3/2026

Kolonialismus aufarbeiten

Ansätze des Verlernens in Bildung und Vermittlung im Humboldt Forum

Schüler*innen im Projekt „City Research” begaben sich 2024 auf eine Suche nach kolonialen Spuren in Berlin und in Dar es Salaam, setzten sich mit dem deutschen und europäischen Kolonialismus, insbesondere im heutigen Tansania, auseinander und hielten ihre Ergebnisse in Filmen fest, die in der Ausstellung „Geschichte(n) Tansanias” im Humboldt Forum gezeigt werden. Sie bemerkten: Spuren und Folgen des Kolonialismus sind im Stadtbild präsent, im Alltag wie in Museen und Ausstellungen. Der Artikel nimmt die Beobachtung zum Anlass, um Potenziale und Herausforderungen einer Auseinandersetzung mit Kolonialismus im Humboldt Forum zu reflektieren und beispielhaft Einblicke zu geben, wie Vermittlungsarbeit zur Aufarbeitung beitragen kann. von Kathrin Kollmeier und Jocelyne Stahl
„Spuren, die von der kolonialen Vergangenheit Deutschlands erzählen, lassen sich mit Blick auf den Stadtplan von Berlin zahlreiche finden. Gebäude, wie das Reichskolonialamt in der Wilhelmstraße 62, sind immer noch vorhanden. (…) Auch Museen wie hier das Humboldt Forum sind voll mit tausenden Objekten, zum Beispiel vom afrikanischen Kontinent, die während der Kolonialzeit oder auch noch danach nach Deutschland gebracht wurden. Dies geschah teilweise unrechtmäßig oder sogar mit Gewalt. Die Vergangenheit ist so komplex und es gibt so viele Spuren vom deutschen Kolonialismus. Und wir in der Schule lernen so wenig darüber.“ (City Research 2024)

Das Humboldt Forum: Kolonialität an einem umkämpften Ort

Am Humboldt Forum sind Kolonialismus und seine bis in die Gegenwart reichenden Kontinuitäten und Auswirkungen in besonderer Weise präsent. Nach einem Bundestagsbeschluss 2002 wurde das Gebäude 2013 bis 2020 gebaut, dann – während der Covid19-Pandemie – schrittweise eröffnet. In seiner Architektur zeigt es sich in wesentlichen Merkmalen in der Form des ehemaligen Berliner Schlosses der Hohenzollern, mit einer originalgetreuen Teilrekonstruktion der Barockfassaden. Die Rekonstruktion der Kuppel inklusive Kreuz auf der Laterne und Spruchband bezieht sich hingegen auf das Schloss im 19. Jahrhundert und ein antiliberales Gottesgnadentum (vgl. Hagemann 2020) – und steht damit für viele symbolisch für die preußische Monarchie sowie für imperiale und koloniale Bestrebungen im Kaiserreich. Selbst die namentliche Widmung für die Brüder Humboldt, deren Werke unter den Bedingungen des Kolonialzeitalters entstanden, ist nicht unschuldig.

Der Ort, an dem bis 1950 das Berliner Schloss stand und heute das Humboldt Forum steht, war in seiner 800-jährigen, facettenreichen Geschichte – vom mittelalterlichen Dominikanerkloster bis zum Schloss, später dem Palast der Republik der DDR und heute dem Humboldt Forum – stets ein Ort von Macht und Widerstand: Politischer Anspruch und gesellschaftliche Kritik stießen hier z. B. in den Revolutionen 1848, 1918 und 1989 aufeinander (vgl. Stiftung Humboldt Forum 2020, S. 9). Schon beim Bau des ersten Schlosses Mitte des 15. Jahrhunderts rebellierte die Bevölkerung gegen den entstehenden Herrschaftssitz im „Berliner Unwillen“ (ebd.). In den folgenden Jahrhunderten durchlief das Schloss viele Ausbauphasen entlang der politischen Entwicklungen des Kurfürstentums Brandenburg, des Königreiches Preußen und schließlich des Deutschen Kaiserreiches und verdeutlichte so die wachsende Bedeutung und den Expansionsdrang der Hohenzollern.

