Außerschulische Bildung 3/2026

Verlernen

Bildung als Praxis der Freiheit

Der Beitrag diskutiert „Verlernen“ als kritische Bildungspraxis und als zentrales Konzept dekolonialer und rassismuskritischer Bildung: Es geht nicht um das Vergessen, sondern um die kritische Auseinandersetzung mit eigenen Privilegien, Herrschaftsstrukturen und kolonialen Narrativen. Im Gegensatz zu neoliberalen Lernmodellen, die Wissen als verwertbare Kompetenz begreifen, zielt Verlernen auf die Transformation von Subjekt-Welt-Beziehungen – als befreiende Praxis, die gerechtere Verhältnisse anstrebt. von Malte Kleinschmidt

Lernen verlernen

Der Begriff ‚Verlernen‘ wirkt zunächst einmal seltsam (vgl. Castro Varela/Heinemann 2017, S. 1). Im Alltag ist der Gebrauch zweifellos negativ konnotiert. „Fahrradfahren verlernt man nicht“ ist in diesem Sinne eine typische Redewendung. In der Tradition der dekolonialen und rassismuskritischen Bildung hat der Begriff aber eine andere Bedeutung bekommen. Zunächst fällt auf, dass der Begriff hier positiv konnotiert wird. Verlernen wird zum angestrebten Ziel oder Modus von Bildung. Verlernen bezieht sich hier auf den Prozess, eigene Überzeugungen und Privilegien kritisch zu befragen und Rechenschaft darüber abzulegen (vgl. ebd.; Ortaçtepe Hart 2026).

Aber ist es eigentlich möglich, das Verlernen zu lernen? Diese Frage verweist zuallererst auf ein anderes Verständnis von dem, was Lernen überhaupt ist. In der Tradition der kritischen Pädagogik hat beispielsweise schon Paulo Freire das herrschaftliche Lernen als „Bankiers-Methode“ (Freire 1973) gefasst. Diese umfasst mindestens die für diesen Kontext relevanten zwei Dimensionen des (1) „Schüler-Lehrerwiderspruchs“ (Castro Varela 2016, S. 52) und der (2) Verwertungslogik von Wissen. Mit dem „Schüler-Lehrerwiderspruch“ wird die dem didaktischen Verhältnis inhärente Hierarchie in den Blick genommen, nach der die Lehrenden über das entscheidende, richtige Wissen verfügen, das die unwissenden Lehrenden aufnehmen müssen. Deren Wissen wird dabei als nicht vorhanden oder falsch qualifiziert. Durch die Leugnung ihres eigenen Wissens erscheint der Lernvorgang hier wie das Füllen eines Bankdepots. Dem setzt Freire ein Verständnis gegenüber, mit dem die Lernenden als Subjekte gesehen werden, deren Wissen und Erfahrungen Ausgangspunkt jedes Lernprozesses sein müssen. Die Lehrenden werden hier selbst zu Lernenden. Bildung wäre dann die gemeinsame, strukturierte Auseinandersetzung mit der Einrichtung der Welt. Es ginge dabei – weiter Freire folgend – um die Versprachlichung von Erfahrung, denn solange Erfahrung sprachlos bleibe, sei Sprache sinnlos und Erfahrung folgenlos. Im Bankiers-Konzept hingegen geht der „zugestandene Aktionsradius nur so weit (…) die Einlagen entgegenzunehmen, zu ordnen und aufzustapeln“ (Freire 1973, S. 57).

