Außerschulische Bildung 4/2024

Unboxing Europe

Europa digital erleben und verstehen

Dank Unboxing Europe wird die Europabildung bunter, greifbarer und vor allem digitaler. Mithilfe der digitalen Toolbox sowie der zusätzlichen Lern- und Lehrmaterialien können Einheiten für eine Vielzahl von Lernenden innovativ und spannend aufbereitet und umgesetzt werden. Einsatzmöglichkeiten gibt es in allen Bildungsbereichen und mit wirklich allen Zielgruppen – so werden Europa und die EU endlich für alle verständlich. Dabei werden historische, politische sowie gesellschaftliche und kulturelle Themen unkompliziert dargestellt, um ein selbstgeleitetes Lernen zu fördern. von Sarah Eilingsfeld

Eine neue digitale oder gar hybride Lerneinheit zu Europa muss her! Die Inhalte der sich ohnehin permanent ändernden europäischen politischen Landschaft sollten dazu nicht extra erstellt werden. Vielmehr bestand das Ziel darin, bestehende Quellen und vertrauensvolle, gut gemachte Internetseiten oder andere Online-Auftritte so zu kuratieren, dass sie einfach und ansprechend zugänglich werden. Didaktische Aspekte und Anwendbarkeit im Seminarraum sollten dabei grundlegend mitgedacht werden. Und obwohl die Aufgabenstellung weder neu noch brillant war: Eine Lösung konnten die Kolleg*innen auch mit viel Einsatz nicht finden. Wohl aber fanden sie Partner*innen, die vor den gleichen Fragen standen und die bereit waren, sich der Initiative der Europäischen Akademie Berlin (EAB) anzuschließen. Und natürlich liegt dies alles vor der Zeit der Pandemie und der Zeitenwende, die Europa und vor allem die deutsche Sicht auf Europa gehörig durcheinandergewürfelt haben.

Das Projekt „Unboxing Europe“ der EAB wurde gefördert von der Stiftung Mercator. In einem mehrjährigen Prozess, der mit einer Prototypphase vor mehr als fünf Jahren begann und mit Fortbildungen in der Handhabung des fertigen Produkts endete, entstand eine immersive Landkarte europäischer Themen und Bezugspunkte. Das Ziel bestand 2019 darin, ein interaktives Spielfeld zu kreieren, in dem Einzelpersonen oder Lerngruppen in die Themen Europas eintauchen können. Die erste Phase des Projekts – unter dem Namen „Tour d’Europe“ – wurde gemeinsam mit Lehrkräften der Volkshochschule Essen in Nordrhein-Westfalen und vor allem mit der Agentur Ressourcenmangel konzipiert und erprobt. In weiteren Projektschritten, und nun unter der Bezeichnung „Unboxing Europe“, kamen auch Agenturen aus dem digitalen und technischen Bereich mit hinzu, um die konzeptionelle Vorarbeit des Projektteams und der Teilnehmenden in grafisch ansprechende und vor allem interaktiv funktionsfähige Elemente zu überführen.

Gemeinsam mit der Pilotphase und dem abschließenden Evaluations- und Testsegment erstreckte sich die Projektlaufzeit über mehr als vier Jahre. Immer wieder wurden Inhalt und Methodik der interaktiven Landkarte angepasst und durch die Zielgruppe Lehrkräfte (im Zusammenspiel mit deren Zielgruppen) überprüft und angepasst. Die fertige Umgebung von Unboxing Europe erlaubt es den Nutzer*innen, vielfältige Themen – von Beteiligung über Wirtschaft bis zu Ernährungssicherheit – zu entdecken und durch multimedial aufbereitete Inhalte zu erkunden. Zwar bedeutete die Einbindung von Fachleuten aus der gesamten Bundesrepublik einen hohen Aufwand, aber dadurch wurden die Anwendbarkeit und eine der zentralen Aufträge politischer Bildung – der persönliche Austausch – sichergestellt.

