Außerschulische Bildung 1/2026

Der Generationenkonflikt – ein konstruiertes Problem

Warum Altersgruppen und Geburtskohorten nicht die wahren Ursachen für soziale Spannungen sind

„Die Alten gegen die Jungen“ – dieses Narrativ prägt seit Jahrzehnten die Debatte um Rente, Klimakrise und soziale Gerechtigkeit. Seit Jahren wird der Generationenkonflikt als Ursache für soziale Ungleichheit und politische Spannungen beschworen. Doch diese Debatte lenkt nur ab. Nicht Altersgruppen oder Geburtskohorten sind für Missstände verantwortlich, sondern ungleiche Vermögensverteilung, Machtgefälle und falsche politische Weichenstellungen. Pauschale Schuldzuweisungen an „Boomer“ oder „Rentner“ dienen oft als Ablenkungsmanöver. Warum die Gegenüberstellung von Alt und Jung in die Irre führt und welche Lösungen wirklich weiterhelfen, zeigt dieser Beitrag. von Harald Künemund und Claudia Vogel

Seit Jahrzehnten werden sozio-ökonomische Ungleichheiten als Generationenprobleme gedeutet: Wir stützen unsere Argumentation in weiten Teilen auf den Beitrag Vogel/Künemund 2023. Es werden Alt und Jung oder z. B. „Boomer“ und andere vermeintliche „Generationen“ gegeneinander aufgebracht, um Änderungen z. B. in den sozialen Sicherungssystemen, bei Altersgrenzen z. B. des Wahlrechts oder auch bei der Besteuerung von Vermögen und Erbschaften zu plausibilisieren. Dabei sind die auf den ersten Blick plausiblen Argumente bei genauerer Analyse aber nicht haltbar, z. B.:

  • Die steigende Zahl von über 64-Jährigen bei zugleich kleiner werdender Zahl von Personen im erwerbsfähigen Alter führe zu einer steigenden „Alterslast“, die Jüngere nicht weitertragen können und wollen.
  • Die umlagefinanzierte Rente sei daher nicht mehr finanzierbar und könne die Alterssicherung nicht mehr gewährleisten, ähnliches gilt für das Gesundheitssystem.
  • Jeweils ältere Generationen (heute meist die sogenannten „Boomer“) habe die Umwelt ruiniert, die Ressourcen hemmungslos ausgebeutet und den Sozialstaat zu ihren Gunsten ausgebaut und überwintern im sonnigen Süden, während nachfolgende Generationen kaum noch auf eine gesicherte Altersphase im Lebenslauf hoffen können und mit vergifteten Gewässern, Atommüll usw. zurechtkommen müssen.
  • Der steigende Anteil älterer Menschen führe zu Benachteiligungen jüngerer Personen bei politischen Entscheidungen („Rentnerdemokratie“).
  • Die Staatsverschuldung belaste künftige Generationen zusätzlich.

Begriffe klären

Wir möchten an dieser Stelle zunächst einige missverständliche Begriffe präzisieren und vor diesem Hintergrund den genannten Argumenten widersprechen und ggf. kurz mögliche Alternativen benennen.