Dies korrespondiert mit der (2) Verwertungslogik von Wissen. Wissen in den neoliberal strukturierten Bildungsinstitutionen der Gegenwart soll akkumuliert werden. Der Bildungsphilosoph Gert Biesta argumentiert gegen die neoliberale „learnification“ (Biesta 2016, S. 62) – Wissen, skills, Kompetenzen, alles wird messbar, verwertbar und steht im Dienst der Selbstoptimierung. In seinem Buch „The beautiful risk of education“ (2016) setzt Biesta dem Begriff des Lernens einen Begriff von Bildung entgegen, die sich weder am outcome messen lässt, noch vorhersehbar ist. Bildung in diesem Sinne ist also nicht die Akkumulation von Wissen, skills und Kompetenzen, sondern eine „Aneignung und Transformation von Selbst- und Weltverhältnissen“ (Broden/Mecheril 2010, S. 11) mit offenem Ausgang. Das neoliberale Verständnis von Lernen ist dabei nicht auf die Bildungsformen zu reduzieren, an denen Freire seine Kritik der Bankiers-Methode entwickelte und die auf einseitiger Kommunikation sowie autoritären und kontrollierenden Didaktiken aufbaut. Lernen im Sinne von learnification kann vielmehr als Kooptation einiger Aspekte dieser Kritiken verstanden werden, die sich aber radikal von der ursprünglich an Befreiung orientierten Bildung unterscheidet.

Das Lernen im Sinne der learnification erscheint prinzipiell als gut, da es als neutral erscheint („neutral or empty with regard to content, direction, and purpose“ (Biesta 2016, S. 63). Gleichzeitig wirkt es individualisierend, nicht weil nicht Gruppenarbeiten und Teamfähigkeit inzwischen Teil des Kanons von learnification gewesen wären, sondern weil die Zielmarke das akkumulierende Individuum bleibt. Lernen in diesem Sinne ist also individualisierend und zielt damit implizit auf eine Anpassung: „The issue is entirely defined as a question of individual adaption and adjustment – as a matter of learning – and not as one about structural issues and collective responsibilities.” (Ebd., S. 67) Durch learnification geht jede befreiende, reflexive Perspektive verloren, in der Lernen als Subjektivierung zunächst als Formung der Subjekte im Sinne der Herrschaft passiert. Die Herrschaft bringt diejenigen Subjekte hervor, die zu ihr passen. Das, was Bildung im oben genannten Sinne ausmacht, wird auf diese Weise verstellt. Ebenso wird Verlernen, das eben nicht einfach das Negativ von Lernen ist, verunmöglicht bzw. kann jedenfalls nicht im Sinne des akkumulierenden Lernmodus gedacht werden. Konkret verlangt das Verlernen also, „kapitalistische Akkumulationspädagogiken“ (Castro Varela/Heinemann 2017, S. 3) aufzugeben bzw. zu verlernen.

Verlernen lernen

Verlernen, das nicht einfach ein anderer Modus des Lernens ist, kann also nicht einfach auf eine spezifische Form des conceptual change reduziert werden, da Verlernen (1) immer eine spezifische Form der (Ent-)Subjektivierung impliziert und (2) auf eine andere Ordnung gerichtet ist und dabei epistemische Gewalt thematisiert (vgl. Kleinschmidt/Lange 2025). Dies entspricht einem Bildungsverständnis, das beispielsweise Linnemann, Mecheril und Nikolenko in Bezug auf Rassismuskritik im Anschluss an Freire als „Prozess einer kritischen Bewusstwerdung (conscientização) über gesellschaftliche Verhältnisse und die eigene Eingebundenheit darin mit der Perspektive der Veränderung hin zu weniger gewaltvollen Verhältnissen“ beschreiben (Linnemann/Mecheril/Nikolenko 2013, S. 10). Den Begriff des conscientização fasst Freire folgendermaßen: „Der Begriff conscientização bedeutet den Lernvorgang der nötig ist, um soziale, politische und wirtschaftliche Widersprüche zu begreifen und um Maßnahmen gegen die unterdrückerischen Verhältnisse der Wirklichkeit zu ergreifen.“ (Freire 1973, S. 29) Reflexion und Handlung werden bei Freire ebenso zusammengedacht wie der Zusammenhang von Sprache und Erfahrung. Die Versprachlichung von Erfahrung spielt eine große Rolle in Freires Denken, denn solange Erfahrung sprachlos bleibe, sei Sprache sinnlos und Erfahrung folgenlos.

