Entwicklungen – Herausforderungen – gesellschaftliche Akzeptanz
Entwicklungen seit 1989 – Die Anfänge politischer Bildung in den ostdeutschen Bundesländern
Der Herbst 1989 markierte für Ostdeutschland einen bildungspolitischen Einschnitt von historischer Tragweite: Innerhalb weniger Wochen brach das gesamte, über Jahrzehnte verfestigte System der gelenkten, zentralistischen staatsbürgerlichen Erziehung zusammen. Mit dem Ende der SED-Herrschaft entstand ein Vakuum – es fehlten sowohl zeitgemäße Inhalte als auch tragfähige Strukturen, um demokratische Bildung zu vermitteln (vgl. Deutscher Bundestag 1998).
Auf der innerschulischen Ebene betraf dieser Bruch vor allem das Fach Staatsbürgerkunde. Dieses war monokulturell, staatsnah und ideologisch geprägt, kaum pluralistisch orientiert, und diente dazu, jungen Menschen ein monolithisches, auf die SED ausgerichtetes Weltbild einzuprägen. Pluralismus, kontroverse Diskussionen oder die Auseinandersetzung mit alternativen Staatsmodellen waren darin nicht vorgesehen. Die Herausforderung nach 1990 bestand darin, einen echten Politikunterricht zu entwickeln – mit neuen Curricula, pluralistischen Inhalten und einem demokratischen Bildungsverständnis, das auf kritisches Denken setzt, bei dem durch eine fundierte Wissensgrundlage gesellschaftlich kontrovers diskutierte Sachverhalte, frei von äußeren Zwängen, selbstständig beurteilt werden können.
Auf der außerschulischen Ebene war die Situation nicht weniger anspruchsvoll: In den neuen Bundesländern gab es kaum eigenständige, demokratisch organisierte Bildungsträger. Diese Strukturen mussten von Grund auf neu aufgebaut, vernetzt und mit qualifiziertem Personal ausgestattet werden.
Hinzu kamen äußere Rahmenbedingungen, die auch im Westen unter dem Schlagwort „Krise der politischen Bildung“ diskutiert wurden. Wertewandel, fortschreitende Individualisierung und die stetig zunehmende Dominanz von Fernsehen und Massenmedien führten dazu, dass politische Bildung in der öffentlichen Wahrnehmung an Bedeutung verlor. Für die ostdeutschen Länder bedeutete dies, dass sie ein neues Bildungsangebot in einer Zeit etablieren mussten, in der die politische Bildung bundesweit ohnehin unter Druck stand.
Entwicklung der Trägerschaft in Ostdeutschland – Leitbild: „Nachholende Modernisierung“
Nach dem Wegfall der Bildungsstrukturen der DDR stand die politische Bildung in den neuen Ländern vor einer gewaltigen institutionellen Aufgabe: den Aufbau eines pluralistischen, demokratischen Trägernetzes quasi auf der grünen Wiese. Anders als im Westen existierten keine unabhängigen Landeszentralen, keine gewachsenen freien Bildungsvereine, keine selbstständigen Stiftungseinrichtungen, auf deren Strukturen man hätte zurückgreifen können. In der DDR engagierten sich zwar Akteure wie Kirchen, Gewerkschaften oder Betriebsorganisationen; doch letztere waren eng in den staatlichen Rahmen eingebunden und konnten keine eigenen, kontroversen Programme entwickeln. Das Verhältnis der Kirche zum Staat war historisch anders gewachsen als beispielsweise das von den Gewerkschaften zum Staat.
Nach dem Wegfall der Bildungsstrukturen der DDR stand die politische Bildung in den neuen Ländern vor einer gewaltigen institutionellen Aufgabe: den Aufbau eines pluralistischen, demokratischen Trägernetzes quasi auf der grünen Wiese.
