Eine kritische Bilanz des Einigungsprozesses nach 35 Jahren
Am 31. August 2025 meldete die Tagesschau, die „Lohnlücke“ zwischen Ost- und Westdeutschland sei weiterhin groß. 35 Jahre nach der deutschen Vereinigung liege der durchschnittliche Bruttoverdienst von Vollzeitbeschäftigten in Ostdeutschland mehr als 13.000 Euro oder knapp 21 % unter dem im Westen (Tagesschau, 31.08.2025). Laut dem Sozialbericht für 2024 besitzen ostdeutsche Haushalte im Durchschnitt nur 150.900 Euro im Vergleich zu 359.800 Euro im Westen. In den letzten zehn Jahren hat sich diese Vermögenslücke kaum geschlossen (Destatis/WZB/BiB 2024, S. 222).
Nach mehr als 30 Jahren Einheit sind auch die Spitzenpositionen zwischen Ost- und Westdeutschen noch immer ungleich verteilt. Der Anteil Ostdeutscher in Führungspositionen ist in den vergangenen Jahren zwar leicht gestiegen, von 10,9 % (2018) auf 12,1 % (2024), dennoch bleiben sie unterrepräsentiert. Der gesamtgesellschaftliche Anteil Ostdeutscher liegt bei 20 % der Bevölkerung. Lediglich in der Politik erreichen Ostdeutsche eine diesem Bevölkerungsanteil entsprechende Repräsentanz (2018: 19,9 %, 2024: 21,4 %) (Elitenmonitor 2024).
Unvollkommene Einheit
„Ost und West. Frei, vereint und unvollkommen“, so lautet der Titel des aktuellen Berichts des „Ostbeauftragten“ der Bundesregierung zum Stand der Einheit im Jahr 2024. Die Vokabel „unvollkommen“ trägt einer Entwicklung Rechnung, die sich seit Jahren abzeichnete. Die Angleichung der Lebensverhältnisse an westdeutsche Standards stellte sich nicht so schnell ein, wie dies die Bundesregierung, insbesondere Bundeskanzler Helmut Kohl, propagierten. Der häufig zitierte Satz des ehemaligen SPD-Vorsitzenden Willy Brandt, jetzt wachse zusammen, was zusammengehöre, erwies sich in der Realität als bedeutend schwieriger als von vielen erwartet. Wie die genannten Beispiele zeigen, ist die Angleichung in wichtigen Bereichen nach wie vor nicht gelungen.
Das Ziel, „gleichwertige Lebensverhältnisse“ in Ost und West zu schaffen, wird von Politik und Wirtschaft seit Beginn der Vereinigung postuliert; allein die Sorge vor einem ostdeutschen Exodus Richtung Westen und dem Entstehen von Niedriglohnregionen unterstrichen die Notwendigkeit dieses Ziels. Dies zu erreichen erwies sich allerdings als kompliziert. Die seit 1997 veröffentlichten Berichte der Bundesregierung zur deutschen Einheit beschrieben zwar Erfolge auf dem Weg der „inneren“ Einheit, es bleibe aber auch noch einiges zu tun, so lautete jeweils der Tenor (beispielhaft: BMWi 2018, S. 10; Brunner/Heydemann 2021, S. 20 ff.).
„Innere Einheit“
1997 sah die Bundesregierung den Einigungsprozess erst dann als abgeschlossen an, wenn neben der materiellen Einheit auch die „innere Einheit“ hergestellt sei (Deutscher Bundestag 1997, S. 13). Was unter „innerer Einheit“ zu verstehen sei, war jedoch umstritten. War sie überhaupt erstrebenswert, oder war sie gar ein Irrglaube? (Brunner/Heydemann 2021, S. 21).
„Innere Einheit“ lässt sich nicht nur an gemeinsamen Werten und Grundhaltungen messen, sondern auch an gesellschaftlichen Verhältnissen, dem Bemühen um soziale Ausgewogenheit und dem Streben nach gleichwertigen Lebensverhältnissen, wie dies auch im Grundgesetz festgeschrieben ist (GG, Artikel 72 Absatz 2). Für die ostdeutsche Bevölkerung stand ab 1990 verständlicherweise die Angleichung der Lebensverhältnisse an westliche Standards im Vordergrund. Diese Angleichung hielt der damalige Bundesinnenminister Thomas de Maiziére (CDU) anlässlich des 20. Jahrestages der Einheit für fragwürdig. Er wolle nicht in einem Staat leben, „in dem die Lebensverhältnisse gleich sind – eine schreckliche Vorstellung in einer pluralistischen, demokratischen Gesellschaft“ (de Maizière 2010, S. 17).

