Wie innovativ ist Deutschland?
Was ist die sozial-ökologische Transformation und warum brauchen wir sie?
Der 2. August 2023 markierte den letzten Erdüberlastungstag. Der Erdüberlastungstag berechnet jährlich den Tag, an dem die Menschheit alle natürlichen Ressourcen aufgebraucht hat, die die Erde innerhalb eines Jahres nachhaltig bereitstellen kann. Betrachten wir den Verlauf der Erdüberlastungstage, so lässt sich feststellen, dass dieser seit Jahrzehnten immer weiter nach vorne rückt. Während er 1971 erst am 25. Dezember erreicht wurde, liegt er mittlerweile schon Anfang August. Um unseren globalen Energiebedarf zu decken, benötigten wir im Jahr 2023 circa 1,7 Erden (vgl. Global Footprint Network 2023). Betrachtet man nur den deutschen Verbrauch, so würden sogar rund drei Erden benötigt (vgl. Bocksch 2023). Diese Zahlen verdeutlichen: Wir leben auf Pump. Und damit befördern wir den menschengemachten Klimawandel, dessen Folgen für uns alle verheerend sein können. Doch was können wir tun, um diese Entwicklungen umzukehren?
Einen Ansatz zur Beantwortung dieser Frage liefert der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) mit seinem Gutachten „Welt im Wandel – Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation“ aus dem Jahr 2011. Darin fordert er „tiefgreifende Änderungen von Infrastrukturen, Produktionsprozessen, Regulierungssystemen und Lebensstilen sowie ein neues Zusammenspiel von Politik, Gesellschaft, Wissenschaft und Wirtschaft“ (WBGU 2011, S. 1). Es geht darum, die Art und Weise zu verändern, wie wir wirtschaften, wie wir wohnen und wie wir konsumieren – kurzum: Es geht darum, zu verändern, wie wir leben (vgl. Schneidewind 2019). Um das Ausmaß der geforderten Transformation zu verdeutlichen, vergleicht der Beirat sie mit der industriellen Revolution und weist darauf hin, dass im Zentrum des Transformationsbegriffs ein umfassender Wandel aller Gesellschaftsbereiche hin zu mehr sozialer und ökologischer Nachhaltigkeit stehe (vgl. WBGU 2011, S. 66). Aus ökologischer Sicht gehe es vor allem darum, die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen zu reduzieren, erneuerbare Energien zu fördern, ökologisch nachhaltige Produktions- und Konsummodelle zu entwickeln, die Biodiversität zu schützen und die Umweltverschmutzung zu verringern. Gleichzeitig sollen auch soziale Aspekte wie soziale Gerechtigkeit, Arbeitsbedingungen, Bildung, Gesundheitsversorgung und Armutsbekämpfung berücksichtigt werden, damit der Wandel gesellschaftlich akzeptiert und in Form eines „neuen globalen Gesellschaftsvertrags“ überregional und kontinuierlich vorangetrieben werden kann (vgl. ebd., S. 293 ff.). Ziel ist es, eine zukunftsfähige Gesellschaft zu schaffen, die ökologisch nachhaltig und sozial gerecht handelt. Damit skizziert der WBGU die Umrisse einer sozial-ökologischen Transformation, die dringend benötigt wird, um den Klimawandel und dessen Folgen zu bekämpfen. Doch wie ist es um die sozial-ökologische Transformation bestellt?
Was können wir tun, um die sozial-ökologische Transformation voranzutreiben? Wie können wir den wachsenden Energiebedarf decken und gleichzeitig weniger CO2-Emmissionen ausstoßen? Wie können wir unsere Konsumbedürfnisse befriedigen und gleichzeitig weniger Ressourcen verbrauchen? Und wie können wir letztlich den Klimawandel erfolgreich bekämpfen?