Die Bundesregierung zeigte früh, dass sie den freien Trägern eine zentrale Rolle beim Aufbau politischer Bildung in den neuen Ländern zumisst. Explizit genannt wurden Träger aus den Bereichen Kirche, parteinahe und unabhängige Stiftungen, Gewerkschaften sowie Arbeitgeberverbände. Da das Bundesministerium für innerdeutsche Beziehungen 1991 aufgelöst wurde, übernahm die Bundeszentrale für politische Bildung/bpb ab 1992 vorübergehend dessen Aufgaben im Rahmen der Förderung – insbesondere die finanzielle Unterstützung bei erstmaligen politischen Bildungsmaßnahmen in den neuen Ländern (vgl. Deutscher Bundestag 1991).
Parallel zur föderalen Neuordnung des Bildungssystems entstand in jedem neuen Bundesland eine Landeszentrale für politische Bildung. Diese Institutionen wurden bewusst als fachlich eigenständige Einrichtungen mit regionalem Fokus konzipiert, sollten aber zugleich über bundesweite Fachnetzwerke – etwa über die bpb – eingebunden sein. Sie fungieren bis heute als Schnittstelle zwischen staatlicher Grundförderung, regionalen Projekten und zivilgesellschaftlichen Initiativen.
Darüber hinaus wuchs eine Szene freier Bildungsträger heran, die zum Teil aus bestehenden westdeutschen Organisationen heraus in den Osten expandierten, zum Teil aber auch auf ostdeutsche Initiative hin neu gegründet wurden. Beispiele sind kirchliche Bildungswerke, parteinahe Stiftungen, aber auch Vereine, die sich aus Bürgerbewegungen der Wendezeit heraus entwickelt hatten.

Ein zentrales Problem blieb in den Anfangsjahren die fragile Finanzierungsgrundlage dieser neuen Träger. Viele lebten – und leben weiterhin – von Projektmitteln und waren/sind von Jahr zu Jahr unsicher in ihrer Existenz. Als wichtiges stabilisierendes Moment wurden Mitte der 1990er-Jahre die Erwachsenen- und Weiterbildungsgesetze der Länder beschlossen (vgl. Lorenz/Friedemann 2022). Sie gaben erstmals einen rechtlichen Rahmen und definierten Verfahren, nach denen Bildungsanbieter gefördert werden konnten. Auch wenn die Unterschiede zwischen den Ländern in Bezug auf die prekären Ausgangsbedingungen gering waren, schufen diese Gesetze eine bessere Planbarkeit für viele Träger.
Bald nach dem Fall der Mauer nahm auch die bpb ihre Arbeit zunächst in der DDR, nach dem Beitritt der neuen Länder zur Bundesrepublik in Ostdeutschland auf. Sie stellte Materialien bereit, die ursprünglich für die alten Bundesländer produziert worden waren, und ließ sie in großen Auflagen nachdrucken. Diese „Buchpakete“, wurden an sämtliche Schulen und Bibliotheken in der DDR verschickt. Sie enthielten Darstellungen über die politischen Institutionen, politische und historische Handbücher und zahlreiche Ausgaben der Informationen zur politischen Bildung. Ziel war es, möglichst schnell Grundwissen über das politische System der Bundesrepublik zu verbreiten.
Parallel dazu wurde der bundesweite Schülerwettbewerb 1990 auf die neuen Länder ausgeweitet. Die bpb begleitete außerdem den föderativen Wiederaufbau und stand den Ministerpräsidenten beratend zur Seite. Besonders hervorgehoben wurde dabei die Notwendigkeit, neue Landeszentralen für politische Bildung einzurichten – als dauerhafte, regionale Partner für politische Bildungsarbeit (vgl. Bundesregierung 1991).
Über die rein finanzielle Förderung hinaus setzte die bpb auf öffentlichkeitswirksame Formate zur Sichtbarmachung gelungener Projekte, sowohl im Westen als auch im Osten. Der 2002 geschaffene Einheitspreis – Bürgerpreis zur deutschen Einheit (vgl. bpb 2002) wurde zu einer Plattform, um ost- und westdeutsche Initiativen zu würdigen, die Verständigung und Zusammenarbeit fördern. Viele dieser prämierten Initiativen wirken bis heute.