Zunächst müssen zwei grundverschiedene Bedeutungen des Begriffs „Generation“ differenziert werden. Im ersten Fall wechselt die individuelle Generationenzugehörigkeit im Lebenslauf – etwa im Familienkontext vom Kind zum Großelternteil (sofern weitere Kinder geboren werden), oder in der Gesellschaft von der jungen über die mittlere zur älteren „Generation“; auch der sogenannte „Generationenvertrag“, bei dem die jeweils mittlere Altersgruppe für alle gleichzeitig lebenden Generationen aufkommt, basiert auf dieser Bedeutung des Begriffs Generation: Im Lebenslauf wechseln Individuen von der jungen über die mittlere zur älteren „Generation“. Es ist aus unserer Sicht weniger missverständlich, in diesen Fällen von Altersgruppen, statt von Generationen zu sprechen. In der zweiten Bedeutung des Wortes Generation bleibt die individuelle Generationenzugehörigkeit im Lebenslauf konstant, man wechselt die Zugehörigkeit genau nicht. Dies ist beispielsweise bei den Angehörigen der Generation X, der 68er-Generation oder der Kriegsgeneration der Fall – eine solche Generationenzugehörigkeit geht typischerweise nicht bei Erreichen eines bestimmten Alters verloren, sondern die Angehörigen einer Generation altern kollektiv. Für diese Bedeutung eignet sich oft der Begriff der Geburtskohorte besser: Er zielt auf Gemeinsamkeiten aufgrund gleicher oder benachbarter Geburtsjahrgänge im Sinne zeittypischer Erfahrungen und – möglicherweise – gemeinsamer Werte oder Lebensstile. Differenziert man hier nicht klar, sind Fehlentscheidungen leicht möglich, etwa wenn die Einführung von Altersgrenzen z. B. für Leistungen im Gesundheitswesen mit den geburtenstarken Jahrgängen begründet werden: Altersgrenzen differenzieren Altersgruppen unabhängig von Kohortengrößen und gelten entsprechend auch für andere Geburtskohorten. Maßnahmen, die einen Ausgleich zwischen Kohorten unterschiedlicher Größe bewirken sollen, müssten eben an diesen Kohorten und ihren jeweiligen Merkmalen ansetzen, nicht am Alter.

„Die Alten gegen die Jungen“ – dieses Narrativ prägt seit Jahrzehnten die Debatte um Rente, Klimakrise und soziale Gerechtigkeit. (Hier: Installation im Eingang der FES, Bonn) Foto: AdB

Und es bleibt eine weitere Differenzierung für den Begriff Generation in der Perspektive der Geburtskohorten zwingend: Ein gemeinsamer Geburtsjahrgang ist für die meisten analytischen Zwecke kein hinreichendes Kriterium für Generationen im engeren Sinne. Welche Ereignisse und Entwicklungen welche Personengruppen in ähnlicher Weise verarbeiten und sich vielleicht sogar selbst als Generation identifizieren und stilisieren, wird nicht durch das Geburtsjahr festgelegt. Zugespitzt formuliert: Ein Mitglied einer schlagenden Verbindung muss trotz „passendem“ Geburtsjahr und Universitätsstudium in den späten 1960er-Jahren nicht zwingend den 68ern zugerechnet werden. Nur ein sehr kleiner Teil der 1940er Geburtsjahrgänge ist den 68ern zuzurechnen, jede Pauschalisierung führt zu Fehlentscheidungen.

Gealterte Wähler*innen präferieren nicht Parteien, die Altersinteressen in das Zentrum stellen, sondern bleiben ihren politischen Überzeugungen verhaftet oder ändern sie vielleicht auch, aber nicht aufgrund des Alters.

Ein analoges Interpretationsproblem stellt sich mit dem Begriff „Alter“. Jahre sind eine weitgehend ungeeignete „Maßeinheit“ für das menschliche Alter, und die Unschärfe nimmt mit zunehmendem Alter zu. Dies ist im Alltag wohlbekannt: Alle kennen eine Person, die für ihr Alter noch sehr jung ist, oder eben auch sehr alt. Kalendarisch gleichaltrige Personen können durchaus biologisch mehr oder weniger „gealtert“ oder auch unterschiedlich „weise“ und in verschiedenen sozialen Kontexten sogar gleichzeitig unterschiedlich „alt“ sein – man denke etwa an eine Sportlerin, die in diesem Zusammenhang mit 30 Jahren schon zu den „Alten“ zählen könnte, während sie in anderen sozialen Kontexten durchaus noch zu den „Jungen“ zählen dürfte, etwa als Ärztin oder Professorin. Wahrscheinlich gibt es in diesen biologischen, psychischen und sozialen Dimensionen zudem unterschiedliche Geschwindigkeiten, Phasen beschleunigten Alterns, vielleicht auch Phasen der Verjüngung. Messinstrumente für diese Prozesse fehlen weitgehend, der Kalender aber – anhand der Bewegungen der Planeten über viele Generationen hinweg mühsam entwickelt, um soziale Interaktionen koordinieren zu können – ist definitiv kein valides Messinstrument für das menschliche Alter. Es eignet sich daher nur wenig für eine pauschale Zuweisung von physischen, psychischen oder sozialen Eigenschaften. Besser wäre es, konkrete Phänomene wie kognitive Leistungsfähigkeit oder körperliche Fitness zu thematisieren, statt pauschal das kalendarische Alter heranzuziehen. Pauschalisierung führt also auch hier zu Ungerechtigkeiten, die bei einem Fokus auf die jeweiligen Problemursachen vermeidbar wären.

