Außerschulische Bildung 1/2026

Adultismus und Generationengerechtigkeit

Herausforderungen für die politische Bildung

Der Begriff Adultismus bezeichnet die Herabsetzung von Kindern durch Erwachsene aufgrund ihres Alters. Er basiert auf der ungleichen Macht und dem Machtgefälle zwischen Erwachsenen und Kindern. Adultistische Praktiken können sich auf individuelle Kinder, auf Gruppen von Kindern oder auf jüngere und zukünftige Generationen beziehen. Im letzten Fall wird von generationaler Diskriminierung oder fehlender Generationengerechtigkeit gesprochen. Im Beitrag wird dargelegt, wie politische Bildung dazu beitragen kann, Erwachsene und junge Menschen für adultistisches Verhalten und generationale Diskriminierung zu sensibilisieren und ihnen entgegenzuwirken. von Manfred Liebel und Philip Meade

Adultismus erkennen

Auch mit den besten Absichten erwachsener politischer Bildner*innen ist „gut gemeint“ nicht immer „gut gemacht“. Möglicherweise deswegen, weil junge Menschen nicht an der Konzeption eines Projektes beteiligt waren; weil Erwachsene zu viel oder über die Köpfe der jungen Menschen hinweg reden; weil die Älteren meinen, durch ihre längere Erfahrung mehr als die Jüngeren zu wissen; weil sich junge Menschen im Projekt (aus unterschiedlichen Gründen) unsicher fühlen und sich nicht trauen, ihre Meinung zu äußern; weil Erwachsene – gerade im verpflichtenden Schulkontext – den Teilnehmenden keine Möglichkeiten bieten, sich einer unangenehmen Situation zu entziehen; weil junge Menschen keine Ressourcen oder Budgets zur Verfügung gestellt bekommen, um echte Veränderungen zu bewirken; oder einfach, weil sie sich in ihrer Individualität nicht willkommen und gesehen fühlen. Das Lehrgeld, das die politischen Bildner*innen dafür bezahlen müssen, kann eine lustlose Teilnahme, Widerstand gegenüber Methoden oder generelles Desinteresse seitens der Teilnehmenden sein. Oft werden in der darauffolgenden Evaluation die jungen Menschen selber als das Problem gesehen, ihnen wird „(Politik-)Verdrossenheit“ vorgeworfen oder es werden bestenfalls einzelne Punkte herausgearbeitet, die zu verbessern sind. Selten wird jedoch das gesamtgesellschaftliche Machtverhältnis zwischen Erwachsenen und Kindern in Betracht gezogen, das sich selbstverständlich auch auf politische Bildung mit jungen Menschen auswirkt. Wir finden die Auseinandersetzung mit diesem Thema, das wir mit dem Begriff „Adultismus“ umfassen, jedoch äußerst hilfreich, um ein tieferes Verständnis von Dynamiken zu erlangen, die überall lauern und selten für sich erklärt werden können. Im besten Fall kommt diese (Selbst-)Reflexion der eigenen Position und Privilegien politischer Bildner*innen einem erweiterten Rollenverständnis – sowohl für Erwachsene als auch für Kinder – zugute. Auch wenn niemand ein gesellschaftliches Strukturprinzip alleine verändern kann, kann jede*r doch Stellschrauben suchen und an diesen drehen.

Wie verstehen wir Adultismus?

Der Begriff Adultismus bezeichnet die Herabsetzung von Kindern durch Erwachsene aufgrund ihres Alters. Er basiert auf der ungleichen Macht und dem Machtgefälle zwischen Erwachsenen und Kindern (vgl. Liebel/Meade 2023). Adultismus entsteht oft im Kontext von Überlegenheit, Privilegien, Bequemlichkeit und pauschalisierenden Vorannahmen über das Kindsein. Er kann auch zwischen jungen Menschen verschiedenen Alters auftreten, insoweit sie selbst schon adultistische Verhaltensweisen verinnerlicht haben. Adultismus ist eine spezifische Form von Diskriminierung oder bildet den Hintergrund dafür.

Der Begriff Adultismus bezeichnet die Herabsetzung von Kindern durch Erwachsene aufgrund ihres Alters. Er basiert auf der ungleichen Macht und dem Machtgefälle zwischen Erwachsenen und Kindern.

