Außerschulische Bildung 1/2025

Ingolfur Blühdorn: Unhaltbarkeit

Auf dem Weg in eine andere Moderne

Berlin 2024
Suhrkamp, 384 Seiten
 von Benedikt Widmaier

Ingolfur Blühdorns aktuelles Buch trägt den Titel „Unhaltbarkeit. Auf dem Weg in eine andere Moderne“. Unhaltbar ist für Blühdorn das „Ökologisch Emazipatorische Projekt“ (ÖEP), das er vor allem demokratietheoretisch hinterfragt. Er kommt mit seiner Analyse zum Ergebnis, dass unsere Gesellschaft auf dem Weg in eine neue, andere, dritte Moderne ist, in der wir die postmaterialistischen und emanzipatorischen Werte der Zweiten/Reflexiven Moderne (Ulrich Beck) bewusst oder unbewusst und keineswegs intendiert aus den Augen verloren haben. Die „Basisprinzipien“ des ÖEP sind nach Blühdorn so „erschöpft“, dass sie nicht mehr haltbar sind: „Was da ins Wanken gerät, ist der Glaube an die Utopie, an die Vision, die die ökoemanzipatorischen Aufbruchsbewegungen seit den siebziger Jahren geleitet hat.“ (S. 27)

Methodisch schließt Blühdorn an seine Arbeiten über „Simulative Demokratie“ (2013) und über „Nicht-Nachhaltigkeit“ (2020) an. Er will nicht „normative Forderungen artikulieren“, sondern versuchen „empirisch beobachtbare Phänomene bzw. Veränderungen begrifflich zu fassen, zu interpretieren und zu erklären.“ (S. 34) Mit dem zentralen Begriff der „Unhaltbarkeit“ will er jedoch über das gesellschaftspolitische Ziel der Nachhaltigkeit hinausgehen, weil es „kaum noch als Leitbild für eine gesellschaftliche Mobilisierung und Transformation taugt.“ „Der Begriff Unhaltbarkeit erscheint definitiver“ und mache besser deutlich, dass es in seiner Analyse der „anderen Moderne“ nicht nur oder nicht vorrangig um ökologische Themen geht, sondern auch um die Krise und die Unhaltbarkeit von Demokratie und Emanzipation. Demokratie stelle sich in dieser Krise vor allem als „autokratisch-autoritäre Wende“ dar (S. 125 ff.) und ein ganzer Teil seines Buchs ist sehr plakativ mit „Die emanzipatorische Katastrophe“ überschrieben.

Blühdorn legt sich selbst die Latte hoch, wenn er den gleichen Untertitel „Auf dem Weg in eine andere Moderne“ wählt, wie einst Ulrich Beck in seinem damals viel diskutierten Buch „Risikogesellschaft“ (1986). Diesen Rückgriff begründet er nicht nur ausführlich, sondern er liefert auch eine sehr umfangreiche lesenswerte Zusammenfassung des gesamten Werks von Ulrich Beck. Beck habe die „Entzauberung einer Legende“ bereits gespürt und schwankte deshalb häufig zwischen dem was ist und dem was sein soll (S. 201 f.). Am Ende sei er aber stets seiner „Pessimusmüdigkeit“ gefolgt und habe sich auf die Seite der optimistischen Erneuerung geschlagen (S. 227 f.). Hier scheint der Unterschied zwischen einem analytischen und einem aktivistischen Blick kurz auf, der meines Erachtens für die weitere Debatte über das Buch von großer Bedeutung ist.

Blühdorn mag sich nicht einem optimistischen (Durchhalte-)Willen anschließen und sieht im Gegenteil keinerlei Anlass für „Hoffnungsnarrative“: Eher könne man von einer „spätmodernen Optimismusmüdigkeit sprechen, vor deren Hintergrund die allgemeine Schönfärberei noch einmal nachzuschönen nur wenig sinnvoll erscheint.“ (S. 222, Hervor. i. Orig.). Er weiß, dass seine pessimistische Analyse bei Menschen, die in den 1970er-/1980er-Jahren politisch geprägt wurden und die, motiviert durch die ökologisch-emanzipatorischen „Basisprinzipen“, politisch aktiv waren, eine „traumatische“ Erkenntnis und Erfahrung sein kann. Diese Triggerwarnung blitzt schon in der Einleitung auf.

Dieses Trauma der Unhaltbarkeit trifft nach Blühdorn möglicherweise auch die politische Bildung. Beispielhaft versucht er sie als typisches Politikfeld des ÖEP und als unhaltbares „Idyll“ zu entlarven (S. 360 ff.). Als Referenztext nutzt er dabei ausgerechnet die „Frankfurter Erklärung. Für eine kritisch-emanzipatorische Politische Bildung“ von 2015.

Politische Bildung reflektiere weder die Dialektik der Emanzipation noch die der Demokratie, sie habe keinen Zugang zu den Realitäten der Moderne und ist infolgedessen als „regressiv“ zu bezeichnen. Das ist starker Tobak und kann durchaus traumatisierende Emotionen und Abwehrreaktionen auslösen bei allen, die mit Enthusiasmus politische Bildung betrieben haben, betreiben und auch weiterhin betreiben wollen. Politische Bildung ist nach Blühdorn gewissermaßen bankrott:

  • „In geradezu anrührender Einfalt reproduziert die einschlägige Literatur die Werte und Glaubenssätze des ÖEP und zeigt wenig Bewusstsein dafür, dass die Basisprinzipien (…) emanzipatorisch überholt und nachhaltigkeitspolitisch kontraproduktiv geworden sein könnten.“ (S. 360)
  • „Sie will Denk- und Entwicklungsräume öffnen, Pluralität, Toleranz und Offenheit fördern und Platz für Utopien der Nachhaltigkeit schaffen. Aber tatsächlich ist sie weder utopisch noch offen, sondern vollständig befangen in der Normativität und Agenda der zweiten Moderne.“ (Ebd.)
  • „Sie hat keine Kriterien, um das ‚gute‘ politische Engagement, das sie verstärken will, von dem ‚schlechten‘, das sie schlicht als ‚populistisches Politiksurrogat‘ kategorisiert, zu unterscheiden.“ (S. 361)

Ob Blühdorns bestechende Analyse und seine etwas despektierlichen Bemerkungen über politische Bildung traumatisierend wirken werden, bleibt abzuwarten. Meines Erachtens wäre es zu einfach, die für die Profession herausfordernde Botschaft auszusitzen, etwa weil Blühdorn kein profunder Kenner der politischen Bildung ist. Eine optimistische Debatte darüber, ob und wie sich politische Bildung unter dem Diktum einer (möglichen) „Unhaltbarkeit“ und einer dritten Moderne neu und zukunftsfähig aufstellen kann, erscheint mir unumgänglich.

Benedikt Widmaier ist Politikwissenschaftler und Experte für politische Bildung.