Außerschulische Bildung 3/2025

Heidi Behrens/Paul Ciupke/Norbert Reichling (Hrsg.): Johannes Weinberg: „Das Zentrum sind für mich die Lehr-Lern-Prozesse“

Leben lernen in Deutschland 1932 bis 2024

Ulm 2025
Verlag Klemm & Oelschläger, 180 Seiten
 von Klaus-Peter Hufer

Johannes Weinberg ist eine der namhaften Personen, die das System der Erwachsenenbildung/Weiterbildung, ihre bildungspolitische Verfestigung und die Spezifika des Lehrens und Lernens mit Erwachsenen mitentscheidend beeinflusst und geprägt haben. Die Zeitspanne seines Schaffens geht von 1962, seiner ersten Arbeitsstelle beim Hessischen Landesverband der Volkshochschulen, bis in das Jahr 1997, seiner Emeritierung als Professor in Münster. In diesen 35 Jahren hat er wichtige Impulse für die Erwachsenenbildung gegeben.

Die Herausgeber*innen Heidi Behrens, Paul Ciupke und der leider zu früh verstorbene Norbert Reichling fassen in einer berufsbiographischen Einführung ihre vielen Gespräche mit Johannes Weinberg zusammen: „Es war und ist für uns eine inspirierende Erfahrung, seinen unendlichen, von disziplinären Leitplanken ungebremsten ‚Neugierhorizont‘ immer wieder zu teilen …“ (S. 24)

Im weitaus größten Teil des Buches beschreibt Weinberg selbst die Stadien seines privaten und beruflichen Lebens. Geboren wurde er 1932 in Potsdam, 1936 ging er nach Berlin-Lankwitz, 1945 in die Lüneburger Heide. Bei den Christlichen Pfadfindern (CP), denen er viele Jahr verbunden war, hatte er „Selbstorganisation und Erkundungsphantasie gelernt“. Weinberg: „Das ist bis zum heutigen Tage für mich ein Begriffspaar, mit dem ich tätig bin, auch da, wo ich jetzt lebe.“ (S. 101)

Weinbergs Studium der Geschichte, Germanistik und Pädagogik begann an der Freien Universität Berlin, wurde in Freiburg und Göttingen fortgesetzt und schließlich in Bonn mit der Promotion beendet. Das Thema der Dissertation war die Kirchenpolitik des Großen Kurfürsten im Herzogtum Preußen.

Der Weg in die Erwachsenenbildung führte über die Teilnahme an einem Studentenseminar der Pädagogischen Arbeitsstelle des Deutschen Volkshochschul-Verbands. Dessen Leiter Hans Tietgens riet ihm zu einer Bewerbung beim Hessischen Landesverband der Volkshochschulen. Das war die richtige Empfehlung, denn Weinberg hatte die Überzeugung gewonnen, „dass Erwachsenenbildung wie die Volkshochschulen sie machen, eine Aufgabe in der liberalen Demokratie nicht nur in der Bundesrepublik ist, sondern weltweit.“ (S. 98) Es folgte eine Einstellung als Wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Hessischen Landesverband für Erwachsenenbildung e. V. in Frankfurt am Main. Diese zwei Jahre 1962–1964 waren mit vielen Erkundungen der hessischen VHS-Landschaft verbunden und führten Weinberg zu dem Entschluss, dass er „mit daran arbeiten (will), dass Erwachsenenbildung als menschenfreundliche Erkenntnisarbeit der Verständigung zwischen den Menschen dienen kann.“ (S. 106) Die nächste berufliche Station war die Pädagogische Arbeitsstelle (PAS) des Deutschen Volkshochschul-Verbandes (1964–1971), ebenfalls in Frankfurt. Auch hier war es Hans Tietgens, der ihm die Bewerbung empfohlen hatte. Beim Lesen von Weinbergs Beschreibung der Arbeit in der PAS und ihrer anfänglich improvisierten Ausstattung wird deutlich, unter welchen Bedingungen die Wissenschaft von der Erwachsenenbildung damals Fuß fasste. Neue Themenfelder kamen auf, z. B. „Deutsch für Ausländer“, eine große Zahl von Taschenbüchern zur Theorie und Praxis der Erwachsenenbildung wurde veröffentlicht.

Das waren gute Voraussetzungen, um sich erfolgreich auf eine Professur an der damaligen PH in Münster zu bewerben. Weinbergs Arbeit als Hochschullehrer von 1971–1997 war geprägt vom erfahrungsbezogenen Gedankenaustausch mit den Studierenden und der Vermittlung von Theorie und Praxis. Daneben hatte er eine umfangreiche und fruchtbare Mitarbeit in Verbänden, Kommissionen und Projekten, z. B. bei der Vorbereitung des Arbeitnehmerweiterbildungsgesetzes in NRW oder beim Strukturplan Weiterbildung, mit dem entscheidend die Professionalisierung des Feldes beschrieben wurde. Letzteres lag und liegt Weinberg besonders am Herzen.

Die Bedeutung jedes in seiner Autobiografie erwähnten Namens, jedes bildungspolitischen Ereignisses wird von den Herausgeber*innen in 225 Fußnoten präzisiert. Diese akribische Recherche zeigt, wie sehr Weinbergs persönliches und wissenschaftliches Leben geprägt war von der Kommunikation und Zusammenarbeit mit vielen maßgeblichen Personen der Zeit- und Wissenschaftsgeschichte.

Nach seinem Eintritt in den Ruhestand verfasste Weinberg weiterhin Studien und wissenschaftliche Aufsätze. Wie umfangreich allein diese Arbeit ist, belegt die „Ergänzende Bibliografie“ am Ende des Bandes. Über sechs Seiten sind die Titel aufgelistet, die nach 1997, also in seinem „Ruhestand“ entstanden sind.

Die drei Herausgeber*innen sind davon „überzeugt, dass die Chronik seiner Lerngeschichte(n) für die Selbstaufklärung der Profession Erwachsenenbildung von besonderem Nutzen sein wird.“ (S. 24) Dieser Meinung schließe ich mich voll und ganz an.

Dr. rer. pol phil. habil. Klaus-Peter Hufer ist außerplanmäßiger Professor an der Fakultät Bildungswissenschaften der Universität Duisburg-Essen. Seine Arbeitsschwerpunkte sind u. a. Erwachsenenbildung, Politische Bildung, Rechtsextremismus und Rechtspopulismus, Argumentationstrainings.