Mehrere hohe, schmale Spiegelstelen reflektieren den bewölkten Himmel vor einer Baumgruppe
Verlernen bedeutet nicht vergessen, sondern ist eine kritische Auseinandersetzung mit eigenen Privilegien, Herrschaftsstrukturen und kolonialen Narrativen. Foto: AdB

Verlernen als (Ent-)Subjektivierung ist also etwas anderes als der Tausch eines Konzepts gegen ein anderes. Wenn auch niemand ernsthaft das Fahrradfahren verlernen will, spricht die Metapher des Fahrradfahrens vom Beginn des Beitrags durchaus einen wichtigen Aspekt an: Die Hartnäckigkeit des zu Verlernenden. Verlernen zielt darauf ab, sich vorher angeeignete, inkorporierte, subjektkonstituierende Wissensbestände, habituelle Praktiken und Konzepte als solche begreifbar zu machen, sie zu denaturalisieren und auf ihre Verstrickung mit Herrschaft zu reflektieren. Verlernt wird also nicht nur ‚Wissen‘, auch wenn in der postkolonialen Theorie oft auf diesen Begriff referiert wird, sondern es geht um die ganze Subjekt-Welt-Beziehung. Oder aber, wenn wir bei dem Wissensbegriff bleiben wollen, geht es um Wissen im Sinne des savoir-faire (vgl. Althusser 2010), also um habituelle Praktiken, um Selbstverständnisse, um die Orientierungsmodi in Welt, also das soziale Imaginäre (vgl. Massip Sabater/Espinet 2024), kurz, um das Subjekt selbst. Dies zu bearbeiten ist Verlernen. Verlernen ist also nicht einfach ein Löschen, sondern vielmehr eine Ausstreichung im Sinne einer Bearbeitung:

„Unlearning is not forgetting, it is neither deletion, cancellation nor burning off. It is writing bolder and writing anew. It is commenting and questioning. It is giving new footnotes to old and other narratives. It is the wiping off of the dust, clearing of the grass, and cracking off the plaster that lies above the erased. Unlearning is flipping the coin and awakening the ghosts. Unlearning is looking in the mirror and seeing the world, rather than a concept of universalism that indeed purports a hegemony of knowledge.” (Ndikung 2020, S. 101)

Dem gegenüber steht nicht die nächste geschlossene, naturalisierte Wahrheit, sondern vielmehr die hartnäckige Bearbeitung oder die Bearbeitung des Hartnäckigen, das der eigenen Selbst-Welt-Beziehung eben nicht äußerlich ist. Mit María do Mar Castro Varela und Alisha Heinemann (2017, S. 2) können wir beispielhaft fragen:

„Was bedeutet es, in einer rassistischen Gesellschaft weiß zu sein? Wie erleichtert die bürgerliche Herkunft das Durchsetzen im akademischen Kontext? Und warum ist es nach wie vor so, dass die Nichthinterfragung von reproduktiver Heteronormativität geradezu unsichtbar soziale Türen öffnet?“

Beim Verlernen geht es also darum, „über Privilegien Rechenschaft abzulegen, sie selbstkritisch zu reflektieren, damit es dann möglich wird, andere, gerechtere Welten zu imaginieren“ (ebd., S. 1).

Verlernen zielt darauf ab, sich vorher angeeignete, inkorporierte, subjektkonstituierende Wissensbestände, habituelle Praktiken und Konzepte als solche begreifbar zu machen, sie zu denaturalisieren und auf ihre Verstrickung mit Herrschaft zu reflektieren.

