Werkzeuge für eine reflektierte Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus in Seminaren
Die wachsende Normalisierung extrem rechter Einstellungen und der erstarkende Antifeminismus prägen zunehmend Familien. Das hat Auswirkungen auf alle, die im Kontext von Familienzusammenhängen mit Kindern oder Jugendlichen arbeiten. In diesem Beitrag werden anhand des Seminars „Rechtsextremismus in Familien – Familie und Geschlecht im Zentrum rechten Kulturkampfs“ Anregungen für eine außerschulische Bildungsarbeit gegeben, die aufmerksam mit dem Thema Rechtsextremismus umgeht.
Das dreitägige Seminar im November 2025 im LidiceHaus in Bremen hatte Fachkräfte der Kinder- und Jugendhilfe zur Zielgruppe. Es wurde vom Team der Fachstelle Rechtsextremismus und Familie (RuF) organisiert und durchgeführt. Unterstützt wurde das Seminar durch die Fachstelle Türkischer Rechtsextremismus (FatRex) sowie von Professorin Alexandra Petö als externe Referentin. Inhaltlich ging es um die Themen extrem rechte Familienpolitiken, türkischer Rechtsextremismus und antifeministische Angriffe.
Die wachsende Normalisierung extrem rechter Einstellungen und der erstarkende Antifeminismus prägen zunehmend Familien. Das hat Auswirkungen auf alle, die im Kontext von Familienzusammenhängen, mit Kindern oder Jugendlichen arbeiten.
Durch die zunehmende Normalisierung extrem rechter Ideologie benötigt politische Bildungsarbeit sowohl eine klare Analyse zum Thema Rechtsextremismus als auch eine eindeutige Haltung von Seminarleitungen und Bildungsstätten. Diese Analyse sowie Hinweise für den Seminaralltag – mit Blick auf Methoden und Umgang mit Abwertungen und Menschenverachtung im Seminar – stehen im Fokus des Beitrags.
Normalisierung extrem rechter Ideologien und ihre Auswirkungen auf die Bildungsarbeit
Für die Analyse ist es wichtig, Rechtsextremismus in all seinen Facetten wahr- und ernst zu nehmen. Oft geht es nur um die Täter*innen, ihre Ideologien oder Strukturen. Aber entscheidend ist auch, wer betroffen ist – von Angriffen, Ausgrenzung oder Verlust von Sicherheit. Die Perspektiven der Betroffenen machen sichtbar, was mit einem Täter*innenfokus nicht zu sehen ist. Beide Perspektiven sind für eine Auseinandersetzung mit dem Thema notwendig.

Rechtsextremismus ist eine menschenfeindliche, gewalttätige und mitunter tödliche Ideologie. Sie ist nicht mit Werten wie Demokratie, Gleichheit, Menschenrechte, Inklusion oder Feminismus vereinbar, wie wir anhand der folgenden drei Fragmente extrem rechter Ideologie beispielhaft zeigen: erstens die Überhöhung eines „deutschen Volkes“, bei dem die Zugehörigkeit ausschließlich über die ethnische Abstammung definiert wird. Rassifizierte Menschen können nach dieser Ideologie nicht Teil der Gesellschaft sein. Zweitens ist die Relativierung von NS-Verbrechen ein weiteres Fragment. Dies kann von einer verklausulierten Überhöhung einer vermeintlich heroischen deutschen Geschichte, neben der die historische NS-Zeit belanglos erscheint, bis hin zu handfester Leugnung der Shoah gehen. Drittens muss die Abwertung verschiedener Menschengruppen genannt werden. Beispiele dieser Abwertung sind Rassismus, Antisemitismus, Queerfeindlichkeit, Antifeminismus oder Behindertenfeindlichkeit. Rechtsextremismus gefährdet all diejenigen, die in dieser Ideologie abgewertet werden, z. B. Menschen mit Migrationsgeschichte, BPoC, jüdische Menschen, behinderte Menschen, queere Menschen, Feminist*innen und Menschen, die als politische Gegner*innen verstanden werden. Kompliziert wird es im Seminarkontext, wenn diese Abwertung von Menschen geäußert werden, die kein geschlossen rechtes Weltbild haben. Zwar werden extrem rechts eingestellte Personen beispielsweise Queerfeindlichkeit zumindest akzeptieren, nicht jede Queerfeindlichkeit wird aber von einer extrem rechten Person geäußert. Diskriminierende und abwertende Aussagen können überall auftauchen – im Seminarraum, am Küchentisch, bei der Arbeit, in der Bahn. Auch das ist Teil der Normalisierung extrem rechter Einstellungen.