Die Relevanz sozialer Ungleichheiten

Solche fehlenden Differenzierungen und pauschalisierenden Zuschreibungen von Eigenschaften oder Schuld usw. kennzeichnen die genannten Argumente generell. Und die Rahmung all dieser Probleme als Generationenkonflikt verdeckt – sei es beabsichtigt oder nicht – die Relevanz „traditioneller“ sozialer Ungleichheiten, also der ungleichen Verteilung von beispielsweise Einkommen und Vermögen oder Macht und Prestige sowie einer entsprechenden Schichtzugehörigkeit: Längst nicht alle Älteren können es sich leisten, im sonnigen Süden zu überwintern, nicht alle haben die Umwelt gleichermaßen vernachlässigt oder ihr gar geschadet. Es gibt auch Jüngere, die Zweitwohnungen im Ausland besitzen, und es sind sicher eher Personen mittleren Alters, die beispielsweise heute Giftmüll in ferne Länder exportieren, nicht bestimmte Altersgruppen oder Geburtskohorten. Soziale Ungleichheiten ebenso wie egoistisches Handeln sind keine Fragen des Alters. Auch ob und in welcher Hinsicht die Staatsverschuldung die Zukunftschancen jüngerer Menschen und künftiger Geburtsjahrgänge einschränkt, bliebe genauer zu betrachten. Eigentlich wäre zu fragen, welcher Teile dieser Jahrgänge, denn manche erzielen ja Einkünfte aus z. B. Staatsanleihen oder Bundeschatzbriefen. Ebenso stehen den Schulden Sicherheiten (zum Beispiel Liegenschaften der öffentlichen Gebietskörperschaften), sowie Forderungen und Zinseinkünfte gegenüber, die ja ebenfalls an Jüngere „vererbt“ werden. All dies wird nicht berücksichtigt. Es müsste viel stärker im Hinblick auf Verteilungsfragen diskutiert werden, denn diese Forderungen und Zinseinkünfte sind ohne Zweifel stärker konzentriert als die Steuern, mit denen sie bedient werden: Staatsschulden müssten als Umverteilung „von unten nach oben“ verstanden, statt irreführenderweise als Umverteilung von Jung zu Alt interpretiert werden. Auch die politische Macht und die politischen Präferenzen „der Älteren“ sind nicht folgerichtig: Eine gealterte Bevölkerung muss nicht primär die Interessen der Älteren bedienen und die nachfolgenden Generationen benachteiligen – die meisten Älteren würden dem sicher sofort widersprechen: Natürlich denkt man an die Kinder und Enkel, denen es einmal besser gehen soll. Gealterte Wähler*innen präferieren nicht Parteien, die Altersinteressen in das Zentrum stellen, sondern bleiben ihren politischen Überzeugungen verhaftet oder ändern sie vielleicht auch, aber nicht aufgrund des Alters. Die Gruppe der Älteren ist heterogen – etwa hinsichtlich sozialer Schicht, Bildung, Gesundheit usw., sodass eine Organisationsbildung anhand des Alters auch eher unwahrscheinlich ist. Und tatsächlich gibt es praktisch keine öffentlichkeitswirksamen und schlagkräftigen Organisationen Älterer, die Jüngeren einen kollektiven Egoismus vorwerfen würden, etwa die rücksichtslose Maximierung ihrer Wohlfahrtsbilanz als kinderlose Doppelverdiener, bei der die Alten nur als „Renditekiller“ im Weg stehen. Auf Seiten der Jüngeren gibt es solche Organisationen. Mit den genannten Kurzschlüssen wird aktiv gegen „die Älteren“, „die Boomer“, „die 68er“ mobilisiert. Wenn die Jüngeren nun durch massive Schlechterstellung der Älteren bei Alterseinkommen oder Gesundheitsleistungen keine Solidarisierung quer zu den traditionellen Ungleichheitsdimensionen forcieren, wäre also keineswegs ausgemacht, dass die Älteren allein aufgrund ihres Alters kollektiv Altersinteressen verfolgen und sich als Altersgruppe formieren müssten. So gesehen befördern Sachbücher und Reportagen zur Generationengerechtigkeit (und entsprechende politische Maßnahmen) häufig das Entstehen und Eskalieren genau jenes Generationenkonflikts, den sie zu diagnostizieren vorgeben. Kurzum: Pauschale Zuschreibungen von Eigenschaften, Einstellungen, Handlungen oder Benachteiligungen aufgrund von Alter oder Generationenzughörigkeit lenken von zugrundeliegenden Verteilungskonflikten ab und führen erst zu Konflikten zwischen Altersgruppen und zwischen Generationen.

