unrast transparent, linker alltag, 92 Seiten
Absolut lesenswert ist der kleine Band, insbesondere für Akteur*innen in der politischen Bildungsarbeit. Andrea Schöne zeigt auf, was Ableismus bedeutet und bewirkt, sensibilisiert für die Wirkmächtigkeit von Sprache und gewährt Einblicke in die Lebenswelten von behinderten Menschen. Das Buch ist eine Hilfestellung, eigene Denkschablonen und Handlungsweisen als Mitglied der nichtbehinderten Dominanzgesellschaft zu reflektieren und zu verändern.
Was verstehen wir unter „Behinderung“? Wer hat(te) historisch und kulturell wann welche Deutungsmacht und in welchem Kontext? Ohne „die Behinderten“ gäbe es auch nicht die nichtbehinderten „Normalen“, konstatiert Schöne. Weshalb betrachtet(e) Medizin, Sonderpädagogik und Rehabilitation Behinderung als etwas, das durch Diagnosen und eigene „Defizite“ hervorgebracht wird? Es ist das Verdienst von Wissenschaftler*innen mit Behinderung in den 70er Jahren, ihre Lebenserfahrungen auch in ihrer wissenschaftlichen Arbeit zu reflektieren. Sie sehen „Behinderung als etwas, das durch Alltagshandlungen und soziale Praktiken, aber auch fehlende Repräsentation und Identität in der Dominanzgesellschaft hergestellt wird“ (S. 16).
Der Begriff „Ableismus“ entstand in den 80er Jahren durch die US-Behindertenrechtsbewegung und wird von Schöne wie folgt definiert: „ein geschlossenes System von Denk- und Verhaltensweisen, das sich in verschiedenen Formen innerhalb der Gesellschaft und Institutionen äußert. Nichtbehinderte sind in diesem System privilegiert. Das heißt, sie haben gegenüber behinderten Menschen gesellschaftliche und strukturelle Vorteile, die behinderte Menschen unterdrücken. Nichtbehinderte haben die Deutungshoheit über das Leben und die Eigenschaften, die sie behinderten Menschen zuschreiben. Diese können sowohl positiv als auch negativ besetzt sein, folgen aber stets Stereotypen. Mittel der Zuschreibungen sind beispielsweise Sprache, Gesetze, Gegenstände jeglicher Art und soziale Beziehungen. Im Mittelpunkt der Deutungen steht die Bewertung von Menschen und deren Körpern nach Leistungsfähigkeit, festgelegt von der nichtbehinderten Dominanzgesellschaft. Damit betrifft Ableismus aber auch direkt die Lebenswelt nichtbehinderter Menschen.“ (S. 9)
Leser*innen des Buches werden eingeladen zu überlegen, ob das eigene Denken durch das medizinische Modell (Fokus: Behinderung als Krankheit und Rehabilitation der Person als Ziel), durch das soziale Modell (Behinderung ein Resultat sozialer Organisation; Lösungen setzen bei der Gesellschaft an) oder durch das kulturelle Modell (Perspektivwechsel: Wie wird „Normalität“ gesellschaftlich konstruiert? Was bedeutet Nicht-Behinderung aus dem Blickwinkel von behinderten Menschen? Behinderung als einen Teil der Vielfalt Mensch betrachten) von Behinderung geprägt ist.
Hat eine politische Bildungseinrichtung erkannt, dass sie Menschen mit Behinderung ausgrenzt und dies ändern möchte, hilft der kleine Band, achtsam zu werden. Drei Bereiche erscheinen mir besonders wichtig: Welche Sprache nutzen wir? Andrea Schöne lehnt Wortneuschöpfungen, oftmals von Nichtbehinderten und Euphemismen wie „Menschen mit Assistenzbedarf“, „Handicap“ oder „besondere Bedürfnisse“ ab und rät zur Nutzung der Selbstbezeichnungen „Behinderung“, „behindert“, „Menschen mit Lernschwierigkeiten“, um Menschen mit Behinderung zu beschreiben. Allerdings: „Ein Begriffswandel ist nur sinnvoll, wenn damit auch eine Veränderung der Denkweise … verbunden ist.“ (S. 27)
Wie lässt sich Ableismus in der historisch-politischen Bildung vermeiden? Die Autorin beschreibt schulische Erfahrungen zur NS-Geschichte wie folgt: „Im aktuellen Lehrplan werden die NS-Behinderten- und Krankenmorde nicht einmal erwähnt, sondern als ‚sonstige Opfergruppe‘ eingeordnet. Wie sich das für behinderte Menschen bis heute anfühlt, wird dabei nicht hinterfragt. So erleben behinderte Menschen Ableismus real im Geschichtsunterricht – ohne Triggerwarnung, ohne jegliche Aufarbeitung, ohne Angebot für nichtbehinderte Mitschüler*innen, wie sie vor Menschen mit Behinderung, wie mir, über das Thema sprechen sollen.“ (S. 20 f.) Dies muss als Apell verstanden werden: „Behinderte Menschen und ihre Weltgeschichte bleiben bisher überwiegend unsichtbar.“ (S. 21)
Bedarfe können je nach Behinderung sehr verschieden sein. Es brauchte und braucht bei der Rezensentin so manches Schlüsselerlebnis, neues Wissen, die kontinuierliche Zusammenarbeit mit Menschen mit Behinderung und viel Selbstreflexion, um einige der vielfältigen Barrieren in der politischen Bildungsarbeit erkennen zu können. Manches lässt sich schnell verändern, anderes muss komplett neu bedacht werden und wiederum anderes braucht kreative Lösungen und viel Zeit für die finanzielle Umsetzung, um Behinderung als eine Lebensrealität in die politische Bildungsarbeit einzubeziehen.
Das Buch bleibt als Impulsgeber griffbereit auf dem Schreibtisch und da die Autorin Andrea Schöne freie Journalistin, Moderatorin und Referentin zu vielen Themen – von Ungleichheit über intersektionaler Feminismus bis zu Medienkritik – ist, wird eine Anfrage in Kürze folgen.