Bereits zur kurfürstlichen Zeit war der Ort mit dem Kolonialismus verbunden: Kurfürst Friedrich Wilhelm gründete 1683 den Stützpunkt „Groß-Friedrichsburg“ im heutigen Ghana, um sich am Handel mit Gold, Elfenbein und versklavten Menschen zu beteiligen. Diese erste koloniale Phase Brandenburgs wurde im Kaiserreich zur Legitimation der eigenen kolonialen Ambitionen herangezogen und glorifiziert. Der Berliner Hof profitierte bis zum Verkauf des Stützpunktes 1718 direkt davon – u. a. wurden Hof-M* Um den rassistischen Begriff nicht zu produzieren, wird „Hof-M*“ nicht ausgeschrieben. Zum rassistischen Hintergrund siehe Arndt/Ofuatey-Alazard 2021, S. 649 ff. oder versklavte Schwarze Die Schreibweise des Begriffes „Schwarz“ verweist auf die Bedeutung als gesellschaftspolitische Position und ist die selbstgewählte Bezeichnung für Schwarze Menschen (vgl. ebd., S. 608 ff.). Menschen an den Hof gebracht. Nach Gründung des deutschen Nationalstaats 1870/71 war das Schloss zwar nicht mehr das einzige politische Machtzentrum, diente aber nach wie vor als machtsymbolischer Ort für Staatsempfänge – auch im kolonialen Kontext – und dynastische Selbstdarstellung, während das Deutsche Reich aktiv eine imperialistische Kolonialpolitik vorantrieb. 1884/85 fand die „Berliner Afrika-Konferenz“ im Reichskanzlerpalais in der Wilhelmstraße statt und besiegelte die koloniale Expansion.

Wie die Schüler*innen im eingangs zitierten Film Siehe zu den Projektergebnissen: www.humboldtforum.org/de/magazin/artikel/city-research; Geschichte(n) Tansanias. Temporäre Ausstellung im Humboldt Forum, Berlin, entwickelt in Kollaboration des National Museum of Tanzania, des Ethnologischen Museum und des Zentralarchivs, Staatliche Museen Berlin – Stiftung Preußischer Kulturbesitz und der Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss; www.humboldtforum.org/de/programm/dauerangebot/ausstellung/geschichten-tansanias-136691. Zugriff auf diesen und alle weiteren in diesem Beitrag genannten Links: 21.07.2026. bemerken, kam während dieser Zeit ein Großteil der ‚Sammlungen‘ des heutigen Ethnologischen Museums nach Berlin. Von den insgesamt ca. 500.000 ‚Objekten’ Einfache Anführungszeichen werden in diesem Beitrag als Form der machtkritischen Hervorhebung verwendet, z. B. für die Begriffe ‚Sammlung‘ und ‚Objekt‘. Als respektvollere Bezeichnung wird ‚Objekt‘ stellenweise durch Cultural Belongings ersetzt. des Museums sind ca. 20.000 als Exponate im Humboldt Forum ausgestellt; ca. 80 % der ‚Sammlung‘ wurden während des Kolonialismus angeeignet (www.smb.museum/museen-einrichtungen/ethnologisches-museum/sammeln-forschen/sammlung; www.humboldtforum.org/de/programm/dauerangebot/ausstellung/ethnologische-sammlungen-und-asiatische-kunst-46021). Diese Bestände kamen unter kolonialen Unrechtsverhältnissen zusammen; ob in Kriegszügen erbeutet, als Geschenke z. B. an den Kaiser angenommen oder unter fraglichen Umständen gekauft – den Aneignungen lagen während des Kolonialismus grundsätzlich asymmetrische Machtverhältnisse und Unrechtskontexte zu Grunde. Die Geschichte der ethnologischen ‚Sammlungen‘ geht zudem u. a. auf die Kunstkammer des Berliner Schlosses zurück, in der einst ‚Kuriositäten‘ aus aller Welt zusammengetragen und präsentiert wurden (vgl. Noack 2019, S. 30). Die koloniale Expansion der europäischen Nationen im Wettbewerb um Macht und Prestige untereinander, war auch vom Besitzwunsch nach materiellem Kulturgut gekennzeichnet (vgl. Penny 2002).

Oben links Menschen vor einem Schild mit der Aufschrift 'DAR-ES SALAAM / KAMATA STATION' und weiteren Texten, oben rechts Straßenschild 'Petersallee 29-27', unten links ein mehrstöckiges weißes Gebäude mit mehreren Fenstern, unten rechts eine Hand hält eine schwarz-weiße Gruppenfotografie vor einer grünen Parklandschaft
Standbilder aus einigen Filmen des Schüler*innen-Projekts „City Research“ (2024)
© Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss/Richard Magumba/Jocelyne Stahl

Sammlungsgeschichte und Architekturgeschichte stehen im Humboldt Forum in einem Spannungsverhältnis, das zur kritischen Auseinandersetzung mit Kolonialismus und Kolonialität an diesem Ort auffordert. Sowohl die gesellschaftlichen Debatten um eine Rekonstruktion des Berliner Schlosses, die für eine identitätspolitische Auseinandersetzung nach der Vereinigung der deutschen Staaten stehen, als auch die Debatte um Provenienzen und Restitution in Bezug auf ethnologische Sammlungen wurden gerade am Beispiel des Humboldt Forums katalysiert. Sie trafen auf langfristige Veränderungs- und Öffnungsprozesse, auch innerhalb ethnologischer Museen, die sich von objektbezogenen Praktiken zunehmend zu einer beziehungs- und netzwerkorientierten Museumsarbeit entwickeln. In der Bildung und Vermittlung drückt sich dies durch ein vielseitig vernetztes Arbeiten aus.

