Außerschulische Bildung 1/2024

Martha Friedenthal-Haase: Fritz Borinski und die Bildung zur Demokratie

Ein Leben zwischen Pädagogik und Politik

Bad Heilbrunn 2023
Verlag Julius Klinkhardt, 411 Seiten
 von Klaus-Peter Hufer

„Der Aufbau unserer Demokratie ist undenkbar ohne eine starke, freie, demokratische Erwachsenenbildung.“ Dieser Satz von Fritz Borinski (1903–1988) ist heute so aktuell wie damals, als er 1951 geschrieben wurde. Gleichzeitig wird mit dieser Äußerung deutlich, worauf Borinskis Leben und seine Arbeit hinzielten: auf eine Bildung zur Demokratie.

Damit ist der Titel dieser wahrlich monumentalen Biografie von Martha Friedenthal-Haase, emeritierte Professorin für Erwachsenenbildung in Jena und Gastprofessorin an der Boston University, trefflich gewählt.

Fritz Borinskis Leben spiegelt die Entwicklungen und Verwerfungen seiner Zeit wider. Dadurch geprägt ist sein aktiver Einsatz für Demokratie durch Bildung zu verstehen. Geboren in Berlin, entstammte er einer jüdischen, zum Protestantismus konvertierten Familie. Nach dem Studium der Rechtswissenschaften, Soziologie und Geschichte und dem bestandenen Ersten juristischen Examen engagierte er sich im Leuchtenburgkreis, bei dem es in der fragilen Weimarer Republik um die „Verantwortung für die jungen Demokratie“ (S. 35) ging, und in der Arbeiterbildung. 1927 promovierte Borinski, im Oktober 1929 bekam er seine erste feste Anstellung in einem Leipziger Volkshochschulheim, von da wechselte er zur Heimvolkshochschule „Schloß Sachsenburg“, eine „undogmatische Bildungsstätte von entschieden prodemokratischer Ausrichtung“ (S. 60). Im Oktober 1931 übernahm Borinski die Leitung des „Seminars für Freies Volksbildungswesen“ der Universitär Leipzig. Doch am 26. Juli 1933 kam eine Anweisung des Ministeriums für Volksbildungswesen, Borinskis planmäßige Anstellung wegen „nichtarischer Abstammung“ aufzukündigen (S. 80). Ein halbes Jahr später verließ Borinski Deutschland und suchte Asyl in England. Die Exilzeit dauerte 13 Jahre, dabei lebte Borinski, wie er schrieb, „nahe dem Existenzminimum“, konnte jedoch ab und zu gegen Honorar Artikel in der „Neuen Zürcher Zeitung“ veröffentlichen. 1939 wurde er vorübergehend in ein australisches Internierungslager verbracht, wo er eine Lagerschule für jugendliche Mithäftlinge leitete. In diesem Jahr endete auch sein Studium an der renommierten „London School of Economics and Political Science“, das er 1934 begonnen hatte.

Im Jahr 1942 gründete Borinski zusammen mit Briten und anderen Deutschen eine gemeinnützige, nichtstaatliche Organisation, die GER (German Educational Reconstruction). Ihr Ziel war es, deutsche Emigranten auf den kulturellen Wiederaufbau in Deutschland vorzubereiten. Im selben Jahr wurde ihm von den Nazis der Doktortitel entzogen, schon vorher wurden ihm die Staatsbürgerrechte aberkannt.

Nach Kriegsende arbeitete er zunächst an der politischen Bildung deutscher Kriegsgefangener. Am Ende des Exils stand für Borinski fest, dass die Erwachsenenbildung „einer der wichtigsten, ja unverzichtbaren gesellschaftlichen Schauplätze (ist), auf denen künftig der Kampf zwischen der totalitären Ideologie repressiver Systeme und der Lehre der freien Demokratie ausgetragen werden würde.“ (S. 160) Sein didaktisches Denken entwickelte sich „von der primären Orientierung an der Arbeiterklasse hin zu klassenübergreifender Mitbürgerlichkeit“ (S. 191). Zum Klassiker der politischen Erwachsenenbildung ist sein 1954 erschienenes Buch „Der Weg zum Mitbürger“ geworden.

Nach seiner Rückkehr nach Deutschland war er zunächst von 1947 bis 1954 Leiter der Heimvolkshochschule Göhrde, dann bis 1956 Leiter der Bremer VHS, und in diesem Jahr übernahm er an der Freien Universität Berlin den zunächst einzigen Lehrstuhl für Pädagogik. Nach Berufung weiterer Professoren konnte er sich vollständig der Erwachsenenbildung widmen.

Sehr eingehend beschreibt Martha Friedenthal-Haase die karge Ausstattung und die bescheidenen Arbeits- und Lebensbedingungen in der Göhrde. Dort richtete er ein Seminar ein, er nannte es „die einzige Stätte im Bundesgebiet, die zur Ausbildung hauptamtlicher Erwachsenenbildner geworden ist“ (Orig.). In Bremen prägte Borinski die „Volkshochschule neuen Typs“ (S. 264), in deren Programm besonders die politische Erwachsenenbildung betont wurde. Auch in seiner Professur in Berlin spielte sie eine zentrale Rolle, sie sollte ein eigenes Berufsfeld für Politikwissenschaftler sein. Obwohl der Sozialdemokrat Borinski in der Gesellschaftskritik eine „lebensnotwendige“ (Orig.) Aufgabe politischer Bildung sah, geriet er in „die Schusslinie der Studentenbewegung“.

Neben allem entfaltete er viele, auch heute noch aktuelle bildungspolitische Aktivitäten, war Mitglied bedeutender Gremien. Das alles ist detailliert in dem voluminösen und akribisch recherchierten Band nachzulesen.

Ich habe beim Lesen eine doppelte Hochachtung bekommen: einmal vor der kolossalen Lebensleistung Borinskis und zum anderen vor der enormen Arbeit der Autorin. Es bleibt dabei aber auch eine wehmütige Erkenntnis zurück. Ein vehementes Verständnis von „Bildung zur Demokratie“ ist heute, wo ein zentrales Berufungskriterium für Professuren der Weiterbildung die Akquise von „Drittmitteln“ geworden ist, vielfach nicht opportun, möglicherweise sogar karriereverhindernd.

Klaus-Peter Hufer, Dr. rer. pol und phil. habil., ist außerplanmäßiger Professor an der Fakultät Bildungswissenschaften der Universität Duisburg-Essen und war viele Jahre hauptberuflich in der VHS des Kreises Viersen tätig. Arbeitsfelder: Politische Bildung, Erwachsenenbildung, demokratische Argumentationsstrategien, Rechtsextremismus und Zivilcourage.