Diskriminierende und abwertende Aussagen können überall auftauchen – im Seminarraum, am Küchentisch, bei der Arbeit, in der Bahn. Auch das ist Teil der Normalisierung extrem rechter Einstellungen.
Gerade weil eine abwertende und diskriminierende Weltsicht alltäglich geworden ist, verwundert es nicht, dass auch die Gruppe der extrem rechten Akteur*innen sehr heterogen ist. Rechtsextremismus ist kein Problem einer bildungsfernen Schicht, kein männliches, nicht mal ein rein deutsches Problem. Extrem rechte Aktivitäten können in Parteien ausgeübt werden, beim Kampfsport, in extrem rechten Demonstrationen, an Universitäten und in Sozialen Netzwerken. Das Auftreten der extremen Rechten mag unterschiedlich sein, aber ihr Weltbild eint die Akteur*innen, genauso wie die Gefährlichkeit ihrer Ideologie.
Unter jungen Frauen hat sich in den letzten Jahren das Phänomen der Insta-Moms oder auch Tradwifes etabliert: Junge Frauen teilen in den Sozialen Medien ihren vermeintlich unpolitischen Alltag. Sie posten Beiträge zu Kindererziehung oder Gesundheit und propagieren darin einen vermeintlich traditionellen Lebensstil. Diese Darstellung wirkt ungefährlich, jedoch gibt es ein Netzwerk extrem rechter junger Frauen, die dort aktiv sind und junge Frauen mit dem Ziel ansprechen, sie zu ideologisieren. Aus traditionell wird so schnell völkisch und rassistisch (vgl. dazu Correctiv.org 2020).
Eine andere große extrem rechte Gruppe in Deutschland ist im türkischen Rechtsextremismus zu verorten, die sogenannten Grauen Wölfen. Mit mehreren tausend Anhänger*innen sind die Grauen Wölfe eine der größten extrem rechten Bewegungen in Deutschland. Anders als im weiß-deutschen Rechtsextremismus besteht hier eine nationalistische Verbindung zur Türkei und eine ideologische Verbindung zum Islamismus. In anderen Aspekten wie Autoritarismus, Antisemitismus oder Queerfeindlichkeit sind türkischer und deutscher Rechtsextremismus nicht zu unterscheiden. Der Rassismus und die Gewalt des türkischen Rechtsextremismus treffen oft Gruppen wie Kurd*innen, Alevit*innen oder Armenier*innen, die deswegen besonders gefährdet sind (vgl. dazu Küpeli 2025).
In den letzten Jahren müssen wir verstärkt feststellen, dass sehr militant auftretende Jugendgruppen wie die „Deutsche Jugend voran“ in der extrem rechten Szene zunehmend sichtbar sind. Vor allem Angriffe auf die queeren CSDs der letzten Jahre wurde von diesen Jugendgruppen organisiert. Neben der ausgesprochenen Affinität zu Gewalt ist bemerkenswert, dass die Mitglieder dieser Gruppierungen zum Teil sehr jung sind, teilweise unter 14 Jahren (vgl. dazu Antifaschistischer Monitor Berlin 2025).
Rechtsextremismus hat eine große Bandbreite von Erscheinungsformen. Er äußert sich von scheinbar unverfänglichen Auftritten bis hin zu Rechtsterrorismus. Die Täter*innen können jung oder alt sein, Männer oder Frauen, mit und ohne Migrationsgeschichte. Das macht es unbedarften Beobachter*innen mitunter schwer zu verstehen, wann sie es mit Rechtsextremismus zu tun haben. Für die Bildungsarbeit ist es deswegen wichtig, all diese Formen, die dazugehörigen Codes und die Argumentationsstrukturen der extremen Rechten zu erkennen und thematisieren zu können.
Dafür braucht es neben fachlichem Wissen eine klare antifaschistische, demokratie- und menschenrechtsorientierte Haltung in der Bildungsarbeit. Zu wissen, für welche Werte die politische Bildung steht, ist hier von enormer Wichtigkeit. Viele Seminarinhalte befassen sich bereits mit Rassismus- und Antisemitismuskritik, mit geschlechtlicher und sexueller Vielfalt, mit Demokratie und dem Miteinander in der Migrationsgesellschaft. All diese Themen leisten einen wichtigen Beitrag für Demokratie und menschenrechtsorientiertes Miteinander. Weil die extreme Rechte genau dies angreift, kann dies auch als ein Teil einer gesellschaftlichen Rechtsextremismusprävention verstanden werden. Dennoch ist es wichtig, auch über die eigenen Themen hinaus extrem rechte Ideologien zu erkennen und passende Handlungsoptionen parat zu haben. Haltung zeigen fängt klein an: Sprecht Probleme offen an, unterstützt Kolleg*innen, die sich positionieren, und stärkt Räume, in denen Vielfalt selbstverständlich ist. Zusammenhalt wirkt.