Trotz objektiver Fortschritte war der Weg nicht konfliktfrei. Viele Leitungspositionen in den Anfangsjahren wurden mit westdeutschem Fachpersonal besetzt – fachlich versiert, aber oft ohne tiefes Verständnis für die spezifischen ostdeutschen Erfahrungshorizonte. Der Soziologe Raj Kollmorgen (2025) wies später darauf hin, dass dies die Akzeptanz und Wirksamkeit der Angebote bremste, da biografische Prägungen und Erwartungen im Osten andere seien. Dies führte zu Reibungen und mitunter zu dem Eindruck, die politische Bildung im Osten sei „importiert“ statt mit den Menschen vor Ort gemeinsam entwickelt. Erst über die Jahre wuchs eine Generation von Fachkräften heran, die in Ostdeutschland verwurzelt war und zugleich die fachlichen Standards der politischen Bildung verinnerlicht hatte.
Schon in den frühen 1990er-Jahren zeichnete sich somit ab, dass der bloße Transfer westdeutscher Strukturen nicht ausreichen würde. Politische Bildung musste sich zudem einer doppelten Herausforderung stellen: Sie sollte sowohl Kenntnisse über das westdeutsch geprägte System vermitteln als auch den gesamtdeutschen Dialog fördern. Die Auseinandersetzung mit der deutschen Teilung und Wiedervereinigung sollte keine Einbahnstraße „West erklärt Ost“ sein, sondern gegenseitiges Lernen ermöglichen. So verliefen die ersten Jahre nach 1989 im Spannungsfeld von Aufbauarbeit, kultureller Übersetzungsleistung und dem Bemühen, Vertrauen zu schaffen.
Gesellschaftliche Akzeptanz gegenüber politischer Bildung
Die gesellschaftliche Akzeptanz politischer Bildung in Ostdeutschland war demnach seit der Wende von einer Grundspannung geprägt. Der Anspruch, demokratische Lern- und Diskursräume zu schaffen, stand einer Bevölkerung gegenüber, die politische Erziehung aus DDR-Zeiten fast ausschließlich als Instrument staatlicher Anleitung und Kontrolle kannte (vgl. Scharenberg 2004).
Noch Mitte der 1990er-Jahre war Skepsis weit verbreitet. Die 24. Partnertagung der bpb 1995 in Gera zeigte ein vielschichtiges Bild: Politische Erwachsenenbildung in den neuen Ländern sei „ein immer noch schwer zu beschreibendes Terrain“ (bpb 1995). Die Konferenz machte deutlich, wie stark sich die Prägung durch Vergangenheit und Gegenwartserfahrungen überlagerten: Viele Ostdeutsche hatten Indoktrination erlebt und gleichzeitig die abrupten, teils verunsichernden Veränderungen der Transformationszeit zu meistern. Das führte dazu, dass politische Bildung häufig als entbehrlich oder als „Überbau“ wahrgenommen wurde, der mit den gefühlten Alltagsprioritäten wenig zu tun hatte.
Die DDR-Biografie vieler Bürger*innen beinhaltete die formale Teilnahme an politischen Schulungen oder Unterrichtseinheiten, deren Ergebnisse ideologisch vorgegeben waren. Politische Erziehung war für viele kein Raum selbstbestimmten Lernens, sondern ein Zwangsformat, dem man sich entzog oder das man innerlich ablehnte. Dieser Eindruck übertrug sich auf die frühe Nachwendezeit.