Adultismus ist also eine Form der Altersdiskriminierung. Häufig wird Adultismus von Ageismus (die Diskriminierung älterer Menschen) unterschieden. Ageismus fand, im Gegensatz zu Adultismus, bisher große Aufmerksamkeit und führte einen neuen gesellschaftlichen Diskurs über die Beteiligung von alten Menschen am Arbeitsmarkt und im sozialen Leben herbei (vgl. Butler 1969; Rothermund/Temming 2010; WHO 2021). Adultistische Praktiken können sich auf individuelle Kinder, auf Gruppen von Kindern oder auf jüngere und zukünftige Generationen beziehen. Im letzten Fall lässt sich von generationaler Diskriminierung sprechen, die mitunter auch als fehlende Generationengerechtigkeit bezeichnet wird (vgl. Tremmel 2014; Hanke et al. 2022).

Adultismus ist in allen heutigen Gesellschaften eine weit verbreitete Erscheinung. Er findet sich in Schulen und anderen pädagogischen Institutionen, in Familien, im politischen System und generell im alltäglichen Erleben von Kindern. Er äußert sich in der abwertenden Art, in der Erwachsene mit oder über Kinder sprechen und mit ihnen umgehen. Ebenso äußert er sich in politischen Entscheidungen, die nachteilige Folgen für junge Menschen und künftige Generationen haben, ohne dass die Betroffenen daran mitwirken können. Er ist jedoch nicht nur eine problematische Verhaltensweise einzelner Menschen (personaler Adultismus), sondern hat sich in sozialen, rechtlichen und institutionellen Strukturen verfestigt, die ihrerseits adultistisches Verhalten begünstigen und reproduzieren (struktureller Adultismus).

Adultismus ist in allen heutigen Gesellschaften eine weit verbreitete Erscheinung. Er findet sich in Schulen und anderen pädagogischen Institutionen, in Familien, im politischen System und generell im alltäglichen Erleben von Kindern.

Fast immer entfaltet Adultismus seine Wirkung in Verbindung mit anderen Diskriminierungsformen, wie Sexismus, Rassismus, Klassismus oder Ableismus. Diese Verwobenheit wird Intersektionalität genannt (vgl. Crenshaw 1989/2019). Besonders wichtig ist, dass dabei nicht einfach soziale Merkmale wie z. B. Behinderungen, Geschlecht, Hautfarbe oder soziale Herkunft bzw. Klassenlage addiert werden und die betroffene Person im Ergebnis doppelte oder mehrfache Diskriminierung erfährt. Die intersektionale Perspektive ermöglicht vielmehr, wie durch ein Vergrößerungsglas die Zusammenhänge der verschiedenen Mechanismen einer Diskriminierung zu erkennen.

Adultismus kann nicht durch den anthropologischen Tatbestand gerechtfertigt werden, dass „Säuglinge“ und „Kleinkinder“ bis zu einem gewissen Alter auf die Zuwendung und Betreuung durch erwachsene Bezugspersonen angewiesen und von diesen zunächst nahezu vollständig abhängig sind. Denn zum einen wird diese relationale Macht dann obsolet, wenn Kinder selbständiger werden. Zum anderen tragen die von Menschen gemachten und daher auch veränderbaren Strukturen zur Reduktion der Abhängigkeiten bei. Umso wichtiger erscheint es uns, genau hinzuschauen, warum, wo und wie die Lebensphase Kindheit und somit die Unmündigkeit von Kindern quasi künstlich verlängert wird.

Um ein Bewusstsein für das Phänomen Adultismus zu bekommen, kommen Erwachsene nicht umhin, sich Erlebnisse aus ihrer eigenen Lebensgeschichte bewusst zu machen und reflektieren. Hier: Fachkräfte testen das Kartenspiel zur Adultismus-Reflexion „Halt!(ung) – erinnern, diskutieren, ändern.“ (www.adb.de/service/publikationen/weitere-veroeffentlichungen/kartenspiel-haltung-erinnern-diskutieren) bei einer Tagung. Foto: AdB

Oft begegnen wir der Frage, ob es für junge Menschen nicht ein Segen sei, wenn ihnen ein „eigener Kindheitsraum“ zur Verfügung stehe, in dem sie zeitweilig vom „Ernst des Lebens“ verschont und vor den Belastungen des „Erwachsenenlebens“ geschützt sind. Wir antworten darauf, dass unsere Kritik am Adultismus kein Plädoyer gegen den Schutz von Kindern ist. Wir machen aber auch darauf aufmerksam, dass der angeblich dem Schutz dienende „eigene Kindheitsraum“ – vor allem wenn er mit starren Rollen und stereotypen Zuschreibungen verknüpft wird –, in aller Regel mit der Entmündigung junger Menschen einhergeht und das ungleiche Machtverhältnis zwischen ihnen und den Erwachsenen, von denen sie abhängig sind, konserviert.