Die Bundesregierung bemühte sich jedoch weiterhin um ein Bild der zunehmenden Annäherung und Angleichung von Ost und West. Umfragen schienen ihre Politik zu bestätigen. In ihrer Rede zum Festakt des 3. Oktober 2014 in Hannover verwies Bundeskanzlerin Angela Merkel auf die schwindende Unterscheidung in Ost und West. In einer kürzlich veröffentlichten Umfrage hätten zwei Drittel der unter 30-jährigen Westdeutschen bekannt, die Wiedervereinigung habe ihnen Vorteile gebracht. Und von den unter 30-jährigen Ostdeutschen hätten dies sogar 96 % angegeben. „Meine Damen und Herren, wenn fast jeder junge Mensch in Ostdeutschland der Meinung ist, dass er von der Wiedervereinigung profitiert hat, dann haben wir in 24 Jahren deutscher Einheit wirklich nicht alles falsch, sondern vieles richtig gemacht. Und dafür können wir dankbar sein.“ (Merkel 2014)
Annäherung und erneute Spaltung?
In der Tat schienen Umfrageergebnisse aus den 2000er und 2010er Jahren zu bestätigen, dass gerade in der jungen Generation die Unterschiede zwischen Ost und West geringer, die Gemeinsamkeiten dagegen als größer empfunden wurden. Zum 25. Jahrestag des Mauerfalls führte das Forsa-Institut eine Umfrage unter 1.001 Deutschen im Alter von 16 bis 29 Jahren durch. Die befragten Jugendlichen und jungen Erwachsenen gaben mehrheitlich an, dass sie die Unterschiede zwischen Nord- und Süddeutschen als stärker einschätzten als die zwischen West- und Ostdeutschen (Brunner/Heydemann 2021, S. 24 f.). Den Höhepunkt an gefühlten Gemeinsamkeiten brachte das Jahr 2006, als die Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland ausgetragen wurde. Im Zeichen dieses „Sommermärchens“ befanden sich viele Deutsche in einem gemeinsamen nationalen Taumel (ebd., S. 25). Bei genauer Prüfung der diversen Umfragen zeigt sich jedoch, dass bei aller Annäherung jene, die mehr Unterschiede als Gemeinsamkeiten zwischen Ost und West wahrnahmen, weiterhin zahlreich waren. In der erwähnten Jugendbefragung von 2014 waren immerhin 42 % der befragten Ostdeutschen der Meinung, die Unterschiede zwischen West und Ost überwögen.
„Innere Einheit“ lässt sich nicht nur an gemeinsamen Werten und Grundhaltungen messen, sondern auch an gesellschaftlichen Verhältnissen, dem Bemühen um soziale Ausgewogenheit und dem Streben nach gleichwertigen Lebensverhältnissen, wie dies auch im Grundgesetz festgeschrieben ist.
Angesichts der weiterhin vorhandenen Skepsis einer großen ostdeutschen Minderheit konnten die in den letzten fünf, sechs Jahren präsentierten Ergebnisse der Meinungsforschung eigentlich nicht überraschen. In einer Umfrage von infratest dimap im Auftrag des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR) anlässlich des 30. Jahrestags des Mauerfalls stimmten 42 % der befragten Ostdeutschen und immerhin auch 27 % der Westdeutschen der Aussage zu, Ostdeutsche seien „Bürger zweiter Klasse“; eine Mehrheit in West (68 %) und Ost (50 %) hielt dies für falsch (infratest dimap 2019). Nach einer von der Bundesregierung 2019 in Auftrag gegebenen Befragung fühlten sich sogar 57 % der Ostdeutschen als „Bürger zweiter Klasse“ (BMWi 2019, S. 14). Diese Umfrageergebnisse haben nach all den Anzeichen der Angleichung Aufsehen erregt, weil die materiellen, aber vor allem auch die psychischen Belastungen der Transformation und ihrer Folgen zu sehr aus dem Blickfeld geraten waren. „Wir haben zu lange gedacht, die Wiedervereinigung sei ein Leichtes. Jetzt erkennen wir, was lange verdrängt worden ist: die kulturellen Verluste, die sozioökonomischen Deklassierungen, die politische Marginalisierung. Unsere Naivität holt uns ein wie ein Bumerang. Der Aufstieg der AfD im Osten ist Teil davon.“ (Mau 2019)
Transformationserfahrungen
Wie kommt es zu den Wahrnehmungen der Deklassierung? Bei der Suche nach Erklärungen wird häufig auf die Phase der umfassenden Transformation nahezu aller Lebensbereiche in den 1990er Jahren verwiesen. Die Ostdeutschen seien „nicht fair“ behandelt worden, so der damalige CDU/CSU-Fraktionsvorsitzende im Bundestag, Ralph Brinkhaus, am 3. Oktober 2018 (Brinkhaus 2018). Der SPD-Fraktionsvorsitzende im Berliner Abgeordnetenhaus, Raed Saleh, meinte gar, es sei Zeit, sich für die seinerzeit getroffenen Fehlentscheidungen zu entschuldigen (Saleh 2018).