Mariona Massip Sabater und Mariona Espinet (2024) fokussieren beim Verlernen weniger auf die Privilegien des Subjekts als auf die Ordnung des sozialen Imaginären. Sie zeigen die Kolonialität an tief verankerten Narrativen am Beispiel der Darstellung der Sklaverei in Geschichtsbüchern. Das Narrativ besteht ihnen zufolge in der historischen und ökonomischen Normalisierung des kommodifizierten Lebens. „And we are historically and economically normalising life becoming commodified.“ (Ebd., S. 1) Konkret zeigen sie hier die Normalisierung des Menschenhandels, die Normalisierung des kolonialen Extraktivismus und der Wachstumslogik des Kapitalismus. „Overcoming these concepts means decolonising our social imaginary.” (Ebd., S. 8) In ihren Forschungen wird deutlich, dass es nicht einfach um die Korrektur von Begriffen und Narrativen geht. „Decolonising imaginaries related to capitalism, growth, progress or development requires questioning, analysing, unlearning, reimagining, reconstructing, rejecting, opening, listening to, colearning, relearning, coimagining, reimagining.” (Ebd.) Oder, um es mit Gayatri Spivak zu sagen:

„You cannot fight racialized and gendered class politics merely by abolishing various inequities. We need deep seated and sustained educational interference. The liberal binary opposition between, on the one hand, ‚good cops vs. bad cops‘, and ‚systemic racism‘ on the other, is an idle polarization. This ain’t just any system.“ (Spivak 2021)

Dekoloniales Verlernen ist also keine Anpassung der Narrative, um moralisch besser zu sprechen, sondern vielmehr impliziert Verlernen eine grundlegende, radikale Kritik an der bestehenden Ordnung, der Gegenwärtigkeit der Kolonialität, der kolonialen Ungleichwertigkeit des Lebens sowie der eigenen Einbindung darin (vgl. Kleinschmidt 2021).

Vier quadratische, metallisch glänzende Platten, die an einem vertikalen Stab befestigt sind, vor blauem Himmel
Reflexion und Handlung, Sprache und Erfahrung zusammendenken Foto: AdB

Verlernen fasste Spivak in diesem Sinne einmal unter der berühmt gewordenen Formel „unlearning one’s privilege as one’s loss“ (Landry/Maclean 1996, S. 4). Damit dreht sie die Perspektive radikal um: Die Praxis des Verlernens kann – wenn auch ungewollt – die Ungleichheit und epistemische Gewalt reproduzieren, wenn das Verhältnis zu den Unterdrückten eine Form der Mildtätigkeit annimmt. Chinua Achebe (1991, S. 174) brachte dies auf den Punkt: „Wohltätigkeit (…) ist das Opium der Privilegierten.“ Spivaks Umdrehung der Perspektive besteht nun darin, dass sie die implizite Überlegenheit zum Thema macht. Worin auch immer unser Privileg gründet, „race, class, nationality, gender, and the like“ (Landry/Maclean 1996, S. 4.), es impliziert nicht nur eine Überlegenheit, sondern auch eine epistemische Beschränkung, indem es uns anderes Wissen und andere Perspektiven verstellt: „Not simply information that we have not yet received, but the knowledge that we are not equipped to understand by reason of our social positions.“ (Ebd.) Gleichzeitig und damit verbunden verhindert die privilegierte Positionierung dialogische Beziehungen zu den anderen, nicht oder weniger privilegierte Positionen einnehmenden Subjekten und einem anderen, weniger kolonialen Imaginären. Kurz: Insbesondere für Privilegierte muss es im Prozess des Verlernens auch darum gehen, zu (ver)lernen, die eigenen Privilegien als Verlust zu erfahren – und zwar genau deswegen, um solidarische Beziehungen und Praxen im gemeinsamen Kampf gegen die kolonial-patriarchale Ordnung zu entwickeln.

Verlernen verlernen?

