Außerschulische Bildung 2/2024

Klimakrise und sozial-ökologische Transformation als Thema politischer Bildung

Ideen und Erfahrungen aus der Praxis

Die Themen Klimakrise und sozial-ökologische Transformation sind nicht nur komplex und schwer zu erfassen, sondern bewegen sich in einem polarisierten, konfliktbehafteten Diskursfeld. In diesem Beitrag werfen drei Kolleg*innen der Fachgruppe „Klimakrise und sozial-ökologische Transformation“ im Programm „Politische Jugendbildung im AdB“ einen Blick auf aktuelle Debatten und Herausforderungen für die Bildungsarbeit und gehen mit drei Praxisbeispielen der Frage nach, wie politische Bildung die tiefgreifenden Veränderungsprozesse und damit verbundenen Verunsicherungen inklusiv und mit einer globalen Gerechtigkeitsperspektive aufgreifen und transformative Handlungsalternativen diskutieren kann. von AdB-Fachgruppe „Klimakrise und sozial-ökologische Transformation“

Klima ist nicht mehr „in“ – unsere Ausgangssituation

Corona-Pandemie, Ukrainekrieg, Gas-Krise, die wirtschaftliche Rezession, die Haushaltskrise angesichts des Verfassungsgerichtsurteils zum Nachtragshaushalt 2021 und schließlich der mit dem Anschlag vom 7. Oktober 2023 neu aufgeflammte Krieg in Israel/Palästina: Die multiplen globalen und nationalen Krisen, die unsere und die Weltgesellschaft derzeit erschüttern, lassen die Klimakrise medial in den Hintergrund treten. Bereits seit der Corona-Pandemie wird diskutiert, dass die angeschlagene Wirtschaft nicht noch zusätzlich durch Klimaschutzmaßnahmen belastet werden sollte (vgl. etwa Schmidt-Mattern 2020). Gleichzeitig wird immer mehr von einer Klimamüdigkeit gesprochen (vgl. etwa Rieger 2023). 2023 erlebten wir zudem eine Welle von Kritik an und Hass gegenüber den Klimaaktivist*innen der Letzten Generation, die sich sowohl in Medien als auch in physischer Gewalt und einer Kriminalisierung der Szene ausdrückte (vgl. etwa Amnesty International 2023; Tagesschau 2023a). Auf Gesetzesebene kam dagegen mit der von der Bundesregierung im September 2023 vorgelegten Novelle des Klimaschutzgesetzes und des im November vom Bundestag angenommenen Klimaanpassungsgesetzes Bewegung in die Klimapolitik (vgl. Deutscher Bundestag 2023a; 2023b).

Keine Zeit für Müdigkeit und Entwarnung

Zugleich brachte 2023 Schlagzeilen über 11.000 Tote und 40.000 obdachlose Menschen nach der Hochwasserkatastrophe in Libyen, über monatelange Megafeuer in Kanada, Hitzewellen und Dürre in Europa sowie über das Jahrhunderthochwasser, das zum Jahreswechsel weite Teile Norddeutschlands unter Wasser setzte. Diese und weitere klimabedingte Wetterextreme können auf der interaktiven Karte von zeit.de eingesehen werden: www.zeit.de/wissen/umwelt/2024-01/wetterrueckblick-2023-weltweit-temperaturen-extremwetter; Zugriff auf diesen und alle weiteren in diesem Beitrag genannten Links: 31.01.2024 Und dies sind nur wenige von sehr vielen Extremwetterereignissen, die sich auf die fortschreitende Klimakatastrophe zurückführen lassen. Mit einer um 1,48 Grad höheren globalen Durchschnittstemperatur im Vergleich zum vorindustriellen Vergleichszeitraum von 1850 bis 1900 schrammte der Planet 2023 nur knapp an der im Pariser Abkommen 2015 festgelegten 1,5 Grad-Grenze vorbei. Es bleibt also keine Zeit für Müdigkeit und Entwarnung.

COP 28 – Erfolg oder Niederlage?