Ausgehend von der Vorstellung, dass „Minderjährige“ in vielerlei Hinsicht auch als „minderwertig“ betrachtet werden, meinen viele Erwachsene, dass junge Menschen belehrt, erzogen, bestraft, diszipliniert und angeleitet werden müssen, um „gute“ Erwachsene zu werden. In den zeitgenössischen Gesellschaften, in denen ein Kindheitsmuster vorherrscht, das strikt zwischen Erwachsenen und Kindern unterscheidet und sie trennt, erfahren sich Erwachsene als von ihrer eigenen Kindheit abgespalten (vgl. Miller 1980). Kindheit wird als das rund zwei Dekaden andauernde Übergangsstadium gesehen, das ein Mensch stufenweise überwinden muss, bevor er ein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft wird. In der Folge betrachten sich Erwachsene im Vergleich zu Kindern als „vollkommener“ oder bezeugen stolz, dass aus ihnen „was geworden ist“. Erfahrungen, die Menschen als Kind gemacht haben, wirken sich auf das Leben als Erwachsene aus. In der Regel wollen Menschen diese privilegiertere Position, die sie als Erwachsene erreicht haben, auch beibehalten.

Adultismuskritische Perspektive

Um also ein Bewusstsein für das Phänomen Adultismus zu bekommen, kommen Erwachsene nicht umhin, sich Erlebnisse aus ihrer eigenen Lebensgeschichte bewusst zu machen und dabei auch negative Gefühle, die andere Erwachsene früher bei ihnen selbst durch ihre Haltung und ihr Verhalten hervorgerufen haben, zu erinnern und reflektieren. Diese Arbeit an sich selbst wird gelegentlich als „kritisches Erwachsensein“ bezeichnet (Ritz/Schwarz 2022). Neben dem Elternsein ist dies auch relevant für die Arbeit in Berufen, die mit jungen Menschen zu tun haben, wie der Pädagogik, der Sozialarbeit oder der Pädiatrie – auch für die politische Bildung. Hier ist die Grundvoraussetzung für einen adultismussensiblen Umgang mit jungen Menschen die selbstreflexive Auseinandersetzung mit der eigenen Biografie und professionellen Haltung. Durch sie können sowohl Selbstannahmen als auch an Kinder adressierte Rollenzuschreibungen sichtbar gemacht, eigene Vorurteile und Verhaltensweisen überdacht und verändert werden.

Um ein Bewusstsein für das Phänomen Adultismus zu bekommen, kommen Erwachsene nicht umhin, sich Erlebnisse aus ihrer eigenen Lebensgeschichte bewusst zu machen und dabei auch negative Gefühle, die andere Erwachsene früher bei ihnen selbst durch ihre Haltung und ihr Verhalten hervorgerufen haben, zu erinnern und reflektieren.

Ebenso notwendig ist es, die in das berufliche Profil eingeschriebene Rolle in Frage zu stellen, da diese auf der Vorstellung von Ungleichheit und Überlegenheit aufbaut. Da Diskriminierung allerdings nicht nur eine Frage der „richtigen Einstellung“ ist, ist es unabdinglich, auch die institutionellen Strukturen, in die das Berufsfeld eingebettet ist, auf adultistische Strukturen hin zu überprüfen und Veränderungen in die Wege zu leiten. Auch Personen, die nicht im direkten Kontakt mit jungen Menschen sind (und das sind die wenigsten) sollten sich fragen, ob Entscheidungen, die sie treffen, sich womöglich auf Kinder negativ auswirken. Bezogen auf den Adultismus können also Analyse, kritische Reflexion und Veränderungsimpulse als interdisziplinäre und gesamtgesellschaftliche Aufgabe betrachtet werden.

