Ein Projekt zur Förderung trans*, inter* und nichtbinär-inklusiver Sportangebote
Dem Breitensport, insbesondere in Vereins- und Teamkontexten, wird allgemein eine große integrative, entwicklungsunterstützende, gesundheitsfördernde und gemeinschaftsstiftende Kraft zugeschrieben. Gerade für Kinder und Jugendliche wird Sport als positiver Einflussfaktor auf die körperliche, psychische und soziale Entwicklung angesehen (vgl. z. B. Diehl/De Bock/Schneider 2014). Doch gilt dies nicht uneingeschränkt, denn Sporträume sind auch durch Ausschlüsse charakterisiert. Befördert durch das Wirken heteronormativer Wertvorstellungen entstehen diese unter anderem in Bezug auf die Dimension „Geschlecht“ (vgl. Krell/Oldemeyer 2018, S. 27 ff.).
Studien zeigen, dass queere – und ganz besonders trans*, inter* und nichtbinäre (TIN) – Personen Trans* ist ein Sammelbegriff für Personen, die nicht – oder nicht immer – das Geschlecht sind, das ihnen bei der Geburt zugeschrieben wurde. Trans* Menschen können sowohl binär (Mann oder Frau), als auch nichtbinär sein. Nichtbinäre Personen sind nicht, nicht immer oder nicht ausschließlich Mann oder Frau. Inter* oder intergeschlechtliche Personen haben angeborene körperliche Geschlechtsmerkmale, die von der Medizin nicht als typisch männlich oder weiblich eingeordnet werden. Informationen zu diesen und weiteren Begriffen sind im Glossar der weiter unten erwähnten Handreichung enthalten. im Sport mit Vorurteilen, Ausgrenzung und Ungleichbehandlung konfrontiert sind. So berichten die Autor*innen der OUTSPORT Studie: „Ein Fünftel der Befragten fühlt sich aufgrund der sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität von bestimmten Sportarten ausgeschlossen. Trans* Personen fühlen sich insgesamt deutlich häufiger ausgeschlossen (56 %).“ (Hartmann-Tews/Braumüller/Menzel 2019, S. 6)
Zu vergleichbaren Erkenntnissen kommt auch eine Befragung des Erasmus+ Projekts Sport for All Genders and Sexualities (2023), in welchem Daten in mehreren europäischen Ländern, u. a. in Deutschland, erhoben wurden. Neben dem Umstand, dass aus der Gruppe der queeren Sportler*innen TIN-Personen in besonders hohem Maß über Diskriminierung und (strukturelle) Ausschlüsse berichten, lässt ein Blick in die Ergebnisse der Studie auch vermuten, dass es vielen Befragten an Wissen zu dem Themenkomplex fehlt. So merken die Autor*innen an, dass unter den Befragten deutlich mehr Zustimmung zu Stereotypen über TIN Athlet*innen formuliert wird, als zu Stereotypen über Frauen und Männer oder schwule, lesbische und bisexuelle Menschen im Sport. Dies geht einher mit einem im Vergleich größeren Anteil von Befragten, die angeben, nicht zu wissen, ob ein bestimmtes Stereotyp zutrifft oder nicht (vgl. Braumüller/Schlunski/Hartmann-Tews 2023, S. 40). Beide Studien deuten damit auf einen Bedarf für Informationen und Aufklärung über TIN-Personen im Sport hin.

Das über einen Zeitraum von 11 Monaten von der Stadt Köln geförderte Projekt „Yes, we’re open! Sensibilisierung in Kölner Sporteinrichtungen“, durchgeführt von kubiq – Raum für queere Bildung, verfolgte das Ziel, durch die Erarbeitung und Bereitstellung konkreter und möglichst niedrigschwelliger Handlungsempfehlungen und Praxisbeispiele einen Beitrag zur Verbesserung dieser Situation zu leisten und so die Teilhabe von TIN-Personen im organisierten Sport zu erleichtern. Die Materialien richten sich an Trainer*innen und Übungsleitungen, an in Sportvereinen Tätige (z. B. in der Mitgliederverwaltung oder Kommunikation), an selbstorganisierte Sportgruppen und interessierte Sportler*innen. Die Materialien sollen den Einstieg in die Thematik erleichtern und Leser*innen zeigen, dass auch kleine Schritte und Maßnahmen schon für mehr Teilhabe von TIN-Personen im Sport sorgen können.