Kolonialitäten des Ortes: Vermittlung im vernetzten Arbeiten

Bildung und Vermittlung ist in der Nutzergemeinschaft unterschiedlicher kultureller und wissenschaftlicher Institutionen im Humboldt Forum grundsätzlich plural organisiert und ergänzt sich zu einem methodisch und thematisch breiten Angebot für unterschiedliche Zielgruppen aller Altersstufen. Die Anerkennung der Geschichte des Ortes, der Herkunft von ‚Sammlungen‘ und ihrer jeweiligen Verflechtungen in Geschichte und Gegenwart bilden eine wichtige Grundlage, um hier kritisch zum Thema Kolonialismus zu arbeiten. Die Programmabteilung für Bildung, Vermittlung und Wissenschaft der Stiftung Humboldt Forum, die Akademie, arbeitet u. a. eng verschränkt mit dem Fachbereich zur Geschichte des Ortes, der in den letzten Jahren gezielt Forschungen zur Kolonialität dieses Ortes vorangetrieben hat. Neue Erkenntnisse zur Kolonialgeschichte und Kolonialität des Ortes, zuletzt zum brandenburgisch-preußischen Kolonialismus in Westafrika und zur Rolle des Kaisers Wilhelm II., werden nicht nur in Veranstaltungen und Publikationen sichtbar (vgl. www.humboldtforum.org/de/magazin/artikel/der-brandenburgische-kolonialismus-in-westafrika; www.humboldtforum.org/de/magazin/artikel/der-kaiser-das-berliner-schloss-und-der-deutsche-kolonialismus; vgl. Kreienbaum 2024), sondern in personellen Vermittlungsangeboten an ein breiteres Publikum herangetragen. Die Themenführung „Weltpolitik und das Berliner Schloss“ etwa erläutert die politische und kulturelle Rolle des Schlosses seit dem 16. Jahrhundert und setzt Cultural Belongings aus den ethnologischen ‚Sammlungen‘ sowie zeitgenössische künstlerische Positionen miteinander in Bezug. Sie lädt ein, die Geschichte des Ortes zu reflektieren und sich mit dem Erbe des Kolonialismus auseinanderzusetzen – und möchte das Verständnis wecken, dass es sich bei kolonialen Bezügen nicht ausschließlich um Geschichte handelt (www.humboldtforum.org/de/programm/angebot/fuehrung/weltpolitik-und-berliner-schloss-156268).

Sowohl die gesellschaftlichen Debatten um eine Rekonstruktion des Berliner Schlosses, die für eine identitätspolitische Auseinandersetzung nach der Vereinigung der deutschen Staaten stehen, als auch die Debatte um Provenienzen und Restitution in Bezug auf ethnologische Sammlungen wurden gerade am Beispiel des Humboldt Forums katalysiert.

Einen übergreifenden Zugang zu Themen, Methoden und konkreten Formaten bildet die regelmäßige Fortbildungsveranstaltung „Kolonialismus vermitteln“. Im Austausch mit Lehrkräften werden Methoden und Materialien einer machtkritischen Vermittlungsarbeit erprobt (www.humboldtforum.org/de/programm/termin/fortbildung-2/kolonialismus-vermitteln-60496). Die fachliche, begriffliche und methodische Reflexion auf wissenschaftlicher Grundlage im Austausch mit unterschiedlichen Expertisen findet u. a. im Format von Fachtagen statt. So diskutierte der transdisziplinäre Fachtag „Über Kolonialismus sprechen. Begriffe, Strukturen, Dimensionen von Fremdherrschaft“ am 25.04.2024 das wichtige Themenfeld der preußisch-polnischen Verflechtungsgeschichte in Bezug auf Kolonialverhältnisse. Einen weiteren Themenschwerpunkt bildet Erinnerungsarbeit, in Bezug auf die Geschichte des Ortes (das Berliner Schloss ebenso wie den Palast der Republik) und die ethnologischen ‚Sammlungen‘ (vor allem in Kooperation mit Herkunftsgesellschaften). Erinnerungsarbeit im Humboldt Forum; wissenschaftliches Projekt der Stiftung Humboldt Forum (Akademie in Zusammenarbeit mit der Geschichte des Ortes; 2021–2024); eine Publikation zum Thema ist in Vorbereitung für 2027. Der im Rahmen eines transkulturellen Projektes des Ethnologischen Museums entwickelte Schulworkshop „Verflochtene Erinnerungen“ vermittelt ausgehend von Schloss und ‚Sammlungen‘ eine Verflechtungsgeschichte von Kolonialismus und Nationalsozialismus, Antisemitismus und Rassismus. Theaterpädagogische Ansätze unterstützen einen multiperspektivischen Umgang mit Erinnerung. Der besondere Projektrahmen mit Partner*innen aus Israel, Ruanda, Jamaika und Deutschland erlaubte den Einbezug unterschiedlicher Perspektiven in die Formatentwicklung (www.humboldtforum.org/de/programm/angebot/workshop/verflochtene-erinnerungen-148641; zum Projekt vgl. Helber/Scholz 2025).