Die COP 28, die UN-Klimakonferenz 2023 in Dubai, brachte die multiplen Perspektiven auf die Thematik von stark emittierenden Staaten über Wirtschaftsakteur*innen bis zu zivilgesellschaftlichen Interessensvertreter*innen und stark betroffenen Staaten gut zum Ausdruck. Von den einen als Durchbruch auf dem Weg hin zur Transformation gefeiert, wurde das Ergebnis der Konferenz von anderen als Scheitern des Pariser 1,5 Grad-Ziels und als Einknicken vor den erdgasproduzierenden Staaten und großen fossilen Energiekonzernen betrauert. Im Schlussdokument der Konferenz ruft die Weltgemeinschaft zwar erstmals zur Abkehr von fossilen Brennstoffen auf. Und auch der lang geforderte Loss and Damages Fonds für die Unterstützung besonders vulnerabler Staaten bei klimabedingten Schäden wurde mit 700 Millionen Dollar ausgestattet. Der von mehr als 100 Staaten als Phase Out geforderte klare Ausstieg kommt in dem in Dubai verabschiedeten Abschlusstext aber nicht vor. Auch fehlen konkrete Schritte zur Umsetzung und eine Verbindlichkeit mit Konsequenzen. Die 700 Millionen im Fonds sind angesichts geschätzt notwendiger 400 Milliarden jährlich lediglich eine nette Geste (vgl. Prager 2023; Tagesschau 2023b).

Die multiplen globalen und nationalen Krisen, die unsere und die Weltgesellschaft derzeit erschüttern, lassen die Klimakrise medial in den Hintergrund treten.

UN-Generalsekretär António Guterres und UN-Klimachef Simon Stiell beurteilten das Ergebnis als ersten richtigen Schritt, aber in keiner Weise als ausreichend. Für Inselstaaten, wie Samoa oder die Marshallinseln, die sich in der Allianz der kleinen Inselstaaten AOSIS zusammengeschlossen haben, ist die COP 28 eine Enttäuschung. Mit 100 Staaten hatten sie in der High Ambition Coalition die Festsetzung eines Ausstiegs aus fossilen Energien gefordert. Stattdessen beinhaltet das Abschlussdokument nun weiterhin Erdgas und andere umstrittene Technologien als sogenannte Übergangsenergien. Kritik am Gipfel kommt auch aus anderen Teilen der globalen Zivilgesellschaft. Einer Datenanalyse der Aktivist*innenkoalition Kick Big Polluters Out zu Folge, waren auf der COP 28 in Dubai 2.456 Lobbyist*innen für Kohle, Öl und Gas offiziell akkreditiert.

Und was hat das mit politischer Bildung zu tun?

Wer sich mit der Klimakrise und sozial-ökologischer Transformation in der politischen Bildung befasst, steht somit nicht nur vor einem extrem komplexen Thema, sondern gleichzeitig vor einer polarisierten und konfliktbehafteten Debatte, in der zahlreiche Akteur*innen weltweit sehr unterschiedliche Interessen vertreten. Unsere Seminarteilnehmenden bringen eben diese Vielfalt an Positionen zum Ausdruck. Wir begegnen Aktivist*innen, die nach Jahren des Protests demotiviert sind und die das Gefühl haben, dass ihre Arbeit letztlich eh nichts bringt. Wir treffen auf Teilnehmende, die der Situation gegenüber gleichgültig sind oder aber meinen, dass in der Schule schon genug über dieses Thema geredet würde. Wirtschaftliche Ängste der Familien angesichts der Polykrise übersetzen sich in Wirtschaft-First-Haltungen. Und schließlich müssen wir auch immer damit rechnen, dass in Bezug auf die Klimakrise relativierende oder gar verleugnende Aussagen fallen, die Jugendliche aus (sozialen) Medien aber auch aus ihrem Umfeld aufschnappen.

Wer sich mit der Klimakrise und sozial-ökologischer Transformation in der politischen Bildung befasst, steht nicht nur vor einem extrem komplexen Thema, sondern gleichzeitig vor einer polarisierten und konfliktbehafteten Debatte, in der zahlreiche Akteur*innen weltweit sehr unterschiedliche Interessen vertreten.

