Wie unser Informationsökosystem in Europa herausgefordert wird – und was wir dagegen tun können
Zwei Jahre nach dem Superwahljahr: eine Bestandsaufnahme
Zwei Jahre sind vergangen, seit 2024 als größtes globales Wahljahr in die Geschichte eingegangen ist. In über 70 Staaten gaben Menschen ihre Stimmen ab, darunter mit Indien, den USA und der Europäischen Union drei der bevölkerungsreichsten Demokratien der Welt. Wahlen sind in demokratischen Systemen jene Phasen, in denen sich Bürger*innen besonders intensiv mit politischen Inhalten, politischen Akteur*innen und der eigenen Meinungsbildung auseinandersetzen. In diesen Zeiträumen steigt nicht nur die politische Aufmerksamkeit, sondern auch die Bedeutung öffentlicher Informationen für individuelle Entscheidungen (vgl. Unzicker 2023). Gerade deshalb sind Wahlen besonders anfällig für gezielte Desinformationskampagnen, die darauf abzielen, Stimmungen zu beeinflussen, Vertrauen zu untergraben oder die Legitimität demokratischer Prozesse infrage zu stellen (vgl. z. B. Bernhard et al. 2024; Mauk/Grömping 2024). Desinformation bezeichnet dabei nicht beiläufige Unschärfen, unbeabsichtigte Fehler oder falsch verstandene Aussagen, sondern die bewusste Verbreitung falscher oder irreführender Inhalte mit dem Ziel, Wahrnehmungen zu verzerren, zu manipulieren und Verunsicherung zu erzeugen (vgl. Breidenbach et al. 2022).
Vor diesem Hintergrund war das Jahr 2024 ein umfassender Stresstest für offene Gesellschaften. Ein erheblicher Teil politischer Kommunikation und öffentlicher Debatten findet heute im digitalen Raum statt – und dort vor allem auf Social-Media-Plattformen (vgl. Habermas 2021; Freihse/Unzicker 2024). Zwar ist die gezielte Verbreitung verfälschter Informationen zur Täuschung oder Einflussnahme ein Mittel politischer Auseinandersetzung, das lange vor dem Internet eingesetzt wurde (vgl. Bradshaw/Bailey/Howard 2020), Social-Media-Plattformen haben aber durch ihre technische Gestaltung und ihre auf Reichweite und Interaktion ausgerichteten Geschäftsmodelle dazu beigetragen, dass Desinformation eine neue Geschwindigkeit, Sichtbarkeit und Verbreitungsmacht erreicht hat (vgl. Saurwein et al. 2022). Algorithmisch gesteuerte Newsfeeds, virale Dynamiken und geringe Zugangshürden begünstigen die schnelle Skalierung manipulativer Inhalte und erschweren ihre Erkennung und Einordnung im öffentlichen Diskurs (vgl. Jungherr/Schroeder 2023).
Eine Analyse der Bertelsmann Stiftung zeigt, dass jede zweite Wahl im Jahr 2024 in irgendeiner Form von Desinformation betroffen war. Ob sich solche Kampagnen messbar auf Wahlergebnisse ausgewirkt haben, lässt sich empirisch nicht eindeutig belegen (vgl. Adam 2024). Klar ist jedoch, dass sie langfristige Folgen haben können, wenn das Informationsökosystem durch Falschinformationen so aus dem Gleichgewicht gerät, dass es immer schwieriger wird, die Orientierung zwischen verlässlichen Informationen und Falschinformationen zu behalten und sukzessive das Vertrauen in von Institutionen und etablierten Medien bereitgestellten Informationen sinkt (vgl. z. B. World Economic Forum 2024; GIJN 2025).
