Künstliche Intelligenz in Einrichtungen der außerschulischen Bildung
Der Begriff Künstliche Intelligenz (KI) steht für Veränderung. Algorithmen und maschinelles Lernen beeinflussen unser Leben auf vielfältige Weise. Vielerorts ist KI im Alltag angekommen. Prominente Beispiele sind die Sprachassistenten, Streamingdienste und selbstfahrende Autos. Siri, Alexa und der Google Assistant verstehen gesprochene Anfragen und reagieren (zumeist) entsprechend, indem sie den Wetterbericht vorlesen, die Ecklampe aus- und die Kaffeemaschine einschalten. Plattformen wie Netflix, Amazon und Spotify personalisieren ihre Empfehlungen für Filme, Produkte und Musik per KI, indem sie Nutzerverhalten analysieren und vergleichen. Das Auto wird mehr als einhundert Jahre nach seiner Erfindung automobil: Selbstfahrende Autos verwenden Algorithmen, um ihre Umgebung zu erkennen, Verkehrssituationen vorherzusagen und sich sicher fortzubewegen. Im Bildungsbereich kann KI bei der Bereitstellung personalisierter Lerninhalte, der Messung von Lernfortschritten und der Unterstützung von Lehrkräften eingesetzt werden. KI-gestützte Lernplattformen und Tools werden zunehmend eingesetzt, um das Lernerlebnis zu verbessern. Und wie sieht es im Jahr 2024 in Einrichtungen der außerschulischen Bildung aus?
Von effizienterer Verwaltung bis zur Verbesserung von Lernerfahrung: Wir alle versprechen uns vom Einsatz von KI neue Möglichkeiten. Doch zwischen den Verheißungen einer Technologie und ihrer Integration in den Arbeitsalltag liegen Welten. Dieser Artikel betrachtet den aktuellen praktischen Einsatz von KI in der außerschulischen Bildung. Er basiert auf Interviews mit Pädagog*innen und Verwaltungsmitarbeiter*innen aus vier verschiedenen Einrichtungen. HochDrei e. V. – Bilden und Begegnen in Brandenburg, Stiftung wannseeFORUM, ABC Bildungs- und Tagungszentrum e. V., Europäische Akademie Berlin e. V. Die dortige Wahrnehmung von Herausforderungen, Chancen und Zukunft der aktuellen Entwicklung ist hier Grundlage für eine Bestandsaufnahme. In dem Moment, in dem Sie den Artikel zu Ende gelesen haben, werden seine Erkenntnisse und praktischen Tipps vielleicht schon wieder veraltet sein. Doch gerade weil die Möglichkeiten sich immer rasanter verändern, soll dieser Beitrag ein Schlaglicht darauf werfen, wie KI unsere Arbeit schon heute prägt. Im besten Fall lassen sich so Methoden und Konzepte, Strategien und Kompetenzbedarfe ableiten, mit denen wir die Anwendungen von morgen gewinnbringender in unsere Arbeit integrieren und für unsere Mission nutzen können.
Wunsch und Realität
Wie auch bei anderen technologischen Entwicklungen treffen die Erwartungen an KI in der Praxis der politischen Bildung auf die Realität des Projekt- und Tagungsalltags. Die verlockenden Verheißungen sind effizientere Prozesse, innovativere Lehrmethoden und eine grundlegende Transformation des Lernens. Doch jeder, der sich mit KI-Anwendungen in der politischen Bildung beschäftigt, sieht die Lücke zwischen jenen Verheißungen und der tatsächlichen Umsetzung. Obwohl dieser Artikel ausdrücklich nicht die gesellschaftlichen oder politischen Folgen von KI-Technologien betrachtet, haben die Praktiker*innen angemerkt, dass das Interesse an Seminaren zum Thema KI geringer ist als erwartet. Der Run auf KI-Seminare in der politischen Erwachsenenbildung steht noch aus.
Von effizienterer Verwaltung bis zur Verbesserung von Lernerfahrung: Wir alle versprechen uns vom Einsatz von KI neue Möglichkeiten. Doch zwischen den Verheißungen einer Technologie und ihrer Integration in den Arbeitsalltag liegen Welten.