Mit unserer Seminararbeit versuchen wir angesichts dieser Herausforderungen die Klimakrise mit Gerechtigkeitsfragen aus einer inklusiven und globalen Perspektive zu verbinden. Wir erarbeiten mit den Teilnehmenden alternative Zukunftsperspektiven in der Transformation und entwickeln Handlungsmöglichkeiten auf der individuellen, der institutionellen und der strukturellen Ebene (vgl. Albani/Hübner 2023).

Drei Beispiele aus unserer Bildungspraxis

In den folgenden Praxisbeispielen stellen wir dar, wie wir die Themen Transformation und Umgang mit der Klimakrise in unseren Seminaren aufgreifen. Wir stellen einige unserer Konzepte, Formate und Methoden vor und diskutieren Herausforderungen. Die Villa Fohrde e. V. stellt mit ihrem Praxisbeispiel Zugänge für die Verknüpfung der Themen Inklusion und Klimakrise vor. Anhand der Methode FairTrade Lab der Waldritter e. V. wird der Frage nachgegangen, wie man ein so komplexes Thema wie Fair Trade spielerisch und niedrigschwellig möglichst vielfältigen Zielgruppen nahebringen kann. Am Beispiel der Bildungsstätte Alte Schule Anspach, basa e. V. wird diskutiert, was es bringt, Frankfurter Stadtkindern mit einem Besuch bei der Solidarischen Landwirtschaft Stolze Gärtner alternative Wirtschaftsweisen angesichts der Klimakrise zu zeigen.

Klimakrise und Inklusion – ein Praxisbericht aus der Villa Fohrde e. V.

Das ist nicht nur für die Jugendlichen ein echt ungewöhnliches Bild: Eine Frau im Rollstuhl seilt sich von einer Brücke ab. Was macht sie da oben? Wie ist sie überhaupt da hochgekommen? Und darf sie das einfach so machen? Und dann sitzt sie im Seminarraum der Villa Fohrde, einer Bildungsstätte im Westen Brandenburgs: Cécile Lecomte, „Autorin, freie Journalistin, Bewegungsarbeiterin (und) Kletteraktivistin mit Rheuma im Rollstuhl“ (www.instagram.com/hoernchencecile), die sich Vollzeit den Themen Klimakrise und Inklusion widmet.

Seminar mit Cécile Lecomte Foto: Villa Fohrde

Wir haben sie in unser Seminar „Klimakrise inklusive Lösungen“ eingeladen, bei dem sich im September 2023 eine Gruppe von angehenden Heilerziehungspfleger*innen mit der Frage beschäftigten, warum und wie sich die Klimakrise auf Menschen mit Behinderungen aufgrund von struktureller Diskriminierung stärker auswirkt als auf Menschen ohne Behinderungen.

In einem Tagesworkshop zu „Ableismus und Klimakrise“ beantwortet Cécile Lecomte nicht nur, wie sie sich im Rollstuhl bei Aktionen mit der Gruppe Rollfender Widerstand an Brücken hochzieht, sondern gibt auch Input für die Gruppe: „Was bedeutet Inklusion? Was verbirgt sich hinter Ableismus? Und wie erleben Menschen mit (Mehrfach-)Diskriminierung die Folgen der Klimakrise noch einmal mehr?“ Die Sammlung wird schnell immer länger: Beschränkter oder fehlender Zugang zu Informationen, sei es in Blindenschrift, Gebärdensprache oder Leichter Sprache. Die Beschränkung von Material wie Inkontinenzprodukten durch die Reglementierung der Krankenkassen mit Blick auf Reduzierung von Einwegmaterial. Wer von den Verfechter*innen des Verbots von Plastikstrohhalmen hat schon einmal darüber nachgedacht, wer wirklich abhängig von der Benutzung solcher Produkte ist, weil nachhaltige Alternativen aus Glas, Bambus, Papier o. ä. nicht sicher oder praktikabel genug sind? (Vgl. So 2023) Und die Katastrophe bei dem Jahrhunderthochwasser im Ahrtal 2021, bei dem 12 Bewohner*innen eines Wohnheims für Menschen mit Behinderungen ertranken, zeigt, wo fehlende Inklusion und Barrierefreiheit im schlimmsten Fall hinführen können.