Falsche Bilder bestimmen die (medialen) Debatten

Besonders deutlich wird dies auch bei den Diskussionen um die „Baby-Boomer“ und die „Alterslast“. Zunächst einmal ist der Begriff „Baby-Boomer“ nicht passend, sondern eher irreführend. Er stammt aus den Vereinigten Staaten von Amerika und bezieht sich dort auf die Zeit nach dem II. Weltkrieg, es sind die Jahrgänge 1946 bis 1960 gemeint (seit etwa 1958 gingen dort die Geburten zurück, bis etwa Mitte der 1970er-Jahre). In der Bundesrepublik Deutschland hat man diesen Begriff übernommen, obgleich es hier andere, später geborene Kohorten betrifft (nach dem Krieg waren die Geburtenzahlen vielmehr auf einem Tiefpunkt) und der Begriff auch diese nicht wirklich gut beschreibt: Es ist nicht die gleiche „Generation“, es sind auch nicht ähnliche Mentalitäten oder Lebensstile wie in den USA, weder in der Bundesrepublik und noch viel weniger in der ehemaligen DDR. In Deutschland erreichten zudem selbst die geburtenstarken Jahrgänge zwischen 1958 und 1965 nicht das Geburtenniveau, welches vor den Weltkriegen die typische Pyramidenform des Bevölkerungsaufbaus prägte. Sie erscheinen retrospektiv als „Boom“, weil die Jahrgänge zuvor aufgrund der Weltkriege und der Wirtschaftskrisen zu dieser Zeit so schwach besetzt waren. Dies lässt sich sehr deutlich an der Bevölkerungspyramide für das Jahr 1964 erkennen, wo selbst dieser Jahrgang nur knapp die Zahl der zu diesem Zeitpunkt noch verbliebenen Angehörigen der Geburtsjahrgänge 1940 bis 1941 erreicht hat. Die geburtenstarken Jahrgänge der frühen 1960er-Jahre waren also weder in West- noch in Ostdeutschland ein wirklicher „Boom“, sondern Teil des langfristigen Geburtenrückgangs. Dieser verschärfte sich mit dem nachfolgenden „Pillenknick“, weshalb von heute aus betrachtet die geburtenstarken Jahrgänge in der Alterspyramide wie ein „Boom“ erscheinen können – es war aber keiner, und die Argumente aus den USA für den dortigen Baby-Boom passen hier überhaupt nicht und sollten deshalb auch nicht die medialen Debatten bestimmen.