Die Skepsis wurde durch sozio-strukturelle Faktoren verstärkt: In zahlreichen ländlichen Regionen gibt es bis heute nur wenige Jugendliche pro Gemeinde. Diese geringe Zahl reichte und reicht nicht aus, um stabile Jugendkulturen, Cliquen oder subkulturelle Szenen zu bilden, die oft als Resonanzboden für politisches Interesse fungieren. Bildungs- und Kulturangebote speziell für diese Altersgruppe sind dementsprechend rar (vgl. Kurzke 2024). Ganz anders sieht es in urbanen Zentren wie Leipzig, Potsdam, Jena oder im ehemaligen Ost-Berlin aus: Dort existieren mittlerweile aktive Jugend- und Kulturszenen, die Angebote politischer Bildung eher nachfragen und auch selbstständig initiieren.

Aus der Analyse der 1990er-Jahre ergibt sich, dass politische Bildung dann Chancen hat, wenn sie sich eng auf lokale Alltagswirklichkeiten bezieht. Die bereits erwähnte Partnertagung in Gera forderte bereits 1995, Foren und Netzwerke speziell für Bildungsträger aus den neuen Bundesländern zu schaffen, um praktische Erfahrungen auszutauschen – etwa zur Organisationsentwicklung, zur inhaltlich-didaktischen Arbeit oder zu Fördersystemen.
Gerade in Ostdeutschland gilt: Politische Bildung, die abstrakt und realitätsfern bleibt, läuft Gefahr, als irrelevant wahrgenommen zu werden. Projekte, die lokale Themen aufgreifen – wie der Strukturwandel in der Region, Fragen der Kommunalpolitik oder generationsübergreifende Dialoge – stoßen dagegen auf Resonanz. Dabei ist es hilfreich, wenn diese Projekte nicht von außen vorgegeben werden, sondern durch oder in enger Kooperation mit Akteuren vor Ort entstehen.
Gerade in Ostdeutschland gilt: Politische Bildung, die abstrakt und realitätsfern bleibt, läuft Gefahr, als irrelevant wahrgenommen zu werden. Projekte, die lokale Themen aufgreifen – wie der Strukturwandel in der Region, Fragen der Kommunalpolitik oder generationsübergreifende Dialoge – stoßen dagegen auf Resonanz.
Hinzu kommt ein positiver Aspekt: Vertreter*innen der ostdeutschen Zivilgesellschaft berichten, dass sie sich heute – auch in der Fläche – in einer besseren Position sehen als in den „Baseballschlägerjahren“ um die Jahrtausendwende. Trotz neuer Herausforderungen durch extrem rechte Einstellungen oder Akteure ist die Vernetzung vielerorts dichter, Vertrauen in Partner gewachsen und professionelles Know-how in der Arbeit mit den Menschen vor Ort vorhanden.
Welche besonderen ostdeutschen Erfahrungen prägen die politische Bildung?
Wenn man verstehen will, warum politische Bildung in Ostdeutschland oft anderen Logiken folgt als in Westdeutschland, muss man tief in die politischen Sozialisationserfahrungen seit der DDR blicken. Viele Ostdeutsche sind in einem System politisch erwachsen geworden, in dem Partizipation nicht als Ergebnis offener Aushandlung, sondern als Bestätigung vorgegebener Entscheidungen gedacht war. Gleichzeitig spielt die eigene Erfahrung von 1989 eine zentrale Rolle sowie das Narrativ: Der größte politische Umbruch der jüngeren deutschen Geschichte wurde im Erfahrungsgedächtnis der Akteure nicht in Gremien verhandelt, sondern auf der Straße erstritten.
Die sogenannte Friedliche Revolution etablierte ein prägendes Bild vom Erfolg politischen Engagements: Wer viele Menschen mobilisiert und öffentlich demonstriert, kann Wandel erzwingen. Dieses Muster prägt das kollektive Gedächtnis und wirkt bis heute in den Erwartungen an politische Prozesse. Beteiligungsverfahren, die in westdeutschen Demokratietraditionen als selbstverständlich gelten – etwa längere Konsultationsphasen, Ausschusssitzungen, Diskussionsrunden –, gelten deshalb manchem Ostdeutschen als Umwege, die den eigentlichen Kern der Demokratie verschleiern.