Im Laufe unserer pädagogischen Praxis haben wir zahlreiche Erziehungstheorien, Erziehungsratgeber und pädagogische Fachdiskurse kennengelernt. Uns sind dabei sehr selten welche begegnet, die sich ausdrücklich mit Adultismus auseinandersetzen. Womöglich liegt dies daran, dass Eltern und Pädagog*innen schnelle Lösungen für drängende interpersonelle Probleme suchen. Eine adultismuskritische Perspektive auf das Erwachsenen-Kind-Verhältnis geht weit über die persönliche Beziehungsebene hinaus, sie richtet sich gegen gesellschaftliche Institutionen und Strukturen, auf die Eltern und Pädagog*innen allein gewöhnlich wenig Einfluss haben. Außerdem müsste beachtet werden, dass „Er-zieh-ung“ per Definition und aufgrund ihrer Geschichte einer adultistischen Perspektive entspringt: Die*der Erzogene*r ist das Objekt des erziehenden Subjektes, das sie*ihn emporheben und in einen vermeintlich vollkommenen Zustand verwandeln will.

Die Erziehungsformen haben sich in den letzten Jahrzehnten geändert. An die Stelle körperlicher „Züchtigung“ oder autoritärer Gängelung sind vielfach Methoden getreten, die die Kinder auffordern, sich an ihrer Erziehung aktiv zu „beteiligen“. Doch damit wird der Adultismus auf subtile Weise nur in weniger auffällige Bahnen gelenkt. Um ihm tatsächlich entgegenzuwirken und einer adultismusfreien Gesellschaft näherzukommen, müssen die ungleichen Machtstrukturen in der Gesellschaft und in den pädagogischen Verhältnissen überwunden und den Kindern ermöglicht werden, Gesellschaft und Politik tatsächlich mitzugestalten. Politische und soziale Rechte der Kinder können dazu ebenso beitragen wie die Anerkennung der Kinder als gleichwertige und gleichwürdige Menschen.

Generationale Diskriminierung

Eine besondere Herausforderung für eine adultismuskritische Praxis stellt die generationale Diskriminierung und die damit fehlende Generationengerechtigkeit dar. Hierbei ist ein temporales und intertemporales Generationenverständnis zu unterscheiden.

Das temporale Generationenkonzept bezieht sich auf die zur gleichen Zeit lebenden Generationen, also meist Großeltern, Eltern und ihre Kinder. In der Sozialpolitik zum Beispiel wird zwischen den noch nicht Erwerbstätigen, den Erwerbstätigen und den nicht mehr Erwerbstätigen differenziert. Nach diesem Generationenverständnis besteht ein Austausch- und Wechselverhältnis der Altersgruppen, die zum Beispiel durch die Leistungen und monetären Ströme der Sozialpolitik miteinander verbunden sind, oft zum Nachteil der jüngeren Generation. Nach Angaben von UNICEF und der Weltbankgruppe ist beispielsweise die Wahrscheinlichkeit, dass Kinder in Armut leben, mehr als doppelt so hoch wie bei Erwachsenen (vgl. Silwal et al. 2020). Und in globalen Finanzkrisen sind Jugendliche überproportional von Arbeitslosigkeit betroffen und im Vergleich zu älteren Altersgruppen anfälliger für Arbeitsplatzverluste (vgl. Junankar 2014).

Das intertemporale Generationenkonzept bezieht sich dagegen auf der Unterscheidung zwischen vergangenen, heutigen und zukünftigen Generationen. Während es bei der temporalen Generationengerechtigkeit um ein gerechtes Verhältnis zwischen Jung und Alt und um eine faire Aufteilung von Zugängen zu Entscheidungen und Entscheidungsbefugnissen (z. B. bei Fragen unmittelbarer politischer Partizipation) geht, bezieht sich die intertemporale Generationengerechtigkeit auf die Chancen zukünftiger Generationen auf Befriedigung ihrer lebenswichtigen Bedürfnisse. Zum Beispiel wird als Kriterium postuliert, dass ihre Chancen hierfür mindestens so groß sein müssen wie die der heutigen Generation (vgl. Brown Weiss 1992). Beispiele für generationale Diskriminierung im intertemporalen Sinn sind die Langzeitfolgen der Atomkraft oder die Auswirkungen fossiler Energieerzeugung auf Umwelt und Klima. Auch Entscheidungen in der Steuer- oder Gesundheitspolitik können gravierende negative Folgen für nachfolgende Generationen haben.