Bildung ist „janusköpfig“ (Castro Varela/Heinemann 2017, S. 5). Sie reproduziert hegemoniale Verhältnisse und interveniert in dieselben. Insbesondere dem Neoliberalismus kann die Fähigkeit zugeschrieben werden, kritische Konzepte zu kooptieren, also sich ein kritisches Konzept einzuverleiben und damit der Herrschaft dienlich zu machen (vgl. Giroux 2014). Ebenso wenig wie andere Konzepte ist auch Verlernen nicht vor Kooptation gefeit. So beobachtet Deniz Ortaçtepe Hart (2026), dass die Popularität von Verlernen in Bildungssettings auch mit einer Kooptation einherging, mit der Verlernen zu einer individualistischen Selbstbekenntnis (self-confession) und moralischer Eigenverantwortung gemacht wurde und dabei das Politische, das Verbindende, das Kollektiv-Widerständige ausstrich: „Within this landscape, unlearning has become yet another vehicle through which political concerns are depoliticized, reframed as matters of individual attitude rather than collective struggle.“ (Ebd., S. 8)

Dekoloniales Verlernen ist keine Anpassung der Narrative, um moralisch besser zu sprechen, sondern vielmehr impliziert Verlernen eine grundlegende, radikale Kritik an der bestehenden Ordnung, der Gegenwärtigkeit der Kolonialität, der kolonialen Ungleichwertigkeit des Lebens sowie der eigenen Einbindung darin.

In ganz ähnlicher Weise hat sich auch die berühmteste Stichwortgeberin zum Konzept, Spivak, dazu geäußert, „denn zu oft sei der Begriff missinterpretiert worden, nämlich so, als wäre es tatsächlich möglich, Privilegien einfach durch einen (Ver-)Lernprozess abzulegen“ (Heinemann 2020, S. 213). Diese Abwendung vom Konzept des Verlernens kommt merkwürdigerweise selten zur Sprache, wie Spivak selbst feststellte:

„Many years ago, I wrote a post-affluent formula which gained a certain popularity: ‚We must unlearn our privilege as loss.’ As time passed, and I became aware of the sheer narcissism of the practical politics of unlearning one’s privilege, I quietly changed it to ‚learning to learn from below’, but nobody paid much attention.” (Spivak 2000, S. 121)

Die Konsequenz dieser Überlegungen scheint mir nicht zu sein, jetzt nicht mehr von Verlernen, sondern vom ‚Lernen, von unten zu lernen‘ zu sprechen. Unabhängig davon, wie wir es nennen wollen, geht es vielmehr darum, dass Bildung mit Macht verbunden ist. Wenn Bildung aber machtkritisch ist, sollten wir unkomplizierten Lösungen gegenüber skeptisch sein. Negativ ausgedrückt: Jeder Ansatz kann kooptiert werden. Positiv ausgedrückt: Das Risiko des Scheiterns ist die Bedingung der Möglichkeit von Bildung selbst – das ist das, was Gert Biesta (2016) als die Schönheit von Bildung beschreibt. Bildung ist nie auf ein einfaches Rezept zu reduzieren, nie in Input-Output-Logiken zu denken, sondern muss es „Subjekten ermöglichen, Unordentlichkeit und Irritation zu ertragen“ (Castro Varela/Heinemann 2017, S. 5). „Sie widersetzt sich den glatten, einfachen Lösungen und sucht Bündnisse, wo diese bisher nicht denkbar waren, um Allianzen zu ermöglichen, die es bisher noch nicht gibt.“ (Ebd.) In diesem Sinne kann Verlernen ein wichtiges Konzept einer kritischen dekolonialen Bildung sein, einer Bildung, die bell hooks im Anschluss an Paulo Freire als Praxis der Freiheit bezeichnet: „I celebrate teaching that enables transgressions – a movement against and beyond boundaries. It is that movement which makes education the practice of freedom.” (hooks 1994, S. 12)

Verlernen bedeutet analysieren, verwerfen, rekonstruieren und aufbauen des sozialen Imaginären in Bezug auf eine radikal andere Zukunft, auf das Kommende.