Eine Expertin zum Thema einladen, die auch aus eigener Betroffenheit spricht, das überzeugt die Jugendlichen: eine Person mit Behinderung kennenzulernen, die mit ihrem Rollstuhl nicht nur an Demonstrationen teilnimmt, sondern als Kletteraktivistin auf Barrieren und Ableismus aufmerksam macht. Diese Begegnung erweitert nicht nur das Wissen für strukturellen Ableismus, der auch im Feld des Klimaaktivismus besteht, sondern den Blick auf Menschen mit Behinderung insgesamt.

Die Klimakrise ist eine soziale Krise, weil Menschen unterschiedlich betroffen sind.

Auch in anderen Seminaren wird deutlich: Die Klimakrise ist eine soziale Krise, weil Menschen unterschiedlich betroffen sind. Um die Auseinandersetzung mit Ungerechtigkeiten zwischen privilegierten und depriviligierten Menschen in unserer Gesellschaft in einen größeren Zusammenhang zu setzen, ist das Konzept der Klimagerechtigkeit für uns ein zentraler Ansatz. Je nach Dauer des Seminars und Schwerpunktsetzung können wir unterschiedlich tief einsteigen. In Bezug auf die Diskrepanz zwischen Ländern des globalen Nordens und des globalen Südens schafft das Weltverteilungsspiel eine gute Ausgangsbasis für Diskussionen. Dabei wird die ungerechte Verteilung von Einkommen und CO2-Emissionen auf der Welt sicht- und greifbar. Mit weiterem Material und Filmen können sich die Jugendlichen die Ursachen dafür erarbeiten und verstehen, dass es bei Fragen nach Klimagerechtigkeit auch um die Auseinandersetzung mit dem „historischen Zusammenhang von Kolonialismus und Kapitalismus als Ursprung der Klimakrise“ (Opoku 2021) geht.

Das Wissen um die Kämpfe von Menschen, die von (Mehrfach-)Diskriminierung betroffen sind, kann eine wichtige Voraussetzung dafür sein, diese Kämpfe für mehr Gerechtigkeit zu unterstützen. Zudem wird den Jugendlichen Raum gegeben, in denen sie sich Gedanken dazu machen können, wie wir in Zukunft alle in einer gerechteren Welt leben können. Die angehenden Heilerziehungspfleger*innen konnten zum Ende des Seminars hin gemeinsam an verschiedenen Stationen ihre realutopische Welt in 30 Jahren entwickeln und dabei auch konkret darüber nachdenken, was sich in ihrem Berufsfeld in Hinblick auf die Teilhabe und Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderung ändern muss.

Das FairPlay Lab – ein Praxisbeispiel der Waldritter

Wie kann ein spielerisches Bildungsformat aussehen, welches einen Einstieg in das Thema Fair Trade für möglichst viele Zielgruppen ermöglicht und einen Überblick darüber gibt, dass ein fairer Handel weit mehr Produkte betrifft, als Kaffee oder Kakao? Diese Frage war der Ausgangspunkt für das FairPlay Lab – einem Spielentwicklungs-Labor für Aktive, Bildner*innen und Verwaltungsmitarbeitende.

Wer an Seminare, Workshops oder generell „Bildung“ denkt, verbindet damit häufig mühseligen Wissenserwerb – also nichts, was besonders erstrebenswert wäre. Um globale Transformationen zu gestalten, brauchen wir aber die Mitwirkung aller Bevölkerungsgruppen. Daher ist es umso wichtiger, Formate und Methoden neu zu denken, leicht zugänglich zu machen und Lernen und Bildung, vor allem Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) erstrebenswert und attraktiv zu machen.

Obwohl Nachhaltigkeitsthemen, vor allem die Klimakrise, in der gesellschaftlichen Wahrnehmung sehr präsent sind, werden Workshops und Fortbildungen oft nur von einem Teil der Menschen genutzt, den man gerne „Bildungsbürgertum“ nennt. Es bedarf also aktivierender, niederschwelliger Methoden und Zugänge, um eine breitere Gruppe an Menschen anzusprechen.

FairTradeLab Foto: Waldritter e. V.