Zunächst lässt sich festhalten, dass es viele politische Bekenntnisse zu mehr Nachhaltigkeit gibt. Wir finden sie fast überall: In Parteiprogrammen und Koalitionsverträgen auf kommunaler, Landes-, Bundes- und EU-Ebene und mit den Nachhaltigen Entwicklungszielen der UN – den sogenannten Sustainable Development Goals (SDG) – auch auf globaler Ebene. Jedoch, und das ist die Problematik, hapert es vielfach daran, die Strategien auch umzusetzen. So kommt der Sustainable Development Report 2023 zum Ergebnis, dass die Corona-Krise und der aktuelle militärische Konflikt in der Ukraine zu einer Stagnation des Umsetzungsfortschritts der SDGs führt und die Erreichung des 1,5 Grad-Ziels in weite Ferne rückt (vgl. Sachs et al. 2023, S. 4). Was können wir also tun, um die sozial-ökologische Transformation voranzutreiben? Wie können wir den wachsenden Energiebedarf decken und gleichzeitig weniger CO2-Emmissionen ausstoßen? Wie können wir unsere Konsumbedürfnisse befriedigen und gleichzeitig weniger Ressourcen verbrauchen? Und wie können wir letztlich den Klimawandel erfolgreich bekämpfen?
Innovationen als Schlüssel für die Transformation
Aus Sicht der Zukunfts- und Innovationsforschung gibt es vor allem eine Antwort auf all diese Fragen: durch Innovationen. Der Kern einer Innovation besteht darin, dass etwas Neues entsteht (vgl. Weissenberger-Eibl 2016). Gute Ideen, neue Ansätze und Lösungswege sind allerdings noch keine Innovation. Sie stehen zwar am Anfang einer Innovation, jedoch gehört zu ihrem Wesen die Durchsetzung des Neuen am Markt (vgl. Schumpeter 1961; 1967). Die Erfindung wird erst dann zur Innovation, wenn sie sich am Markt durchsetzt, gesellschaftlich akzeptiert und nachgefragt wird.
Innovationen wirken auf allen Ebenen und in allen gesellschaftlichen Bereichen:
- Technische Innovationen können bspw. dazu beitragen, den Ressourcen- und Energieverbrauch zu reduzieren, die Effizienz erneuerbarer Energien zu erhöhen und die Energiewende voranzutreiben. Sie leisten damit einen wichtigen Beitrag zur Reduzierung von CO2-Emmissionen und gegen den Klimawandel.
- Im Bildungsbereich können mithilfe der Digitalisierung neue Lernmethoden entwickelt werden, die den Zugang zu Bildung für alle Gesellschaftsbereiche erleichtern und dadurch Bildungsgerechtigkeit fördern.
- Innovative Geschäfts- und Finanzierungsmodelle sind entscheidend, um nachhaltige Projekte und Unternehmen zu fördern. Dies kann die Entwicklung von Finanzinstrumenten für nachhaltige Investitionen, die Förderung von Start-ups mit sozial-ökologischem Fokus und die Schaffung neuer Partnerschaften zwischen Unternehmen und der Zivilgesellschaft umfassen.
- Und schließlich können Innovationen im Gesundheitssektor dazu beitragen, neue Behandlungsmethoden und Medikamente zu entwickeln, um Krankheiten zu bekämpfen und die Gesundheit der Menschen zu verbessern.
Diese Beispiele verdeutlichen, dass Innovationen wichtige gesellschaftliche Veränderungsimpulse geben können. Sie sind ein Schlüssel für die sozial-ökologische Transformation. Auch der WBGU betont, dass für „das Gelingen jedweder Transformation in klimaverträgliche und nachhaltige Gesellschaften (…) die Entwicklung neuer Technologien sowie die zeitnahe und breitflächige Diffusion technischer und sozialer Innovationen von zentraler Bedeutung“ (WBGU 2011, S. 77) sind. Eine effektive Innovations- und Technologiepolitik ist daher eine „entscheidende Stellschraube“ (Weissenberger-Eibl 2021, S. 265) für den sozial-ökologischen Wandel. Doch wie innovativ ist Deutschland?

Hierüber gibt bspw. der Innovationsindikator Auskunft. Der vom Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) in Auftrag gegebene Innovationsindikator erscheint in regelmäßigen Abständen und vergleicht die Innovationsfähigkeit von 35 Volkswirtschaften anhand ausgewählter Indikatoren und Kriterien. In der aktuellen Ausgabe von 2023 belegt Deutschland den zehnten Platz unter den 35 untersuchten Volkswirtschaften. Der Bericht stellt fest, dass Deutschland ein innovatives Land ist und seine Innovationsfähigkeit auch in Zeiten multipler Krisen erhält. Allerdings zeige sich auch, dass die deutsche Innovationsleistung aufgrund wenig dynamischer Strukturen stagniere und gefährdet sei. Der Bericht kommt zum Ergebnis, dass wir in Deutschland „ohne radikale Transformation und konsequente Innovation (…) unsere Wettbewerbsfähigkeit nicht halten“ (Frietsch et al. 2023, S. 4) können.
