Außerschulische Bildung 4/2025

In den Köpfen nun auch geeint?

Gesellschaftliche Ziel- und Wertvorstellungen in Ost- und Westdeutschland 35 Jahre nach der Wiedervereinigung

Der Beitrag untersucht 35 Jahre nach der Wiedervereinigung auf Basis des Deutschland-Monitors 2024, ob die Bevölkerung in Ost- und Westdeutschland gemeinsame gesellschaftliche Werte und Zielvorstellungen teilt. Die Ergebnisse zeigen: Ost- und Westdeutsche verbindet heute mehr, als sie trennt. In zentralen Fragen wie Gleichberechtigung, Chancengleichheit und Wohlfahrtsstaat herrscht weitgehende Einigkeit. Unterschiede bestehen v. a. bei kontroversen Themen wie Migration, Klimaschutz und europäischer Integration. Doch auch hier überlagern politische Lagerzugehörigkeiten die bestehenden Ost-West-Unterschiede. von Marion Reiser und Pierre Zissel

Eine prominente Gesellschaftsdiagnose für das Deutschland der Gegenwart lautet, das Land und seine Bevölkerung seien stark gespalten und polarisiert. Weite Teile der Bevölkerung teilten demnach nicht mehr dieselben Werte und Zielvorstellungen. In der Debatte werden dabei unterschiedliche gesellschaftliche Spaltungsdimensionen hervorgehoben: zwischen Arm und Reich, zwischen „Volk“ und „Eliten“, zwischen Kosmopolitismus und Nationalismus, zwischen Stadt und Land, zwischen Links und Rechts (vgl. u. a. Lackner 2025; Mau et al. 2024) – und auch zwischen Ost- und Westdeutschland. So verweisen u. a. die aktuellen Wahlergebnisse auf Unterschiede im Wahlverhalten zwischen Ost und West, was insbesondere an den hohen Stimmenanteilen der AfD in Ostdeutschland festgemacht wird (vgl. Schulz 2025; siehe auch Weisskircher 2020).

Nicht zuletzt durch diese Erfolge der AfD hat die wissenschaftliche Debatte über den Stand der „inneren Einheit“ in der jüngeren Vergangenheit einen erneuten Aufschwung erfahren. Während in der Zeit nach der Wiedervereinigung Perspektiven dominierten, die eine stetige Annäherung beider Landesteile in politischer Kultur und gesellschaftlichen Wertvorstellungen voraussagten (vgl. Zapf 1994; Dalton/Weldon 2010), betonen aktuelle Beiträge, dass sich die Unterschiede verfestigt haben und auch in der längeren Frist bestehen bleiben (vgl. Oschmann 2023; Mau 2024).

Dass auch mehr als 30 Jahre nach der Wiedervereinigung – trotz gewisser Angleichungen – Unterschiede in den politischen Einstellungen zwischen Ost- und West bestehen, ist wissenschaftlich gut dokumentiert (vgl. etwa Pickel/Pickel 2023; Zick et al. 2023; Reiser/Reiter 2023; Hebenstreit et al. 2025). So ist die ostdeutsche Bevölkerung vergleichsweise weniger zufrieden mit dem Funktionieren der Demokratie, hegt ein geringeres Vertrauen in bundesdeutsche Institutionen und äußert häufiger populistische oder diktaturaffine Einstellungen.

Offen ist jedoch, ob sich auch die Vorstellungen der Bevölkerung über die „gewünschte Gesellschaft“ mit ihren zentralen Werten und Zielvorstellungen zwischen Ost und West unterscheiden. Diese Frage ist nicht nur theoretischer Natur, sondern zentral für die Resilienz unseres demokratischen Gemeinwesens: Zwar ist das Vorhandensein unterschiedlicher Perspektiven und Wertvorstellungen ein wichtiges Kennzeichen unserer freien und pluralistischen Demokratie. Zugleich ist jedoch ein gewisser Konsens über zentrale Wertvorstellungen, Prinzipien und Grundrechte essenziell für das gesellschaftliche Zusammenleben.