Dass Geschichte nicht abgeschlossen ist, bringen die Begriffe Kolonialität und Erinnerungsarbeit zum Ausdruck. Es geht sowohl um historische Dimensionen von Kolonialismus, Erinnerungen daran, wie auch um die heutigen Folgen und strukturellen Prägungen der Welt und den Umgang damit. In Bezug auf das Humboldt Forum heißt das, sich dem deutschen und europäischen Kolonialismus zu widmen, die Geschichte des Berliner Schlosses als Ort von Macht, Herrschaft und Widerständigkeit zu vermitteln, Diskurse um Rekonstruktionen (vgl. Oswalt 2023) kritisch zu befragen und die ausgestellten ‚Sammlungen‘ und den Ort, an dem sie heute sichtbar sind, in Beziehung zu setzen. Wenn wir diese Ansätze als Verlernen begreifen, ist es wichtig, Verlernen nicht mit einem Vergessen gleichzusetzen, sondern im Gegenteil davon abzugrenzen (vgl. Stahl 2024, S. 205; 213). Die Geschichte des Ortes und die der ‚Sammlungen‘ sollen nicht überschrieben, Kolonialismus soll nicht durch eine historisierende Fassade bemäntelt und ‚vergessen‘, sondern kritisch erinnert und mit der Gegenwart in Beziehung gesetzt werden. In Bezug auf die Kolonialitäten des Ortes bedeutet Verlernen, adressatengerechte Zugänge zum Thema zu schaffen, der politischen Entstehungsgeschichte kritisch zu begegnen und plurale Perspektiven auf das Forum, seine Geschichte und die darin ausgestellten ‚Sammlungen‘ zuzulassen und erfahrbar zu machen. Indem sich das Humboldt Forum als ein Ort der Aufarbeitung von Geschichte und Auseinandersetzung mit der Gegenwart begreift, bietet es Anknüpfungspunkte, sich auch und gerade zum Thema Kolonialismus und Kolonialität als außerschulischer Lernort zu etablieren.

Lernen und Verlernen in der Ausstellung „Geschichte(n) Tansanias“ und im Schüler*innenprojekt „City Research“

Viele temporäre Ausstellungen im Humboldt Forum werden gemeinsam mit Kurator*innen für Bildung und Vermittlung entwickelt. Dies ermöglicht, partizipative und interaktive Ansätze in die Konzeption einzubringen und sich für nachhaltige Bildungserfahrungen einzusetzen. Die Ausstellung „Geschichte(n) Tansanias“ Vorausgegangene Projekte des Ethnologischen Museum Berlin in Kooperation mit dem National Museum of Tanzania, der University of Dar es Salaam und tansanischen Künstler*innen, Communities und Expert*innen: „Humboldt Lab Tanzania“ (2016–2018), „Tanzania/Germany: Shared Object Histories?“ (2016–2021) (vgl. Reyels/Ivanov/Weber-Sinn 2018) und „Collaborative Provenance Research on Collections from Tanzania at the National Museum and House of Culture in Dar es Salaam and the Ethnologisches Museum Berlin“ (2019–2025); www.smb.museum/en/museums-institutions/ethnologisches-museum/collection-research/research/collaborative-provenance-research-on-collections-from-tanzania. Vorangegangene Ausstellung „Leerstellen.Ausstellen“ (2022–2024): www.humboldtforum.org/de/programm/dauerangebot/ausstellung/leerstellen-ausstellen-46709 (2024–2027) wurde gemeinsam vom National Museum of Tanzania, dem Ethnologischen Museum und Zentralarchiv der Staatlichen Museen zu Berlin/Stiftung Preußischer Kulturbesitz und der Stiftung Humboldt Forum entwickelt. Integraler Bestandteil der Konzeption war das partizipative Schüler*innenprojekt „City Research“. Die Ausstellung widmet sich vorkolonialen wie kolonialen Geschichten des heutigen Tansanias, das zur Zeit des Kolonialismus gemeinsam mit Ruanda und Burundi Deutsch-Ostafrika genannt wurde. Ein Schwerpunkt liegt auf dem Thema Kolonialismus. Der Maji-Maji Krieg 1905–1907, der ca. 300.000 Opfer forderte, war einer der brutalsten Kolonialkriege (vgl. Rushohora 2021). Die ‚Sammlung‘ des Ethnologischen Museums aus dem heutigen Tansania umfasst ca. 10.000 ‚Objektnummern‘. Die Frage nach diesen gewaltvollen Inhalten der Ausstellung ist eng verknüpft mit der nach angemessenen Methodiken. Wie kann Kolonialismus sensibel und respektvoll vermittelt werden?