Raj Kollmorgen (2025) beschreibt dieses Spannungsverhältnis so: In Ostdeutschland sei das Verständnis von Einflussnahme stark erlebnisorientiert. Erfolg misst sich eher am sichtbaren Ergebnis einer Protestaktion als an den Zwischenschritten im Institutionengeflecht. Ziel der politischen Bildung ist entsprechend auch, aufzuzeigen, wie Protest wirksam in demokratische Prozesse eingebunden werden kann und welche Möglichkeiten er bietet, sich gesellschaftlich einzubringen. Gleichzeitig soll die Bedeutung formaler, prozessualer Beteiligungsformen vermittelt werden. Projekte, die beide Dimensionen – Protest als Beteiligungsinstrument und institutionelle Beteiligungswege – miteinander verbinden, haben die größten Erfolgsaussichten.
Ein erfolgreiches Beispiel aus jüngerer Zeit sind Planspiele zu Kommunalpolitik oder Bürgerhaushalten in ostdeutschen Städten. Diese machen durch Simulation und Diskussion das komplexe Zusammenspiel von Interessen, Regeln und Zuständigkeiten erfahrbar, ohne das Moment der Selbstwirksamkeit zu vernachlässigen.
Gleichzeitig muss man berücksichtigen, dass viele Menschen in den ostdeutschen Bundesländern nach 1990 tiefgreifende Veränderungen selbst durch- oder zumindest miterlebt haben: Betriebsschließungen, Massenarbeitslosigkeit, Abwanderung junger Menschen, Rückbau öffentlicher Infrastruktur. In solchen Kontexten steht das unmittelbare materielle Überleben oft vor abstrakter Demokratiebildung. Politische Bildung, die nicht an diese Lebensrealitäten anknüpft, wird schnell als „Überbau“ abgetan, der mit den harten Alltagsfragen wenig zu tun hat. Dennoch vollzieht sich seit etwa zwei Jahrzehnten eine allmähliche Anpassung: Bildungsträger reflektieren stärker ostdeutsche Biografien und Erfahrungshintergründe, passen ihre Formate an regionale Kontexte an und setzen verstärkt auf partizipative, dialogorientierte Formate. Das schafft – langsam, aber spürbar – mehr Vertrauen.
Welche Rolle spielen zivilgesellschaftliche und kulturelle Akteure?
Zivilgesellschaftliche und kulturelle Akteure übernehmen in der ostdeutschen politischen Bildungsarbeit eine tragende Rolle. Gerade in ländlichen Regionen, in denen Landeszentralen und überregionale Träger nur punktuell präsent sind, bilden Vereine, Kulturinitiativen, Jugendclubs oder soziokulturelle Zentren die konstantesten Anlaufstellen für Diskussion, Begegnung und projektbezogenes Lernen.
Ein besonders eindrucksvolles Beispiel liefert die Theaterarbeit: Das FES-Dossier Zukunft erproben (FES 2023) hebt hervor, wie Theaterprojekte in ostdeutschen Städten und Dörfern Räume schaffen, in denen brisante gesellschaftliche Themen – von Migration über soziale Ungleichheit bis hin zu lokaler Demokratiegestaltung – künstlerisch bearbeitet werden. Das Theater ermöglicht, abstrakte Konflikte durch Figuren, Szenen und Dialoge erlebbar zu machen, und senkt so die Hemmschwelle für den Einstieg in politische Debatten.
Zivilgesellschaftliche und kulturelle Akteure übernehmen in der ostdeutschen politischen Bildungsarbeit eine tragende Rolle.
Auch andere Formen kultureller Bildung wie Filmworkshops, Ausstellungen oder Musikprojekte sind in vielen Regionen niedrigschwellige Zugänge. Hier begegnen sich Zielgruppen, die von klassischen Bildungsformaten kaum erreicht würden – etwa Jugendliche ohne höheren Bildungsabschluss, ältere Menschen in strukturschwachen Gegenden oder Bürger*innen mit Misstrauen gegenüber staatlichen Angeboten.

