Gedanken zur Bedeutung von Vertrauen in der politischen Bildungsarbeit mit von Mehrfachdiskriminierung betroffenen Zielgruppen
Wenn Vertrauen schwerfällt
Unsere Zielgruppen haben häufig bereits vielfältige Vertrauensbrüche erlebt – sei es im Bildungssystem, in ihren Familien, durch Behörden oder durch gesellschaftliche Stigmatisierung. Diese Erfahrungen prägen sie tief. Wer immer wieder erlebt, dass Erwartungen enttäuscht werden, Mitsprache folgenlos bleibt oder Engagement ins Leere läuft, entwickelt eine Skepsis – oder gar ein grundlegendes Misstrauen. Es ist deshalb nicht verwunderlich, wenn uns in Seminaren Aussagen begegnen wie: „Politik ist eh nichts für mich – daran verdienen nur Politiker und Unternehmen!“
Unsere Teilnehmenden wachsen in einem selektiven und leistungsorientierten Schulsystem auf, das sie strukturell und institutionell benachteiligt. Ihre Lebensrealität ist geprägt von Konkurrenzdruck, Perspektivlosigkeit und mangelnder Unterstützung. Sie erfahren jeden Tag, dass Bildung nicht für alle gleich zugänglich ist und dass soziale Herkunft, Migrationsgeschichte oder Geschlechterzuschreibungen über Erfolg und Scheitern mitentscheiden. Oftmals verfügen sie oder Familienangehörige weder über die deutsche Staatsangehörigkeit noch über einen gesicherten Aufenthaltsstatus.
Unter solchen Bedingungen Vertrauen in den Staat oder in demokratische Strukturen zu entwickeln, ist eine Herausforderung. Und das nicht, weil es diesen jungen Menschen an politischem Interesse mangelt – im Gegenteil: Viele unserer jugendlichen Teilnehmenden sind gerade aufgrund ihrer Erfahrungen hochpolitisch, aber sie erleben, dass sie mit ihren Anliegen nicht gehört werden und dass ihre Perspektiven im öffentlichen Diskurs nicht vorkommen.
Demokratievertrauen trotzdem stärken
Ein Teil unserer Aufgabe ist es deshalb, diese Widersprüche nicht zu übergehen, sondern sie zum Ausgangspunkt der gemeinsamen Arbeit zu machen. Vertrauen entsteht nicht durch das Beschwören der Demokratie als Ideal, sondern durch eine Auseinandersetzung mit Demokratie als ein veränderlicher Prozess. Wenn unsere Teilnehmenden erleben, dass ihre Kritik Raum bekommt, dass sie Fragen stellen dürfen, dass sie Dinge anders sehen dürfen und dabei nicht sanktioniert werden, dann beginnt ein Prozess, der Vertrauen wachsen lässt. Dazu gehört auch, dass wir über Macht sprechen: über strukturelle Ausschlüsse, über Privilegien, über Benachteiligung – und ebenso über Handlungsspielräume.

Gerade, weil Vertrauen keine Selbstverständlichkeit ist, bekommt es in unserer Arbeit ein zentrales Gewicht. Politische Bildung muss für diese Jugendlichen in erster Linie ein sicherer Raum sein, in dem ihre Erfahrungen nicht relativiert, sondern anerkannt werden. Ein Raum, in dem sie sich öffnen können – nicht, weil wir sie dazu überreden, sondern weil sie selbst spüren, dass sie ernst genommen werden. Es sind Momente, in denen sie erfahren: „Ich bin nicht allein mit meinen Erfahrungen. Und das, was ich erlebe und denke ist politisch.“
Welche Methoden können dabei helfen?
Viele der spannendsten Momente in unseren Seminaren entstehen, wenn Jugendliche merken, dass auch andere ähnliche Wünsche oder Sorgen haben. Methoden, bei denen es darum geht, sich mit den eigenen Vorstellungen einer „guten“ Zukunft zu beschäftigen, oder aber Gruppenmethoden zur politischen Teilhabe haben den Effekt, dass die Teilnehmenden darin bestätigt werden, dass sie mit ihren Herausforderungen und Wünschen nicht allein sind. Entscheidend ist dabei nicht, dass sofort Lösungen entstehen, sondern dass das Gefühl wächst, gemeinsam etwas bewegen zu können. Methodisch bieten sich hierbei verschiedenste Ansätze an.
Vertrauen entsteht nicht durch das Beschwören der Demokratie als Ideal, sondern durch eine Auseinandersetzung mit Demokratie als ein veränderlicher Prozess. Wenn unsere Teilnehmenden erleben, dass ihre Kritik Raum bekommt, dass sie Fragen stellen dürfen, dass sie Dinge anders sehen dürfen und dabei nicht sanktioniert werden, dann beginnt ein Prozess, der Vertrauen wachsen lässt.