Dieser Beitrag untersucht daher, ob Ost- und Westdeutsche in den zentralen gesellschaftlichen Wert- und Zielvorstellungen nun geeint sind oder sich unterscheiden. Dabei fokussiert er auf drei zentrale Aspekte: Erstens wird untersucht, ob sich die Vorstellungen zur gewünschten Gesellschaft, sowohl hinsichtlich grundlegender Gesellschaftsprinzipien und der im Grundgesetz verankerten Rechte als auch hinsichtlich tagespolitisch kontrovers diskutierter Zielvorstellungen, zwischen Ost und West unterscheiden. Zweitens fokussiert die Analyse auf die sogenannten „generellen Werte“ (vgl. Roller 1999) Freiheit, Gleichheit und Sicherheit. Diese generellen Werte sind mitunter vielschichtig (s. u.) und stehen in einem relationalen Verhältnis zueinander, doch bieten sie Hinweise, welche Vorstellungen die Bevölkerung vom gesellschaftlichen Zusammenleben haben. Zuletzt fokussiert dieser Beitrag auf die gewünschte Ausgestaltung des Wohlfahrtsstaats: Sollte aus Sicht der Bevölkerung mehr der Staat oder jede*r einzelne selbst die Verantwortung für individuelle Lebensrisiken wie Krankheit und Arbeitslosigkeit tragen? Die folgende Analyse basiert auf Daten des Deutschland-Monitors 2024 (Hebenstreit et al. 2025). Der Deutschland-Monitor ist eine repräsentative Bevölkerungsstudie, die die politischen und gesellschaftlichen Einstellungen der Bevölkerung in Deutschland kleinräumig dahingehend untersucht, welche individuellen Faktoren und regionalen Kontextbedingungen sich auf diese Einstellungen auswirken. Seit 2023 werden hierfür jährlich rund 8.000 Personen befragt – je 4.000 im Rahmen einer repräsentativen Erhebung für die gesamte Bundesbevölkerung sowie in einer Vertiefungsstudie in ausgewählten strukturstarken und -schwachen Landkreisen in Ost- und Westdeutschland. Die Ergebnisse der quantitativen Befragungen werden durch qualitative Fokusgruppendiskussionen flankiert (www.deutschland-monitor.info). Mit dem Schwerpunktthema „In welcher Gesellschaft wollen wir leben?“ bietet dieser eine hervorragende Datenbasis zur fundierten Untersuchung dieses Themenkomplexes.

Ost-West-Unterschiede bei politischen und gesellschaftlichen Einstellungen: Sozialisation, Situation oder Sozialstruktur?

Neben der Beschreibung von Gemeinsamkeiten und Unterschieden richtet sich das Interesse der Forschung auf die Erklärung von Unterschieden zwischen Ost und West. Ein verbreiteter Erklärungsansatz ist die sogenannte Sozialisationshypothese, wonach Unterschiede bei Einstellungen und Werten auf die unterschiedlichen Sozialisationserfahrungen in den politischen und gesellschaftlichen Systemen der damaligen Bundesrepublik und der ehemaligen DDR bzw. auf spezifische Erfahrungen während der Transformationszeit zurückgeführt werden. Im Gegensatz dazu betont die Situationshypothese die Bedeutung bestehender struktureller Ungleichheiten, insbesondere im sozioökonomischen Bereich, die sich auf die Einstellungen der Bevölkerung auswirken. Damit verbunden fokussiert ein dritter Ansatz auf kollektive Deprivationserfahrungen und Wahrnehmungen von Abwertung, um Unterschiede im politischen Verhalten und in den Einstellungen zwischen Ost- und Westdeutschland zu erklären. Dazu zählen zum Beispiel das Gefühl mangelnder Anerkennung für die Lebensleistungen in Ostdeutschland (vgl. Pickel/Pickel 2023), die Empfindung, als „Bürger zweiter Klasse“ behandelt zu werden (vgl. Weisskircher 2020; Reiser/Küppers 2025), oder das Gefühl, in einer „abgehängten“ Region zu leben. Ein vierter Ansatz verweist darauf, dass sich Differenzen in den Einstellungen durch die unterschiedliche Sozialstruktur (z. B. hinsichtlich Alter, Bildung, Status) in Ost und West erklären. Dies wird u. a. auf die Langzeitfolgen der spezifischen Sozialstruktur der DDR und die besondere demografische Entwicklung in Ostdeutschland seit der Wiedervereinigung zurückgeführt (vgl. u. a. Mau 2024; Spannnagel 2024).