Aber auch in der täglichen Arbeit, in der Praxis innerhalb unserer Tagungseinrichtungen, werden KI-Anwendungen bislang nur wenig und zumeist insular genutzt. Teils kostenpflichtige Instrumente wie ChatGPT und DeepL scheinen zwar für einfache Schriftarbeiten und Übersetzungen nützlich zu sein. Doch stoßen sie an Grenzen, wenn es um komplexe Inhalte oder spezifische Anforderungen geht. Qualitativ gehaltvoll sind die Ergebnisse selten, quantitativ schon. Die Realität des praktischen KI-Einsatzes in Bildungsstätten ist derzeit zudem geprägt von einem Mangel an systematischem Vorgehen und organisiertem Wissensmanagement. In keiner der befragten Einrichtungen wird die Integration von KI derzeit strategisch vorbereitet oder implementiert.
Herausforderungen und Gefahren
Die Community der politischen Bildung blickt besonders kritisch auf die potenziellen Risiken und Herausforderungen, die mit dem Einsatz von KI einhergehen. Während KI anderswo mit viel Verve als zunächst disruptive und langfristig produktivitätssteigernde Technologie bejubelt wird, sehen diejenigen, die kritisches und vor allem selbständiges Denken lehren sollen, Fallstricke. Ein Grund ist, dass KI-Systeme dazu neigen, Stereotype zu reproduzieren, anstatt sie zu überwinden oder zu hinterfragen. Dies wiederum kann dazu führen, dass bestehende Vorurteile und Ungleichheiten verstärkt statt vermindert werden. Neben dieser von allen Interviewpartner*innen genannten Gefahr besteht ein übergeordnetes Problem in der schon heute spürbaren, zunehmenden Abhängigkeit von großen Unternehmen, die dominierende KI-Plattformen bereitstellen. Monopolähnliche Strukturen schränken Auswahl und Vielfalt ein und mindern die Autonomie und Auswahlmöglichkeiten von Bildungseinrichtungen.

Darüber hinaus besteht ein erhebliches Spannungsfeld in der Sammlung, Verarbeitung und Nutzung von personenbezogenen Daten. Wenn dabei KI zum Einsatz kommt, kann dies die Privatsphäre von Lehrenden und Lernenden verletzen und Risiken bergen für den Missbrauch von Informationen. Einerseits: Unsere Veranstaltungen müssen attraktiv sein und mit geringen Budgets breit beworben werden. Weil die außerschulische Bildung als zumeist non-formales Angebot ein Produkt anbietet, das mit immer mehr Alternativen konkurriert, ist es verlockend, die Ansprache von potenziellen Teilnehmenden durch KI zu vereinfachen, zu beschleunigen und zu vervielfachen. Andererseits: Wo in Seminaren täglich Zusammenhänge von Datenschutz und Informationsfreiheit gelehrt und diskutiert werden, führt dies zwangsläufig zu Skepsis, Vorsicht und Widerspruch. Der Grat, auf dem die außerschulische Bildung wandert, verläuft zwischen gesetzlichen und ethischen Vorgaben des Datenschutzes und der möglichen Vervielfachung unserer Verteiler.
Die Community der politischen Bildung blickt besonders kritisch auf die potenziellen Risiken und Herausforderungen, die mit dem Einsatz von KI einhergehen.
Diese Beispiele zeigen, dass der Einsatz von KI in der außerschulischen Bildung nicht ohne Risiken ist. Um diese Risiken zu minimieren, wäre es wiederum wichtig, die Integration von KI umfassend und reflektiert zu planen und umzusetzen: sorgfältig abgewogene Gefahren und Chancen sowie die Entwicklung von Richtlinien und Standards, um die ethische und verantwortungsvolle Nutzung von KI im Bildungsbereich zu gewährleisten. Wer den Alltag in einem Tagungshaus kennt, weiß, wie schwer Freiräume für derlei Planungen zu schaffen sind.
Chancen und Potenziale
Trotz der Herausforderungen und Risiken, die KI-Technologien mit sich bringen, können sie schon heute das Lern- und Lehrergebnis verbessern und die Effizienz von Bildungsstätten steigern. Die Unterstützung von Inklusion und Diversität wird durch KI vereinfacht. KI kann zum Beispiel helfen, Materialien für Gehörlose zugänglicher zu machen. Programme können Transkripte und Untertitel automatisch generieren. So können Lehrmaterialien an unterschiedliche Bedürfnisse der Lernenden angepasst, individuelle Lernbedürfnisse besser adressiert werden.