Um für die eigene Positioniertheit in der Gesellschaft zu sensibilisieren und dabei gleichzeitig solidarische Allianzen zwischen den Teilnehmenden zu ermöglichen, arbeiten wir mit Anti-Bias-Methoden. Mit Methoden wie Die Geschichte(n) meines Namens, einer biografischen Übung, bei der sich die Jugendlichen mit dem Ursprung, der Bedeutung und ihren Erfahrungen mit ihren Namen auseinandersetzen, oder Identitätsmoleküle, bei der die individuelle Vielfalt aber auch Gruppenzugehörigkeiten erkundet werden, ermöglichen wir den Teilnehmenden nicht nur eine Auseinandersetzung mit sich selbst, sondern erarbeiten auch gemeinsam ein Verständnis für ein Konzept von Identität. Wichtig ist uns dabei, dass verständlich wird, dass unsere Identitäten vielfältig sind und sich nach Kontext und eigener Entwicklung verändern können, dass es selbstzugeschriebene Identitätsmerkmale und Fremdzuschreibungen gibt und schließlich, wie es zu Diskriminierung kommt, wenn Menschen auf einzelne Identitätskategorien reduziert werden. Die Methoden dienen auch dazu, sich selbst in ein Verhältnis zu anderen Menschen in der Gesellschaft zu setzen, Machtverhältnisse zu erkennen und Bündnisse zu schließen.
Um sich mit eigenen Zukunftsvorstellungen zu beschäftigen, nutzen wir zum Beispiel das Konzept vom „Guten Leben“ – auf Quechua Sumak Kawsay und auf Spanisch Buen Vivir. Diese Vorstellung, die von indigenen Bevölkerungen aus der Andenregion geprägt ist, besagt, dass alle gut leben können sollen, jedoch nicht auf Kosten von anderen Menschen oder der Natur. Mit dem Konzept geben wir einen Impuls, sich mit eigenen Vorstellungen von einem guten Leben zu beschäftigen. Wir machen zum Beispiel ein Brainstorming und sammeln Begriffe, die zu einem guten Leben dazugehören. Hier fallen dann Begriffe wie Familie, Religion, aber auch Geld oder Arbeit. Um die Jugendlichen hier zu einer Priorisierung zu bringen, kann im Anschluss eine Werteauktion durchgeführt werden. Diese Methoden führen allerdings auch schnell zu Frust, da die imaginierte „gute“ Zukunft von den Teilnehmenden als zu unrealistisch für sie selbst empfunden wird. Im Anschluss muss also überlegt werden, was es für konkrete Schritte geben müsste, um dieser Zukunft auch tatsächlich näher zu kommen. Hier ist es wichtig, Druck zu reduzieren und weg von der rein individuellen Ebene zu Forderungen nach struktureller Veränderung zu kommen. Besonders bestärkend sind Momente, in denen die Teilnehmenden erleben, dass ihre Wünsche von anderen geteilt werden.
Eine sehr spannende erfahrungsbasierte Methode ist die auf Bezavta basierende Methode Mission X-Gamma, entwickelt von unserer früheren Kollegin Dana Meyer. In einem globalen Katastrophenszenario werden die Teilnehmenden in eine Kommission berufen, die zur Rettung der Erde einen Menschen mit drei Superkräften ausstatten kann. Nur gilt es, sich zu einigen. In einer Kaskadenentscheidung kommen die Teilnehmenden von der Einzel-, zu Kleingruppen- bis hin zu einer einzigen Entscheidung in der Großgruppe. Wie sie dabei entscheiden – ob im Konsens, über Wahlen, autoritär oder vertreten durch Repräsentant*innen, bleibt dem Prozess überlassen und wird anschließend ausgewertet.
In der Auswertung schauen wir dann genau darauf: Wer hat wie entschieden? Gab es einzelne laute Entscheider*innen oder wurde gemeinsam entschieden? Wurde per Mehrheitsentscheidung gewählt oder ein Konsens ausgehandelt? Wie fühlt es sich an, repräsentiert zu werden und wie, die eigene Kleingruppe vor der Gesamtgruppe zu repräsentieren? Wir schaffen damit einerseits ein Verständnis für verschiedene Perspektiven auf die Demokratie und andererseits können Formen direkter Teilhabe ausprobiert werden. Der Abgleich mit der Realität sorgt dann allerdings oft für Frust. Aber in dieser Spannung liegt auch Potenzial. Wenn deutlich wird, dass Demokratie mehr ist als Wählen alle vier Jahre, dass es Räume für Einflussnahme gibt – und dass die Erfahrungen der Teilnehmenden Teil dieser Räume sein können – dann entsteht der Wunsch, mitzugestalten.
Mit der Methode „Ich kann …“ möchten wir den Jugendlichen zudem Vertrauen in ihr schon bestehendes politisches Wirken vermitteln. Hier geht es im Gegensatz zu der permanent vorherrschenden Fremdbewertung darum, dass sich die Teilnehmenden vergegenwärtigen, was sie eigentlich gut können und wie sie sich in ihrem Leben schon für andere eingesetzt haben. Auch kleine Momente in der Familie, der Schule oder auf dem Spiel- oder Sportplatz können hier genannt werden und bekommen Anerkennung. Ziel ist es, das eigene Vertrauen in Handlungsfähigkeit trotz bestehender Hürden zu stärken.