Zielsetzung

Mit den Materialien von Unboxing Europe wollen wir Menschen für Europa und die EU begeistern und sie auf spielerischen und digitalen Wegen an vielseitige und aktuelle Themenfelder heranführen. Um diesen Lernprozess so erfolgreich wie möglich zu gestalten, wurden interaktive Aufgaben, Darstellungsformen und Methoden gewählt, mit denen sich Teilnehmer*innen schnell und einfach mit der EU beschäftigen können.

Grafik: Anton Hallmann/Sepia

Um die Nachhaltigkeit des Projekts zu sichern und die Informationen mit so vielen Menschen wie möglich zu teilen, wurden zusätzlich Lern- und Lehrmaterialien für Lehrkräfte und weitere pädagogische Fachkräfte entwickelt, mit denen sie Europa und die EU unkompliziert in ihren Klassenraum holen können. Ein weiterer Aspekt der Nachhaltigkeit besteht darin, dass das Projekt auf bestehende Materialien zurückgriff und nicht alles neu erfand oder erstellte. Gute YouTube-Videos, spannende Dokumentationen, Zeitzeugengespräche – all das und noch viel mehr wird durch die digitale Wünschelrute Unboxing Europe auffindbar und attraktiv eingebunden!

Von großer Bedeutung waren nicht allein grafische oder anwendungsbezogene Aspekte. Auch die Grundsätze der politischen Bildung – allen voran Kontroversitätsgebot und Überwältigungsverbot – sollten Beachtung finden. Auch skeptische und kritische Aspekte mussten Eingang finden, um die Lehrenden und Lernenden zur Europadiskussion zu animieren und sie mit Quellen für ihre Argumente zu versorgen.

Die Digitale Toolbox

Thematische Schwerpunkte und Lernziele

Die digitale Lernbox von Unboxing Europe besteht aus acht Kernthemen, die sowohl durch angeleitete Lerneinheiten als auch freiere Selbstlernformate bearbeitet werden können. Die Gestaltung der einzelnen Bausteine gibt Lernenden zum einen die Möglichkeit, ihr Wissen zu erweitern oder zu vertiefen, zum anderen aber auch, das Gelernte konkret und kreativ zu verarbeiten und zu reflektieren. Durch diese methodische Vielfalt wird somit sichergestellt, dass nicht nur Wissen angesammelt, sondern auch direkt in eigenen Aktionen und in der Ideenentwicklung umgesetzt wird.

Um die Vielseitigkeit Europas darzustellen, wurden vielseitige Themen ausgewählt, die einen tiefergehenden Einblick in politische, historische sowie kulturelle Schwerpunkte Europas geben können:

  • Bei „Unterwegs in Europa“ stehen die Themen Freiheit, Schengen-Raum und europäische Mobilität im Fokus.
  • „Europa zum Greifen nah“ unterstreicht wichtige Grundlagen des europäischen Binnenmarkts.
  • Der Bereich „Europa der Vielfalt“ setzt sich intensiv mit den Themen Gleichberechtigung, Menschenrechte und Diversität auseinander.
  • Bei „Ein soziales Europa“ werden soziale Rechte innerhalb der EU genauer beschrieben und Denkanstöße gegeben.
  • Die Rolle von Umwelt- und Klimaschutz wird im Schwerpunkt „Europäische Umweltpolitik“ in den Mittelpunkt gestellt.
  • Eine historische Einordnung wird im Bereich „Europäische Geschichte“ gegeben.
  • Anfeindungen – besonders im Netz – stellen uns alle vor große Herausforderungen. Der Bereich „Europa gemeinsam gegen Hatespeech“ versucht Einblick zu geben und den Raum für eine aktive Auseinandersetzung zu schaffen.
  • Das letzte Themenfeld – „Sport verbindet Europa“ – stellt den Sport und damit verbundene Werte wie Toleranz, Zusammenhalt und Fairness in den Fokus.

Die Aufbereitung der vielen Bausteine ermöglicht eine binnendifferenzierte Umsetzung von Lern- und Lehreinheiten. So können Teilnehmer*innen die Themenschwerpunkte auswählen, die neu für sie sind oder über die sie noch mehr herausfinden wollen. Die Reihenfolge kann dabei frei gewählt werden, was die Lernmotivation und das Selbstbewusstsein der Lernenden nachhaltig stärkt.