Gesellschaftliche Zielvorstellungen: Weite Einigkeit zwischen Ost und West?

Welche Vorstellungen gibt es in der Bevölkerung zur gewünschten Gesellschaft und inwiefern bestehen hierbei Unterschiede zwischen Ost und West? Dafür wurden die Befragten im Deutschland-Monitor zu ihrer Zustimmung zu zehn exemplarisch ausgewählten gesellschaftlichen Zielvorstellungen befragt. Diese umfassen sowohl grundlegende Gesellschaftsprinzipien, wie die Gleichberechtigung der Geschlechter oder soziale Gerechtigkeit, als auch tagespolitisch kontrovers diskutierte Zielvorstellungen, wie etwa Klimaneutralität oder das geeinte Europa. Abbildung 1 zeigt die Zustimmungswerte für diese Zielvorstellungen, gegliedert nach Ost-, West- und Gesamtdeutschland.

Abbildung 1: In was für einer Gesellschaft wollen Sie leben? In einer, in der … (Angaben in %) Quelle: Deutschland-Monitor 2024; Abweichungen zu 100 % sind rundungsbedingt. Unterschiede sind auf einem Niveau von * p ≤ 0,05, ** p ≤ 0,01, *** p ≤ 0,001 signifikant.

Die Ergebnisse zeigen, dass die Bevölkerung in Ost- und Westdeutschland hinsichtlich der gesellschaftlichen Grundvorstellung geeinter ist als es aktuelle Spaltungs- und Polarisierungsdebatten vermuten ließen: Ost- und Westdeutsche wünschen sich in gleichem Maße eine Gesellschaft, in der Männer und Frauen gleichberechtigt sind, Leistungsbereitschaft belohnt wird, Extremismus keinen Platz hat und Chancengleichheit besteht. Dass gerade die Chancengleichheit für eine freie Selbstentfaltung für die Mehrheit der Bevölkerung in Ost und West ein wichtiges Gesellschaftsziel ist, wird auch dadurch unterstrichen, dass sowohl West- als auch Ostdeutsche sich quasi einhellig für eine Erhöhung der Bildungsausgaben aussprechen (je über 97 %) (vgl. Hebenstreit et al. 2025, S.  170). Auch mit Blick auf den Wunsch nach friedlicher Koexistenz unterschiedlicher Glaubensgemeinschaften sind die Ost-West-Unterschiede gering. Man kann somit konstatieren, dass es einen „nicht-kontroversen Sektor“ (Fraenkel 1964) in Deutschland gibt, d. h., die zentralen Werte werden als allgemeines Fundament flächendeckend akzeptiert. Dieser Kanon an zentralen Werten wird dabei gleichermaßen in Ost- und Westdeutschland anerkannt, sodass keine Spaltung in Ost und West erkennbar ist. Auch, wenn man statt der Wohnregion die Sozialisationsregion als Vergleichskategorie nutzt, sind die Ost-West-Unterschiede in jenem „nicht-kontroversen Sektor“ statistisch nicht signifikant. Eine Ausnahme bildet das Leistungsprinzip, das von Personen, die in Ostdeutschland sozialisiert wurden, häufiger höher geschätzt wird als von Personen mit westdeutscher Sozialisation.

Ost- und Westdeutsche wünschen sich in gleichem Maße eine Gesellschaft, in der Männer und Frauen gleichberechtigt sind, Leistungsbereitschaft belohnt wird, Extremismus keinen Platz hat und Chancengleichheit besteht.