Übersetzung in den Seminaralltag
Was heißt es aber nun für die Bildungsarbeit, wenn Rechtsextremismus kein gesellschaftliches Randphänomen ist? Den Teilnehmenden muss es möglich sein, eigene bestehende Vorurteile zu überdenken, ohne dass in den Seminaren politischer Bildung Raum für Diskriminierung entsteht.
Seminarleitende müssen – egal welches Thema das Seminar eigentlich hat – auf extrem rechte Meinungsäußerungen vorbereitet sein. Sie sollten sowohl (extrem) rechte Symboliken erkennen können als auch die menschenverachtenden Argumentationsmuster, mit denen die extreme Rechte versucht, ihre Weltanschauung salonfähig zu machen.
Methodenreflexion und Normativitätskritik
Ein wichtiger Bestandteil des Seminars war der „Familienbaukasten“. Mit dieser Methode werden unterschiedliche Familienkonstellationen diskutierbar gemacht: Wer gilt als „normale“ Familie? Welche Bilder von Familie werden gesellschaftlich anerkannt – und welche marginalisiert? Diese Form der Normativitätsreflexion kann für Teilnehmende herausfordernd sein. Sie werden mit Vorstellungen darüber konfrontiert, was als selbstverständlich, natürlich oder wünschenswert gilt. Gerade im Kontext von Rechtsextremismus ist diese Auseinandersetzung zentral, da extrem rechte Ideologien stark auf normierende und ausschließende Familienbilder zurückgreifen. Gleichzeitig kann es irritierend sein, eigene Selbstverständlichkeiten zu hinterfragen. Insbesondere, wenn die eigene Familie die normativen gesellschaftlichen Ansprüche vielleicht nicht erfüllen kann, kann dies ein sehr emotionales Thema sein.
Für die Seminarleitung bedeutet das, ausreichend Zeit für Reflexion einzuplanen, Irritationen zuzulassen und deutlich zu machen: Es geht nicht um moralische Bewertung einzelner Lebensweisen, sondern um die Analyse gesellschaftlicher Macht- und Normalitätsvorstellungen. Erst über diese Reflexion wird sichtbar, warum bestimmte Familienpolitiken so anschlussfähig sind – und wie sie politisch instrumentalisiert werden.
Interventionen im Spannungsfeld von Lernraum und Grenzziehung
Im Seminaralltag entsteht häufig ein Spannungsfeld: Handelt es sich bei einer diskriminierenden Aussage um eine unbedachte Formulierung oder um eine gezielte Provokation? Diese Unterscheidung ist für die professionelle Reaktion zentral. Während einzelne problematische Aussagen möglicherweise in einem persönlichen Gespräch reflektiert werden können, erfordern offene Abwertungen oder strategische Provokationen eine klare Intervention vor der Gruppe. Maßstab ist die Wirkung auf die Adressat*innen der Aussage, die in erster Linie geschützt werden müssen.
Wir haben auch gute Erfahrungen damit gemacht, zu Beginn des Seminars gemeinsam Gesprächsregeln zu vereinbaren. Dazu gehört die Verständigung darauf, dass Kritik möglich und erwünscht ist – sofern sie respektvoll formuliert wird. Wenn möglich soll Kritik zunächst unkommentiert angenommen und reflektiert werden. Falls es Gesprächsbedarf gibt, bietet das Seminar genügend Räume dafür, beispielsweise zu Tagesbeginn oder -ende. Solche Vereinbarungen ermöglichen es Teilnehmenden, sich gegenseitig auf problematische Aussagen aufmerksam zu machen, ohne dass jede Intervention von der Seminarleitung ausgehen muss. Gesprächsregeln sind damit nicht nur organisatorisches Element, sondern demokratische Praxis.
In Jugendseminaren in Kooperation mit Schulen, aber auch bei Fortbildungen für Fachkräfte ist es immer sinnvoll, in einem Vorgespräch zu erfragen, ob es konkrete Vorkommnisse in der Klasse, bzw. in der Einrichtung gab.