Lern- und Lehrmaterialien

Um die Einbettung der digitalen Toolbox in bestehende Rahmen zu vereinfachen, wurde eine ergänzende Broschüre für Unboxing Europe entwickelt. Diese beinhaltet neben der Einführung in das Projekt und Hinweisen zur Toolbox weiterführende Materialien für die Gestaltung von Angeboten. Für jedes Schwerpunktthema wurden weitere Aufgaben, inklusive der dazugehörigen Arbeitsblätter oder Vorlagen, konzipiert und mit weiteren Hinweisen versehen. Eine Besonderheit der Materialien: Sie sind angelehnt an die Struktur der digitalen Toolbox, können aber auch unabhängig von ihr sinnvoll in den Unterricht eingebettet werden. Dies lässt Lehrenden die Freiheit, Materialien mit einzubetten oder eben auch bestimmte Elemente ganz auszulassen – je nach Zielgruppe, Lernzielen und zeitlichem Rahmen.

Grafik: EAB/Unboxing Europe

Ob per direktem Download oder auf den Seiten, die als weiterführende Quellen angegeben sind: Vom Sprungbrett Unboxing Europe aus gelingt der Absprung in die Welt der europapolitischen Bildung allen, die sich für unsere europäische Gemeinschaft interessieren.

Methodische Einsatzmöglichkeiten

Die digitale Toolbox sowie die weiterführenden Materialien können in der Bildungsarbeit ganz unterschiedlich zum Einsatz kommen. Im Folgenden werden drei konkrete Einsatzszenarien beschrieben, die bisher erfolgreich umgesetzt wurden. Diese können mit allen Zielgruppen umgesetzt werden. Gegebenenfalls sollten der zeitliche Rahmen sowie der inhaltliche Umfang an Ihre Zielgruppe angepasst werden. Für die Planung ist natürlich auch die Verfügbarkeit digitaler Tools wie Laptops oder Tablets zentral.

PRÄSENZ-WORKSHOP: Ein typisches Einsatzszenario sind digitale sowie analoge Workshops in Präsenz. Je nach zeitlicher Verfügbarkeit können diese gekürzt oder verlängert werden. Wir empfehlen hier mindestens einen zeitlichen Rahmen von 45 bis 90 Minuten, damit die Toolbox zunächst gut eingeführt werden kann und dann noch genug Zeit für die eigenständige Erarbeitung sowie Auswertung bleibt. In diesem Format können Einzel- sowie Paararbeiten sinnvoll eingebettet werden, um einzelne Kernbereiche der Toolbox zu erforschen, vertiefend zur bearbeiten – etwa durch weiterführende Recherchen, die Erstellung von Postern und Steckbriefen – und dann gemeinsam auszuwerten, z. B. durch einen gemeinsamen Gallery-Walk zu den Ergebnissen.

Die einzelnen Lernbereiche der Toolbox und Lehrmaterialien können natürlich auch in bereits existierende Lerneinheiten eingebettet werden, die dazu passen. So können weitere, innovative Methoden mit bestehenden Konzepten verknüpft werden, um die Teilnehmer*innen weiter zu aktivieren und die Motivation hoch zu halten.

ASYNCHRONE LERNEINHEITEN: Neben der Umsetzung von synchronen Workshops oder Lerneinheiten in Präsenz sowie im digitalen Raum, bietet Unboxing Europe auch die Möglichkeit, asynchrones Lernen gewinnbringend zu gestalten. Besonders in non-formalen Kontexten oder auch als zusätzliche „Hausaufgabe“ bietet sich dieses Format an. Wichtig ist eine gute Vorbereitung durch die Lehrkraft, damit die Lernenden die Aufgabe(n) und Zielsetzung klar nachvollziehen können.