Es kommt darauf an, junge Menschen zu ermutigen, sich jede Art selbst erfahrener Diskriminierung bewusst zu machen und sich dagegen zu wehren. Foto: Andi Weiland | andiweiland.de

Obwohl junge Menschen am wenigsten zum Klimawandel und zur Zerstörung von Lebensgrundlagen beigetragen haben, haben sie schon jetzt die Hauptlast der verursachten (körperlichen und psychischen) Schäden zu tragen. Sie und ihre Nachkommen werden zudem die enormen wirtschaftlichen Kosten tragen müssen, die der Klimawandel verursacht. Dies betrifft vor allem junge Menschen des Globalen Südens, da sie aufgrund der sozialen und ökonomischen Ungleichheiten in der Welt diesen noch stärker ausgesetzt sind. Eine Studie von Oxfam und des Stockholmer Umweltinstituts zeigt, dass das reichste ein Prozent der Weltbevölkerung für doppelt so viele CO2-Emissionen verantwortlich ist wie die ärmsten 50 % (vgl. Kartha et al. 2020). Gerade sehr junge Kinder sind aufgrund ihrer körperlichen Entwicklung anfälliger für die Folgen des Gebrauchs fossiler Brennstoffe, Mangelernährung und radioaktive Verseuchung und reagieren empfindlicher auf Umweltkatastrophen (vgl. Perera 2014). Genetische Veränderungen durch Umwelteinflüsse gefährden sogar Embryos und Föten. Laut einer Studie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) leiden Kinder unter fünf Jahren an 88 % der Krankheiten, die auf den Klimawandel zurückzuführen sind (vgl. Ebi 2014).

Obwohl junge Menschen am wenigsten zum Klimawandel und zur Zerstörung von Lebensgrundlagen beigetragen haben, haben sie schon jetzt die Hauptlast der verursachten (körperlichen und psychischen) Schäden zu tragen.

Generationale Diskriminierung kann als eine Form sozialer Ungleichheit verstanden werden. Sie ergibt sich aus dem Umstand, dass „Minderjährige“ aufgrund ihres rechtlichen und sozialen Status geringere Möglichkeiten besitzen, politische Entscheidungen zu beeinflussen, auch wenn sie selbst davon betroffen sind. Sie haben auch kaum Möglichkeiten, selbst dafür zu sorgen, dass ihre wirtschaftlichen und sozialen Rechte erfüllt werden. Dies wird noch dadurch unterstrichen, dass Kinder auch in der Forschung „bislang überwiegend als abhängige Mitglieder von Familienhaushalten kategorisiert (wurden), die keine eigenen Anspruchsrechte auf gesellschaftliche Ressourcen (wie zum Beispiel Einkommen) erheben können und daher im Wesentlichen die soziale Lage ihrer Eltern oder anderer Erwachsener, mit denen sie zusammenleben, teilen“ (Olk 2009, S. 128).

Für generationale Gerechtigkeit

Im Falle intergenerationaler Diskriminierung reicht die politische Partizipation der heutigen jungen Generation (z. B. mittels Kinderwahlrecht, vgl. Wall 2021) nicht aus, sondern es müssen zusätzlich weitergehende Formen politischer Repräsentation geschaffen werden, die den Interessen zukünftiger, also noch nicht lebender Generationen Rechnung tragen (vgl. Tamoudi/Faets/Reder 2020).

Ein Problem der bisherigen Demokratien besteht darin, dass sie gegenwartsorientiert ausgerichtet sind und in ihnen fast nur in den Intervallen von Legislaturperioden gedacht wird. „Damit fehlt es zukünftigen und schleichenden Problemen, die etwa durch den Klimawandel oder die demografische Entwicklung entstehen, an öffentlicher Beachtung.“ (Braam 2020, S. 225) Um dies zu ändern, hat die Stiftung für die Rechte zukünftiger Generationen (2020) „Sieben Bausteine für eine zukunftsgerechte Demokratie“ vorgelegt, in denen verschiedene „Zukunftsinstitutionen“ vorgeschlagen werden, die die Interessen zukünftiger Generationen im Auge haben und auf politische Entscheidungen Einfluss nehmen sollen. Darin sind allerdings junge Menschen nicht berücksichtigt. Dagegen ist in einem neueren Vorschlag für einen „Zukunftsrat“, der als „Minderheitenschutz“ und „zukunftsorientiertes Korrektiv“ angesehen wird, vorgesehen, dass junge Menschen im Alter von 10 bis 25 Jahren vertreten und ihre Entscheidungen rechtsverbindlich sein sollen.

