Demokratiebildung Jugendlicher im Fokus
Politische Bildung soll Bürger*innen befähigen, politische Prozesse zu verstehen, kritisch zu reflektieren und sich aktiv am demokratischen Leben zu beteiligen. Besonders Jugendliche stehen im Fokus, da ihre Einstellungen und Beteiligungsformen die Zukunft demokratischer Systeme prägen. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wie Politische Bildung gestaltet sein muss, um junge Menschen in einer sich wandelnden politischen und medialen Umgebung zu erreichen.
Die Studie „Wie sich Jugendliche Demokratie vorstellen“ (Straub et al. 2024) des Demokratiezentrums Wien untersucht politische Einstellungen und Demokratievorstellungen Jugendlicher mit dem Ziel, daraus Impulse für eine bedarfsorientierte Politische Bildung abzuleiten. Theoretisch knüpft sie an demokratietheoretische Ansätze (vgl. Himmelmann 2002) sowie das Konzept des Bürger*innenbewusstseins (vgl. Lange 2008) an und versteht Demokratie als politische, gesellschaftliche und lebensweltliche Praxis.
Die Ergebnisse zeigen ein heterogenes politisches Interesse bei insgesamt geringem Engagement. Gleichzeitig verbinden viele Jugendliche Demokratie mit Mitbestimmung, Freiheit und Wahlen. Daraus wird eine Typologie politischer Involvierung entwickelt, die verdeutlicht, dass Politische Bildung stärker an Lebenswelten, Interessen und Beteiligungsmöglichkeiten anknüpfen muss.

Politische Bildung soll Bürger*innen befähigen, politische Prozesse zu verstehen, kritisch zu reflektieren und sich aktiv am demokratischen Leben zu beteiligen.
Im aktuellen Nationalen Bildungsbericht für Österreich stellen Dirk Lange, Lara Kierot, Britta Breser und Wolfgang Beutel (2024) in ihrem Beitrag mit dem Titel „Demokratiebildung. Konzepte, Strategien und Perspektiven“ zwar die wachsende Zahl empirischer Studien fest, verweisen jedoch auf weiterhin bestehende Forschungslücken. Insbesondere fehlt es an kontinuierlichem Monitoring sowie an differenzierten Untersuchungen dazu, wie Jugendliche Demokratiebildung konkret erleben. Hier setzt die vorliegende Studie an und leistet einen empirischen Beitrag zur Schließung dieser Lücke.
Fachdidaktische Einordnung
Anknüpfend an die bisherigen Überlegungen arbeitet die Studie mit einem subjektorientierten lerntheoretischen Ansatz. Lernende werden als aktive Akteur*innen verstanden, die eigene Perspektiven und Handlungsideen in den Lernprozess einbringen. Im Fokus stehen Jugendliche, deren Demokratievorstellungen als Ausgangspunkt politischer Mündigkeitsentwicklung dienen. Insbesondere im qualitativen Teil kommt den subjektiven Vorstellungen eine zentrale Bedeutung für Bildungswirksamkeit zu. Grundlage ist die didaktisch motivierte Vorstellungsforschung, die diese empirisch erfasst und analysiert.
Subjektive Vorstellungen sind mentale Modelle, also Gedanken zu einem bestimmten Phänomen oder Sachgebiet (vgl. Kattmann 2005 nach Klee 2008), die gesellschaftlich-politische Wirklichkeit strukturieren. Sie bilden „gedankliche Dispositionen und Bedingungsgefüge“ (ebd., S. 26) und stellen wichtige Lernpotenziale dar, da Lernende ihre Vorstellungen in politische Bildungsprozesse einbringen (vgl. Kleinschmidt/Lange 2016).
Zugleich erfüllen sie eine zentrale Sinnbildungsfunktion im Kontext von „Verstehen und Zuschreibung von Bedeutungen“ (Flick 2005, S. 155). Sie ermöglichen es, politische Sachverhalte als plausibel zu erfassen, und fördern Orientierungs-, Urteils-, Kritik- und Handlungsfähigkeit.
Darüber hinaus rahmen subjektive Vorstellungen Lernprozesse als Ausgangspunkt und Ergebnis (vgl. Autorengruppe Fachdidaktik 2017). Sie werden im Lernprozess aufgegriffen, weiterentwickelt und transformiert. Politische Bildung sollte daher darauf abzielen, vorhandene Vorstellungen zu aktivieren und zu differenzieren (vgl. Lange 2011).
Schließlich leisten sie einen Beitrag zur kritischen Gesellschaftsanalyse, da sie neben individuellen, auch gesellschaftliche Prägungen, Diskurse und Hegemonien widerspiegeln (vgl. Bauer 2012).
Im Folgenden wird dieser Zugang weiter konkretisiert und mit den empirischen Ergebnissen der Studie verknüpft.
Vorstellung der Studienergebnisse
Im Rahmen der Studie „Wie sich Jugendliche Demokratie vorstellen“ (Straub et al. 2024) wurden in einer ersten Forschungsphase quantitative Daten zur politischen Einstellung Jugendlicher analysiert. Als Grundlage diente der European Social Survey (2012; ESS6), dessen Ergebnisse durch eine Straßenbefragung unter 100 Jugendlichen im Alter von 15 bis 19 Jahren in Wien ergänzt wurden. Diese quantitative Feldsondierung wurde durch eine umfassende Literaturrecherche zu demokratietheoretischen Ansätzen, politischem Interesse, Bürger*innenbewusstsein und politischer Beteiligung ergänzt. Auf dieser Basis wurde eine induktiv-deduktive Typenbildung (vgl. Kuckartz 2018) politischer Involvierung entwickelt. Zentrale Analysefaktoren waren dabei politisches Interesse und politisches Engagement.
Die Ergebnisse zeigen zunächst Unterschiede im politischen Interesse. Im European Social Survey gaben lediglich 24 % der Befragten an, politisch interessiert zu sein, während 76 % ein geringes oder kein Interesse äußerten. Die Wiener Straßenbefragung ergab hingegen ein etwas ausgewogeneres Bild: Hier bezeichneten sich 53,5 % der Jugendlichen als eher oder sehr politisch interessiert, während 46,5 % angaben, kaum oder kein Interesse an Politik zu haben. Das durchschnittliche politische Interesse lag auf einer Skala von 0 bis 10 bei einem Wert von 4,63 und damit knapp unter dem Mittelwert.