Es sind Gefühle der Geringschätzung, der Minderwertigkeit. Nach der Euphorie des Anfangs, in der nahezu alles, was aus dem Westen kam, gefeiert wurde, kehrte der Kater ein, die Enttäuschung und Verbitterung angesichts des ausbleibenden Aufstiegs. Dabei waren sicher naive und falsche Vorstellungen über die kapitalistische, wenn auch soziale Marktwirtschaft ein Grund für nichterfüllbare Erwartungen. Es waren allerdings auch die tiefen Einschnitte in die Existenzen der Menschen, die zur negativen Stimmung beitrugen.
„Es gab Arbeitslosigkeit in Größenordnungen, viele Menschen, die zu den Betrieben eine emotionale Bindung hatten, ich höre heute noch Leute, wenn sie in der Gaststätte sagen ‚mein Betrieb‘. Es ist nie ihr Betrieb gewesen. (…) Aber es ist so, dieser Gedanke, die Solidarität zum Betrieb, die haben für den Betrieb alles getan, plötzlich war das alles weg. Alles weggebrochen, (…) die Hoffnungslosigkeit in vielen Familien, (…) viele wussten nicht mehr, wie soll es weitergehen?“ (Hecker 2018)
In dieser tiefen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Krise entstanden mit kräftiger Hilfe der Medienöffentlichkeit Stereotype: der feiste, arrogante Wessi und der verunsicherte, naive Ossi (z. B. Der Spiegel 39/1990, Cover). Und es wurden Feindbilder konstruiert: Helmut Kohl wurde nicht mehr als Heilsbringer gefeiert, die Treuhandanstalt war nun „Kohls Mafia“ in Ostdeutschland.
Privatisierung
Die Treuhandanstalt war noch von der DDR-Regierung unter Hans Modrow (SED/PDS) am 1. März 1990 gegründet worden. Unter der am 18. März 1990 neu gewählten, von Lothar de Maizière (CDU) geführten Regierung erhielt sie ab Juni 1990 die Aufgabe, die DDR-Planwirtschaft in eine soziale Marktwirtschaft nach bundesrepublikanischem Vorbild umzuwandeln.
Die Dimension dieser Aufgabe war historisch ohne Beispiel: Am Stichtag 1. Juli 1990 unterstanden der Treuhandanstalt insgesamt 8.500 Gesellschaften, die von Volkseigenen Betrieben (VEB) in Kapitalgesellschaften umgewandelt worden waren. Diese Gesellschaften verfügten über 45.000 Betriebe mit 4 Millionen Beschäftigten. Durch Teilungen stieg die Zahl der Gesellschaften bald auf 14.600 (Brunner 2022, S. 61).
Die Bilanz der Treuhandanstalt war ernüchternd. Als sie zum Jahresende 1994 ihre Tätigkeit offiziell einstellte, hatte die Treuhandanstalt 53 % der in ihrem Portfolio befindlichen Unternehmen privatisiert. Weitere knapp 13 % waren reprivatisiert, also an die ursprünglichen privaten Eigentümer zurückgegeben worden, 2 % wurden kommunalisiert. Über 3.700 Unternehmen wurden liquidiert. Das war ein knappes Drittel der gesamten Unternehmen (Paqué 2009, S. 46). Der Privatisierungsauftrag war erfüllt. Und statistisch gesehen war auch die Quote der Stilllegungen angesichts der ökonomischen Probleme der DDR und der ostdeutschen Wirtschaft ab 1990 keinesfalls verwunderlich. Der Erfolg wurde jedoch durch negative Folgewirkungen der Treuhandpraxis deutlich geschmälert. Schon während ihrer Tätigkeit hatte die Treuhand mit einem schlechten Image zu kämpfen.