Öffentlichkeit im Dauerstressmodus
Auch unabhängig von Wahlzyklen fungieren Social-Media-Plattformen als zentrale Arenen politischer Auseinandersetzung der Gegenwart (vgl. Jost/Fröhlich/Weiser 2025). Nicht nur Falschinformationen selbst, sondern auch die Social-Media-Plattformen, die die Struktur der digitalen Öffentlichkeit prägen, begünstigen Polarisierung, reduzieren Orientierungsmöglichkeiten und erschweren es Bürger*innen, verlässliche von manipulativen Inhalten zu unterscheiden. Damit baut sich ein Dauerzustand der Unsicherheit auf, der den Druck auf demokratische Systeme weiter erhöht und die Widerstandskraft öffentlicher Diskurse auf die Probe stellt (vgl. Unzicker 2023; Lo Sardo et al. 2024). Algorithmische Priorisierungen sorgen dafür, dass stark emotionalisierte Beiträge eine größere Reichweite erzielen, während neutralere oder erklärende Inhalte weniger sichtbar bleiben (vgl. ebd.; Mauk/Grömping 2024). Damit werden Zuspitzungen verstärkt und Inhalte bevorzugt, die vor allem Empörung und Mobilisierung erzeugen, während differenzierende Kontextualisierung oder Einordnung in der öffentlichen Debatte oft zu kurz kommen (vgl. Saurwein et al. 2022).

Auch unabhängig von Wahlzyklen fungieren Social-Media-Plattformen als zentrale Arenen politischer Auseinandersetzung der Gegenwart.
Was im Jahr 2024 besonders sichtbar wurde, hat sich inzwischen als Normalzustand etabliert: eine Öffentlichkeit im Dauerstressmodus (vgl. Freihse/Unzicker 2024). Diese Entwicklung ist kein zufälliges Nebenprodukt individueller Kommunikationsgewohnheiten, sondern eng mit der technischen und ökonomischen Struktur gegenwärtiger Social-Media-Plattformen verknüpft sowie deren Einbettung in globale Macht- und Marktstrukturen.
Social-Media-Plattformen inmitten geopolitischer Spannungen
Erschwerend kommt hinzu, dass Social-Media-Plattformen nicht nur gesellschaftliche, sondern auch geopolitische Dimensionen besitzen. Seit Donald Trumps zweitem Amtsantritt im Januar 2025 gerät die europäische Digitalgesetzgebung zur Regulierung dieser Plattformen immer wieder in den transatlantischen Zoll- und Handelsstreit (vgl. Burwell/Propp 2026). Nahezu alle für die politische Kommunikation relevanten Plattformanbieter – von Meta über X bis Google – haben ihren Sitz in den USA. Ein wesentlicher Teil der Infrastruktur, auf der die Öffentlichkeit in Europa basiert, befindet sich somit in der Hand weniger Unternehmen. TikTok stellt als chinesische Ausnahme eher eine Bestätigung dieser Regel dar (vgl. Berger et al. 2023).
Algorithmische Priorisierungen sorgen dafür, dass stark emotionalisierte Beiträge eine größere Reichweite erzielen, während neutralere oder erklärende Inhalte weniger sichtbar bleiben.
Die Abhängigkeit von wenigen externen Akteur*innen war im vergangenen Jahr ein zentrales Thema in der Debatte um digitale Souveränität in Europa. Dabei ist besonders hervorzuheben, dass in diesen Diskussionen neben digitaler Infrastruktur auch Social-Media-Plattformen zunehmend mitgedacht werden. Welche Maßnahmen notwendig wären, um diese Abhängigkeit von wenigen Monopolunternehmen zu verringern und Alternativen breiter verfügbar zu machen, wird unter anderem in einem Report der Bertelsmann Stiftung (vgl. Staschen et al. 2025) sowie in einem Report der Agora Digitale Transformation dargelegt (vgl. Klausa 2025).
Alte Sorgen, neue Dimensionen
Bereits 2024 galt Desinformation als eines der zentralen globalen Risiken (vgl. World Economic Forum 2024). Daran hat sich nichts geändert – im Gegenteil. Fortschritte im Bereich generativer KI haben die Produktionskosten manipulativer Inhalte weiter gesenkt. Täuschend echte Bilder und Videos, automatisierte Kampagnen sowie hochgradig personalisierte Narrative lassen sich heute schneller, kostengünstiger und in größerem Umfang verbreiten als noch vor wenigen Jahren (vgl. Stockwell et al. 2024).