„Relevante Parlamentsbeschlüsse (insbesondere Reformen und der Haushalt) müssen zunächst an den Zukunftsrat gehen, der sie im Hinblick auf Generationengerechtigkeit und Nachhaltigkeit prüft und kommentiert. Hierfür können Sachverständige eingeladen werden. Anschließend muss darüber öffentlich und in den Parlamenten diskutiert werden. Die Befassungs- und Begründungspflicht der Parlamente hinsichtlich der Position des Zukunftsrats ist dabei zentral.“ (El-Mafaalani/Kurtenbach/Strohmeier 2025, S. 217 f.)

Im Sinne eines partizipativen Demokratieverständnisses geht es darum, unterrepräsentierte oder unzureichend sichtbare Forderungen und Bedürfnisse dauerhaft hör- und sichtbar zu machen und die Responsivität politischer Strukturen generationenübergreifend zu stärken. Um Generationengerechtigkeit zu erreichen, ist es vor allem notwendig, der Zerstörung der Lebensgrundlagen entgegenzuwirken, die auf dem globalisierten kapitalistischen Wirtschaftssystem und dem ihm immanenten Wachstumszwang beruht. Dazu bedarf es einer nicht-kapitalistischen Ökonomie, die „Ökonomie vom Standpunkt der Sorge aus“ (Wissen/Brand 2022, S. 278) denkt und gestaltet und, so möchten wir hinzufügen, den Interessen junger Menschen und künftiger Generationen gerecht wird. Dies ist in einigen ökosozialistischen Konzepten der Fall (vgl. z. B. Zelik 2020). Solche Konzepte gehen davon aus, dass die Zerstörung der Natur weder durch einen Bewusstseinswandel und kollektive Bescheidenheit noch durch neue technologische Verfahren (erneuerbare Energien, Recycling u. a.) aufgehalten werden kann. Sie geben auch zu bedenken, dass Naturverhältnisse, Konsummodelle und Lebensstile mit Klassen- und anderen Herrschaftsverhältnissen, auch zwischen den Generationen, verwoben sind.

Einige Herausforderungen für die politische Bildung

Um für Adultismus und generationale Diskriminierung zu sensibilisieren, kann sich politische Bildung an junge Menschen ebenso wie an Erwachsene richten. Bei jungen Menschen kommt es zuerst einmal darauf an, sie zu ermutigen, sich jede Art selbst erfahrener Diskriminierung bewusst zu machen und sich dagegen zu wehren. Das Modellprojekt „Demokratie-Profis in Ausbildung! Politische Bildung mit Kindern“ vom Arbeitskreis deutscher Bildungsstätten e. V. (AdB) erprobte diverse Angebote non-formaler politischer Bildung mit Kindern – auch im Hinblick auf Adultismus (vgl. AdB 2024). Die Autor*innen kommen zu dem Schluss, dass die Vorbehalte und Zweifel der Erwachsenen bezüglich politischer Bildung mit Kindern unbegründet seien. Viel mehr käme es auf die Haltung der Erwachsenen an sowie auf die Eröffnung von Räumen für junge Menschen, „um sich gemeinsam Wissen zu erarbeiten, Positionen zu entwickeln, zu vertreten und Selbstwirksamkeit zu erfahren“ (ebd., S. 4).

Um zu vermeiden, dass Partizipation nur als Scheinveranstaltung, als eine Art „Spielwiese“ für junge Menschen oder gar mit manipulativer Absicht praktiziert wird, müssen sichere Rahmenbedingungen gewährleistet sein.