Da waren zum einen Skandale. Investoren, die Subventionen abgriffen und dann ins Ausland verschwanden (Koch 2023), waren keine Einzelfälle. Zusammen mit den wütenden Protesten betroffener Belegschaften prägten solche Nachrichten das Bild der Treuhand. Doch zwei weitere Ergebnisse der Treuhandtätigkeit waren weit nachhaltiger: das gravierende Defizit der Treuhand und der in kurzer Frist erfolgte massive Arbeitsplatzabbau.

Anders als bei ihrer Gründung erwartet, schloss die Treuhandanstalt nicht mit einem Plus aus dem Verkauf der Unternehmen ab, sondern mit einem Defizit in Höhe von 240 Mrd. DM. Gründe waren eine viel zu positive Einschätzung des Anlagevermögens der DDR-Industrie sowie das Credo möglichst schnell zu privatisieren, auch wenn ein geringerer Kaufpreis erzielt wurde. Eine Finanzierung der wirtschaftlichen Sanierung im Osten konnte mit diesem Finanzergebnis – anders als geplant – nicht realisiert werden.
Arbeitslosigkeit war in der Arbeitsgesellschaft der DDR ein unbekanntes Phänomen; offiziell herrschte im „realsozialistischen“ Staat Vollbeschäftigung. Die Arbeitsmarktstatistik wies für Ende April 1991 in Ostdeutschland 1,2 Millionen Arbeitslose und 0,5 Millionen Kurzarbeiter*innen aus; tatsächlich wurden jedoch Hunderttausende in öffentlich geförderten Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen (ABM) oder Maßnahmen beruflicher Weiterbildung beschäftigt. Zusammen mit diesen „verdeckten Arbeitslosen“ machte die Zahl der Menschen ohne regulären Arbeitsplatz zum Jahresende 1991 mehr als zwei Millionen aus (Brunner 2025b, S. 29). Von den über vier Millionen Arbeitsplätzen in den zu privatisierenden oder zu liquidierenden Unternehmen blieben am Ende der Tätigkeit der Treuhandanstalt 1,5 Millionen übrig (Brunner/Heydemann 2021, S. 118).
Das Problem Arbeitslosigkeit begleitete die ostdeutschen Länder auch in der Folgezeit. Um die Jahrtausendwende lagen die Arbeitslosenquoten im Osten fast doppelt so hoch wie in den alten Bundesländern, im Jahr 2006 beim Spitzenwert von 20,6 % in Ostdeutschland und 11 % in Westdeutschland (ebd., S. 122).
Dass Arbeitsplätze abgebaut werden mussten, war den meisten Beteiligten, auch den Gewerkschaften und Betriebsräten klar. Dabei ist in Rechnung zu stellen, dass die DDR eines der Industrieländer mit dem höchsten Industriebesatz war. Mit diesem Begriff wird der Anteil der in der Industrie Beschäftigten je 1.000 Einwohner bezeichnet. Im vierten Quartal 1990 lag dieser Wert in den neuen Bundesländern bei 158 und damit erheblich höher als in den alten Bundesländern, wo er mit 115 seit den 1980er Jahren konstant geblieben war (Nolte 1993, S. 30). Der industrielle Sektor war in Ostdeutschland „überdurchschnittlich ausgeprägt“ (Nolte/Ziegler 1993, S. 20). Wie der Arbeitsplatzabbau organisiert werden sollte und was mit den Arbeitslosen geschehen sollte, war umstritten.
Mitbestimmung
Gegen das Prinzip der schnellen Privatisierung regte sich Widerstand. Die Gewerkschaften legten Konzepte vor, die andere Prioritäten setzten und für ein zeitlich gestrecktes, behutsameres Vorgehen plädierten. Die Unternehmen sollten zunächst saniert und dann verkauft werden. Sollte die Sanierung in einem Zeitraum von drei bis fünf Jahren gelingen, sollten sie verkauft werden. Scheiterte die Sanierung, waren die Betriebe zu liquidieren. Der entscheidende Unterschied zur praktizierten Treuhandpolitik war ein Verfahren, das nicht von den Entscheidungen exklusiver Gremien sowie von einzelnen Investoren abhängig war, sondern mitbestimmt von Gewerkschaften und Betriebsvertretungen organisiert wurde. Dem Erhalt von Arbeitsplätzen sollte so erhöhte Aufmerksamkeit gewidmet und die wirtschaftliche Lebensfähigkeit der Unternehmen gewährleistet werden. Besonders die IG Metall präsentierte ein entsprechendes Modell (IG Metall Vorstand 1991), das zwar viel diskutiert, aber nicht umgesetzt wurde (Brunner 2025b).