Pauschale Zuschreibungen von Eigenschaften, Einstellungen, Handlungen oder Benachteiligungen aufgrund von Alter oder Generationenzughörigkeit lenken von zugrundeliegenden Verteilungskonflikten ab und führen erst zu Konflikten zwischen Altersgruppen und zwischen Generationen.

Die hohe Zahl der Angehörigen der geburtenstarken Jahrgänge bleibt nichtsdestotrotz lebenslang ein Problem speziell für diese Kohorte: In der Schule, bei der Ausbildung, an den Universitäten und auch auf dem Arbeitsmarkt mussten sie um die knappen Plätze und Ressourcen kämpfen, und bei Rehabilitationsangeboten und der Rente und vermutlich dann in den nächsten 25 bis 30 Jahren auch bei den Pflegeleistungen müssen sie weiter „den Gürtel enger schnallen“. Dabei können sie nichts dafür, dass es von ihren Jahrgängen so viele gibt, und für den Pillenknick sind sie auch nicht verantwortlich. Auch für die knappen Einnahmen und hohen Ausgaben der Sozialversicherungen sind sie nicht persönlich verantwortlich. Entsprechend sollten Lasten und Lösungen auch von der Gesellschaft insgesamt getragen werden, also über Steuern, nicht primär über sozialversicherungspflichtige Beschäftigungen gegenfinanziert werden.

Oft werden sozio-ökonomische Ungleichheiten als Generationenprobleme gedeutet, werden Alt und Jung gegeneinander ausgespielt. Foto: AdB

Noch problematischer erscheint uns die Berechnung der „Alterslast“. Zwar kennt heute jedes Kind diese Logik der Argumentation – der steigenden Zahl von älteren würden immer weniger jüngere Menschen gegenüberstehen, was die Finanzierbarkeit der sozialen Sicherung über den Generationenvertrag unmöglich oder zumindest ungerecht mache. Aber das Zählen der Köpfe führt in die Irre. Die „Alterslast“ (oder auch der „Alterslastquotient“) wird typischerweise als Verhältnis der über 64-Jährigen (über dem Bruchstrich) zu den 18- bis 64-Jährigen (unter dem Bruchstrich) berechnet und meist über 50 Jahre fortgeschrieben, mit dem Ergebnis, dass die so berechnete Alterslast sich verdoppele. Derartige Berechnungen und Abbildungen existieren seit weit mehr als 50 Jahren, immer mit in etwa dem gleichen Ergebnis der Verdoppelung in 50 Jahren. Irreführend ist dies aus einer ganzen Reihe von Gründen:

Erstens: Die Lebenserwartung steigt (von kurzfristigen Ausnahmen wie während der Corona-Pandemie abgesehen). Allein deshalb muss zwingend die Anzahl der über 64-Jährigen steigen – selbst, wenn alle Geburtsjahrgänge gleich besetzt wären, käme man bei steigender Lebenserwartung stets zu diesem Ergebnis einer wachsenden Zahl von über 64-Jährigen. Es gab deshalb schon mehrfach Vorschläge, besser rückwärts zu zählen, um die Alterung der Gesellschaft zu beschreiben – also etwa die an der durchschnittlichen Lebenserwartung gemessene Zahl der Personen in den letzten zehn Lebensjahren in ein Verhältnis zu den Jüngeren zu setzen. Folgt man dieser Vorgehensweise, verjüngt sich eine Gesellschaft, in der alle Geburtsjahrgänge in etwa gleich besetzt sind: In diesem Fall sinkt nämlich der Anteil der Älteren bei steigender Lebenserwartung, weil die Personen in den letzten zehn Lebensjahren einen immer geringeren Anteil im Verhältnis zur steigenden Zahl der Jüngeren ausmachen. Dies entspricht auch eher dem, was sich beobachten lässt: Die vor 30 oder gar 60 Jahren 70 Jahre alten Menschen sahen nicht nur deutlich älter aus, sondern hatten auch eine deutlich geringere Lebenserwartung als die heute 70-Jährigen. Die Gesellschaft wird jünger.

