Reportagen aus einem neuen Deutschland
Verbrecher Verlag, 206 Seiten
Thomas Mann schrieb in „Betrachtungen eines Unpolitischen“ (1918): „Der Geschmack eines Volkes an der Demokratie steht im umgekehrten Verhältnis zu seinem Ekel vor der Politik.“ Etwa 30 Jahre später fragte er in „Meine Zeit“ (1950), „ob der Mensch um seiner seelischen und metaphysischen Geborgenheit willen nicht lieber den Schrecken will als die Freiheit.“
Beide Sätze passen auf damalige wie heutige „Extremwetterlagen“. Anlass des Projektes war der September 2024: Die AfD errang bei den Landtagswahlen in Thüringen den ersten, in Brandenburg und Sachsen den zweiten Platz. Das Buch bietet „Feldforschung auf Basis literarischer Reportage“ (S. 10) und soll helfen, „das Unausgesprochene hörbar zu machen und zu Strukturen geronnene Stimmungen sichtbar“ (S. 13). Dies gelinge, wenn man sich auf die Menschen einlässt, die man mehr oder weniger bewusst aufsucht, auf Festen, in Zügen, an Bushaltestellen, Artefakte wie Plakate und Aufschriften, Landschaften und verlassene Industrieanlagen beachtet. Barbara Thériault erinnert an das dokumentarische Verfahren Balzacs: „Die Figuren sind Antworten auf Dilemmas der Zeit.“ (S. 46)
Kern des Buches ist der zweite Teil „Überlandschreiben“. Manja Präkels berichtet über ihre „Durchreise“ (S. 22) in Brandenburg, Tina Pruschmann über Begegnungen in Sachsen, Barbara Thériault aus Thüringen. Alexander Leistner, der Wissenschaftler im Team, kommentiert. Der erste Teil „Sturmsaaten“ sowie der dritte und vierte Teil mit den Überschriften „Druckgradienten“ und „Gegen den Wind atmen“ reflektieren Erlebtes. Den Band illustrieren Schwarz-weiß-Fotografien mit Motiven, die die depressive Stimmung, der die Reisenden begegnen, verstärken.
„Zwischen Leere und Tribüne“ (S. 17 ff.) – so Manja Präkels: Leer die Straßen, leer die Orte, leer die Erinnerung. Ist die „Straße“ „Bühne“ oder „Laufsteg“? Wer lässt sich blicken? In den 1990er Jahren erlebte jemand, der „lokaljournalistisch zu berichten“ versuchte, „die Besetzung öffentlicher Orte, von Einrichtungen, Straßen und Plätzen durch Horden meist männlicher rechtsextremer Jugendlicher gänsehautnah (…)“. (S. 20) Und heute? „Wir passieren Waren. Auch hier kein Mensch auf der Straße. Dafür Autos. Jeder im eigenen. Jeder mit eigenem Deutschlandwimpel, flatternd im Wind.“ (S. 24) Das sind nicht freundliche Fans der Fußballweltmeisterschaft von 2006, sondern Statements, die das einzige betonen, dessen man sich noch sicher zu sein scheint, die Zugehörigkeit zu Deutschland.
Alexander Leistner berichtet von einem „Sommerfest“ der AfD und dem „Demokratiefest“ auf der anderen Seite des Flusses. Zwei Frauen, die Schilder mit den Aufschriften „Omas gegen rechts“ und „‚love is love‘ auf Regenbogengrund tragen“ werden „umringt von einer Gruppe Höcke-Fans“ (S. 122 f.). Zwei Polizisten, darauf angesprochen, bauen sich vor den beiden auf und sagen „wie zu begriffsstutzigen Kindern: ‚Haben – Sie – Angst? Sie können jederzeit gehen.‘“ (S. 124) Fazit: „Die Straße (…) ist Kulisse für den Anspruch auf die Beherrschung des öffentlichen Raums, für Einschüchterungen und Feindmarkierungen.“ (S. 41)
Alexander Leistner bringt im Epilog auf eine einfache Formel, was Menschen tun, wenn sie nicht so recht an eine für sie gute Zukunft glauben wollen: „Rückwärts durch die Zeit lesen“ (S. 191 ff.), es vollziehe sich „ein langsames Aufzehren von Legitimation, Systemvertrauen und Wertbindungen, die sich nicht ohne weiteres wiederherstellen lassen“ (S. 196). Es wurde viel geforscht, aber „möglicherweise zu lange zwar intensiv, aber meist separat und zu wenig systematisch …“. (S. 195)
Tina Pruschmann besucht Zwickau (S. 81 ff.): „Die Adresse Frühlingsstraße 26, im Ortsteil Weißenborn, wo die Rechtsterroristen des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos zehn Jahre lang unbehelligt ein nahezu bürgerlich anmutendes Leben lebten, zeigt Google Maps nicht mehr an. (…) Wo das Haus stand, wachsen Gras und Gebüsch.“ Es bleibt zivilgesellschaftlichen Akteur*innen vorbehalten, das „Gelände der Erinnerung“ sichtbar zu erhalten. Überall der Wunsch nach einem „Schlussstrich“. Man will sich weder die NS- noch die DDR-Vergangenheit, nicht die Straßen der Todesmärsche von 1945, nicht Stasi und Jugendwerkhöfe, noch rechtsextremistische Mordserien und Anschläge der jüngsten Vergangenheit vorhalten lassen. Manche wollen so inbrünstig vergessen, dass sie wünschen, dass doch „die Freunde“ wiederkommen sollten: „Putin würde das schon regeln.“ Kein Wunder, dass sie fragen, ob der Abzug der sowjetischen Streitkräfte nicht doch ein Fehler war. (S. 68)
Es zählen letztlich andere Erinnerungen: „Eingemauert in Ruinen“ (S. 182). Zum Beispiel an der ehemaligen Produktionsstätte des Kleintransporters Barkas. Oder ein ehemaliges Dieselkraftwerk in Cottbus, die Halle der Cargolifter AG, die Luftschiffe baute, 2002 Insolvenz anmeldete, wo aber jetzt ein Spaßbad eingerichtet wurde, „die schillernde Raumkapsel des Erlebnisparks Tropical Island“. Zutritt für „53,90 EUR pro Person“. (S. 116)