Die Beschäftigten und ihre Interessenvertretungen waren häufig aus den Entscheidungen der Treuhand ausgeschlossen. Vor allem auf der Spitzenebene der Treuhand, im Vorstand und Verwaltungsrat, dominierten westliche Manager und marktliberale Politiker, nur vier Gewerkschafter waren im Verwaltungsrat vertreten, von insgesamt 23 Mitgliedern (Böick 2018a, S. 305).
Trotz dieser Beschränkungen versuchten Gewerkschaften und betriebliche Interessenvertretungen auf die Prozesse der Transformation Einfluss zu nehmen. In Grenzen hatten sie dabei auch Erfolg, beim Erhalt von Produktionsstandorten und der Sanierung von Betrieben. Beispiele lassen sich in den Bereichen Chemie, Energie/Braunkohle und in der Metallindustrie finden (vgl. z. B. Brunner 2025a).
Auch für die „Brücke“ zwischen dem ehemaligen Arbeitsplatz und einer neuen beruflichen Perspektive entwickelten die Gewerkschaften und Betriebsräte häufig in Kooperation mit den Unternehmensleitungen Ideen: Die Gründung von Beschäftigungs- und Qualifizierungsgesellschaften konnten zwar das Problem Massenarbeitslosigkeit allein nicht lösen, aber immerhin bis zu 150.000 Beschäftigten erhielten in den ca. 380 Gesellschaften die Chance weiterer Berufstätigkeit (Stand Okt. 1994, Bieler 2025).
All dies zeigt, dass die wirtschaftliche Transformation gestaltet werden konnte. Urteile über die Machtlosigkeit der Gewerkschaften treffen nicht zu, auch das Verhältnis zwischen Gewerkschaften und Treuhand lässt sich nicht einfach als Gegnerschaft beschreiben (Böick 2018b). Es lohnt eine differenzierte Sichtweise.
Ostdeutsche Opferrolle?
Die genannten Beispiele zeigen, dass sich ostdeutsche Beschäftigte keinesfalls in eine passive Opferrolle begaben. In zahlreichen Beschreibungen der ostdeutschen Gesellschaft werden allerdings Narrative verbreitet, die die Figur des „Opfers“ und des „Wendeverlierers“ in den Blick rücken. Es ist von der „stillen Wut der Wendegeneration“ die Rede, von Arbeitslosen, die „um sozialen Beistand betteln“, und von einer „sozialstaatlich abgefederten Lethargie“ (Zitate in der Reihenfolge ihrer Nennung: Rennefanz 2013; Kowalczuk 2019, S. 149; Großbölting 2020, S. 148).
Gegen diese Bilder der Passivität stehen die zahlreichen Proteste und Solidaritätsaktionen, die von den Betrieben und den Gewerkschaften ausgingen. Allein zwischen 1991 und 1993 wurden 550 Streiks und Betriebsbesetzungen gezählt (Warnecke 2023, S. 26). Diese demokratischen Selbstermächtigungen sind vielfach in Vergessenheit geraten. Stattdessen erreichen in jüngster Zeit Publikationen hohe Aufmerksamkeit, die etwas ganz anderes transportieren: „Bis 1989 war man im Osten durch Besatzung und Diktatur entmündigt und eingeschlossen, seit 1990 wird man im Osten vom Westen entmündigt und ausgeschlossen.“ (Oschmann 2023, S. 121)
Der Leipziger Germanist Dirk Oschmann hat mit seinem 2023 veröffentlichten Buch „Der Osten: eine westdeutsche Erfindung“ die Opfererzählung äußerst pointiert in die Debatte um den Zustand der deutschen Einheit platziert. Das Buch weist – bei vielem Richtigen, das es anspricht – dem Osten und seinen Bewohnern die Rolle des Opfers zu – Opfer „des Westens“, wobei unklar bleibt, was unter „dem Westen“ eigentlich zu verstehen ist.