Die Anerkennung der Geschichte des Ortes, der Herkunft von ‚Sammlungen‘ und ihrer jeweiligen Verflechtungen in Geschichte und Gegenwart bilden eine wichtige Grundlage, um hier kritisch zum Thema Kolonialismus zu arbeiten.

Die Ausstellung greift einige Ansätze des Verlernens auf. Verlernen sei hier ausgehend von der postkolonialen Theoretikerin Gayatri Chakravorty Spivak sowie von dem dekolonialen Theoretiker Walter D. Mignolo verstanden. Spivak betont die Notwendigkeit, in einer Privilegienkritik selbstreflektierend anzusetzen und sich mit der Hierarchisierung von Wissen auseinanderzusetzen (Spivak 1990, S. 9; 42; 56 f.). Mignolo beschreibt ein Ausbrechen aus dem westlichen Denkprogramm, um eine westlich zentrierte Forschung, Kunst, Kuration und Bildung hin zu einer von minorisierten Gruppen selbst verantworteten Arbeit zu verschieben, die im Sinne einer „pluriversality“ Epistemologien erweitert (Mignolo/Tlostanova 2012, S. 12; Mignolo 2012, S. 55). Wenn wir über das Verlernen in Bezug auf Museumsvermittlung nachdenken, geht es also u. a. darum, Privilegien anzuerkennen, Wissenshierarchien aufzulösen, Macht an minorisierte Gruppen abzugeben und Epistemologien zu erweitern. Dieses Verlernen erfordert eine intensive Auseinandersetzung mit und Neuordnung von bestehendem Wissen.

„Geschichte(n) Tansanias“ wurde mit dem Anspruch entwickelt, Cultural Belongings nur mit Einverständnis der mit ihnen verbundenen Communities auszustellen. Neben der intensiven inter-institutionellen Zusammenarbeit standen daher der Austausch mit zahlreichen Communities in Tansania und Fragen nach respektvollen Repräsentationsweisen der Cultural Belongings im Mittelpunkt der Arbeit (vgl. Abeib et al. 2026). Communities kommen in der Ausstellung selbst durch Zeichnungen, in Videos und Kommentaren zu Wort. So werden nicht nur verschiedene Personen sichtbar, sondern im Sinne Spivaks auch verschiedene Formen von Wissen: Nicht eine vermeintlich neutrale Erzählweise wird gezeigt, sondern in Deutschland situierte Kurator*innen und in Tansania situierte Kurator*innen sowie Community-Vertreter*innen teilen ihr Wissen und ihre Perspektiven. Im Sinne Mignolos werden verschiedene Epistemologien – z. B. die der Provenienzforschung und Oral Histories der Communities – sichtbar. Vermeintlich ,Andere‘ werden nicht beforscht, sondern in die Forschung einbezogen. Die Machtverhältnisse im postkolonialen Kontext der Ausstellungsentwicklung bleiben dennoch asymmetrisch – trotz intensiver Beziehungen und Zusammenarbeiten.