Zweitens: Mit Blick auf die Finanzierung der Alterssicherung ist das Festhalten am Bezugspunkt von 65 Jahren in den Vorausberechnungen auch deshalb irreführend, weil die Rentenzugangsalter nicht konstant bleiben und die Altersgrenzen bereits angehoben wurden. Es ist zu vermuten, dass das Rentenzugangsalter in 50 Jahren auch nicht mehr bei 67 Jahren liegen wird, die Zahl der über 65-Jährigen ist dann völlig irrelevant. Seit kurzem verwendet das Statistische Bundesamt 67 Jahre als Bezugspunkt, vermutlich werden viele bald nachziehen. Das Problem aber bleibt: In 50 Jahren werden die über 67-Jähringen mit hoher Wahrscheinlichkeit „jünger“ sein, und die Rentenzugangsalter werden auch nicht mehr bei 67 Jahren liegen. Und wie viele von diesen dann welche Anwartschaften haben, ist ebenso unklar wie die Einnahmeseite der Gesetzlichen Rentenversicherung und das Rentenniveau selbst. Darüber hinaus haben wir wiederholt für ein anderes Modell der Verteilung von Bildung, Arbeit und Ruhestand geworben, welches helfen würde, viele der diskutierten Probleme des demographischen Wandels zu lösen (z. B. Künemund/Hahmann 2020; Künemund/Vogel 2024).

Drittens: Zudem wurde das Rentenniveau vor dem Hintergrund solcher dramatisierenden Prognosen bereits deutlich gesenkt, die zu schulternde „Last“ wird also auch aus diesem Grund geringer ausfallen.

Viertens: Die Rentenanwartschaften der geburtenstarken Jahrgänge sind überdies (relativ betrachtet) geringer als jene ihrer Eltern, weil sie sich zunächst auf den Schulbänken und später auch auf dem Arbeitsmarkt drängeln mussten. Es gab nicht genug Lehrstellen und Arbeitsplätze, viele studierten so lange wie möglich ohne klare Perspektive, die Jugendarbeitslosigkeit war hoch. In der Folge haben diese Jahrgänge durchschnittlich weniger in die Rentenversicherung eingezahlt und erhalten entsprechend auch geringere Renten. Zudem wären beispielsweise auch die steigenden Anteile Selbständiger zu berücksichtigen, deren Rentenanwartschaften im Schnitt ebenfalls geringer ausfallen. Zusammen mit dem gesenkten Rentenniveau führt dies sicher zu einem weiteren Anstieg der Altersarmut. Dies wird die Generationenbeziehungen in den Familien belasten, da die Kinder der einkommensschwachen Teile der geburtenstarken Jahrgänge fehlende finanzielle Mittel privat bereitstellen und mehr Pflegeleistungen privat übernehmen müssen, wo die Leistungen des Sozialstaats nicht mehr ausreichen. Der Ausbau des Sozialstaates hatte ja die privaten intergenerationellen Beziehungen stark verbessert, weil man z. B. nicht mehr in den selben vier Wänden wohnen und die Alten finanziell aushalten musste (bzw. die Älteren nicht bei ihren Kindern finanzielle Zuwendungen erbitten und passive Hilfeempfänger bleiben mussten). Die Generationenbeziehungen in den Familien werden also wieder stärker von Abhängigkeit und vermutlich auch Konflikten gekennzeichnet sein, wo man fehlende Leistungen nicht am Markt kaufen kann und auf Unterstützung der Kinder und Enkel angewiesen ist (ausführlich hierzu Künemund/Vogel 2006).

Fünftens: Mit Blick auf die Kosten im Gesundheitswesen bleibt zu berücksichtigen, dass die künftigen über 64-Jährigen im Durchschnitt mit besserer Bildung und bei besserer Gesundheit altern, sie werden dann auch qualitativ nicht die gleiche „Last“ darstellen.