Mit dieser Herausforderung im Hinterkopf entwickelten die Waldritter in Kooperation mit der Umweltbeauftragten der Stadt Essen einen spielerischen Ansatz: Das FairPlay Lab sollte mit dem praktischen Handlungsansatz, ein gemeinsames Spielformat zu entwickeln und Strukturen und Formate zusammenbringen, Impulse aus FairTrade-Netzwerken aufgreifen und ein Netzwerkgefühl in diesem Bereich stärken.

Nach einem Kick-Off-Treffen, bei dem erste Vorstellungen mit Vertreter*innen von FairTrade Schulen, dem Ernährungsrat und dualen Studierenden der Verwaltung ermittelt wurden, wurden in regelmäßigen Online-Sessions Themen gesammelt, Formate erörtert und ein gemeinsamer Termin für ein Game-Jam festgelegt, um schließlich den Prototypen eines FairTrade Games zu entwickeln.

Partizipative Spielentwicklung und Game Jam

Mit der gemeinsamen Spielentwicklung widmete sich das FairPlay Lab der Frage, wie ein niedrigschwelliges Spiel für eine Bildung für nachhaltige Entwicklung, genauer, mit dem konkreten Thema „FairTrade“, gestaltet werden könnte. Hier spielten mehrere Faktoren eine Rolle: Ist es spannend oder interessant genug, um Menschen für das Thema zu interessieren? Ist es einfach genug, um auch Menschen einen Zugang zu ermöglichen, die noch nie von dem Thema gehört haben? Wie aufwendig soll es gestaltet sein? Und kann es jede*r anleiten?

Nach einem kurzen Brainstorming beim Kick-Off-Meeting wurden mehrere Onlinetermine vereinbart, an denen die konkrete Planung und Klärung dieser Fragen stattfanden. Die erste Entscheidung fiel im Sinne eines einfachen Zugangs darauf, ein bekanntes und einfaches Spielformat zu nutzen: Lateralrätsel, auch als Black Stories bekannt. Rätsel also, bei denen die Endsituationen oder Ergebnisse einer paradoxen Geschichte auf größeren Spielkarten vorgegeben sind und bei denen man durch Fragen, die mit Ja oder Nein beantwortet werden können, den Hergang der Geschichte rekonstruieren muss. Auf diese Weise konnte jeweils durch einen rätselhaften Hinweis ein FairTrade-Thema eingebracht werden. Dieses Spielformat schien zudem sowohl spannend als auch informativ zu sein.

Da Menschen, die sich wenig mit FairTrade-Themen auseinandergesetzt haben, vor allem an Kaffee- und Kakaoproduktion denken, lag die nächste Design-Entscheidung darin, die Vielfalt von global gehandelten Produkten abzubilden und dabei gleichzeitig auf die besonderen Herausforderungen in diesem Kontext hinzuweisen. Im fertigen Game reicht die Palette von Kaffee, Nüssen, Blumen oder Obst über Wassernutzung, Textilproduktion und Fischerei, bis hin zu Erdmetallen oder (Grab-)Steinen. Zur weiteren Recherche, bzw. zur Nutzung im Bildungskontext, befindet sich zudem ein QR-Code mit einem Link zu einer Hintergrundquelle auf jeder Spielkarte und ein farbiger Kartenrand gibt einen Hinweis auf den Kontinent, bzw. die Region der Welt, wo das Handelsgut beheimatet ist, um das es in der entsprechenden Story geht.

Nachdem die Teilnehmenden des Game Jam infolge der Online-Absprache zuvor bereits viele Themen recherchiert hatten, wurde der Game Jam vor allem genutzt, um Info-Texte für die Rückseite und rätselhafte Fragen für die Vorderseite der Karten zu entwerfen. Gleichzeitig entstanden mit Hilfe des AI Bildgenerators Midjourney einfache, passende Bilder, die mit Hilfe des Grafik-Tools Canva auf ein Spielkartenformat gebracht wurden. Dank eines mobilen Druckers und dickerem Tonpapier konnten die Teilnehmenden den entstandenen Prototyp des Games direkt mitnehmen.

