Konsens und Konflikt in der Gegenwartsgesellschaft
Suhrkamp Verlag, 535 Seiten
Unterhalten sich zwei Soziologinnen. Fragt die eine: „Wie steht es um die Diagnose von der gespaltenen Gesellschaft?“ Antwortet die andere: „Eher Mau.“
Zugegeben, ein etwas flacher Witz zum Einstieg, der aber eine wichtige Erkenntnis des Buches kürzest möglich wiedergibt: Die Diagnose einer komplett gespaltenen Gesellschaft ist ein US-Import und für Deutschland unzutreffend, eine Polarisierung in zwei antagonistische Gruppen empirisch nicht nachweisbar. Überspitzt: Akademiker*innen sind nicht per se Veganer*innen und pro Einwanderung sowie Gendersternchen und bewegen sich leichtfüßig in einer urbanen multikulturellen Welt und Arbeiter*innen sind nicht per se Fleischesser*innen, wählen rechte Parteien, fühlen sich von einer Sprachpolizei gegängelt und lieben ihr deutsches Dorf mit althergebrachten Traditionen. Zwischen Einstellungen und sozialstruktureller Position lassen sich nur bedingt Zusammenhänge herstellen. Trotzdem ist das Buch keine Beruhigungspille.
Die Autoren untersuchen, wie soziale Ungleichheit wahrgenommen und wie über sie gestritten wird. Sie entwerfen dazu eine Typologie von vier Ungleichheitsarenen: die Oben-Unten-Ungleichheiten, bei denen es um Verteilungskonflikte geht; die Innen-Außen-Ungleichheiten, mit ihren Zugehörigkeits- und Grenzkonflikten; die Wir-Sie-Ungleichheiten, die Anerkennungskonflikte fokussieren, und die Heute-Morgen-Ungleichheiten, also ökologische und Zeitkonflikte. Um den Streit um Ungleichheiten zu untersuchen, verwenden sie sowohl quantitatives Datenmaterial aus sozialstatistischen Studien und bundesweiten Telefonsurveys als auch qualitative Daten aus Fokusgruppen. Es gab dabei drei Gruppen mit Angehörigen verschiedener Schichten, wobei insbesondere durch die sogenannten Krisis-Gruppen mit Vertreter*innen gegenläufiger Meinungen untersucht wurde, wie kritisiert und gestritten wird.
In den Krisis-Gruppen wurde auch identifiziert, was die Autoren mit dem Begriff der Triggerpunkte bezeichnen: „jene neuralgischen Stellen, an denen Meinungsverschiedenheiten hochschießen, an denen Konsens, Hinnahmebereitschaft und Indifferenz in deutlich artikulierten Dissens, ja sogar Gegnerschaft umschlagen. (…) jene Orte innerhalb der Tiefenstruktur von moralischen Erwartungen und sozialen Dispositionen, auf deren Berührung Menschen besonders heftig und emotional reagieren.“ (S. 246)
Wurden Triggerpunkte berührt, reagierten die Diskutierenden emotional, unterbrachen einander, wurden laut.
Sind Triggerpunkte die Momente, in denen die Emotionen hochkochen, so zeigen sich als Trigger immer Verletzungen spezifischer Erwartungen an Gleichheit, Normalität, Kontrolle und Autonomie, man fühlt sich unfair behandelt („Sonderrechte“ für Minderheiten, Rassismus, Diskriminierung, leistungsloses Vermögen), empfindet die eigene Normalität als bedroht („Ausländerkriminalität“, dekadenter Lebensstil Reicher, Transfrauen in Frauenumkleiden), befürchtet Kontrollverlust über die eigenen Lebensbedingungen („Grenzöffnungen“, Quoten, Folgen des Klimawandels, Ansprüche an den Sozialstaat) oder ist konfrontiert mit Verhaltensforderungen, die man als Zumutung empfindet („Gendersprache“, Tempolimit, Veggie-Day, überkommene Geschlechterrollen) (S. 276).
Die drei Soziologen stellen heraus, dass „Polarisierungsunternehmer“ sich Trigger zunutze machen. Damit meinen sie nicht nur populistische Parteien (wie die in Teilen rechtsextreme AfD), sondern auch Medien. Sie warnen ganz allgemein vor Stimmungsmache, die darauf abzielt zu spalten und Freund-Feind-Denken zu etablieren. Gerade Konservative sollten vermeiden, ihre Rhetorik mit Versatzstücken aus dem affektpolitischen Bauchladen der Polarisierungsunternehmer rechts von ihnen anzureichern. Wohingegen Medienschaffende der Versuchung widerstehen sollten, mit Triggern das Geschäft anzukurbeln und die nicht nachweisbare Spaltung der Gesellschaft herbeizuschreiben. Vielmehr wäre darüber zu berichten, wer gerade welche Trigger zu welchen Zwecken einsetzt.
Noch haben wir in Deutschland keine gespaltene Gesellschaft, vielmehr konstatieren die Autoren, dass sich ein weitreichender Konsens bei vielen Themen zeigt. Jedoch können Triggerpunkte Einfallstor sein für Affektpolitik, die darauf abzielt, Emotion statt Kognition zur Grundlage von Politik zu machen. Hier kann politische und medienpädagogische Bildung ansetzen mit Seminaren über Affektpolitik, über populistische Narrative, über Themen wie soziale Ungleichheit, (vor-)politische Einstellungen, politischer Diskurs und Argumentationsfähigkeit sowie Kompromiss und Konflikt in der Demokratie.