Darüber hinaus bieten Programme wie ChatGPT und DeepL Unterstützung im Arbeitsablauf. Sie helfen Texte zu verbessern, zu übersetzen und komplexe Inhalte verständlicher zu machen. Textbasierte Assistenten können auch in ihren derzeit noch kostenfreien Versionen nicht nur die Arbeitsbelastung reduzieren, sondern auch die Qualität von Materialien und Kommunikation verbessern.
Ein weiterer vielversprechender Aspekt ist die Effizienzsteigerung von Verwaltungsprozessen. Durch den Einsatz von KI können administrative Aufgaben – etwa im Berichtswesen – optimiert werden. Das kann Zeit und Ressourcen sparen. Im besten Fall ermöglicht ein solcher Einsatz Bildungsstätten, sich stärker auf die pädagogische Arbeit zu konzentrieren und die Qualität ihrer Dienstleistungen zu verbessern. Auch hier gilt aber, dass Mitarbeiter*innen unterstützt werden müssen beim Umstieg oder der teilweisen Einbeziehung von solchen Assistenten.
Trotz der Herausforderungen und Risiken, die KI-Technologien mit sich bringen, können sie schon heute das Lern- und Lehrergebnis verbessern und die Effizienz von Bildungsstätten steigern.
Insgesamt bietet der Einsatz von KI im Bildungswesen Möglichkeiten, um das Lernen zu verbessern, die Inklusion zu fördern und die Effizienz im Hintergrund zu steigern. Durch eine sorgfältige Integration und Nutzung dieser Technologien könnten viele Potenziale von KI im Bildungsbereich gehoben werden und einer nachhaltigen Verbesserung dienen.
Praktische Anwendungsbeispiele
Was sind die derzeit genutzten KI-gestützten Anwendungen in Bildungseinrichtungen? Alle vier Interviewpartner*innen beschrieben Anwendungsmöglichkeiten, die heute schon eine Rolle in der täglichen Arbeit spielen.
Das meistgenannte Beispiel ist die Nutzung von KI-Tools zur Erstellung von Schulungsmaterialien, hier zumeist mit ChatGPT und DeepL. Beide helfen Materialien zu erstellen, indem sie automatisch Texte redigieren, Übersetzungen durchführen und komplexe Inhalte vereinfachen. Das spart Zeit für die Fokussierung auf Gestaltung und Durchführung von Seminaren.
Bessere Barrierefreiheit von Bildungsmaterialien gelingt durch die automatische Generierung von Transkripten und Untertiteln für Audio- und Videodateien – etwa mit der Anwendung Whisper. So können Bildungseinrichtungen sicherstellen, dass ihre Materialien zugänglicher werden – auch für Menschen mit Hör- oder Sehbehinderungen. Wer in der politischen Bildung Filme nicht nur analysiert, sondern auch erstellt, erhält bei ChatGPT praktische Hinweise zur Dramaturgie.

Darüber hinaus helfen KI-Systeme auch bei der Optimierung von Verwaltungsprozessen in Bildungseinrichtungen. Ein automatisierter Chatbot kann häufig gestellte Fragen auf der Website beantworten. Nach dem Upload einer Seminarbeschreibung vereinfacht ChatGPT die serielle Erstellung von Teilnahmebescheinigungen. Auch beim Verfassen einfacher Briefe oder anderer Schriftstücke bedeutet ChatGPT eine Erleichterung, solange die Texte nicht komplex sind. Denn insgesamt gilt für die Erstellung aller Texte mit KI, dass die Ergebnisse gut kontrolliert werden müssen. Wissenschaftliche Aussagen, Namen oder Ereignisse können auch auf Halluzinationen basieren. Ein beliebtes Anwendungsbeispiel ist die hilfreiche Unterstützung bei der Kommunikation mit ausländischen Projektpartnern. Mails lassen sich schnell und zuverlässig in die Sprache des Gegenübers übersetzen: wortwörtliche Völkerverständigung.
KI kann unsere Arbeit unterstützen. Von der Erstellung von Lehrmaterialien bis hin zur Verbesserung der Barrierefreiheit und der Optimierung von Verwaltungsprozessen: Durch den Einsatz von KI-Technologien können Bildungseinrichtungen ihre Angebote verbessern und eine inklusive und effektive Lernumgebung begünstigen. Schon heute tasten sich viele von uns an die beste Nutzung heran. Fragen und Befehle, die sogenannten Prompts, werden zwar selten strukturiert miteinander geteilt. Neuerungen und erfolgreiche Erlebnisse bei der Nutzung von KI werden in den Teams aber schnell und offen untereinander ausgetauscht. Und auch zum Brainstorming eignet sich ChatGPT. Bitten um Titelvorschläge oder Methoden können zu spannenden und weiterverwendbaren Ergebnissen führen.