Nach einigen dezentralen Online-Korrektur-Runden entstand der finale Spielentwurf mit 32 Themenkarten und vier Anleitungskarten. Diese wurden als „Print-and-Play“-Version als Open Education Ressource (OER) auf der Webseite www.projekt-anderswelt/fairtradestories hochgeladen und dank der Unterstützung des Arbeitskreises deutscher Bildungsstätten e. V. später auch in einer Auflage von 300 Stück gedruckt.

Stadtkinder aufs Land bringen – ein Praxisbeispiel der Bildungsstätte Alte Schule Anspach, basa e. V.

Es ist herbstlich und wir laufen mit einer Gruppe von 25 Jugendlichen durch den offensichtlich angegriffenen aber trotzdem noch schönen Wald im Hochtaunus. Wir sind auf dem Weg zu den Stolzen Gärtnern. Gerborg Böde und Andrés Palmero Tapia sind die hauptamtlichen „Gärtner*innen“ der Solidarischen Landwirtschaft (SoLaWi), die ca. 80 Haushalte in den Dörfern rund um die Ackerfläche bei Brombach mit seinem Marktgarten versorgt. Die Jugendlichen sind eher skeptisch, was den Besuch auf „dem Acker“ angeht.

Es ist bereits das dritte Mal dieses Jahr, dass wir im Rahmen eines dreitägigen Seminars von basa e. V. zu Klimakrise und -gerechtigkeit die SoLaWi besuchen. Die Vorannahmen der Jugendlichen sind meistens sehr ähnlich: Als selbsterklärte „Stadtkinder“ befürchten sie, dass der Ausflug langweilig und die weißen Sneaker dreckig werden.

Exkursion zur SoLaWi Foto: basa e. V.

Die Exkursion findet im Rahmen unseres Seminars „Gutes Klima für alle*!“ statt. In dem Seminar befassen wir uns drei Tage lang mit den Folgen der Klimakrise, mit Klimagerechtigkeit und mit Auswegen aus der Krise. Im Fokus steht dabei die Feststellung, dass die Klimakrise nicht in erster Linie eine „Wetterkrise“ ist, sondern eine soziale, die von – die Gesellschaften durchziehenden – Machtverhältnissen geprägt ist. Kurz: Alle sind langfristig von dem Wandel betroffen, aber nicht alle gleichermaßen.

Mit dem Ausflug zu den Stolzen Gärtnern machen wir für die Jugendlichen eine alternative Form des Wirtschaftens erlebbar. Klimakrise wird hier genauso praktisch erfahrbar wie Klimaschutz. Am Ende kehren die Jugendlichen mit einem persönlichen Bezug zu so einem Projekt zurück, von dem sie erzählen und sich für ihr eigenes Handeln inspirieren lassen können.

Und wenn sie dann bei Kaffee, Tee und Keksen vor dem pinken Bauwagen der SoLaWi sitzen, verfliegen die Zweifel schnell. Gerborg und Andrés – die Kulturwissenschaftlerin und der Robotik-Ingenieur, die sich für das Leben auf dem Land entschieden haben – erklären geduldig, wie die SoLaWi funktioniert. Sie sprechen von Ernteanteilen, die unter allen Teilhaber*innen aufgeteilt werden und davon, wie gut die kollektiven Arbeitstage, die es einmal im Monat gibt, für die Dorfgemeinschaft sind. Sie erläutern, wie die Anbaumethode des Market Gardening funktioniert und wie diese Art des Anbaus der Klimakrise trotzt und gleichzeitig positive Auswirkungen für Artenvielfalt und gegen den Klimawandel hat. Beim gemeinsamen Rundgang durch den Garten sehen viele Jugendliche zum ersten Mal, wie die unterschiedlichen Gemüsearten wachsen. Manche können aber auch durch ihr Kleingärtner*innen-Wissen glänzen, was eine große Aufwertung von diesem nicht-schulischen und auch unter Jugendlichen sonst nicht besonders populären Wissen bedeutet. Am Ende gibt es immer noch eine gemeinsame Aufgabe, wo alle mit anpacken können – denn, so lernen es die Jugendlichen hier auch: Die SoLaWi ist keine Dienstleistung, die man sich einkauft, sondern ein sozialer Ort an dem auch gemeinsam gearbeitet wird. Viele kennen das Gärtnern nur von ihren Familien und älteren Angehörigen und „die Großeltern in Marokko haben den Garten inzwischen aufgegeben, wegen der Trockenheit.“ Und da sind wir schon wieder beim Thema Klimakrise und persönliche Bezüge und können direkt anknüpfen. Wenn wir dann zurückwandern, sind sich meistens alle einig, dass sich der Ausflug sehr gelohnt hat.