Wenn Innovation ein wichtiger Treiber für die sozial-ökologische Transformation ist, dann sollten wir uns fragen: Was können wir tun, um die Innovationskraft in Deutschland nicht nur zu erhalten, sondern zu steigern?
Wenn Innovation jedoch ein wichtiger Treiber für die sozial-ökologische Transformation ist, dann sollten wir uns fragen: Was können wir tun, um die Innovationskraft in Deutschland nicht nur zu erhalten, sondern zu steigern?
Mehr Zusammenarbeit im Innovationsökosystem
In der Vergangenheit hat die Innovationsforschung den Blick nach innen – in die Unternehmen – gerichtet, um Antworten auf die Frage zu finden, wie wir innovativer werden können. Der Fokus lag also vor allem auf dem innerbetrieblichen Forschungs- und Entwicklungsprozess (FuE-Prozess). Dieser spielt nach wie vor eine wichtige Rolle für den Innovationsprozess. Aber innerbetriebliche Prozesse sind nicht alleine für die Innovationsfähigkeit von Unternehmen verantwortlich. Auch Impulse von außen tragen dazu bei, dass Unternehmen innovativ sein können. Wir sollten unseren Blick daher weiten und über das einzelne Unternehmen hinaus das gesamte Innovationssystem betrachten. Heute sprechen wir vielfach auch von Innovationsökosystemen. Damit meinen wir Netzwerke, in denen verschiedene, sich wechselseitig beeinflussende Akteur*innen eng miteinander kooperieren, um Innovationen hervorzubringen. Es handelt sich dabei nicht nur um Unternehmen entlang der Wertschöpfungskette wie bspw. Lieferanten, Produktion, Logistik und Vertrieb. Zu einem Innovationsökosystem gehören auch Wissenschafts- und Forschungseinrichtungen, staatliche Akteur*innen, zivilgesellschaftliche Organisationen sowie Bürger*innen. Das Ganze gleicht einem natürlichen Ökosystem, in dem alle Akteur*innen dazu beitragen, dass Innovationen entstehen, mit denen wir Veränderung ermöglichen und Wandel gestalten können. Ein Innovationsökosystem funktioniert jedoch nicht einfach so. Es verlangt bspw. von den Unternehmen, dass sie mitunter gewohnte Pfade verlassen und sich auf Akteur*innen mit anderen Denkweisen und Ansätzen einstellen, dass sie Ideen Raum geben, die aus anderen Branchen oder auch anderen gesellschaftlichen Bereichen stammen und dass sie die anderen Akteur*innen systematisch in ihre Innovationsprozesse einbinden (vgl. Weissenberger-Eibl 2019; 2022). Dafür benötigen wir ein neues Zusammenspiel aller gesellschaftlichen Teilbereiche (vgl. WBGU 2011, S. 1). Damit ändern sich die weitgehend klaren und akzeptierten Rollenverständnisse für Wirtschaft, Zivilgesellschaft, Wissenschaft und Politik. Welche neuen Rollen diesen Akteur*innen zukommen, wird im Folgenden dargestellt.
Unternehmerische Offenheit
Wirtschaftliche Unternehmen sind die zentralen Akteur*innen im Innovationsökosystem. Ihre Innovationsleistung ist am größten. Denn sie bringen die Ideen der Wissenschaft (bspw. Ergebnisse aus der Grundlagenforschung) oder der eigenen Forschung „auf die Straße“. Sie entwickeln Technologien, innovative Produkte und Dienstleistungen. Sie sind gewissermaßen der Nährboden unseres Systems. Doch anstelle von Geheimhaltung, Protektionismus und Abschottung benötigen wir nun offene Kooperationsformate. Im Innovationsökosystem verändert sich die Rolle der Unternehmen daher vom Einzelkämpfer zum Teamplayer. Das Stichwort lautet Open Innovation.
Die Öffnung des eigenen Innovationsprozesses markiert den ersten Schritt für die Entstehung eines Innovationsökosystems.
