Kunst – Politik – Geschlecht
mdwPress, 258 Seiten
Vermutlich beschäftigt kein Thema die politische Bildung derzeit mehr als der globale Rechtsruck. Er ist Gegenstand zahlreicher Analysen, die vorwiegend aus den Politik- und Sozialwissenschaften stammen. Der Sammelband hat es sich, angesichts der Bedeutung kultureller Politiken und ästhetisierender Praktiken des Rechtspopulismus, zum Anliegen gemacht, diese Perspektiven mit geistes- und kulturwissenschaftlichen Aspekten zu verknüpfen. Die Analysen machen deutlich, inwiefern linkspopulistische Strategien an der Schnittstelle von Kunst und Aktivismus emanzipatorische Gegenbewegungen im radikaldemokratischen Sinn ermöglichen können.
Der Band gliedert sich in vier Abschnitte. Der erste Abschnitt „Begriffliche Reflexionen“ untersucht die Beziehung zwischen Populismus und dem Konzept des „Volkes“ mit Rückgriff auf Ernesto Laclaus’ „leere Signifikanten“, womit Begriffe mit ideologischer Aufladung gemeint sind. Damit wird die Bedeutung von (pop-)kulturell „bespielbaren“ Begriffen für die Mobilisierung herausgearbeitet und gleichzeitig das Spannungsfeld zwischen populistischen und antipopulistischen Ansätzen untersucht, um linke und rechte Populismusstrategien differenziert zu betrachten, ohne diese gleichzusetzen.
Im zweiten Abschnitt werden „Popkulturelle Artikulationen“ des Rechtspopulismus in ihren unterschiedlichen Ausprägungen untersucht. Dabei wird deutlich, wie kulturelle Narrative zur Popularisierung von politischen Ideologien beitragen.
Der dritte Abschnitt befasst sich mit „Postdemokratischen Mobilisierungen“ und fokussiert dabei u. a. geschlechts- und sexualitätsorientierte Dimensionen des Rechtspopulismus, welche als verbindendes, sowie emotional triggerndes Element in unterschiedlichen rechten Strömungen fungiert. Neben dem Angebot zur „Rettung traditioneller Männlichkeit“ spielt Feminität als Gegenkonzept zum Feminismus eine bedeutende Rolle und spitzt sich in Form des „Tradwives“-Trends zu, der sowohl als Ausdruck einer Emanzipationsmüdigkeit als auch eine Mimikry feministischer Politik verstanden werden kann.
Im letzten Abschnitt werden „Artivistische Politisierungen“, die linkspopulistisch verstanden werden können, als emanzipatorische Gegenbewegungen unter die Lupe genommen. Besonders eindrücklich ist dabei das Kapitel „Demagogik und Figuration“ von Julia Stenzel, in welchem sie die wechselseitig verstärkende Wirkung von Demagogik und Figuration aufzeigt, womit sie das exemplarische Hervortreten eines Teils stellvertretend für das Ganze meint. Am Beispiel der feministischen Revolte im Iran zeigt sie damit auf, dass populistische Mittel nicht per se reaktionär sind, sondern auch in progressiven Kämpfen von Nutzen sein können. Die Komplexitätsreduktion und Fokussierung auf Teilaspekte können also nicht nur als eine Verschleierung von Komplexität verstanden werden, sondern auch als Strategie, um diese zugänglich zu machen und sie im Anschluss zu enthüllen.
Der größte Kritikpunkt an diesem Sammelband liegt in seiner schweren Zugänglichkeit. Einige der Texte setzen ein hohes Maß an theoretischem Vorwissen voraus. Für die Ansprache einer breiteren Leser*innenschaft, wäre stärkere Kontextualisierung hilfreich. Zudem wäre eine detaillierte Analyse linkspopulistischer Ästhetisierungsstrategien spannend gewesen, um zu verdeutlichen, weshalb linke Formen des Populismus keine vergleichbaren Erfolge erzielen. Vermutlich ist es auch dieser Punkt, der dazu beiträgt, dass keine konkreten Vorschläge in Bezug auf progressive Narrative gemacht werden (können), um demokratische Werte effektiver zu vermitteln.
Dennoch ergeben sich aus der Lektüre spannende Fragen für die Reflexion der politischen Bildungsarbeit: Welche Rolle spielen emotionale Narrative und ästhetische Strategien in der politischen Bildung? Ist die Betonung von Rationalität und kritischem Denken ausreichend, um dem Rechtspopulismus zu begegnen? Muss die politische Bildung neue Kommunikationsformen erschließen, um demokratische Prinzipien in einer rechtspopulistisch geprägten Gesellschaft zu verteidigen? Angesichts der breiten Zustimmung für rechtspopulistische Positionen erscheint es von Bedeutung, ein „Versagen“ der politischen Bildung zu reflektieren.
Die Praxis der politischen Bildung ist häufig von einem akademischen, weißen, cis-heteronormativen Kanon geprägt. Sie betont klassischerweise die Fähigkeit zum kritischen Denken, um durch Mündigkeit der politischen Komplexität gerecht zu werden – ein abstrakter und sehr langwieriger Prozess. Zu diskutieren ist deshalb, ob der Habitus bildender Akteur*innen nicht dazu führt, die Herausforderung für die arbeitende Klasse zu unterschätzen, sich Zeit und Bildungszugänge für Reflexion und Mündigkeit zu erschließen.
Daran anknüpfend wäre zu diskutieren, ob die eigene gesellschaftliche Position – sei es aufgrund von Geschlecht, Klasse oder ethnischem Hintergrund – einen Einfluss darauf hat, über die Idee linkspopulistischer Narrative nachzudenken. Die Überlegung ergibt sich aus der unmittelbaren Bedrohung rechter Politik für diese Gruppen, die für andere Gruppen noch weiter entfernt sind, sowie aus einem durch intersektionale Ansätze und Erfahrungen erwachsenen, intensiverem Verständnis dafür, dass der Zeitmangel durch Lohn- und Care-Arbeit, ein Überfluss an eskapistischen Möglichkeiten in einem kräftezehrenden Leben und eine Mehrheit an linearen Denker*innen die Demokratie(-bildung) vor Herausforderungen stellen. Davon ausgehend sollte darüber nachgedacht werden, ob politische Bildung sich nicht stärker mit politischen Emotionen und niedrigschwelligen Narrativen zu demokratischer Mobilisierung auseinandersetzen sollte. Eine stärkere Verknüpfung von kultureller und politischer Bildung könnten ein Beispiel dafür sein. Politik wird nicht nur über Argumente, sondern auch über Gefühle vermittelt. Dies gilt es in der politischen Bildung aufzugreifen, denn rationale Urteilsbildung bedingt auch die Fähigkeit, über Emotionen nachdenken zu können.
Der Sammelband bleibt konkrete Antworten auf die Frage nach Gegenstrategien zum Rechtspopulismus schuldig, bietet jedoch Denkanstöße über traditionelle Formen der Vermittlung politischer Inhalte hinaus.