Fehlerkultur zwischen Lernraum und Schutzraum
Wichtig ist, dass der Seminarraum offen für Fehlerfreundlichkeit bleibt. Diese darf aber nicht auf Kosten derer gehen, die von Diskriminierung betroffen sind. Deswegen ist es wichtig, Teilnehmenden die Möglichkeit eines Reflexionsraums für Seminarinhalte, aber auch für ihre eigenen, eventuell diskriminierenden Einstellungen zu geben, der nicht innerhalb einer Plenumsdiskussion stattfindet. Das kann mit einem Seminartagebuch geschehen, das die Teilnehmenden für sich führen, oder über Reflexionsspaziergänge zu zweit, die danach nicht in der Gruppe aufgegriffen werden. Wobei hier wichtig ist darauf zu achten, dass die Gruppen freiwillig zueinander finden. In diesem hier beschriebenen Seminar wurde die Form des Spaziergangs gewählt. Die Methode wurde gut angenommen, sodass in der anschließenden, teaminternen Reflexion besprochen wurde, dies zukünftig immer wieder in mehrtägigen Seminaren einzubauen.
Durch die zunehmende Normalisierung extrem rechter Ideologie benötigt politische Bildungsarbeit sowohl eine klare Analyse zum Thema Rechtsextremismus als auch eine eindeutige Haltung von Seminarleitungen und Bildungsstätten.
Awareness-Strukturen, Teammoderation und Rollenklarheit
Um Teilnehmende darin zu unterstützen, mit herausfordernden Situationen umzugehen, haben sich klare Awareness-Strukturen bewährt. Seminarleitungen sollten im Vorfeld klären: Wer ist ansprechbar bei Diskriminierungsvorfällen? Gibt es Rückzugsmöglichkeiten für die Betroffenen? Kann die Moderation auf mehrere Personen verteilt werden, damit eine Person Betroffene begleiten kann?
Um all dies abzudecken, sollte die Seminarleitung auf zwei oder drei Personen verteilt sein. So kann die Moderation flexibel auf Situationen reagieren: Während eine Person die inhaltliche Leitung übernimmt, kann eine andere für Awareness zuständig sein und ansprechbar bleiben, falls Teilnehmende Diskriminierungserfahrungen oder schwierige Situationen melden. Eine Teammoderation erlaubt zudem, sich intern abzusprechen, bevor auf provokante oder problematische Äußerungen reagiert wird. Auf diese Weise wird ein sicherer Raum geschaffen, in dem sowohl inhaltliche Diskussionen als auch individuelle Bedürfnisse der Teilnehmenden berücksichtigt werden können.
Spezifische Anforderungen bei Seminaren mit Rechtsextremismus als Thema
Die obenstehenden Überlegungen können für Seminare unabhängig vom eigentlichen Seminarthema funktionieren. Wenn Rechtsextremismus explizites Thema im Seminar ist, gibt es noch einige spezifische Aspekte zu bedenken.
Umgang mit extrem rechtem Anschauungsmaterial
Wenn das Seminar explizit die menschenverachtende und gewaltvolle extrem rechte Ideologie zum Thema hat, ist es mitunter nötig, Bilder oder Textausschnitte der extremen Rechten zu zeigen. Das ist dann der Fall, wenn es für das Verständnis des Themas für die Teilnehmenden grundlegend ist. Abstrakt über Demokratiefeindlichkeit oder Angriffe zu sprechen, hat eine andere Wirkung, als gezielt Textausschnitte oder Bilder zu zeigen.
Damit sollte aber sparsam umgegangen werden, das Ziel der Veranschaulichung klar benannt und das Material eingeordnet werden: Warum wird es gezeigt? Was ist daran problematisch? Von wem kommt der Inhalt? Fotos und Autor*innen, z. B. in Social Media-Beiträgen, sollten unkenntlich gemacht und die Bilder nicht in Handouts aufgenommen werden, um die Reichweite der extrem rechten Influencer*innen nicht zu erhöhen.
Es ist ratsam, vor dem Teilen extrem rechter Inhalte die Seminarteilnehmenden vorzuwarnen und ihnen auch die Möglichkeit einzuräumen, diesen Teil des Seminars auszulassen. Was für die einen Teilnehmenden ein spannender Einblick in die extrem rechte Lebenswelt ist, kann für andere eine massive Belastung bedeuten.

Auch darf der alleinige Fokus nicht auf der Täter*innen-Perspektive liegen. Vielmehr müssen die Auswirkungen auf die Betroffenen dieser Gewalt Gehör finden. Das kann in Form von Videointerviews oder Textarbeit geschehen. In den letzten Jahren haben der Verband der Beratungsstellen für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt e. V. und das Projekt „Support“ der RAA Sachsen e. V. eine umfassende Webdokumentation zu extrem rechten Angriffen mit Betroffenen erarbeitet. Hierzu gibt es auch ein Methodenheft. Das ist eine sehr gute Grundlage, um die Stimmen von Betroffenen in das Seminar zu holen (vgl. RAA Sachsen e. V./VBRG 2020).