Das integrierte Bildungsprojekt „City Research“ widmete sich ebenfalls Beziehungen. Es fokussierte die gemeinsame Erarbeitung von Inhalten mit Schüler*innen und Auseinandersetzung mit aktuellen Diskursen. 13 Schüler*innen aus Berlin und 16 Schüler*innen aus Dar es Salaam untersuchten in ihren Städten koloniale Spuren. Sie setzten sich mit Kolonialismus auseinander und entwickelten, unterstützt von einem Filmemacher und einer Vermittlerin, eigene Kurzfilme, die in der Ausstellung zu sehen sind. Inputs, wie postkoloniale Stadtführungen und Museumsbesuche, führten in das Thema ein. Schüler*innen wählten die Themen aus, die ihnen wichtig waren, z. B. bis heute sichtbare koloniale Architekturen in Dar es Salaam wie der Hafen, der Botanische Garten oder das Old Boma. In Berlin wurden z. B. koloniale Straßennamen und Umbenennungen thematisiert sowie die Marginalisierung von Kolonialismus im Schulunterricht. Sie recherchierten eigenständig, interviewten Expert*innen, erstellten Storyboards und erarbeiten elf Filme. Diese machen das heutige Nachwirken des Kolonialismus und aktuelle Diskurse dazu sichtbar. Besucher*innen erfahren durch die Filme in der Ausstellung und online (www.humboldtforum.org/de/magazin/artikel/city-research), wie Schüler*innen koloniale Spuren in ihrem Umfeld erleben – und auch ihre kritischen Beobachtungen, wie das Eingangszitat spiegelt. Neben der tiefgreifenden inhaltlichen Auseinandersetzung der Schüler*innen mit dem Thema lernten sie die Programmarbeit einer Kultureinrichtung kennen und gestalteten verschiedene Veranstaltungen mit, z. B. Podiumsdiskussionen und Vorträge im Humboldt Forum und auf einer Tagung der UNESCO-Schulen.

Ausstellungsraum mit zwei gläsernen Vitrinen, die jeweils eine Skulptur und Informationstafeln enthalten, umgeben von einem Gitter aus Holzlatten und mehreren runden Bildtafeln an den Wänden
Ausstellungsansicht „Geschichte(n) Tansanias“ im Humboldt Forum Berlin (2024–2027)
© Nicholas Calvin Mwakatobe/Amani Abeid/Staatliche Museen zu Berlin, Ethnologisches Museum/Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss/Scenography: APC Architectural Pioneering Consultants/Studio Gründer Kirfel, Foto: Alexander Schippel

Das Stichwort „Verlernen“ macht deutlich, dass Lernen keine Einbahnstraße ist. Deshalb wurde in „City Research“ partizipativ gearbeitet. Es galt, Wissenshierarchien im Sinne Spivaks zu minimieren, indem die Schüler*innen als Expert*innen ihrer Lebenswelt anerkannt wurden, ihre Erfahrungen in den Städten Berlin und Dar es Salaam im Mittelpunkt standen und sie in ihrer eigenständigen Erarbeitung der Filme begleitet wurden. Im Sinne einer Privilegienkritik Spivaks bleibt anzuerkennen, dass sowohl in Berlin als auch in Dar es Salaam Hierarchien z. B. zwischen Filmemacher oder Vermittlerin und Schüler*innen durchaus bestanden und nicht vollständig aufzulösen waren. Gleichwohl wurde ein gemeinsamer Lernprozess gestaltet, in dem die Schüler*innen ihre eigenen Themen und Filme entwickelten. Zu global ungleich verteilten Privilegien gehört auch das Reisen. Zu Beginn war eine Reise der Gruppe aus Deutschland nach Tansania geplant; der Antrag der Schule für die Reise – und damit auch die Möglichkeit eines Gegenbesuchs einer Gruppe aus Tansania – war leider nicht erfolgreich. Für „City Research“ änderte das die Arbeitsweise insofern, als dass nun zwei Schüler*innen-Gruppen in zwei Städten unabhängig voneinander ihrer Recherche und Filmarbeit nachkamen und nicht die Schüler*innen selbst, sondern nur ihre Arbeitsergebnisse in der Ausstellung in einen Dialog miteinander traten.

Bemerkenswert sind auch die in den Filmen artikulierten Forderungen der Schüler*innen: So fordert die Gruppe des Films „Das Schulbuch und die Erinnerungskultur“: „(Es) sollte (…) Pflicht werden, rassismuskritisch zu unterrichten, dass wir rassismuskritisch lernen, denn Rassismus und Kolonialismus gehen Hand in Hand.“ (City Research 2024) Die Forderung zielt auf ein Verlernen bisheriger Unterrichtsweisen und eine durchgehend rassismuskritische Perspektive in der (schulischen wie außerschulischen) Bildungsarbeit. Mit Mignolo gesprochen, fordern sie ein Ausbrechen aus dem bisherigen „Denkprogramm“ und schlagen eine für sie relevante Alternative vor. Auch wenn diese Forderung nicht sofort Umsetzung erfährt und Lehrende in Gänze zu rassismuskritischen Lehransätzen übergehen, schafft sie Aufmerksamkeit für die Themen Kolonialismus und Rassismus und gibt den Schüler*innen die Handlungsmacht, eine Forderung an Bildungsverantwortliche zu richten. Im Sinne Spivaks ist damit für einen Moment die übliche Hierarchie zwischen Lehrenden und Lernenden verkehrt, einseitige Lehr- und Lernbeziehungen sind infrage gestellt und ein miteinander Lernen steht im Vordergrund.