Was sagen eigentlich …? Befragung und Interviews zum Projektstart
Um die Schwerpunktsetzung für die zu erarbeitenden Informationsmaterialien zu erleichtern, wurden im Projekt neben einer Literaturrecherche in geringem Umfang Daten erhoben: In einem Fokusgruppeninterview berichteten TIN-Personen aus dem Kölner Raum von ihren Erfahrungen, Wünschen und Bedarfen im Hinblick auf organisierten Sport. Ergänzend wurden in einer nicht-repräsentativen Onlinebefragung Erfahrungen und Informationsbedarfe von in Sportbetrieben tätigen Personen erhoben. An dieser Umfrage haben ca. 70 Personen teilgenommen. Nach Bereinigung der Daten konnten 47 gültige Fragebögen ausgewertet werden.
TIN-Personen im Gespräch
Die Teilnehmer*innen des Gruppeninterviews berichteten von negativen Erfahrungen, wie z. B. Anstarren, abfällige Bemerkungen und Konfrontationen in geschlechtergetrennten Räumen oder Gruppen (Absprechen der Berechtigung, sich dort aufzuhalten). Durch das Ausbleiben struktureller Veränderungen waren sie immer wieder genötigt, sich und ihre Identität zu erklären, etwa in Bezug auf den Namen, die Pronomen oder die Nutzung von Umkleiden und Toiletten.
Abgeleitet aus ihren Erfahrungen formulierten die Interviewteilnehmer*innen den Wunsch nach geschlechtsneutralen Umkleide- und Duschmöglichkeiten, nach Toiletten zur Einzelnutzung sowie die Möglichkeit der selbstbestimmten Wahl von Sanitäranlagen. Personal müsse für das Thema „geschlechtliche Vielfalt“ ausreichend sensibilisiert sein und aktiv Verantwortung für den angebotenen Raum übernehmen, also z. B. bei Diskriminierung einschreiten. Diese Verantwortungsübernahme solle deutlich nach außen sichtbar gemacht werden, etwa über aushängende Leitlinien, aber auch niedrigschwellig, etwa durch das Anbringen von Pride-Fahnen oder die Nutzung genderbewusster Sprache.
Erfahrungen und Informationsbedarfe in Sportbetrieben
In der Online-Umfrage gaben Mitarbeiter*innen in Sportbetrieben an, dass das Geschlecht der in ihren Einrichtungen aktiven Sportler*innen vor allem in folgenden Kontexten relevant ist:
- Organisation der Nutzung von Duschen oder Umkleiden,
- Anmeldung als Mitglied oder Kurseinschreibung,
- Planung von passender Ausrüstung,
- Zielgruppen-Ansprache über Marketingkanäle oder bei der direkten Anrede.
29 % der Befragten hatten bereits bewusst Begegnungen mit TIN-Personen im Rahmen ihrer Tätigkeit und 14 % berichteten, Zeug*in TIN-feindlicher Äußerungen geworden zu sein. Die Teilnehmenden bekundeten für alle zur Auswahl gestellten Themen recht gleichmäßig ein großes bis sehr großes Interesse, sodass allen genannten Themen in den Informationsmaterialien Raum gegeben wurde.
Handlungsimpulse und Reflexion: Ein Blick in die „Yes, we’re open!“ Materialien
Primäre Ergebnisse des Projekts „Yes, we’re open!“ sind ein Flyer und eine Handreichung, die zum Download auf der kubiq-Webseite bereitstehen (https://kubiq-bildung.de/yes-open). Zugriff auf diesen und alle weiteren in diesem Beitrag genannten Links: 13.01.2025. Die Handreichung enthält einführende Informationen, Tipps und Empfehlungen für ein TIN-inklusives Sportumfeld. Der Flyer erfüllt zwei Funktionen: Er macht auf die Handreichung und deren Inhalte aufmerksam und erklärt, warum es diese Materialien überhaupt braucht. Der Flyer kann zudem ausgehängt werden und so auch als Signal für die Haltung des Sportbetriebs an TIN-Personen fungieren.

Wo fangen wir an? Fünf Grundsätze zum Einstieg
Die in der Handreichung zur Umsetzung vorgeschlagenen und empfohlenen Maßnahmen sind eng mit den folgenden Grundsätzen verwoben. Werden diese beherzigt, können sie zu einem insgesamt offenen und respektvollen Miteinander im Sportbetrieb beitragen und so das Klima für alle – nicht nur TIN-Personen – verbessern.