Der Landesverband Soziokultur Sachsen e. V. beschrieb 2018 in seiner Untersuchung die „gesellschaftspolitische Dimension kultureller Bildung“: In zahlreichen ostdeutschen Kommunen sind soziokulturelle Zentren die einzigen dauerhaften Orte, an denen kulturelle und politische Bildungsarbeit ineinandergreifen. Viele dieser Zentren sind historisch aus Bürgerinitiativen der Wendezeit hervorgegangen und haben eine hohe lokale Glaubwürdigkeit.
Damit kulturelle Bildung politisch wirksam werden kann, braucht es stabile Netzwerke zwischen diesen Einrichtungen und den klassischen Akteuren der politischen Bildung – also Landeszentralen, Stiftungen und freie Träger. Erfolgreiche Projekte setzen meist auf Kooperation: Politische Bildner*innen bringen Methoden und Themen ein, kulturelle Partner sorgen für Zugang zu Menschen vor Ort und kreative Vermittlungsformen.
So wichtig diese Akteure sind, so fragil ist ihre Lage: Die meisten arbeiten projektbezogen und sind stark von kurzfristigen Förderentscheidungen abhängig. Oft fehlen Rücklagen oder feste Personalstellen. Das erschwert langfristige Planungen, den Aufbau von kontinuierlichen Bildungsprogrammen und die langfristige Bindung von Menschen. Gerade im ländlichen Raum kann der Wegfall eines einzigen Förderjahres dazu führen, dass Teile essenzieller materieller und immaterieller Infrastruktur für politische Bildung zusammenbrechen.
Trotz dieser Unsicherheiten zeigt die Erfahrung: Wo zivilgesellschaftliche und kulturelle Akteure fest in lokale Netzwerke eingebunden sind und von übergeordneten Strukturen unterstützt werden, können sie wirksame und nachhaltige politische Bildung leisten. Ihre Stärke liegt in der Kombination aus lokaler Verankerung, kreativen Methoden und thematischer Offenheit.
Wo zivilgesellschaftliche und kulturelle Akteure fest in lokale Netzwerke eingebunden sind und von übergeordneten Strukturen unterstützt werden, können sie wirksame und nachhaltige politische Bildung leisten.
Gleichzeitig macht gerade diese Offenheit sie anfällig für politische Angriffe – eine Herausforderung, die in den letzten Jahren deutlich zugenommen hat.
Aktuelle Herausforderungen und Probleme
Die politische Bildungsarbeit in Ostdeutschland war in den vergangenen Jahren nicht nur mit ihren strukturellen Schwächen konfrontiert, sondern zunehmend auch mit gezielten Angriffen und politischem Gegenwind. Zwei Gefahren treten dabei besonders hervor: Erstens eine wachsende Konkurrenz um Deutungshoheit durch Akteure aus dem rechtsextremen Spektrum, zweitens die anhaltende finanzielle und institutionelle Fragilität vieler Träger.
In den letzten Jahren verfolgen rechtspopulistische und extrem rechte Akteure in Ostdeutschland systematisch die Strategie, eigene Bildungsangebote zu etablieren, um damit Narrative zu setzen, die der etablierten politischen Bildungslandschaft entgegenstehen. Zeit Online berichtete 2024 über AfD-nahe kommunalpolitische Vereinigungen, die unter dem Label „Bürgerforen“ oder „kommunale Akademien“ Veranstaltungen anbieten, die nach außen als neutrale Bildungsangebote erscheinen, tatsächlich jedoch als Plattform zur Festigung eines ideologisch einseitigen Weltbildes dienen. Ein weiterer Hebel ist die parteinahe Desiderius-Erasmus-Stiftung, die nach dem Willen der AfD perspektivisch staatliche Förderung in Millionenhöhe für ihre Bildungsarbeit erhalten soll (vgl. nd-aktuell 2024).