Spivak referiert Du Bois Studie über die Black Reconstruction (1935) und macht deutlich, dass die abolitionistischen Kämpfe nicht nur daran gescheitert sind, weil die kapitalistischen Herrschafts- und Eigentumsverhältnisse nicht verändert wurden, sondern auch, weil es dafür Arbeit am sozialen Imaginären gebraucht hätte. Verlernen kann genau das sein, die Arbeit am sozialen Imaginären in Bezug auf das und den anderen (vgl. Derrida 2012). Auf das andere: Verlernen bedeutet also analysieren, verwerfen, rekonstruieren und aufbauen des sozialen Imaginären in Bezug auf eine radikal andere Zukunft, auf das Kommende (vgl. ebd.), jenseits der kolonial-kapitalistischen Normalität der Kommodifizierung, des unendlichen Wachstums und des Extraktivismus (vgl. Feola 2019). Auf die anderen: Irreduzibel damit verschränkt ist Verlernen als Arbeit an Beziehungsweisen und dem Schaffen von Verbindungen. Das soziale Imaginäre der kolonial-kapitalistisch-patriarchalen Gegenwart basiert auf der menschlichen Differenz – der damit verbundenen internationalen und rassialisierten Arbeitsteilung und der Ungleichwertigkeit des Lebens. In diesem Sinne formuliert Spivak die große Aufgabe, einen Imperativ für eine Bildung des Verlernens, die sich sowohl abstrakt, als auch konkret in solidarischen Praxen äußern muss: „for us to think we are like them – the real imaginative labor” (Spivak 2021).

Zum Autor

Dr. Malte Kleinschmidt lehrt und forscht aus der Perspektive der politischen Bildung zu Dekolonialität, Rassismuskritik und radikaler Demokratie an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg und der Leibniz Universität Hannover. Seine Dissertation „Dekoloniale politische Bildung. Eine empirische Untersuchung von Lernendenvorstellungen zum postkolonialen Erbe“ ist als OpenAccess verfügbar (https://doi.org/10.1007/978-3-658-34115-2).
m.kleinschmidt@ipw.uni-hannover.de