Sechstens: Unter dem Bruchstrich könnte aufgrund der steigenden Erwerbsbeteiligung von Frauen der Anteil der Einzahlenden in die gesetzliche Alterssicherung steigen, sofern zukünftig noch mehr Frauen sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungen nachgehen. Einwanderung trägt ebenso dazu bei, dass bereits heute eine Rekordzahl von rund 46 Millionen Personen erwerbstätig ist und der Großteil davon Beiträge in die gesetzliche Rentenversicherung einzahlt. Die bisherigen Prognosen haben die Zuwanderung dagegen deutlich unterschätzt. Unter dem Bruchstrich werden so gesehen wesentliche Aspekte der möglichen Bewältigung des demographischen Wandels verdeckt.

Siebtens: Der Alterslastkoeffizient bezieht die Zahl der Älteren auf die Zahl der Personen im erwerbsfähigen Alter (wie argumentiert, ohne Berücksichtigung der tatsächlichen Ansprüche, Einzahlungen, Kompetenzen, Einschränkungen usw., sondern allein anhand der Zahl der Köpfe). Ein analog konzipierter Jugendlastkoeffizient setzt zudem die Zahl der Kinder und Jugendlichen in ein Verhältnis zu den Personen im erwerbsfähigen Alter, beides wird dann als „Gesamtlast“ verrechnet. Faktisch müssen aber die Personen im erwerbsfähigen Alter auch ihre eigene Altersgruppe „mitversorgen“, nicht nur die Älteren und Kinder beziehungsweise Jugendlichen. Setzt man aber die Gesamtbevölkerung über dem Bruchstrich ein, ergeben sich nur minimale Veränderungen über die Zeit (und bei steigendem Ruhestandsalter könnte die Last theoretisch auch abnehmen). Die „Gesamtlast“ ist also nicht wirklich die Gesamtlast, vielmehr wird durch das Herausrechnen der sehr großen mittleren Altersgruppe die Belastung dramatisiert. Die Überzeichnung der Alterslast geschieht durch die alleinige Berücksichtigung der Älteren über dem Bruchstrich – die wirkliche Leistungsfähigkeit der Gesellschaft, die sich in den vergangenen Jahren immer wieder erwiesen hat, gerät gar nicht erst in den Blick.

Achtens: Das Aufsummieren über 50 Jahre dramatisiert all dies zusätzlich: Eine Verdoppelung der Last in 50 Jahren entspricht in etwa einem Zuwachs von jährlich zwei Prozent, was bei den Produktivitätsfortschritten zum Beispiel durch technische Innovationen wenig problematisch wäre, würden die Produktivitätszuwächse bei den Lohnnebenkosten ankommen. Nur wird so immer wieder der Eindruck erweckt, das wäre nicht zu schaffen – bereits seit mehr als 50 Jahren.