Oschmann äußert sich in einem Ton, der als anmaßend und unverschämt kritisiert wurde – und ja, so Oschmanns Eingeständnis, er sage im Grunde nichts Neues, aber er sage es „hoffentlich“ anders: „zorngesättigt und frei“ (ebd., S. 193).
„Die Ostdeutschen – gibt es die überhaupt?“, fragte Wolfgang Engler (2004, S. 13). Dass die Zuschreibung „Ostdeutsch“ ein Konstrukt sei und dass eine „Ost-Identität“ als kollektive Identität erst mit dem Ende der DDR entstanden sei, ist mehrmals konstatiert worden (Götz 2017, S. 58). Diese Konstruktion verfing jedoch über die Jahrzehnte in der Selbstverortung „der Ostdeutschen“ durchaus (Brunner/Heydemann 2021, S. 33). Sie verblasste auch nicht, je länger die „Wende“ zurücklag. Die Selbstbeschreibung „ostdeutsch“ greift selbst in der Generation der ab 2000 Geborenen (Böick 2025).

In der jüngsten Forschung wurden Ergebnisse präsentiert, die um Differenzierung bemüht sind. Den „typischen Ostdeutschen“ gibt es nicht, stattdessen „ganz unterschiedliche Arten von ostdeutscher Identität“. Medial sei jener Ostdeutsche sehr präsent, der sich von der Demokratie abwende, DDR-nostalgische Gefühle pflege und vielleicht noch rechtsextrem wähle. Es gebe aber auch diejenigen, die in der DDR und im wiedervereinten Deutschland sozialisiert seien und von sich sagen, sie verfügten über Transformationskompetenz, die sie gerne einbringen, als jemand, der europäisch oder gesamtdeutsch denkt (Vogel/Lorenz/Pates 2024). Steffen Mau bot eine Minimaldefinition an: Ostdeutsche Identität beziehe sich auf den Osten als gemeinsamer Erfahrungs-, Sozial- und Kulturraum (2024, S. 72).
Bilanz und Ausblick
Ein Blick in den aktuellen Gleichwertigkeitsbericht der Bundesregierung fördert die Unterschiede zwischen den alten Bundesländern und Ostdeutschland sehr augenfällig zu Tage – ob Wirtschaftsleistung, Lebenserwartung, Einkommen, Geburtenraten – man blickt auf ein nach wie vor gespaltenes Land (BMWK 2024, S. 15 ff.). Diese Beobachtung war auch dem Presseecho auf den 2020 vorgelegten Bericht zur Einheit zu entnehmen. Die tageszeitung (taz) kommentierte damals am 11. September 2020: Auf „verblüffende Weise“ sähen viele der graphisch aufbereiteten Karten aus, als sei Deutschland nach wie vor geteilt. „Und so gut wie immer steht es in Ostdeutschland schlechter.“ (Maier 2020)
Die Ursachen mancher Ungleichheiten führen direkt in die Phase der Transformation zurück. Beispiel: Lohnhöhe. Mit der Privatisierung der ostdeutschen Industrie entstanden viele kleinere und mittlere Unternehmen, deren Bindung an Branchentarife gering war und ist. Das in den alten Bundesländern über Jahrzehnte praktizierte Branchentarifsystem, basierend auf dem Interessenausgleich zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften, ist in den ostdeutschen Ländern deutlich weniger ausgeprägt. Wie Studien zeigen, wirkt sich eine geringe Tarifbindung auf die Lohnhöhe negativ aus (Lübker/Schulten 2024).
Ein Blick in den aktuellen Gleichwertigkeitsbericht der Bundesregierung fördert die Unterschiede zwischen den alten Bundesländern und Ostdeutschland sehr augenfällig zu Tage – ob Wirtschaftsleistung, Lebenserwartung, Einkommen, Geburtenraten – man blickt auf ein nach wie vor gespaltenes Land.