Gleichzeitig bleiben grundlegende strukturelle Probleme ungelöst: Der Zugang zu Plattformdaten ist nach wie vor stark eingeschränkt, wissenschaftliche Forschung stößt an systematische Grenzen und politische Reaktionen bleiben häufig fragmentiert. Strategien existieren oft vor allem auf nationaler Ebene, statt einen transnationalen oder internationalen Anspruch zu verfolgen (vgl. Freihse/Unzicker 2025; Freihse/Bochert 2024), während zivilgesellschaftliche Akteure vielfach unter prekären Bedingungen und wachsendem politischen Druck agieren – auch in Europa.
Ein gesamtgesellschaftlicher Ansatz als Weg nach vorne
Um dieser Herausforderung wirksam zu begegnen, bedarf es eines umfassenden, gesamtgesellschaftlichen Ansatzes. Besonders hervorzuheben sind vier zentrale Handlungsfelder (vgl. Berger/Freihse/Meyer zu Schwabedissen 2024; Berger/Unzicker 2024). Erstens ist die Stärkung eines pluralen Mediensystems und die Förderung von Qualitätsjournalismus entscheidend, um eine vielfältige und verlässliche Informationsbasis sicherzustellen. Zweitens erfordert die systematische Förderung von Nachrichten- und Medienkompetenz, dass Individuen befähigt werden, Informationen kritisch zu bewerten, Desinformation zu erkennen und Manipulationsversuche differenziert einzuordnen. Drittens sind der Ausbau stabiler Forschungsinfrastrukturen sowie der Zugang zu verlässlichen Daten notwendig, um belastbare Evidenzen über Social-Media-Plattformen zu gewinnen und zielgerichtete, evidenzbasierte Lösungsansätze entwickeln zu können (vgl. Berger 2024). Viertens muss sich der Staat konsequent mit seiner Rolle in der digitalen Öffentlichkeit auseinandersetzen. Dies umfasst sowohl die transparente Kommunikation staatlicher Maßnahmen zum Schutz der Öffentlichkeit als auch die klare Abgrenzung staatlicher Handlungsspielräume. Darüber hinaus müssen europäische Staaten sicherstellen, dass EU-Recht konsequent auf digitalen Plattformen durchgesetzt wird und alternative Plattformen gefördert sowie skaliert werden, um die Abhängigkeit von wenigen außereuropäischen Anbietern zu reduzieren. Entscheidend für den Erfolg ist das koordinierte Zusammenspiel all dieser Ebenen: individuelle Kompetenzen, leistungsfähige Institutionen, eine handlungsfähige Zivilgesellschaft und wissenschaftliche Forschung. Keine einzelne Ebene kann die komplexen Herausforderungen allein bewältigen; ihre Wirksamkeit entfaltet sich in einer koordinierten, gemeinsamen Herangehensweise.
Demokratie braucht Gestaltungskraft
Es ist höchste Zeit, entschlossener dafür einzutreten, dass unsere digitalen Öffentlichkeiten Orte bleiben, an denen Demokratie gestärkt wird, statt bedroht oder untergraben zu werden.
Ein resilientes Informationsökosystem in Europa aufzubauen, bedeutet mehr, als Desinformation zu bekämpfen. Es geht um die Weiterentwicklung demokratischer Öffentlichkeit unter digitalen Bedingungen: um Räume, in denen Meinungsvielfalt möglich bleibt, ohne dass Wahrheit relativiert oder beliebig wird. Und es geht um politische Gestaltungskraft in einer Zeit, in der technologische, ökonomische und geopolitische Dynamiken immer enger miteinander verflochten sind und sich immer schneller verändern. So wird zwei Jahre nach dem Superwahljahr deutlich, dass wir immer noch vor großen Herausforderungen stehen. Es ist höchste Zeit, entschlossener dafür einzutreten, dass unsere digitalen Öffentlichkeiten Orte bleiben, an denen Demokratie gestärkt wird, statt bedroht oder untergraben zu werden.
Zur Autorin
charlotte.freihse@bertelsmann-stiftung.de