Open Innovation meint, dass Unternehmen ihren Innovationsprozess öffnen und externe Akteur*innen einbeziehen (vgl. Hosenfeldt et al. 2022, S. 117). Warum sollten sie dies tun? Weil sie dadurch auf Ideen, Technologien, Fachkenntnisse etc., kurz: auf Ressourcen außerhalb der eigenen Unternehmensgrenzen zugreifen können. Und das kann enorme Vorteile mit sich bringen.
- Erstens können Unternehmen durch die Zusammenarbeit mit anderen Akteur*innen ihre Innovationskraft steigern – sowohl hinsichtlich kleinerer, sogenannter inkrementeller Verbesserungen (Exploitation) als auch mit Blick auf radikale Neuerungen (Exploration). Denn je mehr Köpfe denken, desto mehr und ggf. bessere Ideen können wir nutzen, um Innovationen zu generieren, die die sozial-ökologische Transformation voranbringen.
- Zweitens entstehen im Zuge der Zusammenarbeit oftmals neue Organisationsformen, in denen flexibel und agil zusammengearbeitet wird. Flache Hierarchien, wenig Bürokratie und schlanke Prozesse verkürzen die Innovationszeit (Time-to-Market) erheblich.
- Und drittens können Unternehmen durch die Zusammenarbeit mit anderen die Risiken und Kosten teilen, die bei der Entwicklung neuer Technologien entstehen. Dies ist für die in der Regel hochinnovativen, aber eben zumeist auch ressourcenschwachen Start-ups besonders hilfreich.
Die Öffnung des eigenen Innovationsprozesses markiert den ersten Schritt für die Entstehung eines Innovationsökosystems. Allerdings sind offene Innovationsprozesse nicht voraussetzungslos. Was braucht es also, damit die Öffnung gelingt?
Zum einen benötigen wir eine positive Innovationskultur, die Fehler nicht bestraft, sondern als Lernprozesse versteht. So können wir aus Fehlern lernen und es beim nächsten Mal besser machen. Vielleicht sind wir beim nächsten Mal auch noch mutiger und kreativer und probieren ungewöhnliche Wege aus – denn wir können darauf vertrauen, dass auch Scheitern erlaubt ist. Mut, Offenheit und Risikobereitschaft sind wichtige Eigenschaften im Innovationsgeschehen, vor allem für disruptive und radikale Neuerungen, die für die Transformation unserer Gesellschaft besonders wichtig sind – und zwar bei Führungskräften wie Mitarbeitenden.

Zum anderen benötigen wir konkrete Gelegenheiten und Orte, um uns austauschen und zusammenarbeiten zu können (vgl. Weissenberger-Eibl/Walli-Schiek 2023). Doch wer kümmert sich um Austauschformate und Plattformen, die Akteur*innen aus den unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen zusammenbringen? Grundsätzlich ein jeder Akteur. In der Praxis zeigt sich jedoch, dass derartige Netzwerke insbesondere dann erfolgreich sind, wenn ein ressourcenstarker und bekannter Akteur den Anstoß gibt. Das können bspw. große Unternehmen sein. Kleine und mittlere Unternehmen (KMU) und Start-ups sind gut beraten, auf Innovationsnetzwerke und potenzielle Kooperationspartner*innen zuzugehen – selbst, wenn – oder gerade wenn – sie in anderen Branchen und Bereichen tätig sind. Denn in Zeiten von Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz sind vielfältige Verbindungen möglich und unkonventionelle Kooperationen bieten ein großes Innovationspotenzial. Unkonventionelle, nicht minder innovative Kooperationen entstehen auch, wenn Zivilgesellschaft und Bürgerschaft einbezogen und Teil von Innovationsnetzwerken werden.
Zivilgesellschaftliche Mitgestaltung
Bisher spielte die Zivilgesellschaft nur eine untergeordnete Rolle im Innovationsprozess. Bürger*innen betrachten wir zumeist in ihrer Rolle als Kund*innen und Nutzer*innen von Innovationen – bspw. von neuen Produkten und Dienstleistungen. In Innovationsökosystemen kommt ihnen jedoch eine aktive Rolle zu. Sie werden zum/zur Mitgestalter*in. Doch was heißt das?