So kann ein Programm über mehrere Wochen gestaltet werden, indem jede Woche ein Themenbaustein in den Fokus gerückt wird. Die Lernenden erarbeiten eigenständig die bereitgestellten Aufgaben aus der digitalen Toolbox und/oder dem Lehr- und Lernmaterial. In welcher Form ausgewertet wird, liegt dann bei der Lehrkraft. Wir empfehlen die Nutzung eines (digitalen) Lernjournals, um Ergebnisse, Erfahrungen und offene Fragen zu sammeln und auch hierzu in einem engen Austausch mit den Teilnehmenden zu bleiben. Dies kann ein fester Bestandteil folgender Sitzungen oder Einzelgespräche mit der Lehrkraft sein oder aber in der Peer-Group aufgelöst werden.

STATIONSARBEIT: Sowohl die digitale Toolbox, als auch das zusätzliche Lehr- und Lernmaterial, eignen sich besonders gut, um längere Einheiten in Form von Stationsarbeit umzusetzen. Die Vorteile der Methode sind vielseitig:

  • Eine größere Gruppe von Lernenden kann zeitgleich – und dennoch eigenständig – an den einzelnen Stationen arbeiten. So können auch größere Gruppen gut untergebracht werden.
  • Die Lernenden können sich gegenseitig an den Stationen unterstützen, sodass eine enge Betreuung durch die Lehrkraft nicht notwendig ist. Dies unterscheidet sich natürlich erheblich je nach Zielgruppe.
  • Durch die Aufbereitung diverser Stationen und Themen können sich alle Teilnehmenden wiederfinden und werden befähigt, ihr Lernen sowie ihre Lerngeschwindigkeit pro Themenschwerpunkt selbst zu bestimmen. Dies steigert die Motivation und sichert positive Lernergebnisse.
  • Digitale und analoge Formate ergänzen sich gewinnbringend. Durch die regelmäßigen Methodenwechsel bleiben die Teilnehmer*innen aktiv und können auch mehrere Themen erfolgreich und motiviert bearbeiten.

Hierfür bereitet die Lehrkraft acht Stationen in einem großen oder mehreren kleinen Klassenräumen auf. Jede Station stellt dann eines der Lernfelder da. Wenn möglich, sollten digitale Lernmittel wie Tablets an den Stationen aufgestellt werden, damit Teilnehmer*innen die digitale Toolbox eigenständig erforschen können. Weitere Materialien und Aufgabenstellungen aus den Lern- und Lehrmaterialien ergänzen die jeweilige Station.

Zusätzliche Materialien, wie z. B. relevante und aktuelle Artikel, Berichte oder Interviews, können an den Stationen nach Bedarf und Vorwissen der Zielgruppe ergänzt werden. Dies kann besonders bei sehr diversen Lerngruppen wichtig sein, um eine weitere Binnendifferenzierung zu ermöglichen bzw. zu sichern. Zu Beginn der Stationsarbeit muss der Ablauf genauer erklärt werden. Zudem sollten die Teilnehmenden einen Laufzettel oder ein Lernjournal erhalten, um die Ergebnisse zu dokumentieren. Die Stationsarbeit kann sowohl komplett frei erfolgen – d. h. Teilnehmende wechseln eigenständig zwischen den Stationen – oder kann einem bestimmten zeitlichen Rhythmus folgen. Die Entscheidung hängt auch hier wie immer von der Zielgruppe ab. Gruppen, die mehr Ruhe und Struktur benötigen, profitieren von einem geregelteren Ablauf.

Zum Abschluss der Stationsarbeit sollten alle Teilnehmer*innen noch einmal zusammenkommen, um den Prozess sowie das Gelernte miteinander zu besprechen. Dies kann in Kleingruppen oder aber auch im Plenum geschehen.

Weiterführende Links und Materialien

Die Materialien von Unboxing Europe stehen auch weiterhin allen interessierten Personen kostenfrei zur Verfügung. Unter den folgenden Links können sie abgerufen und – je nach Format – heruntergeladen werden.

Zur Autorin

Sarah Eilingsfeld ist seit Anfang 2023 stellvertretende Direktorin und Studienleitung der Europäischen Akademie Berlin. Nach 10 Jahren im Bereich der beruflichen Orientierung und Berufsorientierung widmet sie sich nun partizipativen und empowernden Projekten der politischen Bildung.
se@eab-berlin.eu