Allerdings sind sich Ost- und Westdeutsche in anderen Belangen weniger einig: Das sind insbesondere das Ziel einer (weiteren) europäischen Integration, das Verständnis von Zuwanderung als „Chance“ und das Streben nach Klimaneutralität. In all jenen Belangen äußert die ostdeutsche Bevölkerung signifikant häufiger skeptische Positionen als die westdeutsche Bevölkerung. Diese gesellschaftlichen Zielperspektiven zeigen jedoch nicht nur in der Ost-West-Perspektive signifikante Differenzen, sondern insgesamt eine größere Uneinigkeit, in West- wie Ostdeutschland. Wo es in der Gesamtbevölkerung keine einhellige Meinung gibt, treten also auch Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland deutlicher hervor.

Die weiterführende Analyse spricht dafür, dass sich die Unterschiede auch durch die Sozialisation in der Transformationsphase nach 1989 erklären lassen: So treten die beschriebenen Ost-West-Unterschiede v. a. in den sogenannten Babyboomer-Jahrgängen und den darauffolgenden Jahrgängen (1949–1979) auf. Bei Personen, die vor 1949 geboren wurden, und bei Personen, die nach 1980 geboren wurden, treten in jenen kontroversen Politikfeldern keine signifikanten Ost-West-Unterschiede auf. Bei Personen unter 29 Jahren (ab Jahrgang 1996) zeigen die statistischen Analysen wieder größere Unterschiede. Diese unterliegen wegen der geringen Fallzahl dieser Altersgruppe in Ostdeutschland aber größeren statistischen Unsicherheiten. Ostdeutsche aus diesen Jahrgängen, die die einigungsbedingten Umbrüche und Härten besonders stark erfahren haben, könnten aufgrund dieser Transformationserfahrungen größere Vorbehalte gegenüber neuen, tiefgreifenden Veränderungsprozessen entwickeln und befürchten, dabei – womöglich erneut – gesellschaftlichen Status einzubüßen (vgl. Ragnitz 2022, S. 27). Der Hauptbericht zum Deutschland-Monitor 2025, der voraussichtlich im Januar 2026 erscheint, befasst sich u. a. mit dem Themenschwerpunkt „Wie transformationsbereit ist Deutschland?“

Allerdings lassen sich die Unterschiede in der Bewertung in deutlich stärkerem Maße auf die politische Selbstverortung zurückführen: Die stärksten Vorbehalte gegenüber Klimaneutralität, Zuwanderung und weiterer europäischer Integration finden sich unter den Anhänger*innen der AfD und des BSW, während die Unterstützer*innen der Parteien des linken Spektrums (SPD, Linke, Grüne) diesen Zielen am aufgeschlossensten gegenüberstehen. Anhänger*innen der Unionsparteien sind dem „geeinten Europa“ gegenüber im vergleichbaren Maße aufgeschlossen wie die Anhänger*innen des linken Parteienspektrums. Darüber hinaus äußern sich Frauen und Menschen mit höherem Bildungsabschluss offener für Klimaneutralität, Zuwanderung und eine weiterführende europäische Integration. Diese Themenbereiche, die auch tagespolitisch kontrovers diskutiert werden, sind klassische Bereiche des „kontroversen Sektors“ (Fraenkel 1964). Hierin zeigen sich auch die der pluralistischen Demokratie inhärenten Aspekte der Interessenvielfalt, des Interessenkonflikts und der freien Interessenwahrnehmung.

Freiheit vs. Gleichheit, Freiheit vs. Sicherheit: Was überwiegt?