Auch im Bereich des politischen Engagements zeigen sich vergleichsweise niedrige Beteiligungswerte. Im European Social Survey (ESS6) berichteten zwischen zwei und 12,9 % der Befragten, in den vergangenen zwölf Monaten an politischen Aktivitäten teilgenommen zu haben. Am häufigsten wurde dabei das Unterzeichnen einer Petition genannt, während nur zwei Prozent angaben, aktiv in einer politischen Partei oder Aktionsgruppe mitgearbeitet zu haben. Die Wiener Straßenbefragung ergab, dass rund 19 % der Jugendlichen politisch aktiv sind. Als Formen politischen Engagements wurden insbesondere Mitgliedschaften in Jugendorganisationen politischer Parteien, zivilgesellschaftlichen Organisationen oder Vereinen sowie die Teilnahme an politischen Veranstaltungen, etwa Demonstrationen oder Informationsveranstaltungen, genannt.

In einer zweiten Forschungsphase wurden die quantitativen Ergebnisse durch qualitative Methoden vertieft. Dazu wurden narrative Interviews (vgl. Schütze 1983) mit Schüler*innen der Sekundarstufe II geführt und mithilfe einer qualitativen Inhaltsanalyse (vgl. Kuckartz 2018) ausgewertet.
Die Auswertung der Interviews erfolgte entlang thematischer Hauptkategorien, die aus dem Leitfaden abgeleitet und durch induktiv entwickelte Themen und Subthemen ausdifferenziert wurden. Insgesamt zeigt sich ein vielschichtiges Bild, wie sich Jugendliche Demokratie vorstellen, das durch Ambivalenzen zwischen Interesse, Distanz und eingeschränkter Handlungsmacht geprägt ist.
Das politische Interesse der Befragten variiert stark: Während ein Teil zunehmendes Interesse mit steigendem Alter beschreibt, berichten andere von abnehmender Motivation oder genereller Distanz. Schule wird dabei als zentraler, jedoch teilweise unzureichender Ort politischer Sozialisation wahrgenommen.
Die (Un-)Zufriedenheit mit Politik speist sich insbesondere aus Kritik an parteipolitischen Akteur*innen, mangelnder Repräsentation sowie wahrgenommener Korruption. Gleichzeitig äußern einige Befragte Zufriedenheit, insbesondere in Bezug auf sozialstaatliche Aspekte. Häufig zeigt sich jedoch ein Gefühl begrenzter Einflussmöglichkeiten und fehlender Perspektiven.
Auch die Auseinandersetzung mit Politik wird durch strukturelle und subjektive Barrieren beeinflusst, etwa fehlendes Wahlrecht, als gering wahrgenommene Wirksamkeit oder mangelnde Ansprache jugendspezifischer Themen. Unzufriedenheit kann zugleich ein Motiv für verstärkte Beschäftigung darstellen.
Das soziale Umfeld – insbesondere Familie und Freund*innen – spielt eine zentrale Rolle für politische Meinungsbildung, wobei sowohl förderliche als auch begrenzende Einflüsse sichtbar werden.
Inhaltlich fokussieren sich die Jugendlichen auf Themen wie Antidiskriminierung, Gender, Bildung, Nachhaltigkeit und demokratische Grundprinzipien. Besonders die Politische Bildung wird als ausbaufähig kritisiert.
Die Partizipationsformen bleiben überwiegend niedrigschwellig und alltagsnah (z. B. schulische Mitbestimmung, Diskussionen), während formalisierte Beteiligung (Parteien, Organisationen) selten ist. Demonstrationen werden ambivalent bewertet.
Die Wahrnehmung eigener Einflussmöglichkeiten ist häufig von Ohnmachtsgefühlen geprägt, wobei kollektives Handeln und soziale Medien als potenzielle Handlungsräume gesehen werden. Zugleich zeigt sich ein erweitertes Politikverständnis, das auch alltägliche Praktiken einschließt.
Das soziale Umfeld – insbesondere Familie und Freund*innen – spielt eine zentrale Rolle für politische Meinungsbildung, wobei sowohl förderliche als auch begrenzende Einflüsse sichtbar werden.
