Auf der Suche nach dem, was unser Land zusammenhält. Ein politischer Reisebericht
Penguin Verlag, 350 Seiten
Hasnain Kazim, in Oldenburg geborener Autor mit indisch-pakistanischen Wurzeln, ist mittlerweile durch einige Publikationen – nicht nur als Auslandskorrespondent beim SPIEGEL – bekannt geworden, die sich zumeist mit hochpolitischen, aktuellen Themen auseinandersetzen. An dieser Stelle soll nur ein Buch genannt werden, das aus Sicht der Rezensentin durchaus ein Beweggrund für die Deutschlandtour gewesen sein könnte: „Post von Karlheinz. Wütende Mails von richtigen Deutschen – und was ich ihnen antworte“. In diesem Buch, das 2018 erschien, zeigt er, warum es so wichtig ist zu reden und auch Wutmails und Hasskommentare nicht unkommentiert zu lassen.
Nun bleibt er also nicht beim Schreiben, sondern fährt mit dem Fahrrad zu den Menschen, um mit ihnen zu sprechen. Sein Plan war: „… sprich mit so vielen Menschen wie möglich! Aus unterschiedlichen Milieus, mit unterschiedlichen Geschichten. Nur so bekommst du ein umfassendes Bild.“ (S. 69)
Er beginnt seine Touren voller Neugier und Offenheit und wartet ab, was und wer ihm begegnet. Er nutzt jede Gelegenheit, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen. Nicht immer gelingt es problemlos, oft werden Widersprüche und Gegensätze sichtbar, die sich nicht auflösen lassen, aber vielleicht auch deswegen bringen die meisten Begegnungen ihn und die Leserin ein Stück weiter. Deutlich wird vor allem, dass es keine unumstößlichen Gewissheiten gibt, dass die politischen Zuordnungen selten eindeutig sind und mindestens immer wieder hinterfragt werden müssen. Aber seine ernsthaften Versuche, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen, die ihre rechtsextreme Gesinnung mehr oder weniger deutlich vor sich hertragen, scheitern. Sein Anliegen, zu verstehen, was diese Menschen antreibt, ist nicht erfolgreich, da sie das Gespräch verweigern.
Neben den Gesprächen ist es dem Autor wichtig, über die Geschichte der Orte und über politische Ereignisse, die sich mit den Orten verbinden, über die Besonderheiten der Natur, über die Kulturlandschaften, deren Entstehen und Auswirkungen auf die Menschen zu berichten. Der Rezensentin kam der von Martin Pollack geprägte Begriff der „kontaminierten Landschaften“ in den Sinn: Nichts ist in Deutschland einfach nur Natur. Alles ist geprägt durch das, was geschehen ist, und prägt wiederum das Leben der Menschen – seien es Kohle und Stahl und der damit verbundene Strukturwandel oder die mit Toten „durchtränkte“ Erde auf den Selower Höhen, um nur zwei Beispiele zu nennen.
Seine Gesprächspartner*innen gewinnt er auf unterschiedliche Weise: Er spricht fremde Menschen an, die ihm unterwegs zufällig begegnen, er hat im Vorfeld Menschen kontaktiert, mit denen er schon immer mal sprechen wollte und da er auf Social Media über seine Touren schreibt, erreichen ihn Einladungen von Freunden und Fremden am Wegesrand …
Hasnain Kazim lässt die Leserin an seinen Gedanken teilhaben, die ihm beim Radeln so durch den Kopf gehen, man erfährt etwas über seine Kindheit, über die Erfahrungen, die er im Laufe seines Lebens gemacht hat. Diese stehen nicht einfach nur für sich, sondern prägen seine Art, auf Menschen zuzugehen und nach den Gesprächen darüber nachzudenken und seine Schlüsse zu ziehen.
Immer wieder denkt er schreibend über Themen nach, die die Menschen in Deutschland bewegen: Was ist Heimat? Was Dazugehörigkeit? Was macht das Reden über das Eigene und das Fremde mit unserem Denken? Er schreibt über das Thema Rassismus, das auch in den Gesprächen immer wieder zum Thema wird, aber auch über den Klimawandel und den Klimaschutz. Manchmal wünscht man sich allerdings, noch mehr über konkrete Gesprächserlebnisse zu erfahren, die mitunter sehr im Skizzenhaften, Vagen bleiben.
Ein paar Fotos von den verschiedenen Radtouren entlang von Elbe, Ruhr, Rhein, Oder, Neiße, Neckar und Donau unterstützen die Bilder, die beim Lesen im Kopf entstanden sind.
Und was hat das Ganze nun mit politischer Bildung zu tun? Hasnain Kazim zeigt uns, woran es in Deutschland mangelt: Viele Menschen haben verlernt, vorurteilsfrei zuzuhören, auf Menschen zuzugehen, die nicht in der vertrauten, eigenen Blase leben, Argumente auszutauschen, auch wenn man die eigenen damit nicht unbedingt bestätigen kann, die Perspektive zu wechseln und sich in das Gegenüber hineinzuversetzen. Dies alles und seine Bereitschaft, vom Gegenüber zu lernen, ist auch ein grundlegendes Anliegen politischer Bildung. Dabei geht es eben nicht immer nur um die Begegnung von einzelnen Menschen, sondern auch um das Wahrnehmen der Ostdeutschen durch die Westdeutschen und umgekehrt. Politische Bildung – und eben der Autor – wollen Neugier wecken auf die Welt und die Menschen. Und wenn es unbequem wird? – Haltung, Mut und Solidarität zeigen, widersprechen und zugewandt bleiben.
Hasnain Kazim hat einmal geschrieben: „Wenn wir schweigen, beginnen wir, den Hass zu akzeptieren. Also, reden wir!“ Dies sei uns allen als Lebensmotto mit auf den Weg gegeben.