„Sicherlich ist beides wichtig: Freiheit und Gleichheit. Aber wenn Sie sich für eines von beiden entscheiden müssten, was wäre Ihnen wichtiger?“ „Und wie ist das mit Freiheit und Sicherheit? Wenn Sie sich für eines von beiden entscheiden müssten, was wäre Ihnen wichtiger?“ – Diese im Deutschland-Monitor 2024 erhobenen Abwägungen sind zweifelsohne recht abstrakt und hypothetisch. Doch geben diese Priorisierungen wertvollen Aufschluss über die generellen Werthaltungen der Bevölkerung und unterschiedliche gesellschaftliche Leitbilder. Freiheit steht für individuelle Selbstverwirklichung, politische Partizipation und weitgehend unreguliertes wirtschaftliches Wirken; Gleichheit für eine gerechte Verteilung von Chancen und Ressourcen; und Sicherheit für den Schutz vor sozialen Risiken und physischen Bedrohungen, wie Kriminalität oder Terrorismus.

Die Daten des Deutschland-Monitors 2024 zeigen: In beiden Landesteilen bevorzugt die Mehrheit in der Abwägung die Freiheit gegenüber Gleichheit. So präferieren 73 % die Freiheit, während nur knapp ein Viertel der Gleichheit den Vorzug geben würde. In der Abwägung zwischen Freiheit und Sicherheit bewerten 54 % die Sicherheit höher, während sich für die Freiheit 40 % aussprechen.

Ost-West-Unterschiede sind dabei vergleichsweise gering (vgl. Abbildung 2). Die Bevölkerung Ostdeutschlands spricht sich bei der Abwägung zwischen Freiheit und Gleichheit etwas seltener für den Grundwert der Freiheit aus und gewährt der Gleichheit häufiger den Vorrang als die Bevölkerung Westdeutschlands (29 % vs. 21 %). Auch der Grundwert der Sicherheit genießt gegenüber der Freiheit in Ostdeutschland ein signifikant höheres Ansehen (59 % vs. 53 %). Größere Unterschiede zeigen sich überdies bei der Abwägung zwischen Freiheit und Sicherheit, wenn statt des gegenwärtigen Wohnorts danach unterschieden wird, ob eine Person in Ost- oder Westdeutschland (bzw. der ehemaligen DDR oder der damaligen Bundesrepublik) aufgewachsen ist: Unter den „Ostsozialisierten“ liegt die Präferenz für Sicherheit bei 64 %, während sie bei den „Westsozialisierten“ mit 51 % deutlich niedriger ist. Eine Aufschlüsselung der Daten nach Landesteil und Altersgruppen verweist darauf, dass die Unterschiede zwischen Ost und West v. a. für die älteren Altersgruppen gelten, die in der DDR bzw. der alten Bundesrepublik aufgewachsen sind. Die Einstellungen der jüngeren Bevölkerungsgruppen, die im wiedervereinigten Deutschland aufgewachsen sind und sozialisiert wurden, haben sich in Ost- und Westdeutschland bei diesen Grundwerteabwägungen einander angenähert (vgl. Hebenstreit et al. 2025, S. 62 ff.).

Abbildung 2: Abwägung zwischen Freiheit und Gleichheit sowie zwischen Freiheit und Sicherheit in Ost-, West- und Gesamtdeutschland (Angaben in %) Quelle: Deutschland-Monitor 2024. Abweichungen zu 100 % sind rundungsbedingt. Unterschiede sind auf einem Niveau von * p ≤ 0,05, ** p ≤ 0,01, *** p ≤ 0,001 signifikant.

Die Analysen des Deutschland-Monitors zeigen zudem, dass die Bevölkerung in den weniger prosperierenden Regionen Ostdeutschlands ein größeres Bedürfnis nach Gleichheit und Sicherheit äußert als in prosperierenden Regionen desselben Landesteils (vgl. ebd., S. 70). Neben diesen sozialräumlichen Faktoren tendieren Frauen, jüngere Menschen, Personen mit einem niedrigeren Bildungsabschluss sowie Personen mit geringem Einkommen häufiger dazu, Gleichheit höher zu gewichten als Freiheit. Ebenso messen Frauen und Personen mit niedrigen Bildungsabschlüssen dem Wert der Sicherheit ein höheres Gewicht zu.