Da die Preise kostenpflichtiger Bilder für Seminare oder Veröffentlichungen meist die Budgets von Einrichtungen der politischen Bildung übersteigen, greifen diese vermehrt auch auf bildgenerierende KI-Instrumente zurück. Dall-E, Adobe Firefly, Midjourney, Leonardo AI und die KI-Unterstützung bei Canva (und auch in MS PowerPoint) wurden hierbei genannt. In der Öffentlichkeitsarbeit werden Bildbeschreibungen bei einigen Einrichtungen mit Bing erstellt. Nach dem Upload eines Bildes erstellt die Suchmaschine eine mittlerweile beängstigend gute Bildbeschriftung und erleichtert so weiter Systematisierung und Zugang.
Die Zukunft der Bildungsverwaltung könnte sich durch den gezielten Einsatz von KI erheblich verändern. Hier winkt wirkliche Entlastung. Die (teilweise) Automatisierung von administrativen Aufgaben wie Antragstellung, Berichterstattung und Buchführung durch KI-Tools wie DeepL Write und Adobe Firefly kann schon heute die Produktivität steigern. Mittelfristig kann KI mit vereinfachter Datenanalyse praktische Unterstützung bieten für eine bessere Planung und Ressourcenallokation im Wirtschaftsplan. Dies könnte dazu beitragen, Budgets besser zu planen oder Kursangebote bedarfsgerechter zu gestalten. Im besten Fall würde dies in der Verwaltung Zeit und Ressourcen für pädagogische Aufgaben freisetzen und gleichzeitig die Qualität der administrativen Arbeit verbessern. Unabdingbar ist es aber, auch in administrativen Dimensionen ethische Aspekte im Auge zu behalten. Datenschutzbedenken und die Verantwortung im Umgang mit sensiblen Daten sollten bei der Implementierung von KI-Systemen in der Bildungsverwaltung berücksichtigt werden. Klare Richtlinien und Standards sind erforderlich, um sicherzustellen, dass die Privatsphäre von Teilnehmenden und aller Kolleg*innen in Verwaltung und pädagogischen Einheiten geschützt wird.
Fazit
Gerade in der Diskussion über KI sollten Wunschbilder mit der Realität abgeglichen werden. Was sind die Versprechen, die wir uns in Tagungsstätten, Europahäusern und Orten der politischen Bildung machen? Was sind Herausforderungen und was kritische Punkte? Die gefährliche Wiederholung und Verstärkung von Stereotypen, die Abhängigkeit von großen Unternehmen und die Sorgen um Datenschutz fallen uns allen ein, wenn wir an die Schattenseiten von KI denken. Bemerkenswert sind im Vergleich dazu die positiven Aspekte, die in den Interviews durchweg betont wurden. KI kann dazu beitragen, die Inklusion und Vielfalt unserer Einrichtungen zu verbessern. Sie kann Effizienz steigern und uns assistieren. In diesem Spannungsfeld hat der Artikel praktische Beispiele und konkrete Anwendungen von KI vorgestellt. Denn in Form von Instrumenten zur Erstellung von Lehrmaterialien, zur Verbesserung der Barrierefreiheit und zur Optimierung von Verwaltungsprozessen gibt es schon heute ein breites Spektrum an Angeboten. Durch die gezielte Integration von KI-Technologien können Prozesse effizienter gestaltet und unsere Arbeit erleichtert werden. Überflüssig wird die Arbeit in der außerschulischen Bildung dadurch nicht, aber vielleicht intelligenter.
Zum Autor

christian.johann@eab-berlin.eu
Die Interviewpartner*innen
Tanja Berger, Bildungsreferentin, HochDrei e. V. – Bilden und Begegnen in Brandenburg, Potsdam; www.hochdrei.org
Annette Ullrich, Referentin Fachbereich Neue Medien, Stiftung wannseeFORUM, Berlin, https://wannseeforum.de
Khrystyna Miftakhov, Studienleiterin, und Manuel Knapp, Studienleiter; Europäische Akademie Berlin, www.eab-berlin.eu