Eine Herausforderung bleibt allerdings der Transfer, damit das neue Wissen und die Motivation nicht nur eine schöne Erinnerung bleiben. Ein Weg damit umzugehen ist, dass wir direkt am nächsten Tag zusätzlich zu der physischen Aktivität unsere Gedanken und Erkenntnisse durch die Produktion von Content für Instagram in Online-Aktivismus umsetzen. Die Posts der Jugendlichen werden dann über den Instagram Account des Fachbereichs Politische Bildung von basa e. V., @polbil_basa, ausgespielt. Jugendlichen, die daran Interesse haben, haben wir auch schon urbane Gartenprojekte in Frankfurt am Main empfohlen.

Vom Wissen zum Handeln – kein Fazit, sondern eine Herausforderung

Die Beispiele aus unseren Seminaren zeigen, dass es vielfältige Wege gibt, mit unterschiedlichsten Zielgruppen in die Diskussion um Klimakrise und Transformation einzusteigen. Wir alle machen die Erfahrung, dass die Themen gut angenommen werden und während der Seminare sehr kreativ an alternativen Zukunftsentwürfen gearbeitet wird.

Die größte Herausforderung bleibt jedoch die Frage, wie unsere Bildungsformate einen Beitrag zu transformativen Handlungsalternativen leisten können. Was nehmen die Teilnehmenden mit und wie setzen sie es in ihrem Alltag ein?

Die größte Herausforderung bleibt unseres Erachtens jedoch die Frage, wie unsere Bildungsformate einen Beitrag zu transformativen Handlungsalternativen leisten können. Was nehmen die Teilnehmenden mit und wie setzen sie es in ihrem Alltag ein? Fühlen sie sich ermutigt, sich zukünftig in politische Debatten um sozial-ökologische Transformation einzubringen und eigene Zukunftsvisionen umzusetzen?

Wie in allen Bildungssettings ist diese Frage kaum zu beantworten. Sicher ist, dass wir Impulse geben, Auswege aus der Krise zu finden, die die gesellschaftliche Normalität in Frage stellen, die erst zur Krise geführt hat. Von den individuellen Fragen etwa – Ist Auto fahren / Fleisch essen / Fliegen normal? – kommen wir zu Forderungen nach gesellschaftlicher Aushandlung und politischen Entscheidungsmöglichkeiten, damit die Teilnehmenden hoffentlich in Zukunft ihr Wissen und ihre Tools nutzen, um aktiv an gesellschaftlichen Transformationsprozessen teilzuhaben, wenn Politik das möglich macht.