Insofern spiegeln sich in diesen Befunden sowohl Sozialisationseffekte als auch Einflüsse der aktuellen Situation sowie strukturelle Ursachen: Das in der DDR-Gesellschaft stark verankerte Gleichheitsprinzip scheint insbesondere bei der in der DDR sozialisierten Bevölkerung heute noch für die Wertvorstellungen und Präferenzen (mit)prägend zu sein. Der größere Anteil der Unterschiede ist jedoch auf die gegenwärtigen strukturellen und ökonomischen Rahmenbedingungen, die zwischen den Regionen in Ost und West durchaus heterogen sind, zurückzuführen.

Einstellungen zum Wohlfahrtsstaat: Welche Rolle hat der Staat?

Ein wichtiger Aspekt bei der Frage, in welcher Gesellschaft wir leben wollen, ist die Frage nach der Rolle und Ausgestaltung des Wohlfahrtsstaats. Zentral ist dabei die Abwägung, ob der Staat, und damit alle Mitglieder der Gesellschaft gemeinsam, für individuelle Lebensrisiken wie Krankheit, Invalidität oder Arbeitslosigkeit vorsorgen sollte, oder ob der bzw. die Einzelne allein die Verantwortung für sich selbst tragen sollte (vgl. zu den unterschiedlichen Modellen des Wohlfahrtsstaats grundlegend: Esping-Andersen 1990). In den vergangenen gut 30 Jahren zeigten Studien dabei regelmäßig signifikante Unterschiede zwischen der ostdeutschen und der westdeutschen Bevölkerung. Dabei äußerten Ostdeutsche häufiger eine Präferenz für einen (starken) Wohlfahrtsstaat als Westdeutsche (u. a. Konzelmann 2015, S. 90; Holtmann et al. 2015, S. 85 ff.). Auch im Deutschland-Monitor 2023 bestätigte sich dieses Muster, da sich mit 78 % signifikant mehr Ostdeutsche für einen starken Wohlfahrtsstaat aussprachen als Westdeutsche (66 %). Diese Unterschiede wurden v. a. mit der Sozialisation in der DDR und den dadurch stark geprägten wohlfahrtsstaatlichen Erwartungen erklärt, die heute noch weiter fortwirkten (vgl. Hebenstreit et al. 2024, S. 187). Das steht im Einklang mit der oben skizzierten starken Gleichheitsorientierung der älteren Altersgruppen in Ostdeutschland. Es liegt nahe, dass ein Vorzug der Gleichheit gegenüber der Freiheit mit einem Vorzug des Sozialstaats gegenüber individueller Verantwortung einhergeht, da ein starker Sozialstaat für alle gleiche Bedingungen in der Risikoabfederung schafft.

Abbildung 3: Verantwortungszuschreibung für Lebensrisiken in Ost- und Westdeutschland (2024) Quelle: Deutschland-Monitor 2024

Im Deutschland-Monitor 2024 zeigen sich diese Ost-West-Unterschiede allerdings nicht. Ost- und Westdeutsche wünschen sich jeweils zu knapp drei Vierteln (73 % und 74 %), dass der Staat für Lebensrisiken wie Krankheit und Arbeitslosigkeit aufkommt (vgl. Abbildung 3). Dieses Ergebnis zeigt sich auch, wenn statt der gegenwärtigen Wohnregion nach der Region, in der die Befragten überwiegend aufgewachsen sind, unterschieden wird. Damit hat sich nicht der Osten dem Westen angenähert, sondern vielmehr der Westen dem Osten. Zukünftige Studien müssen zeigen, ob es sich hierbei um eine kurzfristige Verschiebung oder um einen längerfristigen Trend handelt.

Ein wichtiger Aspekt bei der Frage, in welcher Gesellschaft wir leben wollen, ist die Frage nach der Rolle und Ausgestaltung des Wohlfahrtsstaats.