Der Gleichwertigkeitsbericht von 2024 enthält jedoch auch Bereiche, in denen „der Osten“ dem „Westen“ voraus ist. Dies gilt zum Beispiel für die Kinderbetreuung, die in den ostdeutschen Ländern erheblich bessere Betreuungsschlüssel und Betreuungsmöglichkeiten für Kinder bis zum dritten Lebensjahr sowie für Ganztagsbetreuungen ausweist als dies in den alten Bundesländern der Fall ist (BMWK 2024, S. 67). Auch beim sogenannten „gender-pay-gap“, also der „Lücke“ zwischen den Entgelten für Männer und Frauen stehen die ostdeutschen Länder besser da als die alten Bundesländer. Zwar wurden (und werden) in Gesamtdeutschland Männer besser bezahlt als Frauen, allerdings fällt diese Lücke in den ostdeutschen Ländern deutlich kleiner aus als im Westen (Stand 2022; ebd., S. 25 f.).
Positives weiß auch der aktuelle Einheitsbericht zu vermelden. Die beiden Landesteile seien viel stärker verwoben, als dies bisweilen zur Kenntnis genommen werde. Fünf Millionen Bürger*innen seien seit der Vereinigung 1990 von Ost nach West verzogen, drei Millionen hätten den umgekehrten Weg genommen. Zahlreiche Ehen, Partnerschaften und Freundschaften seien über die ehemalige innerdeutsche Grenze hinweg entstanden. Kinder aus diesen Familien könnten oder wollten gar nicht mehr sagen, „ob sie nun west- oder ostdeutsch sind“ (Der Beauftragte der Bundesregierung für Ostdeutschland 2024, S. 5).
Die Wirtschaft Ostdeutschlands weise ebenfalls einen positiven Trend auf, sie wachse seit zehn Jahren schneller als die westdeutsche – wobei man das niedrigere Ausgangsniveau der ostdeutschen Wirtschaft beachten muss. Was in jedem Fall positiv hervorgehoben werden muss, ist der Rückgang der Arbeitslosigkeit. Seit den Jahren, in denen die Arbeitslosenquoten in den ostdeutschen Ländern doppelt so hoch wie in den alten Bundesländern lagen, haben sich bis 2024 die Quoten angenähert, auf 7,5 % (Ost) und 5,7 % (West) (bpb 2025).
Wie kann in Deutschland ein gesellschaftlicher Zustand erreicht werden, in dem Chancengleichheit und soziale Gerechtigkeit ohne Diskriminierung und ungeachtet der Herkunft herrschen?
Bei genauem Hinsehen ergibt sich also ein differenziertes Bild, das durch polarisierende Sichten verborgen bleibt. Wenn auch ungewollt, bedienen die Erzählungen von Demütigung und Opfertum „der Ostdeutschen“ die Agenda jener Kräfte, die die Unzufriedenheit für ihre extremistischen und rassistischen Ziele nutzen wollen. Die Konzentration auf eine vorgebliche „ostdeutsche Identität“, negativ geprägt durch westdeutsche Dominanz und Missachtung „ostdeutscher“ Leistungen, lenkt von einer viel grundsätzlicheren Frage ab: Wie kann in Deutschland ein gesellschaftlicher Zustand erreicht werden, in dem Chancengleichheit und soziale Gerechtigkeit ohne Diskriminierung und ungeachtet der Herkunft herrschen?
Auf dem Weg dorthin sollte eine weitergehende materielle Angleichung der Lebensverhältnisse als Ziel formuliert werden. Dennoch werden Unterschiede bleiben. Anstelle auf eine weitere Angleichung des Ostens an den Westen zu hoffen, hält es Steffen Mau für sinnvoller, „von der Verstetigung ostdeutscher Eigenheiten auszugehen“ (Mau 2024, S. 19).
Also, kein simples Aufholen an westdeutsches Niveau, sondern das Beschreiten eigener Wege. Die Wissenschaft, insbesondere die Zeitgeschichtsforschung und die historisch forschenden Sozialwissenschaften, haben diese Perspektive entdeckt (z. B. Ganzenmüller 2025). Auch die Politik begibt sich mittlerweile auf einen Weg, der stärker die Wahrnehmungen und Erfahrungen der ostdeutschen Bevölkerung in den Blick nimmt. Die Errichtung des Zukunftszentrums für Deutsche Einheit und Europäische Transformation in Halle soll als ein Ort des Austauschs, der wissenschaftlichen Forschung und der Kultur diesem Ziel dienen.
Für die Zukunft empfiehlt sich das Motto: „Gemeinsamkeit und Angleichung da, wo es notwendig und sinnvoll ist, Unterschiedlichkeit und Eigensinn da, wo es möglich und geboten ist.“ (Härtel 2024, S. 31)
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