Außerschulische Bildung 1/2024

Alvaro Solar: Grenzenlose Hoffnung

Erinnerungen in Zeiten der Flucht

Illustration: Cristina Collao
Berlin 2023
Hirnkost Verlag, 204 Seiten
 von Norbert Reichel

„Grenzenlose Hoffnung“ ist das Ergebnis eines biografischen Theaterprojekts des Bremer Ensembles „Theater Aber Andersrum”. 59 Menschen erzählen ihre Geschichte, ihre Träume und Erfolge, ihr Scheitern und all die erlebten Denkwürdigkeiten des Alltags. Cristina Collao hat das Buch mit 21 Grafiken illustriert, Alvaro Solar hat es dramaturgisch bearbeitet. Die Texte sind zentriert gedruckt, es sind lyrische Texte, nicht zuletzt in der Art und Weise, wie sich das Leben der jeweiligen Sprecher*innen in wenigen Worten im doppelten Wortsinn verdichtet. Ich empfehle, die Geschichten laut zu lesen.

Alvaro Solar und Christina Collao schreiben in der dem Buch vorangestellten Widmung: „Dieses Buch / ist Dank des Mutes / jener Menschen entstanden, / die sich auf den Weg gemacht haben, / um große Entfernungen zu überqueren / und sich dem Unbekannten zu stellen. / Sie sind die Odysseus‘ unserer Zeit, / die aufgebrochen sind, / um / zu ihrer neuen Ithaka / zu gelangen. // Ihnen allen / unseren Respekt / und unser Mitgefühl.“ (S. 3)

Die Texte entstanden in mehrtägigen Workshops. Sie sind „eine künstlerische Antwort auf die globale Migrationskrise (…) wie sie ab 2015 die politische Debatte dominierte, die Bevölkerung hierzulande und in ganz Europa beschäftigte und die Gemüter erhitzte.“ – So der Menschenrechtsanwalt Rolf Gössner in seinem Vorwort (S. 7).

Sie kamen aus Syrien, Afghanistan, Iran, Kurdistan, Albanien, Serbien, Nigeria, Kamerun, Ghana und fanden in Bremen einen Ort, in dem sie zumindest vorübergehend Ruhe finden, weil „hier zurzeit keine Bomben fallen“ (Akil aus Aleppo, S. 119), manche kamen mit ihrer Familie, manche von ihren Familien getrennt, über Zeiten, deren Dauer sie noch nicht absehen können. Ausführlich beschreiben sie Wege und Umwege, mit dem Bus, zu Fuß, unter der Aufsicht eines Schleppers, immer achtgebend, dass die Polizei nicht zugreift, die Verstecke, das Boot über das Meer. Es sind Geschichten voller Resilienz. Sheriff aus Kamerun ist „wie der Bambus meines Dorfes in Afrika (…) stark und resistent, aber flexibel“ (S. 16).

Sie sind Held*innen, König*innen. Der 18 Jahre alte Steven, Deutscher, Amerikaner und Nigerianer, erzählt, sein afrikanischer Name bedeute so viel wie „Krone“ (S. 127 f.). Er „war früher ein König, ich war der König der Diebe“. Nach einem fehlgeschlagenen Versuch der Polizei, ihn zu verhaften, schaut er angesichts der Tränen seines Vaters in den Spiegel: „Ich fand nicht gut, was ich sah.“ Er ändert sich: „Seitdem ist alles anders. / Ich trage nicht mehr die Krone der Diebe, / aber ich habe eine andere: // die Krone meines Willens.“ Eine Königin ist Joy aus Nigeria (S. 108 f.). Sie kommt „tatsächlich aus einer königlichen Familie“ und hat in ihrer Kindheit ihrer Großmutter zugehört, die „über / Oba Ovonramwen Nogbaisi erzählt, / der war 1888 König von Benin. / Sein Name bedeutet ‚die aufgehende Sonne‘.“ Ihrem Sohn erzählte sie von der Stärke Daniels in der Löwengrube: „Er war stark und die Löwen respektierten ihn, / weil er auch wie ein Löwe war, und der Löwe / ist der König des Dschungels.“ Diese Stärke lebt sie im Alltag und kontert selbstbewusst rassistische Bemerkungen. Wenn sich Menschen nicht neben sie setzen möchten, denkt sie: „Ich bin eine Königin.“

Bremen wurde „Heimat“, und doch gibt es „Heimweh“. Kaya war „der Held, der den Wald / und seine Dunkelheit durchquert / und aus dem Wald stärker und reifer hinausgeht.“ (S. 153) Noch nicht wissend, wie gefährlich der neue Wald in Europa sein würde, mit seinem kalten Klima, der fremden Sprache, den zurückhaltend begegnenden Menschen, aber auch mit einem Versprechen, der „Freiheit / und all die Möglichkeiten, / die er für mich eröffnet hat.“ (S. 156)

Sevgi – „Sevgi bedeutet Liebe“ –, die „im Jahr 1950 / an der türkischen Schwarzmeerküste zur Welt gekommen“ und 1957 nach Deutschland kam, erzählt von ihrer Schwangerschaft, vom Tod ihres Mannes, von ihren Schwiegereltern, die sie als „Dienstmädchen“ behandelten, ihrer Einsamkeit. Sechs Monate pflegte sie ihre todkranke Mutter in der Türkei und stellte fest, dass sich ihr „Heimweh“ auf Bremen bezog. „Ich fühle mich in meiner alten Heimat nicht mehr frei. // Deshalb liebe ich Bremen. / Bremen ist meine Heimat.“ (S. 157 ff.) Migration und #MeToo – zwei Seiten einer Medaille?

Ihr aller Traum heißt Normalität. Normalität ist Freiheit! „Mein Name ist Azad. Das ist ein persischer Name und bedeutet ‚Freiheit‘.“ (S. 54) Aber ob alles „normal“ ist, „normal“ wird, ob es Normalität geben mag? Dies lässt sich durchaus ironisieren, weil alles Prekäre, alle Unsicherheit, alle Risiken sich so vielleicht besser ertragen lassen. Bryan, in Bremen geboren, dessen Eltern aus Ghana kamen, erlebt, dass er mit seinen Freunden „oft komisch angeschaut“ wird, dass er „keine deutschen Freunde“ hat, aber eigentlich ist „Alles normal“. Nein, eines nicht: „Ach so, bevor ich es vergesse: / Ich bin Fan von Bayern München. / Ich weiß, was Sie denken: // ‚Das ist nicht normal!‘“ (S. 56) Ist doch klar, in Bremen!

Norbert Reichel ist promovierter Literaturwissenschaftler und Pädagoge. Er betreibt das Internetmagazin „Demokratischer Salon: Argumente zur historisch-politischen Bildung“ (www.demokratischer-salon.de).