Parallel dazu belegen Recherchen der Otto-Brenner-Stiftung (2024) eine Zunahme direkter Angriffe: In Sachsen wurden Veranstaltungen zivilgesellschaftlicher Träger massiv gestört, teilweise gezielt unterwandert, und Mitarbeitende bedroht. In manchen Fällen kam es zu langfristigen Einschüchterungskampagnen, die das Sicherheitsgefühl der Träger stark beeinträchtigen. Gerade kleinere Initiativen, die kaum über rechtliche Beratung oder Security-Budgets verfügen, geraten dadurch in akute Handlungsunsicherheit.
Die strukturelle Basis politischer Bildung in Ostdeutschland hängt, wie bereits beschrieben, in hohem Maße von öffentlicher Förderung ab. Diese ist anfällig für politische Konjunkturen, die sich besonders im Umfeld von Landtagswahlen bemerkbar machen. 2024 führte das zu teilweise abrupten Kürzungen oder Zurückhalten von Mitteln in Brandenburg, Thüringen und Sachsen. In einigen Kommunen wurde die Unterstützung von Projekten mit offenkundig politischen Begründungen verweigert (vgl. Technische Universität Dresden 2022).
Mit Blick auf die mittelfristige Perspektive wird deutlich, dass auch die Landtagswahlen 2026 in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt zu erneuter Haushaltsunsicherheit führen könnten. Für viele Einrichtungen bedeutet das: Langfristige Planung ist kaum möglich, die Abhängigkeit von Projektförderung zwingt sie in einen permanenten Beantragungs- und Rechtfertigungsmodus.
Die Kombination aus gezielter politischer Einflussnahme durch Gegner demokratischer Bildung und instabiler Finanzierungsgrundlage ist besonders gefährlich. Angriffe wirken doppelt stark, wenn Einrichtungen keine Rücklagen oder institutionelle Sicherungen haben – nicht selten führt schon die Drohung künftiger Mittelkürzungen dazu, dass Träger sich gezwungen sehen, ihre Themenwahl oder Ansprache anzupassen, um Angriffsflächen zu vermeiden.
Die beschriebenen Einflussversuche – von kommunal organisierten AfD-nahen Bildungsvereinen bis hin zu den bundespolitischen Ambitionen der Desiderius-Erasmus-Stiftung – verdeutlichen, dass der Wettbewerb um Deutungshoheit in der politischen Bildung längst nicht nur auf inhaltlicher Ebene ausgetragen wird. Er findet ebenso auf der strukturellen und finanziellen Bühne statt.
Für die demokratische Bildungsarbeit in Ostdeutschland ergibt sich daraus eine doppelte Aufgabe: Sie muss sich einerseits gegen direkte ideologische Angriffe behaupten, andererseits ihre eigene Handlungs- und Existenzfähigkeit absichern. Diese Aufgabe wird zusätzlich erschwert durch knappe Ressourcen, kurzfristige Projektförderung und politische Konjunkturen. Gerade deshalb ist es notwendig, aus den gemachten Erfahrungen strategische Schlüsse zu ziehen, die sowohl den Schutz demokratischer Bildungsstrukturen als auch deren Aktualisierung und Anpassungsfähigkeit im Blick behalten.
Schlussfolgerungen
Die politische Bildungsarbeit in Ostdeutschland steht aktuell vor einer doppelten Herausforderung: Sie muss einerseits demokratische Grundwerte sichern und sich gegen Versuche ideologischer Vereinnahmung behaupten, andererseits lokal verankert und alltagsrelevant bleiben, um langfristig gesellschaftliche Akzeptanz zu finden.