Viele gute Ideen und Neuerungen scheitern, weil sie am Markt nicht erfolgreich sind. Das heißt, sie treffen die Bedarfe der Menschen nicht oder sie lösen die Probleme in den Unternehmen nicht. Sie sind nicht passgenau. Anders ausgedrückt: Innovationen benötigen gesellschaftliche Akzeptanz (vgl. Weissenberger-Eibl/Walli-Schiek 2023). Dies trifft ganz besonders auf Innovationen zu, die zu mehr Nachhaltigkeit führen sollen. Gesellschaftliche Akzeptanz erreichen wir umso eher, je früher wir Bürger*innen als potenzielle Anwender*innen und Kund*innen in den Innovationsprozess einbinden (vgl. Weissenberger-Eibl/Koch 2013). Sie sind die Expert*innen ihrer Lebenswelt und haben ein Gespür dafür, welche Neuerungen sie tatsächlich brauchen. Sie sind vollkommen unabhängig von unternehmensinternen Lösungswegen, Denkansätzen und Rollenkonflikten und können dadurch vollkommen frei alternative Ideen entwickeln. Durch die frühe und dauerhafte Einbindung der Zivilgesellschaft in unseren Innovationsprozess können Unternehmen sicherstellen, dass sie nur wirklich passende und nachgefragte Ideen auswählen und zu Innovationen weiterentwickeln, die am Markt bestehen werden.
Damit Bürger*innen auch tatsächlich kompetent mitgestalten können, benötigen sie Bildungsangebote, die ein lebenslanges Lernen ermöglichen. In diesem Zusammenhang spielt – neben dem Feld der politischen Bildung – die Wissenschaft eine wichtige Rolle.
Damit Bürger*innen auch tatsächlich kompetent mitgestalten können, benötigen sie Bildungsangebote, die ein lebenslanges Lernen ermöglichen. In diesem Zusammenhang spielt – neben dem Feld der politischen Bildung – die Wissenschaft eine wichtige Rolle. Stärker als bisher ist sie gefordert, der Zivilgesellschaft entsprechende Bildungsangebote zu unterbreiten. Zwei niedrigschwellige Angebote bieten der Lehrstuhl für Innovations- und TechnologieManagement iTM am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) und das Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI: Seit nunmehr zehn Jahren organisieren sie die Veranstaltungsreihe „Fokus.Zukunft: Unser Leben 2050“ (vgl. https://itm.entechnon.kit.edu/Vortragsreihe.php), die Wirtschaftsvertreter*innen, Studierende und interessierte Bürger*innen einlädt, mit Wissenschaftler*innen, Unternehmensvertreter*innen und Menschen aus Politik und Verwaltung über potenzielle Zukünfte zu diskutieren. Ein weiteres Beispiel ist der Podcast „Zukünfte2Go“ (vgl. https://itm.entechnon.kit.edu/Podcast_Zukuenfte2Go.php), in dem inspirierende Persönlichkeiten zu Wort kommen, die schon heute mit ihren innovativen Ansätzen Zukünfte gestalten. Neben ihrem Bildungsauftrag spielt die Wissenschaft eine weitere wichtige Rolle im Innovationsökosystem, die im folgenden Abschnitt dargestellt wird.
Wissenschaftliche Impulse
Die Wissenschaft sollte eine aktivere Rolle im Innovationsprozess spielen – und zwar von Anfang an. Oftmals tun sich Unternehmen schwer, in wissenschaftliche Forschung zu investieren, wenn unklar ist, was am Ende dabei herauskommt. Deshalb binden sie die Wissenschaft oft erst bei der Produktentwicklung ein. Das bedeutet, dass Unternehmen mit einem bereits vordefinierten Auftrag auf Forscher*innen zugehen und diese dann innerhalb der festgelegten Schranken tätig werden. In dieser Rolle als „reine“ Auftragsforscherin geht jedoch viel Innovationspotenzial verloren. Um dieses Potenzial auszuschöpfen, sollte die Wissenschaft von Beginn an in den Innovationsprozess eingebunden werden. Nur so kann sie Impulsgeberin sein, die neue Perspektiven einbringt. Doch wie können Wirtschaft und Wissenschaft abseits der Auftragsforschung fruchtbar miteinander kooperieren und zwar ab Beginn des Innovationsprozesses?