Selbstbestimmung respektieren: Jede TIN-Person kann selbst entscheiden wie, wann und ob sie sich outen will. Unter keinen Umständen sollte ein erzwungenes oder ein unabgesprochenes Outing gegenüber Dritten erfolgen. Wenn es geschlechtergetrennte Teams oder Gruppen gibt, entscheiden TIN-Personen selbst, welches Team das richtige für sie ist. Das gleiche gilt für die Sanitäranlagen. Sportbetriebe sollten diese Entscheidungen respektieren und aktiv durch Aufklärung unterstützen, wenn nötig.
Feedback annehmen: Es kann immer wieder vorkommen, dass im Umgang mit TIN-Personen etwas schiefläuft, z. B. in der Anrede. Auch wenn es aus Unwissen und ohne böse Absicht passiert, kann ein solches Versehen trotzdem verletzend sein. Wenn TIN-Personen in einem solchen Fall Rückmeldung geben, die Wortwahl korrigieren, oder um ein anderes Verhalten bitten, sollte das Gegenüber hierauf nicht abwehrend reagieren. Ein kurzes „Danke für deine Rückmeldung. Ich achte zukünftig darauf“, gibt TIN-Personen das Gefühl, ernstgenommen zu werden.
Transparenz schaffen: Ein TIN-inklusiveres Umfeld entsteht nicht über Nacht. Auch TIN-Personen wissen, dass diese Prozesse Zeit brauchen. Sporteinrichtungen sollten aber nach außen deutlich machen, ob und wie sie sich derzeit mit dem Thema „geschlechtliche Vielfalt“ beschäftigen und welche Maßnahmen geplant oder in der Umsetzung sind. Es ist schon hilfreich, Transparenz über den Status quo herzustellen: Was gibt es bereits, was fehlt noch? (Siehe https://kubiq-bildung.de/yes-open für eine Checkliste zur Unterstützung dieser Bestandsaufnahme).
Queer-/TIN-Freundlichkeit sichtbar machen: Queere Symbole, wie z. B. die Progress Pride oder Trans* Pride Flagge, auf der Webseite, auf Namensschildern und im Eingangsbereich der Sporteinrichtung signalisieren, dass TIN-Personen willkommen sind. Aushänge zum gewünschten Umgang miteinander, ein Awareness-Konzept oder eine Ansprechperson für Antidiskriminierung zeigen nach außen, dass die Einrichtung sich um einen sensiblen und unterstützenden Umgang mit TIN-Personen und anderen marginalisierten Gruppen bemüht.
Sporteinrichtungen sollten nach außen deutlich machen, ob und wie sie sich derzeit mit dem Thema „geschlechtliche Vielfalt“ beschäftigen und welche Maßnahmen geplant oder in der Umsetzung sind.
Wissenslücken proaktiv und selbstorganisiert schließen: TIN-Personen sind häufig in der Situation, sich erklären zu müssen. Dies ist auf Dauer sehr belastend. Deswegen sollten Sporteinrichtungen und -gruppen sich in Eigeninitiative zum Themenkomplex geschlechtliche Vielfalt weiterbilden. Es gibt eine Vielzahl von Bildungs- und Beratungsangeboten, die dafür genutzt werden können. Die Handreichung nennt Beispiele und Ansprechstellen.
Themen der Handreichung
Inklusive Sprache: Die Verwendung geschlechtsbewusster Sprache ist ein wichtiges Signal für TIN-Personen. Sowohl in der direkten Kommunikation, etwa im Training, als auch in der allgemeinen Ansprache von Zielgruppen auf Webseiten, Social Media oder in einem Newsletter: (An-)Sprache spielt eine große Rolle dabei, ob TIN-Personen sich angesprochen und angenommen fühlen. Insbesondere für nichtbinäre Personen ist eine Sprache, die nur auf Männer und Frauen Bezug nimmt, ausschließend. Das Kapitel erklärt die Hintergründe und klärt auf: Wie kann ich Personen und Gruppen ohne Geschlechtszuschreibung ansprechen? Was sind nochmal Pronomen und wie kann ich am besten eine Vorstellungsrunde gestalten?
