Außerschulische Bildung 1/2025

Saba-Nur Cheema/Meron Mendel: Muslimisch-jüdisches Abendbrot

Das Miteinander in Zeiten der Polarisierung

Köln 2024
Kiepenheuer & Witsch, 208 Seiten
 von Norbert Reichel

Der 7. Oktober war ein Fanal, eine Zäsur. Israel war schutzlos. In dieser Stimmung erschien die Sammlung der von Saba-Nur Cheema und Meron Mendel seit 2020 in der FAZ veröffentlichten Kolumnen: „Der 7. Oktober 2023, der Tag des Massakers der Hamas in Israel, hat unser Leben verändert. Als die ersten Nachrichten kamen, begannen wir, um Familie und Freunde zu bangen, die nicht weit entfernt vom Gazastreifen lebten. Der Verlust von Menschen, die wir geliebt haben, die Sorge um die Zukunft derer, die noch da sind, begleiten uns bis heute.“ (S. 5) Die Folge war jedoch nicht eine Welle von Empathie, sondern eine Explosion von Antisemitismus, und manche halten Muslimfeindlichkeit für die geeignete Therapie.

Ein hyperemotionalisiertes Symptom ist die Debatte um die „Kunstfreiheit“. Saba-Nur Cheema und Meron Mendel erörtern dies unter anderem am Beispiel des Streits um die Aufführung des Theaterstücks „Vögel“ des libanesisch-kanadischen Regisseurs Wajdi Mouawad in München, eine Romeo-und-Julia-Geschichte, die Liebe eines Juden und einer Muslima. Das Stück war in Paris und in Tel Aviv hoch gelobt worden. Doch dann gab es in München Proteste: „Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass nun ausgerechnet jüdische Studierende in unfreiwilliger Allianz mit BDS-Aktivisten das Stück verhindern wollten.“ (S. 108) In dem Stück gibt es Einseitigkeiten. Aber ist es deshalb antisemitisch?

Saba-Nur Cheema und Meron Mendel sagen deutlich, dass nicht die bloße Kritik an israelischer Politik antisemitisch wäre, aber dann Antisemitismus vorliege, wenn Israel insgesamt oder gar mit Israel alle Jüdinnen und Juden dieser Welt gebrandmarkt werden, selbst jüdische und israelische Künstler*innen, die sich klar für Frieden, gegen Besatzung, gegen die Praxis der israelischen Regierung engagieren. Ähnlich ist es in der Wissenschaft. „Ob sich Max Weber Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts hätte vorstellen können, dass Wissenschaftler sich eines Tages lieber mit Unterschriften statt mit Argumenten gegenseitig überbieten wollen?“ (S. 128)

Das ist die eine Seite. Die andere ist die Vielfalt des Alltags mit den Untiefen der Integration. Dies impliziert schon der leicht ironische Titel, denn was kann es Deutscheres geben als „Abendbrot“. Das „Abendbrot“ ist etwas so einzigartig Deutsches, dass es in anderen Sprachen gar kein Wort dafür gibt. Man muss ja nicht gleich von „Leitkultur“ sprechen, Birgit Rommelspacher nannte dies „kulturelles Christentum“. (S. 180)

Carol Hanisch prägte zu Beginn der 1970er Jahre den Satz, dass das Private politisch sei. Der Titel des Vorworts weist die Richtung: „Eine Ehe ist kein politisches Projekt – oder?“ „Seit wir ein Kind haben, achten die jeweiligen Großeltern genau darauf, dass ihre Kultur und Religion in unseren vier Wänden nicht zu kurz kommen.“ (S. 13) Staatlichen Stellen fällt es schwer, sich auf die Komplexität und Vielfalt unserer Gesellschaft einzustellen. Das Judentum wird matrilinear, der Islam patrilinear weitergegeben. Der Versuch, das Kind mit doppelter Religionszugehörigkeit eintragen zu lassen, wurde abgelehnt, auch der Vorschlag „divers“ fand keine Gegenliebe. „Letztlich mussten wir uns mit der Bezeichnung ‚konfessionslos‘ zufriedengeben.“ (S. 35)

So geht es hinein in den Alltag, in Debatten um Essgewohnheiten, Weihnachtsbeleuchtungen, Ramadan-Beleuchtung, Muezzinrufe, das Tragen religiöser Symbole in Gerichten oder in der Schule. Die wesentlichen Fragen werden systematisch vermieden. „Offensichtlich ist es für die Mehrheitsgesellschaft einfacher, sich in eine Scheindiskussion über Beleuchtungen und Rufe einzulassen, statt die wirklichen Herausforderungen für Muslime in Deutschland anzupacken: vom Religionsunterricht über Moscheebau bis zur Diskriminierung am Arbeitsplatz.“ (S. 104)

Die 30 Kolumnen bieten Meta-Kritik vom Feinsten. Es geht nicht darum, welche Debatten wir führen, sondern darum, wie wir sie führen. Wer das Gespräch ausschließt, verweigert oder sich erst gar nicht traut, ein Gespräch zu beginnen, macht einen grundlegenden Fehler. Von diesem Fehler lebt die „Gattung Integrationsdebatte“. (S. 121) Dazu gehört auch die Popularität des Themas Betroffenheit. „Alle Beteiligten spielen ihre Rollen nach einem bestimmten Drehbuch, ohne sich allzu viele Gedanken machen zu müssen.“ (S. 120) „Die Perspektive von Betroffenen“ darf nicht „zum einzigen Maßstab“ werden, es ist gefährlich, wenn „der Ankläger zum Richter“ wird, denn dann „spielt die Wahrheit keine Rolle mehr“. (S. 162) Eine besonders schräge Debatte ist die um „kulturelle Aneignung“, eigentlich „die gängige Praxis, wie Kulturen über Jahrtausende weiterentwickelt wurden“. (S. 50)

Das Buch erfüllt einen universell-humanistischen Anspruch. Es fördert in jeder Kolumne, jedem Absatz, jedem Satz die Fähigkeit, die Dinge und Entwicklungen dieser Welt differenzierter, selbstkritischer und zuversichtlicher wahrzunehmen und zu begreifen. Wir sollten uns immer wieder darauf einlassen, mit „kulturelle(r) Neugier“ (S. 53).

Norbert Reichel ist promovierter Literaturwissenschaftler und Pädagoge. Er betreibt das Internetmagazin „Demokratischer Salon: Argumente zur historisch-politischen Bildung“ (www.demokratischer-salon.de).