Literatur

Achebe, Chinua (1991): Termitenhügel in der Savanne. Frankfurt am Main: Suhrkamp
Althusser, Louis (2010): Ideologie und ideologische Staatsapparate. Hamburg: VSA Verlag
Biesta, Gert J. J. (2016): The beautiful risk of education. London/New York: Routledge; doi:10.4324/9781315635866 (Zugriff: 23.07.2026)
Broden, Anne/Mecheril, Paul (2010): Rassismus bildet. Einleitende Bemerkungen. In: Dies. (Hrsg.): Kultur und soziale Praxis. Bielefeld: transkript Verlag, S. 7–24
Castro Varela, María Do Mar (2016): Von der Notwendigkeit eines epistemischen Wandels. In: Geier, Thomas/Zaborowski, Katrin U. (Hrsg.): Migration: Auflösungen und Grenzziehungen. Wiesbaden: Springer, S. 43–59
Castro Varela, María do Mar/Heinemann, Alisha M.B. (2017): Ambivalente Erbschaften. Verlernen erlernen! In: Schulheft 42, Nr. 1, S. 1–8
Derrida, Jacques (2012): Specters of Marx: The State of the Debt, the Work of Mourning and the New International. Hoboken: Wiley
Du Bois, W.E. Burghardt (1935): Black Reconstruction. An Essay toward a History of the Part which Black Folk Played in the Attempt to Reconstruct Democracy in America, 1860–1880. New York: Harcourt, Brace and Company
Feola, Giuseppe (2019): Degrowth and the Unmaking of Capitalism: Beyond ‚Decolonization of the Imaginary‘? In: ACME: An International Journal for Critical Geographies 18, Nr. 4 (12. September), pp. 977–997; doi:10.14288/acme.v18i4.1790 (Zugriff: 23.07.2026)
Freire, Paulo (1973): Pädagogik der Unterdrückten. Bildung als Praxis der Freiheit. Reinbek: ‎Rowohlt
Giroux, Henry A. (2014): Neoliberalism’s War on Higher Education. Chicago: Haymarket Books
Heinemann, Alisha M.B. (2020): Learning from below – Wissen in Bewegung. Zu den Möglichkeiten solidarischer Bildungsarbeit durch den „Funds of Knowledge-Approach“. In: Van Ackeren, Isabell/Bremer, Helmut/Kessl, Fabian/Koller, Hans Christoph/Pfaff, Nicolle/Rotter, Caroline/Klein, Dominique/Salaschek, Ulrich (Hrsg.): Bewegungen: Beiträge zum 26. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft. 30.03.2020. Opladen/Berlin/Toronto: Barbara Budrich, S. 207–222; www.jstor.org/stable/10.2307/j.ctv10h9fjc (Zugriff: 23.06.2026)
hooks, bell (1994): Teaching to transgress: education as the practice of freedom. New York: Routledge
Kleinschmidt, Malte (2021): Dekoloniale politische Bildung. Wiesbaden: Springer; https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-658-34115-2 (Zugriff: 23.06.2026)
Kleinschmidt, Malte/Lange, Dirk (2025): Mit den Widersprüchen arbeiten lernen. Herausforderungen auf dem Weg zu einer Dekolonisierung der politischen Lehrer*innenbildung. In: Breinbauer, Ines Maria/Krause, Sabine (Hrsg.): Dekoloniales Denken in der Lehrer:innenbildung. Neue Perspektiven und Herausforderungen für die Professionalisierung, S. 218–230. doi:10.35468/6177-14; www.pedocs.de/volltexte/2025/33589/pdf/Kleinschmidt_Lange_2025_Mit_den_Widerspruechen.pdf (Zugriff: 23.06.2026)
Landry, Donna/Maclean, Gerald (1996): Introduction: Reading Spivak: The Spivak Reader. Selected Works of Gayatri Chakravorty Spivak. New York/London: Routledge, pp. 1–14
Linnemann, Tobias/Mecheril, Paul/Nikolenko, Anna (2013): Rassismuskritik. Begriffliche Grundlagen und Handlungsperspektiven in der politischen Bildung: In: ZEP: Zeitschrift für internationale Bildungsforschung und Entwicklungspädagogik 36, Nr. 2, S. 10–14; doi:10.25656/01:10618 (Zugriff: 23.06.2026)
Massip Sabater, Mariona/Espinet, Mariona (2024): Delearning capitalism: Is degrowth a decolonial perspective in social science education? In: JSSE – Journal of Social Science Education (16. Dezember), Bd. 23 Nr. 4: Postcolonial social science education; doi:10.11576/JSSE-7127 (Zugriff: 23.06.2026)
Ndikung, Bonaventure Soh Bejeng (2020): In a While or Two We Will Find the Tone. Berlin: Achive Books
Ortaçtepe Hart, Deniz (2026): Time to unlearn unlearning? Moving beyond neoliberal conceptualizations to intersectional, transformative actions: In: Teaching and Teacher Education 171 (März), 105347; doi:10.1016/j.tate.2025.105347 (Zugriff: 23.06.2026)
Spivak, Gayatri Chakravorty (2000): Claiming transformation: Travel notes with pictures. In: Ahmed, Sarah/Kilby, Jane/Lury, Celia/McNeil, Maureen/Skeggs, Beverly (Eds.): Transformations: Thinking through feminism. London: Routledge, pp. 119–131
Spivak, Gayatri Chakravorty (2021): The indefinite future of abolition. Columbia Center for Contemporary Critical Thought: Abolition Democracy; https://blogs.law.columbia.edu/abolition1313/gayatri-chakravorty-spivak-the-indefinite-future-of-abolition/?cn-reloaded=1 (Zugriff: 23.06.2026)