Im Demokratieverständnis verbinden die Befragten normative Zustimmung (z. B. Freiheit, Mitbestimmung) mit kritischen Perspektiven, etwa hinsichtlich Repräsentation, Bürokratie oder struktureller Ungleichheiten. Teilweise werden auch alternative oder idealisierte Gesellschaftsmodelle reflektiert.
Insgesamt wird Demokratie mehrheitlich als geeignetes System bewertet, jedoch unter der Bedingung stärkerer Bürger*innenbeteiligung, Transparenz und tatsächlicher Einflussmöglichkeiten.
Auf Grundlage der empirischen Ergebnisse konnten verschiedene Politik-Involvierungstypen identifiziert werden. Diese ergeben sich aus der Kombination der beiden zentralen Dimensionen politisches Interesse und politisches Engagement.
- Typ 1: politisch interessiert und inaktiv – Politisch interessiert, jedoch ohne Engagement. Förderung durch handlungsorientierte, lebensweltnahe Politische Bildung, die Partizipationsmöglichkeiten aufzeigt und Motivation zur aktiven Beteiligung stärkt.
- Typ 2: politisch interessiert und aktiv – Politisch interessiert und engagiert. Vertiefung durch kritische, kreative und reflexive Bildungsansätze, die differenzierte Auseinandersetzung fördern und weitere Beteiligung am politischen Diskurs unterstützen.
- Typ 3: nicht politisch interessiert und inaktiv – Weder interessiert noch aktiv. Aktivierung durch lebensweltnahe, wissens- und begegnungsorientierte Zugänge, die Relevanz von Politik im Alltag aufzeigen und erste Partizipationserfahrungen ermöglichen.
Zwischen Interesse und Engagement: Konsequenzen für Demokratiebildung
Zusammenfassend zeigt die Studie, dass eine bedarfsorientierte Politische Bildung einen wichtigen Beitrag dazu leisten kann, Jugendliche für politische Themen zu sensibilisieren und zur politischen Teilhabe zu motivieren.
Außerschulische Politische Bildung kann ihre Stärke darin entfalten, an Alltagserfahrungen anzuknüpfen, Erfahrungsräume für Partizipation zu schaffen und informelle Lernprozesse zu fördern.
Anknüpfungspunkte für die außerschulische Politische Bildung zeigen sich vor allem im konsequent subjektorientierten Zugang. Indem die Studie die Demokratievorstellungen und Politikeinstellungen Jugendlicher empirisch rekonstruiert, liefert sie eine fundierte Grundlage für die zielgruppenspezifische Gestaltung von Bildungsangeboten. Für die außerschulische Praxis ist besonders bedeutsam, dass politisches Interesse und Engagement nicht selbstverständlich miteinander einhergehen. Die entwickelte Typologie politischer Involvierung ermöglicht es, unterschiedliche Zielgruppen differenziert anzusprechen – etwa durch niedrigschwellige Zugänge für wenig interessierte Jugendliche oder durch aktivierende Formate für bereits engagierte junge Menschen. Zugleich unterstreichen die Ergebnisse die zentrale Bedeutung lebensweltorientierter Ansätze: Außerschulische Politische Bildung kann ihre Stärke darin entfalten, an Alltagserfahrungen anzuknüpfen, Erfahrungsräume für Partizipation zu schaffen und informelle Lernprozesse zu fördern. Gerade hier bietet sie besondere Potenziale, um politische Selbstwirksamkeit zu stärken und demokratische Handlungskompetenzen zu entwickeln. Nicht zuletzt macht der Beitrag deutlich, dass subjektive Vorstellungen nicht nur Ausgangspunkt, sondern auch Ziel Politischer Bildung sind. Für die außerschulische Bildungsarbeit bedeutet dies, Lernprozesse dialogisch zu gestalten, bestehende Deutungen aufzugreifen und gezielt weiterzuentwickeln. Damit liefert der Beitrag wichtige Impulse für eine differenzierte, inklusive und partizipationsorientierte Demokratiebildung.
Zu den Autor*innen

straub@demokratiezentrum.org



Foto: Barbara Mair