Die Notwendigkeit differenzierter Perspektiven

Die Berechnungen dramatisieren also die Entwicklung in mehrfacher Weise. Das Zählen der Köpfe greift zu kurz – es wären z. B. bei der Rente Einzahlungen und Leistungen bzw. Ansprüche gegenüberzustellen. Dann würde deutlicher, dass nicht nur Altersgrenzen angehoben und Leistungsniveaus gesenkt werden können, sondern auch die Einnahmeseite der gesetzlichen Rentenversicherung verbessert werden könnte, um dem Anstieg der Zahl der Leistungsempfänger zu begegnen, etwa durch Einbezug von Selbständigen. Bei den Beamten raten wir eher von einem Einbezug ab – sie hätten durchschnittlich sehr hohe Renten bei sehr hohen Lebenserwartungen, was das Problem noch verschärft. Es macht u. E. schon immer wenig Sinn, all diese Kosten auf die Lohnnebenkosten abzuwälzen – Steuern sind hier klar die bessere, weil breiter gestreute Alternative. Auch wäre zu berücksichtigen, dass nicht alle Älteren per se eine „Last“ sind, etwa aufgrund ihrer längeren Erwerbstätigkeit, ihrer höheren Bildung und ihrer bislang durchschnittlich besseren Gesundheit. Sie bringen sich vielmehr zunehmend in Familie und Gesellschaft ein, etwa in Form von (Enkel-)Kinderbetreuung und ehrenamtlichem Engagement. Das könnte man eigentlich als gute Nachricht stehenlassen, wäre da nicht das ständige Gerede von den „Baby-Boomern“, der steigenden „Alterslast“ und den drohenden Generationenkonflikten, was positiven Altersbildern klar entgegensteht. Um es nochmals an einem Punkt zu benennen: Nur eine kleine Minderheit der Älteren kann derzeit über nennenswerte Kapitalerträge verfügen oder in schmucken Ferienhäusern im Süden überwintern, und offensichtlich gibt es auch Jüngere, die dies können. Erbschaften fließen eben nicht an alle in der „Erbengeneration“, sondern nur an einen Ausschnitt privilegierter Erben mit reichen Eltern. Die pauschalisierende Zuschreibung auf „Generationen“ oder Altersgruppen ist irreführend und lenkt von den tatsächlich relevanten sozialen Ungleichheiten und den Problemursachen ab, es zerstört zugleich Solidarität zwischen Altersgruppen, Kohorten und Generationen. Benötigt werden gerechte Verteilungen sowohl der Lasten als auch der Leistungen, und eine Gesellschaft, in der man alt werden möchte. Dabei hilft eine sachliche Diskussion der Lage und der Lösungsmöglichkeiten, nicht aber Panikmache, Altenfeindlichkeit oder Generationen-Bashing, schon gar nicht kurzschlüssiges Zählen von Köpfen mit konstanten Altersgrenzen.

Zu den Autor*innen

Harald Künemund, Dr. phil. habil., bis 2025 Professor für Empirische Alternsforschung und Forschungsmethoden an der Universität Vechta. Seine Forschungsschwerpunkte sind Gesellschaftliche Partizipation älterer Menschen, Generationenbeziehungen, Lebenslauf und Biographie sowie Methoden der empirischen Sozialforschung.
harald.kuenemund@uni-vechta.de
Claudia Vogel, Dr. phil., Professorin für Soziologie und Methoden der quantitativen Sozialforschung an der Hochschule Neubrandenburg. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Armut und Soziale Ungleichheit, Alterssicherung, Freiwilliges Engagement sowie Alter und Altern.
cvogel@hs-nb.de

Literatur

Künemund, Harald/Hahmann, Julia (2020): Bildungs-, Arbeits- und Ruhestandsphasen im Lebenslauf – Alternativen und Szenarien. In: Schmidt-Hertha, Bernhard/Haberzeth, Erik/Hillmert, Steffen (Hrsg.): Lebenslang lernen können. Gesellschaftliche Transformationen als Herausforderung für Bildung und Weiterbildung. Bielefeld: wbv (doi 10.3278/6004776w)
Künemund, Harald/Vogel Claudia (2006): Öffentliche und private Transfers und Unterstützungsleistungen im Alter – „crowding out“ oder „crowding in“? In: Zeitschrift für Familienforschung, 18, S. 269–289
Künemund, Harald/Vogel, Claudia (2024): ‚Produktives‘, ‚aktives‘ und ‚erfolgreiches‘ ‚Alter(n)‘ – Begriffe und Szenarien. In: Pfaller, Larissa/Schweda, Mark (Hrsg.): „Successful Aging“? Leitbilder des Alterns in der Diskussion. Wiesbaden: Springer Fachmedien, S. 13–38 (doi 10.1007/978-3-658-41465-8_2)
Vogel, Claudia/Künemund, Harald (2023): Erdrückt uns die Alterslast? Ein Literaturessay über schrille Märchen unter dem Deckmantel der Aufklärung. In: Soziopolis vom 06.09.2023; www.soziopolis.de/erdrueckt-uns-die-alterslast.html (Zugriff: 29.01.2026)