Energizer und kooperative Spiele wie Zombi helfen, das Gruppenvertrauen in die gemeinsame Handlungsfähigkeit zu stützen. Darüber hinaus vermitteln wir mit kreativen Methoden, wie Graffiti, der Produktion von Content für Instagram oder TikTok oder creative writing-Sessions niedrigschwellige Möglichkeiten von politischer Äußerung und Teilhabe.
Eine partizipative Seminargestaltung, bei denen Freiraum für Gestaltung und Mitsprache gegeben, aber mit Küchendiensten und anderen Aufgaben auch Verantwortung übernommen wird, trägt ebenso zu Vertrauensbildung bei.
Herausforderungen für nachhaltige Demokratiebildung
Natürlich kann ein Wochenendseminar keine strukturelle Diskriminierung auflösen. Aber es kann einen Prozess anstoßen, in dem Jugendliche beginnen, die politische Dimension ihres Alltags zu erkennen und sich darin als handlungsfähig zu erleben. Dafür braucht es Vertrauen: in uns als Team, in die Gruppe und, vielleicht am wichtigsten, in sich selbst. Vertrauen, dass die eigene Stimme zählt, dass Erfahrungen nicht abgetan werden, dass Widerspruch erlaubt ist.
Dabei sehen wir auch die Grenzen unserer Arbeit. Wir können Misstrauen nicht einfach „wegmoderieren“. Und wir wollen es auch nicht. Denn viel von dem Misstrauen, das uns begegnet, ist berechtigt. Es wäre zynisch, Jugendlichen, die mehrfach diskriminiert werden, ein naives Vertrauen in bestehende Institutionen abzuverlangen.
Politische Bildung muss für diese Jugendlichen in erster Linie ein sicherer Raum sein, in dem ihre Erfahrungen nicht relativiert, sondern anerkannt werden.
Problematisch für sie und die Gesellschaft wird es hingegen, wenn sie sich mit scheinbar einfachen populistischen Lösungen einen Ausweg suchen. Das Risiko besteht darin, dass gerade männliche Jugendliche sich in Illusionen vom schnellen Aufstieg flüchten. Diese sind häufig gekoppelt mit toxischen Männlichkeitsbildern, mit patriarchaler Gewalt und der Abwertung von Frauen und allen Geschlechtsausdrücken, die nicht dieser Norm von Männlichkeit entsprechen. Aber auch rechtsextreme oder sonst wie faktisch falsche Ideologien bieten einfache Welterklärungen, die ein Ventil für den Frust und schlimmstenfalls eine politische Handlungsoption darstellen.
Die Erfahrungen der einzelnen sind erstmal anzuerkennen. Aber gerade in einer Zeit, in der rechte Akteur*innen zunehmend versuchen, das Vertrauen in demokratische Prozesse systematisch zu untergraben, braucht es eine politische Bildung, die sich klar abgrenzt: durch Solidarität statt Sündenbocklogik, durch die Thematisierung von Machtstrukturen statt individueller Schuldzuweisungen, durch die Förderung von Selbstwirksamkeit statt dem Verkauf leerer Versprechen. Das bedeutet auch, den Einfluss sozialer Medien und von Desinformation ernst zu nehmen. Viele der Jugendlichen in unseren Seminaren suchen dort nach Antworten – und finden oft einfache Erklärungen, die mit Verschwörungserzählungen oder diskriminierenden Weltbildern arbeiten. Auch hier geht es nicht darum, sie zu belehren, sondern gemeinsam zu analysieren, warum diese Narrative so attraktiv erscheinen und welche anderen Geschichten wir dagegenstellen können.
Wie schafft es politische Bildung, Vertrauen zu vermitteln?
Vertrauen ist nicht nur Voraussetzung für politische Bildung – es ist selbst ein Bildungsziel. Wenn Jugendliche erleben, dass ihr Frust politisch ist, dass ihre Kritik gehört wird und dass sie gemeinsam mit anderen etwas gestalten können, entsteht ein anderes Verständnis von Teilhabe. Nicht als Pflicht oder Ideal, sondern als gelebte Erfahrung. Das bedeutet auch, dass Vertrauen nicht nur im Verhältnis zu Institutionen wachsen muss, sondern in der Gruppe. In vielen unserer Seminare entsteht Solidarität, entstehen Freundschaften und gegenseitige Unterstützung – genau das sind politische Prozesse.
Vertrauen ist nicht nur Voraussetzung für politische Bildung – es ist selbst ein Bildungsziel.
Ein übergeordnetes Ziel von politischer Bildung kann es somit sein, den Teilnehmenden – ausgehend vom Status Quo – Vertrauen in die Veränderbarkeit der Zukunft und staatlicher Institutionen zu vermitteln. Demokratiebildung heißt dann in unserem Verständnis nicht, den Status Quo zu lehren, sondern Jugendlichen Möglichkeiten und das Selbstvertrauen zu vermitteln, dass sie Demokratie mitgestalten können und das hoffentlich auch wollen.
Zu den Autor*innen
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