Um zu vermeiden, dass Partizipation nur als Scheinveranstaltung, als eine Art „Spielwiese“ für junge Menschen oder gar mit manipulativer Absicht praktiziert wird, müssen sichere Rahmenbedingungen gewährleistet sein, die Meinungen der jungen Menschen müssen an den Schraubstellen der Macht ernstgenommen werden und die Erwachsenen müssen sie in ihrem Handeln berücksichtigen (vgl. Lundy 2007). Wenn Kinderwahlformate, Kinderräte oder andere symbolische Formen der Kinderpartizipation als Ersatz für eine wirkungsvolle gesellschaftliche Teilhabe dienen, lenken sie die Aufmerksamkeit und die Energien von Kindern in Bahnen, die von Erwachsenen vorherbestimmt sind, und tragen somit nicht wirklich dazu bei, dem Adultismus in der Gesellschaft entgegenzuwirken. Wenn Kinderräte jedoch Teil eines politischen Prozesses sind, der auf Änderungen in der Gesellschaft abzielt, oder wenn sie gar aus Protestbewegungen junger Menschen hervorgehen, können auch politische Bildner*innen dazu beitragen, diesen Prozessen und Bewegungen eine stabilere Struktur zu geben und somit ihre Wirksamkeit zu erhöhen.

Im Folgenden machen wir einige Vorschläge, wie auch bei Erwachsenen eine selbstkritische Sensibilität für adultistisches Verhalten erreicht werden kann. Die Reflexion von Adultismus hat den Vorteil, dass alle Menschen ihn irgendwann einmal selbst erlebt haben. Indem politische Bildung dazu anregt, sich an die eigenen Erfahrungen in der Kindheit zu erinnern, kann sie dazu beitragen, die psychologischen Mechanismen des Adultismus bewusst zu machen: Wo wurden die eigenen Entscheidungen, Bedürfnisse, Interessen, Rechte und Perspektiven in der Kindheit abgewertet oder missachtet, aus welchen Gründen und mit welchen Folgen? Nach unserer Erfahrung dienen diese Fragen als Türöffner für weitere (Selbst-)Reflexion. So können folgende Fragen und Themen hilfreich sein, um Erwachsene für Adultismus zu sensibilisieren:

  • Wie verhalte ich mich gegenüber anderen Erwachsenen, wie gegenüber Kindern? Welche trennende Sprache verwende ich und warum? Wo haben Erwachsene die Möglichkeit, mitzubestimmen oder Einfluss auszuüben, wo Kinder?
  • Welche Rollen nehmen Erwachsene, welche nehmen Kinder in dieser Gesellschaft ein, und was passiert, wenn ihnen nicht entsprochen wird? Welche Erwartungen und Verantwortungen sind mit diesen Rollen verbunden? Sind diese mit Vorurteilen und Stereotypen verknüpft?
  • Wovon profitiere ich als Erwachsene*r? Welchen „unsichtbaren Rucksack“ (McIntosh 1989) an Privilegien trage ich mit mir herum, und wie setze ich diese privat oder beruflich ein, um Vorteile oder Erfolg zu erreichen?
  • Welche Normen, Werte, Bräuche, Traditionen, Symbole, Mythen, Diskurse, Richtlinien, Gesetze, politische Maßnahmen, Ökonomien, Designs, Architekturen, Institutionen und Strukturen begünstigen bestimmte Altersgruppen und benachteiligen andere? Was trägt dazu bei, die eigene Macht- und Dominanzposition beizubehalten oder gar zu verstärken?
  • Falls ich meine Erwachsenenprivilegien nie wahrnahm, woran liegt das? Wodurch entsteht die Ignoranz ihnen gegenüber, und warum versuchen Erwachsene, ihre Privilegien zu verschweigen, zu leugnen oder unsichtbar zu machen?
  • Mit welchen anderen Strukturkategorien – etwa Geschlecht, Staatsangehörigkeit, Bildung, Religion, Mobilität oder Gesundheit – ist das Alter verflochten? Wie tragen diese wiederum zur Stärkung oder Abschwächung von Dominanz bei?
  • Wie könnten Beziehungen zwischen älteren und jüngeren Menschen aktiv gestaltet werden? Welche Fallen liegen herum oder lege ich selbst als Erwachsene*r, die die Beziehung zu jüngeren Menschen beeinträchtigen? Wie gehe ich mit Macht und Verantwortung um, und wie teile ich sie mit ihnen?
  • Was fehlt, um Gleichberechtigung, Gleichgewichtung, Gleichwertigkeit oder Gleichwürdigkeit zwischen Erwachsenen und Kindern herzustellen? Lassen sich die Kategorien „Erwachsene“ und „Kind“ vermeiden oder sogar ganz auflösen? Was könnte an ihre Stelle treten?
  • Wie können Erwachsene als „Verbündete“, „Ermöglicher*innen“ oder „Kompliz*innen“ gemeinsam mit Kindern gegen Adultismus vorgehen? Welche privaten oder beruflichen, interpersonalen oder politischen Strategien bedarf es hierfür?