Eine Möglichkeit sind neue Kooperationsformate, in denen Forscher*innen und Wissenschaftler*innen für und mit Unternehmen gemeinsam Ideen entwickeln und Lösungswege erarbeiten, die nicht bereits vordefiniert sind. Reallabore bspw. sind physische Testräume, die Kooperation in den frühen Phasen des Innovationsprozesses ermöglichen. In Reallaboren können Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Zivilgesellschaft gemeinsam Innovationsbedarfe ableiten, Ideen finden und auswählen und anschließend entwickeln und erproben. Sie sind Ausgangspunkt, um die Chancen und Risiken von neuen Ansätzen und Lösungen zu erproben, bevor Unternehmen sie umsetzen. Reallabore schaffen Raum für Partizipation und stärken dadurch gesellschaftliche Akzeptanz. Solche Formate brauchen wir noch viel mehr. Daher der Aufruf an die Wissenschaft: Raus aus dem Labor, rein in Experimentierräume, rein in das Pilotprojekt!
Politische Wegbereitung
Zum erfolgreichen Zusammenspiel aller gesellschaftlichen Akteur*innen gehört schließlich auch die Politik. Damit neue Ideen entstehen und sich zu marktfähigen Innovationen weiterentwickeln können, benötigen sie die richtigen Rahmenbedingungen. Die Rolle der Politik im Innovationsökosystem besteht darin, diese Rahmenbedingungen zu gestalten, bspw. durch Förderprogramme, gezielte Besteuerung und Investitionen in Infrastruktur. Die Politik kann Innovationstätigkeiten lenken, indem sie in Forschung und Entwicklung investiert, wissenschaftlichen Nachwuchs fördert und Unternehmensgründungen durch einen erleichterten Zugang zu Risikokapital begünstigt. Eine effektive Innovations- und Technologiepolitik ist damit eine entscheidende Stellschraube für ein florierendes Innovationsökosystem.
Die Politik kann Innovationstätigkeiten lenken, indem sie in Forschung und Entwicklung investiert, wissenschaftlichen Nachwuchs fördert und Unternehmensgründungen durch einen erleichterten Zugang zu Risikokapital begünstigt.
Im Innovationsökosystem wandelt sich die Rolle der Politik von der Regulatorin zur Förderin und Wegbereiterin. Diese Rolle sollte die Politik zukünftig stärker annehmen. Die Politik ist daher gut beraten, sich in die offenen Innovationsprozesse insbesondere als Zuhörerin einzubringen. Sie ist die Gärtnerin unseres Ökosystems, die aufmerksam hinhört, wo bei den anderen Akteur*innen der Schuh drückt. Mit gezielten Maßnahmen kann sie sodann Rahmenbedingungen optimieren und Entwicklungshemmnisse beseitigen. Dazu zählen einerseits die Vereinfachung und Beschleunigung von Verwaltungsprozessen und der Abbau von Bürokratie, andererseits aber auch Investitionen in eine leistungsfähige Infrastruktur und Bildung sowie Maßnahmen gegen den Fachkräftemangel. Mit dem Bürokratieentlastungsgesetz und dem gemeinsamen Pakt für Planungs-, Genehmigungs- und Umsetzungsbeschleunigung wurden erste Weichen dafür gestellt, um Überkomplexität aufzulösen und Bürokratiemonster zu bekämpfen. Hieran muss mit Hochdruck weitergearbeitet werden.
Fazit
Innovationen spielen eine entscheidende Rolle, um die großen Herausforderungen unserer Zeit zu bewältigen und die sozial-ökologische Transformation zu gestalten. Damit wir trotz multipler Krisen innovativ sein können, benötigen wir die Zusammenarbeit aller gesellschaftlichen Teilbereiche. Das Konzept des Innovationsökosystems zeigt, wie eine intensive Zusammenarbeit funktionieren kann und weist der Wirtschaft, der Zivilgesellschaft, der Wissenschaft und der Politik neue Rollen zu.
Letztlich wird es darauf ankommen, dass wir die Grenzen der unterschiedlichen Teilsysteme überwinden, aufeinander zugehen, Orte und Gelegenheiten schaffen, uns gegenseitig zuhören und gemeinsam an Neuem arbeiten. Nur so kann unser Innovationsökosystem wachsen und gedeihen – nur so gelingt der sozial-ökologische Wandel.
Zur Autorin/zum Autor

Weissenberger-Eibl@isi.fraunhofer.de
Foto: Rahel Täubert

philipp.bauer@isi.fraunhofer.de