Formulare, Anträge und Mitgliedsverwaltung: Eine Anmeldung oder ein Vereinsbeitritt sind oft Voraussetzung für die Teilnahme an sportlichen Aktivitäten. Sie können für TIN-Personen aber sehr anstrengend und ausschließend sein: Was zum Beispiel, wenn der selbstgewählte Name und der korrekte Geschlechtseintrag (noch) nicht in den offiziellen Dokumenten stehen? Das Kapitel erläutert u. a.: Wie können Anmeldeformulare aussehen und wie kann, falls notwendig, der Geschlechtseintrag abgefragt werden?
Team- und Gruppen-Aufteilung: Die übliche und vermeintlich einfache Unterscheidung in Frauen- und Männergruppen schafft Barrieren für TIN-Personen, da sie oft nicht wissen, in welcher Gruppe sie willkommen sind. Sportbetriebe sollten TIN-Personen selbstbestimmt entscheiden lassen, in welcher Gruppe oder in welchem Team sie Sport treiben wollen und dies klar nach außen kommunizieren. Gleichzeitig müssen sie dafür sorgen, dass mögliche Konflikte mit cisgeschlechtlichen Vereins-, Team- oder Gruppenmitgliedern durch Aufklärung vermieden oder gelöst werden.

Umgang mit Fehlern und diskriminierendem Verhalten (auch als Bystander*in): Fehler und diskriminierendes Verhalten, z. B. das Misgendern einer Person, sind oft keine böse Absicht, sondern ein Versehen. Dennoch sollten sie nicht ignoriert werden oder unerwidert bleiben, da sie für die Betroffenen verletzend sind und dazu führen können, dass TIN-Personen dem Sport komplett den Rücken kehren. Das Kapitel zeigt auf, wie wir reagieren können, wenn wir selbst auf einen Fehler aufmerksam gemacht werden, oder wie wir reagieren können, wenn wir Zeug*in von Transfeindlichkeit und anderer Diskriminierung werden.
Toiletten, Umkleiden, Duschen: Nach Geschlecht getrennte Umkleiden und Sanitärräume sind für solche TIN-Personen, deren Aussehen, körperliche Merkmale oder Habitus nicht der gesellschaftlichen Vorstellung von männlich oder weiblich entsprechen, keine sicheren Räume. Bauliche Veränderungen sind oft nicht einfach möglich, aber übergangsweise können schon kleinere Veränderungen die Situation verbessern. Zum Beispiel: die Schiedsrichter*innen-Kabine als Umkleideraum anbieten, Spinde außerhalb der Umkleiden aufstellen oder die Verwendung der Duschampel von sichtbar*sportlich für geschlechtliche und sexuelle Vielfalt im Sport etablieren (https://sichtbar-sportlich.de/umkleide-und-duschampel). Auch hier ist es wichtig, den Status quo – zusammen mit möglichen Planungen – nach außen transparent zu machen.
Bekleidung: Bikini oder Badehose im Schwimmbad, Rock oder Hose beim Hockey, unterschiedliche Hosenlängen und Trikotschnitte beim Volleyball – oft wird bei der Sportbekleidung in Männer- und Frauenkleidung unterschieden. Welche Kleidung eine Person tragen darf, kann – insbesondere bei Wettkämpfen und im Ligabetrieb – durch Regeln und Vorschriften festgelegt sein. Aber auch ohne solche Regelungen gibt es eine bestimmte gesellschaftliche Erwartung, wer welche Art von Kleidung tragen kann. Für TIN-Personen kann die implizite und ggf. falsche Geschlechtszuordnung über die Kleidung belastend sein. Die eigene passende Sportbekleidung sollte jede Person selbst wählen dürfen. Sportangebote sollten im Vorfeld klar kommunizieren, welchen Anforderungen die Kleidung genügen muss (z. B. bestimmtes Material) und dass die Sportler*innen im entsprechenden Rahmen frei sind, selbst zu entscheiden, was sie genau tragen.
Die Handreichung schließt mit zwei kurzen Inputs zum Thema „Wettkampf“ und „Diskriminierungssensibler Umgang mit Kindern und Jugendlichen“ sowie einer Zusammenstellung zitierter und weiterführender Literatur.
Den Flyer und die Handreichung zum Download finden Sie unter https://kubiq-bildung.de/yes-open. Die Checkliste „Zugänglichkeit von Sportangeboten und Sportstätten“ kann hier abgerufen werden: https://kubiq-bildung.de/wp-content/uploads/2024/12/checkliste_ausfuellen.odt. Möchten Sie Druckexemplare des Flyers bestellen, ist das hier möglich: info@kubiq-bildung.de.
Zu den Autor*innen
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