Außerschulische Bildung 3-2024

Nikolaj Schultz: Landkrank

Berlin 2024
Suhrkamp Verlag, 122 Seiten
 von David Kreitz

Ethnofiktion nennt Nikolaj Schultz, ein in Paris lebender, dänischer Soziologe, seinen Essay, an anderer Stelle spricht er von literarischer Soziologie. Passend kleidet sich der Essay auch stilistisch ins literarische Gewand. Bewusst, wie im Nachwort zu lesen ist. Denn klassische wissenschaftliche Textformen böten nicht die nötige Flexibilität in Ton und Darstellung und Schilderung inneren Erlebens. Dass der Autor kein Klima-Traktat schreibt, ist ein Gewinn, denn so ist der erhobene Zeigefinger dem Buch fern.

Inhaltlich haben wir es mit einem namenlosen Ich-Erzähler zu tun, der autobiografische Züge von Nikolaj Schulz trägt. Dieses Erzähler-Ich schwitzt. In Paris. Die Hitze ist unerträglich. Und das wird klimabedingt immer häufiger der Fall sein. Der Ventilator läuft. Er ist wach: „Es schläft sich schlecht im Anthropozän.“ Duschen würde Wasser verbrauchen, Kaffee gegen die Müdigkeit Strom – auch benötigt Kaffee weite Lieferwege, intensiven Anbau und stützt sozioökonomische Abhängigkeiten – ein Produkt als Ausdruck einer imperialen Lebensweise.

Die Hitze lässt Fragen der Existenz hochkochen. Die Hitze erinnert dabei an ein anderes Werk, in dem Existenz verhandelt wird, Albert Camus „Der Fremde“. Doch spricht hier kein Meursault, auch kein Roquentin (Sartre: Der Ekel). Weder Anerkennung des Absurden noch Freiheit des Selbstentwurfs kümmern den Ich-Erzähler. Das Ich im Anthropozän scheint eher von hyperreflexivem Selbstekel gekennzeichnet. Alles, was ich tue oder lasse, macht alles nur noch schlimmer: Mein Sein bedeutet Zerstören, mein Sein findet auf dem Rücken anderer statt.

Der Ich-Erzähler denkt aber nicht über Selbstmord (Camus) oder den Nachteil geboren zu sein (Cioran) nach. Weit weniger radikal wählt er eine Sommerflucht. In ein Paradies, wie er glaubt. Doch die französische Mittelmeerinsel Porquerrolles ist von Touristenströmen überrannt und trotz großflächiger Naturschutzzone ist alles mehr oder minder zum Klimakatastrophe bedingten Teufel.

Seine Reflexionen holen ihn auch hier ein. Sie sind eine Mischung aus philosophisch-soziologischen Theorieversatzstücken, Beobachtungen und Begegnungen mit Personen vor Ort.

Gerade bei den philosophisch-soziologischen Betrachtungen merkt man, dass hier ein Latour-Schüler schreibt, der immer wieder die Eingebundenheit des Menschen in ein dynamisches System verschiedener Entitäten, von Wasser und Strand über Fische zu Bakterien, zu Ideen, betont, also deutliche Anklänge an die latoursche Akteur-Netzwerk-Theorie erkennen lässt. Diese eignet sich besonders, um die im Vorwort von Luisa Neubauer aufgezeigte große Verflechtung darzustellen: „Kein Mensch würde auch nur einen Tag überleben, würden nicht Abermillionen Lebewesen auf der Welt dafür sorgen, dass Sauerstoff zum Atmen da ist, Wasser gefiltert wird, Boden fruchtbar wird, um Nahrung anzubauen.“ (S. 11 f.)

Schultz greift aber auch die eigene Arbeit mit Bruno Latour auf, wenn der Ich-Erzähler über die Bedingungen und Wichtigkeit einer ökologischen Klasse und eines ökologischen Klassenkampfs (S. 81 ff.) nachdenkt. Wobei die Neudefinition der Klasse so weitgehend ist, dass möglicherweise ein anderer Begriff gefunden werden sollte.

Auf der Rückfahrt von der Insel zum Festland entdeckt der Erzähler dann die Metapher landkrank: „Normalerweise versteht man darunter das Gefühl, das ein Segler hat, nachdem er das Boot verlässt und an Land kommt. Er fühlt dann, die Erde würde unter ihm beben.“ Diese Erschütterung spürt der Ich-Erzähler an Land, er schwankt, ist nicht trittsicher, ist von seinem reflexionsbedingten Taumel irritiert. An Bord des Segelschiffes, mit dem er Porquerolles verlässt, gehört das Einplanen der Wellen, das Manövrieren anhand der Umstände, der richtige Einsatz von Motor und Segel, dieses Sich-einlassen-Müssen auf die Gegebenheiten jedoch dazu. Mit der Landkrankheit ist eine stimmige Metapher für sein Gefangensein im klimakatastrophischen Gedankenkarussel gefunden – und gleichzeitig ist das Segeln eine Metapher für das Denken, Leben und Handeln auf schwankendem Grund.

Schultz‘ Text wird vielen als dunkel und traurig und ausweglos erscheinen – und ja, eine klare Handlungsanweisung bleibt aus. Daher könnte man den Text für eine intellektuelle Fingerübung am Vorabend der Apokalypse halten, für die unnötigerweise Papier hergestellt und bedruckt wurde.

Was der Essay von Schultz m. E. jedoch zeigt, ist zunächst eine Ehrlichkeit sich selbst gegenüber, ein Verständnis für das Taumeln durch das Leben im Angesicht der Klimakatastrophe, ein Anerkennen von Zerstörung, von Leid und die Wahrnehmung einer Traurigkeit über die Verluste – und die Suche nach einer Sprache für diese existenzielle Erfahrung.

David Kreitz (M. A. Soziologie und Nordamerikastudien) ist pädagogischer Mitarbeiter in Mariaspring – Ländliche Heimvolkshochschule und dort als Erwachsenenbildner im Bereich Politik, Gesellschaft und Zeitgeschichte sowie in der Öffentlichkeitsarbeit tätig. Er ist nebenberuflich Trainer für Wissenschaftskommunikation, Schreib- und Hochschuldidaktik.