„Geschichte(n) Tansanias“ und „City Research“ haben in ihrer vielfältigen Zusammenarbeit mit internationalen Institutionen, Communities und Schüler*innen ein vernetztes Arbeiten entwickelt, dass Beziehungen und die Perspektiven der Projektpartner*innen in den Vordergrund stellt. Dieses Miteinander forderte einen kontinuierlichen Lern- und Verlernprozess, der längst nicht abgeschlossen ist, sondern weiter wachsen kann.

Miteinander Verlernen: Gemeinsame Lernerfahrungen als Ausgangspunkt und Ziel von Bildungsarbeit in Museen

Lernerfahrungen sind vielfältig, sie finden bewusst und unbewusst statt und begleiten eine*n jede*n durch den Alltag. In Bezug auf Kolonialismus – in Deutschland erst seit kurzem als gesellschaftlich wichtiges Themenfeld wahrgenommen – ist relevant, dass inhaltlich Wissen angeeignet wird, wie methodisch eine Auseinandersetzung mit bereits Erlerntem stattfindet. Nicht-Wissen um viele koloniale Kontexte und konkrete Geschichten, historische Akteur*innen und Prozesse prägt ebenso sehr wie stereotype Bilder vom afrikanischen Kontinent oder rassistische Vorannahmen. Eine Sensibilisierung für unterschiedliche Perspektiven und ungehörte Geschichten ist der erste Schritt. Miteinander Verlernen bedeutet nicht nur, ‚Wissenslücken‘ zu schließen, sondern die kritische Auseinandersetzung mit bestehendem Wissen. Lernerfahrungen aus Projekten können in der weiteren Arbeit aufgriffen werden.

Miteinander Verlernen bedeutet nicht nur, ‚Wissenslücken‘ zu schließen, sondern die kritische Auseinandersetzung mit bestehendem Wissen.

Als wichtiger Themenschwerpunkt der Bildungsarbeit wird Kolonialismus seinerseits beforscht. Wie eignen Schüler*innen sich koloniale Geschichte im Museum an? Eine laufende Untersuchung bestätigt die besonderen Möglichkeiten des außerschulischen Lernorts bei der Vermittlung des Themas (vgl. Tribukeit 2026): Die Angebote im Humboldt Forum eröffnen Schüler*innen neue Zugänge zum Thema Kolonialismus, da sie konzeptionell und methodisch im Kontrast zum Geschichtsunterricht in der Schule stehen; sie finde in anderen Räumen statt, Schüler*innen setzen sich dort mit Cultural Belongings auseinander und lernen mit anderen Medien als in der Schule, und die Vermittler*innen nehmen eine andere Rolle ein als Lehrkräfte. Im Rahmen kolonialismuskritischer Bildungsarbeit können außerschulische Lernorte wie das Humboldt Forum kritisch mit bestehendem Wissen umgehen und zu neuen Verständnissen beitragen. „Verlernen“ versucht einen Prozess zu fassen, der eingeschriebene Muster revidieren und veränderte, offenere neu einschreiben kann. Für die Vermittlungsarbeit in Museen bedeutet es ein Arbeiten in bestehenden Verhältnissen, in Widersprüchen, in denen durch kontinuierliche Reflexion, Positionierung und Perspektivierung Verschiebungen möglich werden.

Miteinander zu lernen und zu verlernen, bedeutet auch, diese Widersprüche anzuerkennen und auszuhalten. Das Humboldt Forum lädt als Ort komplexer Schichtungen und Verflechtungen umso deutlicher zur Auseinandersetzung ein. Ausstellungen, Programm, Bildung, Vermittlung und Forschung versuchen, vernetzt und aufeinander aufbauend, einen kritischen postkolonialen Umgang mit der Geschichte des Ortes und den ‚Sammlungen‘ zu finden. Die Auseinandersetzung mit diesem Ort und der Umgang mit Ambiguitäten ist der Programm- und Bildungsarbeit eingeschrieben. Gemeinsame Lernerfahrungen an diesem Ort zu machen, bedeutet, Ambiguitäten zu vermitteln: zwischen Form und Inhalt, zwischen vergangenen Entscheidungen und heutigen Ansichten.