Konkrete Fallarbeit zur Entwicklung von Handlungsmöglichkeiten
Neben der Reflexion eigener Haltungen und Wahrnehmungen hat sich konkrete Fallarbeit im Kontext Rechtsextremismus als besonders bestärkend erwiesen. Viele Fachkräfte erleben Situationen im Berufsalltag, in denen sie mit extrem rechten Äußerungen, Symboliken oder Haltungen konfrontiert sind und fühlen sich dabei unsicher oder ohnmächtig.
Die gemeinsame Bearbeitung anonymisierter Fälle ermöglicht es, diese Ohnmacht zu durchbrechen. In der Gruppe können unterschiedliche Handlungsoptionen entwickelt, Rahmenbedingungen geklärt und mögliche Unterstützungsstrukturen mitgedacht werden. Fallarbeit verschiebt den Fokus von der reinen Problemanalyse hin zur Handlungsfähigkeit: Was kann ich konkret sagen oder tun? Wo ziehe ich Grenzen? Wen kann ich einbeziehen? Welche Haltung vertrete ich gegenüber Eltern oder Kolleg*innen? Gerade in der Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus ist diese Perspektive zentral. Sie stärkt Fachkräfte darin, nicht nur Gefährdungen zu erkennen, sondern aktiv demokratische und menschenrechtsorientierte Praxis zu gestalten. Kein Seminar sollte damit enden, dass die Teilnehmenden schockiert oder ohnmächtig nach Hause fahren.
Sicherheitsvorkehrungen und Teilnehmendenmanagement
Bei Seminaren, die sich mit Rechtsextremismus auseinandersetzen, ist es leider auch notwendig, Sicherheitsaspekte mitzudenken – zum Schutz sowohl der Teilnehmenden als auch der Referent*innen. Hierzu können sich Bildungsstätten gegebenenfalls bei den Beratungsstellen der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus beraten lassen (Kontakt über https://bundesverband-mobile-beratung.de).
Vor Seminarbeginn die Teilnehmendenliste einzusehen, kann hilfreich sein, falls sich organisierte, bekannte Neonazis angemeldet haben. Auch eine Anmeldung mit Pflicht zur Angabe der Institution der Teilnehmenden kann eine Hürde für extrem rechte Provokateur*innen bedeuten. Für Referent*innen auf Honorarbasis kann auch eine Regelung sinnvoll sein, dass sie das Seminar unter einem Pseudonym leiten.
Wenn es im Seminar zu Vorfällen kommt, ist es wichtig, dass es klare Zuständigkeiten mit störenden Teilnehmenden gibt und das Hausrecht geklärt ist. Eine Hausordnung ist besonders hilfreich, wenn sie beispielsweise eine Verabredung dazu beinhaltet, dass keine Kleidung in der Einrichtung getragen werden darf, die der extrem rechten Szene zuzuordnen ist, und die ein grundsätzlich respektvolles Miteinander einfordert. Dabei ist wichtig, die Gruppendynamik im Blick zu behalten. Ein Ausschluss extrem rechter Teilnehmenden sollte vor der Gruppe gut begründet werden können.
Seminarraum als sicherer und reflexiver Ort
Seminare sicher, mit allen Teilnehmenden im Blick, mit vielen Reflexionsmöglichkeiten zu gestalten, gehört für viele in der Bildungsarbeit zu ihrem Alltag. Auch die Reflexion, für welche Teilnehmenden die Seminarräume sicherer sind und für welche sie mit Unsicherheit und Diskriminierungserfahrungen behaftet sind, ist schon lange Teil der Debatten im Feld. Im Kontext Rechtsextremismus haben diese Fragen eine vielleicht höhere Relevanz als anderswo, aber jedes Seminar kann davon nur profitieren.
In dem hier benannten Seminar war der Input von Professorin Andrea Petö besonders eindrücklich – einer ungarischen Forscherin, die seit Jahrzehnten zu Antifeminismus und autoritären Entwicklungen arbeitet. Gerade deshalb hat ihr Satz „Bon Courage – Nur Mut!“ so viel Gewicht: Er kommt von einer Expertin, die extrem rechte Angriffe auf demokratische Geschlechterpolitiken nicht nur erforscht, sondern selbst erlebt und ihnen unbeirrt mit Klarheit und Hoffnung begegnet.
In diesem Sinne: „Bon Courage“ für eine inklusive, diversitätsbewusste, demokratie- und menschenrechtsorientierte, antifaschistische Bildungsarbeit!
Zu den Autor*innen
info@rechtsextremismus-und-familie.de