Zu den Autor*innen

Susanne Albani arbeitet in der Bildungsstätte Villa Fohrde e. V. Als Jugendbildungsreferentin für politische Bildung und BNE liegen ihre Schwerpunkte im Bereich diversitätssensible und diskriminierungskritische Bildung. In der Villa Fohrde leitet sie das Projekt „Wir gestalten Zukunft. Nachhaltig inklusiv gedacht“. Sie studierte „Kultur und Geschichte Mittel- und Osteuropas“ in Frankfurt (Oder) und Warschau und sammelte erste Erfahrungen in der außerschulischen Kinder- und Jugendbildung im deutsch-polnischen Kontext.
susanne.albani@villa-fohrde.de
Dr. Anna Maria Krämer ist Politikwissenschaftlerin. Seit 2017 arbeitet sie für die Bildungsstätte Alte Schule Anspach, basa e. V. Dort bringt sie ihre Perspektive auf postkoloniale, feministische und intersektionale Theorie in die Jugendbildungspraxis didaktisch ein. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind diversitätssensible und diskriminierungskritische Bildung, kritische historische Bildung, Digitalisierung sowie Klimagerechtigkeit.
anna.kraemer@basa.de
Dennis Lange ist Magister der Literaturwissenschaft und arbeitet als Bildungsreferent und Gamedesigner in den Schwerpunkten BNE, sozial-ökologische Transformation und internationale Projektarbeit für den Bildungsträger Waldritter. Mit spielerischen Bildungsformaten wie beispielsweise Edularp, Drama- und Escape Games arbeitet er an neuen Methoden, um gesellschaftliche und politische Aushandlungsprozesse auf eine breitere Basis zu stellen.
dennis.lange@waldritter.de
Die Fachgruppe „Klimakrise und sozial-ökologische Transformation“ ist eine der vier Fachgruppen, die im Programm „Politische Jugendbildung des AdB“ (2023–2028) Fragen und Themen zu den großen aktuellen gesellschaftlichen und globalen Herausforderungen bearbeiten und Bildungsangebote (weiter)entwickeln. Aufgabe der fünf Jugendbildungsreferent*innen aus bundesweit verteilten Bildungsstätten in der Fachgruppe ist es, ökologische Themen und Bildung für nachhaltige Entwicklung als kritische politische Bildung zu gestalten, um die Fragen nach dem individuellen ökologischen und ökonomischen Umgang mit Ressourcen vor dem Hintergrund der Transformationsprozesse in der Gesellschaft zu beleuchten.

Literatur

Albani, Susanne/Hübner, Franca (2023): Das bringt doch alles nichts, oder? Die Ebenen politischen Handelns am Beispiel von Klimagerechtigkeit; https://api.politischbilden.de/documents/65424c7b886ac5.32519599.pdf
Amnesty International (2023): Deutschland: Ermittlungen kriminalisieren Klimaprotest; 04.10.2023; www.amnesty.de/allgemein/pressemitteilung/deutschland-ermittlungen-kriminalisieren-klimaprotest-fridays-for-future-letzte-generation
Deutscher Bundestag (2023a): Erste Beratung zur Novelle des Bundes-Klimaschutzgesetzes, 22.09.2023; www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2023/kw38-de-bundesklimaschutzgesetz-965094
Deutscher Bundestag (2023b): Bundesklimaanpassungsgesetz im Bundestag beschlossen; 16.11.2023; www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2023/kw46-de-bundesklimaanpassungsgesetz-976584
Opoku, Nene (2021): Von Umweltrassismus zu Klimagerechtigkeit? Koloniale Kontinuitäten in der Klimakrise; www.nf-farn.de/umweltrassismus-klimagerechtigkeit-koloniale-kontinuitaeten-klimakrise
Prager, Alicia (2023): Tops und Flops am Klimagipfel: Was die COP 28 gebracht hat. In: Der Standard vom 16.12.2023; www.derstandard.de/story/3000000199877/tops-und-flops-am-klimagipfel-was-die-cop-28-gebracht-hat
Rieger, Jenni (2023): Keine Lust auf Klimarettung. In: Tagesschau vom 06.12.2023; www.tagesschau.de/wissen/klima/klimaohnmacht-100.html
Schmidt-Mattern, Barbara (2020): Bremst die Coronakrise den Klimaschutz aus? Im Deutschlandfunk am 06.04.2020; www.deutschlandfunk.de/angeschlagene-wirtschaft-bremst-die-coronakrise-den-100.html
So (2023): Klimaaktivismus – eine ableistische Bewegung oder Teil einer ableistischen Welt? In: Jugend im Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland e. V. (Hrsg.): verRücktes Klima – beHinderte Lösungen. Perspektiven auf Ableismus und Klimagerechtigkeit. Berlin: BUND, S. 33–37
Tagesschau (2023a): 142 Verfahren wegen Angriffen auf „Letzte Generation“; 28.07.2023; www.tagesschau.de/inland/gesellschaft/letzte-generation-angriffe-verfahren-100.html
Tagesschau.de (2023b): UN-Klimakonferenz einigt sich auf Schlussdokument; 13.12.2023; www.tagesschau.de/ausland/asien/cop28-abschlusserklaerung-dubai-102.html