Empowerment und Powersharing als machtkritisches ethisch-politisches Handeln in sozialer und ökologisch-planetarischer Verantwortung
Die soziale Realität menschlicher Ordnungen ist von Ungleichheits- und Diskriminierungsverhältnissen geprägt. Diese manifestieren sich in ihren verschiedensten Formen (z. B. Klassismus, Sexismus, Rassismus), Facetten (Intersektionalität) und Dimensionen (z. B. individuell-gesellschaftlich, institutionell-strukturell, national-global, zeitlich-historisch). Ungleichheit und Diskriminierung, verstanden als eine soziale Konstruktion von Machtungleichheit zwischen Menschen(gruppen), kann somit individuell-kollektiv aus einer politischen Haltung und Handlung der machtkritischen Reflexion von und Intervention in Machtungleichheits- und Diskriminierungsverhältnisse transformiert werden.
Als ein machtkritischer ethisch-politischer Handlungsansatz soll in diesem Zusammenhang das transformative Empowersharing vorgestellt werden, das sich aus dem ganzheitlichen Zusammendenken der komplementären Handlungsansätze Empowerment und Powersharing zusammensetzt (vgl. zu diesem Konzept Can 2023 und die dort genannten Verweise). Dabei ist das individuell-kollektive Handeln im Sinne der beiden Ansätze entgegen der sozialen Verhältnisse von Machtdifferenz und intersektionalen Diskriminierungen auf die Schaffung von Machtbalancen und damit Gleichheitsverhältnissen ausgerichtet. Während hierbei beim machtkritischen Empowerment der Blick auf der individuell-kollektiven Selbstbemächtigung und Stärkung von Machtarmen in marginalisierter und diskriminierter Position liegt, richtet sich beim machtkritischen Powersharing der Blick auf Machtreiche in privilegierter Position, um individuell-kollektiv nicht-paternalistisch Macht(umver)teilung zu praktizieren.

„Power“ bzw. „Macht“ wird im Zusammenhang mit dem Empowersharing-Konzept zunächst einmal wertneutral verstanden „als Potenzialität des individuellen und sozial-interaktiven Handeln- und Wirken-Könnens auf das Selbst und die (Mit-) und (Um-)Welt bzw. das Da-Sein, abhängig von den Möglichkeiten des Verfügens und der Aneignung von und des Zugangs zu Kapitalien“ (ebd., S. 361). Entgegen dem dualistischen und polarisierenden Verständnis von Mächtigkeit und Machtlosigkeit wird hier von der Prämisse ausgegangen, dass Personen bzw. Gruppen erst einmal grundsätzlich über (Handlungs-)Macht verfügen, d. h. jeder Mensch in irgendeiner Weise (handlungs-)mächtig ist, also über Ressourcen bzw. Kapitalien (ökonomische, soziale, kulturelle, symbolische …) verfügt, um auf das Leben und Dasein aktiv zu wirken und Veränderung zu bewirken (vgl. ebd.). Jedoch ist dieses Handeln- und Wirken-Können aufgrund bestehender und konstruierter Ungleichheit in den Macht- bzw. Kapitalienpotenzialen individuell-kollektiv unterschiedlich ausgeprägt und manifestiert sich so nicht nur auf individueller, sondern auch auf institutioneller und struktureller Ebene in der Konstruktion von Ungleichheit und Diskriminierung. Mit der Betrachtung von sozialer Ungleichheit als einem gesellschaftlich konstruierten Verhältnis unterscheidet sich der machtkritische Empowersharing-Handlungsansatz grundlegend von individualisierenden Ansätzen des Empowerments bzw. Powersharings. Die Transformation von Ungleichheits-, Diskriminierungs- und Unterdrückungsstrukturen wird demgegenüber als ein individuell und kollektiv machtkritisch reflektierter Akt der politischen Intervention aus der machtarmen wie der machtreichen sozialen Positionalität auf die individuelle wie die gesellschaftliche Realität verstanden (vgl. zur reflektierten machtkritischen Handlungspraxis des Empowersharings in drei politischen Räumen ebd., S. 364 ff.).
Mit der Betrachtung von sozialer Ungleichheit als einem gesellschaftlich konstruierten Verhältnis unterscheidet sich der machtkritische Empowersharing-Handlungsansatz grundlegend von individualisierenden Ansätzen des Empowerments bzw. Powersharings.
Kritisch betrachtet nimmt jedoch die bisherige Kritik an Macht-, Diskriminierungs-, Unterdrückungs- und Ausbeutungsverhältnissen in erster Linie den Menschen in seinen sozialen Verhältnissen in den Blick. Diese menschenzentrierte Sichtweise, auch als Anthropozentrismus bezeichnet, findet sich nicht zuletzt als ein Erbe des Monotheismus und der westlichen Moderne im dominanten Wissen und Handeln wieder. Mit dem machtkritischen Empowersharing wird daher eine ethisch-politische Handlungsperspektive entwickelt, die nicht nur sozial machtkritisch, sondern auch anthropozentrismus-kritisch ist, also das Soziale ökologisch-planetarisch zusammendenkt. Es ist eine Rückbesinnung des Menschen auf die eigene biologische Natur und damit das Verständnis, Teil des Daseins zu sein. Die eigene Haltung und das eigene Handeln sind hierbei inklusiv und ganzheitlich ausgerichtet. In dieser Sichtweise steht die Verwirklichung von sozialer Gleichheit und Gerechtigkeit in engem Zusammenhang mit der ökologisch-planetarischen Gerechtigkeit, d. h. der Frage, inwieweit der Mensch es individuell-kollektiv schafft, nicht nur zwischenmenschlich, sondern auch in seinem Verhältnis zur (Um-)Welt bzw. zur Natur und Welt ökologisch-planetarische Verantwortung zu übernehmen und so ganzheitlich und nachhaltig menschlich-sozial wie ökologisch-planetarisch in Balance und Einklang zu leben.
Diese Frage stellt sich nicht zuletzt vor dem Hintergrund des menschengemachten Klimawandels und der ökologisch-planetarischen Ausbeutung und Zerstörung mit allen existenziellen Folgen auch für die gesamte Menschheit, insbesondere aber für die Menschen im Globalen Süden als den ohnehin Negativ-Erben des westlich-europäischen Kolonialismus. Exemplarisch würde hierbei im Sinne des transformativen Empowersharings machtkritisches ethisch-politisches Handeln in sozialer und ökologisch-planetarischer Verantwortung bedeuten, dass der Globale Norden als Praxis des Powersharings den Globalen Süden bedingungslos – nicht als Hilfe, sondern als eine Art Wiedergutmachung – entschuldet, wie auch mit Wissen und Technologie unterstützt, sodass dieser in selbstwirksamer Praxis des Empowerments die Pariser Klimaziele erreichen und die sozial-ökologische Transformation nachhaltig realisieren kann.
Insoweit ist das transformative Empowersharing – als machtkritischer Beitrag und konstruktive Intervention in bestehende gesellschaftliche, politische und ökologisch-planetarische Verhältnisse, Diskurse und Praxen zu verstehen – individuell-kollektiv und lokal-global in Resonanz mit und Verantwortung zu allem Lebendigem und Nicht-Lebendigem in ihrem vielfältigen Dasein eine gerechtere, inklusive und nachhaltige andere Welt in ganzheitlichem Einklang zu visionieren, konzeptionell zu denken und praktisch zu gestalten.
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