Solche Prozesse können am besten in Workshops oder Trainings stattfinden, sie brauchen Zeit und ein sicheres und gut moderiertes Umfeld. Denn sowohl die biografischen Erfahrungen als junger Mensch als auch die Infragestellung des eigenen „erwachsenen“ Selbstbildes können die Teilnehmenden verletzlich machen und möglicherweise zu starken Emotionen bis hin zu heftigen Abwehrreaktionen führen. Wenn ein solcher Prozess gut verläuft und es zu einer fruchtbaren Diskussion über Dominanz, Privilegien und Inklusion bzw. Exklusion kommt, stellen sich die Teilnehmenden unserer Erfahrung nach weitere Fragen zur intergenerationalen Solidarität und zu möglichen politischen Strategien gegen Adultismus.

Zu den Autoren

Professor Dr. Manfred Liebel, Soziologe und Sozialpädagoge, ist Honorarprofessor für interkulturelle Kindheits- und Kinderrechtsforschung an der FH Potsdam.
manfred.liebel@googlemail.com
Philip Meade, Sozialpädagoge, ist Kinderrechte-Trainer und Dozent in den Masterstudiengängen Kinderrechte an der FH-Potsdam und Kinderschutz an der Alice Salomon Hochschule Berlin.
philip@kinderrechte-konkret.de

Literatur

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Braam, Anna (2020): Wie wird demokratisches Handeln nachhaltig? Für mehr Zukunfts- und Generationengerechtigkeit in der Politik. In: Tamoudi, Nejma/Faets, Simon/Reder, Michael (Hrsg.): Politik der Zukunft. Bielefeld: transcript, S. 215–234
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Ebi, Kristie L. (2014): Childhood health risks of climate change. In: UNICEF (Ed.): The Challenges of Climate Change: Children on the front line. Florenz: UNICEF Office of Research, pp. 22–25
El-Mafaalani, Aladin/Kurtenbach, Sebastian/Strohmeier, Klaus Peter (2025): Kinder – Minderheit ohne Schutz. Aufwachsen in der alternden Gesellschaft. Köln: Kiepenheuer & Witsch
Hanke, Kai et al. (2022): Kinderreport Deutschland 2022 – Rechte von Kindern in Deutschland: Generationengerechte Politik gemeinsam mit und im Interesse von Kindern. Berlin: Deutsches Kinderhilfswerk
Junankar, Pramod N. Raja (2014): The impact of the global financial crisis on youth labour markets, IZA Discussion Papers No. 8400
Kartha, Sivan et al. (2020): The Carbon Inequality Era. Joint Research Report. Oxford: Oxfam & Stockholm Environment Institute
Liebel, Manfred/Meade, Philip (2023): Adultismus. Die Macht der Erwachsenen über die Kinder. Eine kritische Einführung. Berlin: Bertz + Fischer
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Miller, Alice (1980): Am Anfang war Erziehung. Frankfurt am Main: Suhrkamp
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Perera, Frederica (2014): Children suffer most from climate change and burning of fossil fuels. In: UNICEF (Ed.): The Challenges of Climate Change: Children on the front line. Florenz: UNICEF Office of Research, pp. 15–21
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Rothermund, Klaus/Temming, Felipe (2010): Diskriminierung aufgrund des Alters – Expertise. Berlin: Antidiskriminierungsstelle des Bundes
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Tamoudi, Nejma/Faets, Simon/Reder, Michael (Hrsg.) (2020): Politik der Zukunft. Zukünftige Generationen als Leerstelle der Demokratie. Bielefeld: transcript
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Wissen, Markus/Brand, Ulrich (2022): Emanzipatorische Perspektiven im „Anthropozän”. Über die Grenzen des grünen Kapitalismus und die Notwendigkeit einer radikalen Alternative. In: PROKLA 207, 52(2), S. 263–281
Zelik, Raul (2020): Wir Untoten des Kapitals. Über politische Monster und einen grünen Kapitalismus. Berlin: Suhrkamp