Zu den Autorinnen

Kathrin Kollmeier leitet seit 2017 die Akademie, die Programmabteilung für Bildung, Vermittlung, Wissenschaft der Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss. Als Historikerin forschte sie zur Geschichte von Nationalsozialismus und Migration, Historischen Semantiken und Geschichtsdarstellungen.
Jocelyne Stahl ist Kulturwissenschaftlerin, Kuratorin und Vermittlerin in der Akademie der Stiftung Humboldt-Forum. Sie arbeitet an einer Dissertation zu „Praktiken des Verlernens“ am Institut für Kulturwissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin.
akademie@humboldtforum.org

Literatur

Abeid, Amani/Schimanowski, Maike/Stahl, Jocelyne/Weber-Sinn, Kristin (2026): Representations of Cultural Belongings within the Exhibition „Histories of Tanzania” in the Humboldt Forum. In: Ericani, Giuliana (Ed.): Heritage, museums, collections. Professionals’ sharing of skills between Africa and Europe. Rome, Conference, September 24–27, 2025. ICOM Europe-ICOM Italia (im Erscheinen)
Arndt, Susan/Ofuatey-Alazard, Nadja (2021): (K)Erben des Kolonialismus im Wissensarchiv deutsche Sprache. Ein kritisches Nachschlagewerk. Münster: Unrast (4. Auflage)
City Research (2024): „Das Schulbuch und die deutsche Erinnerungskultur“ von den Schüler*innen Evrin Arslan, Laura Bath, Ilyda-Tuana Burghardt, Angelina Debruijn, Rale Dunyar und Laura-Manyoh Müller des Carl-Friedrich-von-Siemens-Gymnasiums; www.humboldtforum.org/de/magazin/artikel/city-research
Hagemann, Alfred (2020): Symbolpolitik. Die Kuppel Friedrich Wilhelms IV. für das Berliner Schloss; www.humboldtforum.org/de/magazin/artikel/symbolpolitik
Helber, Patrick/Scholz, Andrea (2025): Verflochtene Erinnerungen. Wie (ausgerechnet) im Humboldt Forum Erinnerungskultur gelingt. In: iz3w, 11. Juni 2025, Ausgabe 409, Verflochtene Erinnerungen – informationszentrum 3. Welt; www.iz3w.org/artikel/humboldt-forum-erinnerung-kolonialismus-nationalsozialismus
Kreienbaum, Jonas (2024): Der Kaiser, das Berliner Schloss und der deutsche Kolonialismus. In: Historische Zeitschrift 319, S. 28–69
Mignolo, Walter D. (2012): Epistemischer Ungehorsam. Rhetorik der Moderne, Logik der Kolonialität und Grammatik der Dekolonialität. Wien: Turia + Kant
Mignolo, Walter D./Tlostanova, Madina V. (2012): Learning to Unlearn. Decolonial Reflections from Eurasia and the Americas. Columbus: The Ohio State University Press
Noack, Karoline (2019): Die Welt im Kasten: Zur Geschichte der Institution ‚Völkerkundemuseum‘ im deutschsprachigen Raum. In: Förster, Larissa/Edenheiser, Iris: Museumsethnologie. Eine Einführung. Theorien, Debatten, Praktiken. Berlin: Reimer, S. 30–47
Oswalt, Philipp (2023): Bauen am Nationalen Haus. Architektur als Identitätspolitik. Berlin: Berenberg
Penny, Glenn (2002): Objects of Culture: Ethnology and Ethnographic Museums in Imperial Germany. Chapel Hill: University of North Carolina Press
Reyels, Lili/Ivanov, Paola/Weber-Sinn, Kristin (2018): Humboldt Lab Tanzania. Objekte aus den Kolonialkriegen im Ethnologischen Museum, Berlin – Ein tansanisch-deutscher Dialog. Berlin: Reimer
Rushohora, Nancy (2021): The Challenges of Teaching the MajiMaji War in Contemporary Tanzania. In: Bentrovato, Denise/Wassermann, Johan: Teaching African Histories in School. Experiences and Perspectives from Africa and Beyond. Dordrecht: Brill Sense, pp. 107–122
Spivak, Gayatri Chaktravorty (1990): The postcolonial Critique. Interviews, Strategies, Dialogues. New York/London: Routledge
Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss (2020): Humboldt Forum. Geschichte des Ortes. Ausstellungsführer. München/London/New York: Prestel
Stahl, Jocelyne (2024): „Gelernt und Eingeübt? Zu Begriff und Praxis des Verlernens“. In: Roselt, Jens/Trachsel, Ekaterina (Hrsg.): „Üben üben. Praktiken und Verfahren des Übens in den Künsten“, Reihe „Ästhetische Praxis. Transdisziplinäre Perspektiven“. Paderborn: Brill Fink, S. 195–216
Tribukeit, Maren (2026): Continuing and/or deconstructing colonial legacies: The representation and mediation of the colonial past in the Humboldt Forum in Berlin. International Journal for History and Social Sciences Education (im Erscheinen)