Aus der Analyse der letzten 35 Jahre lassen sich mehrere zentrale Schlussfolgerungen ableiten:
- Dauerhafte Grundfinanzierung sichern – Die strukturelle Verwundbarkeit vieler Träger resultiert vor allem aus projektbasierter, kurzfristiger Förderung. Politische Bildung braucht – ähnlich wie Schulen oder Bibliotheken – eine institutionelle Grundsicherung. Nur so entstehen Kontinuität, Planungssicherheit und die Möglichkeit, langfristige Bindungen zu unterschiedlichen Menschen aufzubauen. Erwachsenen- und Weiterbildungsgesetze waren ein Anfang, müssen aber in ihrer Umsetzung verbindlicher und krisenfester werden.
- Lokale Verankerung stärken – Erfolgreiche Projekte greifen Themen auf, die im unmittelbaren Lebensumfeld relevant sind: Strukturwandel, kommunale Politik, regionale Identität, kulturelle Traditionen. Hier liegt die Chance, politische Bildung nicht als abstraktes Leitbild, sondern als greifbaren Teil der eigenen Lebenswirklichkeit erfahrbar zu machen.
- Kulturelle Brücken nutzen – Wie oben dargestellt, bieten Theater, Musik, Kunst und andere kulturelle Formate niedrigschwellige Einstiege in einen Diskurs und Teilhabe. Die Schnittstelle zwischen kultureller und politischer Bildung sollte gezielt gefördert werden – nicht nur punktuell, sondern als strategischer Bestandteil von Landesförderprogrammen.
- Begegnung zwischen Milieus ermöglichen – Raj Kollmorgen weist darauf hin, dass alters- und milieuübergreifende Projekte wesentlich sind, um gegenseitige Wahrnehmung und Verständnis zu fördern. Gerade in Ostdeutschland, wo unterschiedliche soziale Gruppen teils stark voneinander abgeschottet leben, ist diese Brückenfunktion entscheidend – sowohl zwischen Generationen als auch zwischen Stadt und Land.
- Schutz vor politischer Einflussnahme – Die Unabhängigkeit politischer Bildung ist im Grundsatz unumstritten, in der Praxis jedoch immer wieder gefährdet. Durch parteipolitische Eingriffe – etwa über Kürzungen oder thematische Einschränkungen – kann die Arbeit empfindlich gestört werden. Daher sind rechtliche Sicherungsmechanismen, transparente Förderverfahren und überparteiliche Gremien zur Mittelvergabe dringend erforderlich.
- Alternativen zu extremistischen Angeboten schaffen – Extrem rechte Akteure nutzen Bildungsformate gezielt, um ihre Inhalte zu verbreiten. Politische Bildung muss darauf reagieren – durch Proaktivität, nicht nur durch Abwehr. Das bedeutet: attraktive, thematisch aktuelle und methodisch vielfältige Angebote bereitzustellen, die Menschen erreichen, bevor extrem rechte Narrative es tun (vgl. bpb 2024).
- Ostdeutsche Erfahrungen als Ressource begreifen – Erfahrungen wie die Friedliche Revolution, der Umgang mit Transformationsbrüchen oder die kreativen Selbsthilfestrukturen in der Nachwendezeit sind nicht nur Herausforderungen, sondern ein Potenzial für innovative Bildungsarbeit. Projekte, die solche historischen Erfahrungen bewusst reflektieren und positiv nutzbar machen, können Empathie, Handlungsfähigkeit und demokratisches Selbstbewusstsein fördern.
Politische Bildung in Ostdeutschland bleibt ein offener Prozess. Ihre Zukunftsfähigkeit hängt davon ab, wie gut es gelingt, Strukturstabilität, Unabhängigkeit, kulturelle Anschlussfähigkeit und zielgruppenspezifische Ansprache miteinander zu verbinden. Nur wenn sie sich sowohl den Bedrohungen von außen stellt als auch die inneren Strukturschwächen überwindet, kann sie ihre Doppelrolle erfüllen: Demokratisches Bewusstsein stärken und Formate schaffen, die ein Vorleben von Demokratie möglich machen.
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