Die Daten für das Jahr 2024 deuten darauf hin, dass die wohlfahrtsstaatlichen Orientierungen weniger durch die Sozialisation und historische Prägungen beeinflusst sind. Uneindeutig sind die Ergebnisse, ob die Einstellungen durch die Wahrnehmung der sozialen und ökonomischen Sicherheit in der Gegenwart beeinflusst sind: In den im Rahmen des Deutschland-Monitors durchgeführten Fokusgruppendiskussionen äußern viele den Wunsch nach einem starken Sozialstaat aufgrund der Verunsicherung durch die gegenwärtige politische und wirtschaftliche Lage (vgl. Hebenstreit et al. 2025, S. 167). In den repräsentativen Befragungen zeigt sich jedoch kein robuster Zusammenhang zwischen der Wohlfahrtstaatsorientierung und der Angst vor gesellschaftlichem Statusverlust.

Stattdessen bestätigt sich, dass die politische Selbstverortung am stärksten die Wohlstandsorientierung beeinflusst: So wünschen sich Personen, die sich selbst politisch weiter links verorten oder einer Partei des linken Spektrums nahestehen, signifikant häufiger einen starken Sozialstaat als Personen, die sich weiter rechts oder in der politischen Mitte verorten oder einer liberalen oder konservativen Partei näherstehen (vgl. Abbildung 4). Dieses Muster gilt dabei gleichermaßen in Ost wie West.

Abbildung 4: Verantwortungszuschreibung für Lebensrisiken nach nahestehender Partei Quelle: Deutschland-Monitor 2024

Fazit: Uns eint mehr als uns trennt

Welche gesellschaftlichen Ziel- und Wertvorstellungen prägen die politische Kultur in Deutschland und zeigen sich hierbei Ost-West-Unterschiede? Vor dem Hintergrund der aktuellen Spaltungsdebatten fokussiert dieser Beitrag auf eine differenzierte Analyse. Basierend auf der repräsentativen Bevölkerungsbefragung des Deutschland-Monitors 2024 zeigt sich, dass die Bevölkerung beider ehemaliger Landesteile in zentralen gesellschaftlichen Wert- und Zielvorstellungen dieselben Positionen teilt. Ost- und Westdeutsche stehen gleichermaßen für die Gleichberechtigung der Geschlechter, Chancengleichheit und freie persönliche Entfaltung ein. Sie wünschen sich überwiegend und zu gleichen Anteilen einen Wohlfahrtsstaat, der Lebensrisiken abfedert und priorisieren jeweils mehrheitlich – trotz gewisser Unterschiede – die Sicherheit gegenüber der Freiheit und die Freiheit gegenüber der Gleichheit. Uneinigkeiten zwischen den Landesteilen bestehen v. a. in gesellschaftlich und politisch kontrovers diskutierten Politikfeldern wie Europäische Integration, Migration und Klimaschutz.

Die innere Einheit ist sicher nicht in allen Belangen erreicht. Gleichsam zeigen die Ergebnisse, auch in Übereinstimmung mit anderen neueren Studien, dass Deutschland heute mehr verbindet als es trennt.

Die tiefergehenden Analysen verweisen darauf, dass sich ein Teil der bestehenden Ost-West-Unterschiede auf die Sozialisation in der DDR und der früheren BRD bzw. die spezifischen Sozialisationserfahrungen in der Transformationsphase nach 1989 zurückführen lassen. So scheint u. a. das in der DDR-Gesellschaft stark verankerte Gleichheitsprinzip bei der in der DDR sozialisierten Bevölkerung heute noch für Wertvorstellungen und Präferenzen (mit)prägend zu sein. Ein größerer Anteil der Unterschiede ist jedoch – neben ideologischen Unterschieden – auf die gegenwärtigen strukturellen und ökonomischen Rahmenbedingungen, die zwischen den Regionen in Ost und West weiterhin heterogen sind, zurückzuführen.

Gerade die in Teilen unterschiedlichen Auffassungen in den kontrovers diskutierten Politikfeldern Klima, Migration und Europäische Integration scheinen ein Treiber der unterschiedlichen Niveaus politischen Vertrauens und eine Erklärung für das unterschiedliche Wahlverhalten zu sein. Dass hierin wiederum historische Prägungen sowie Transformations- und Deprivationserfahrungen wirken, ist nicht von der Hand zu weisen. Die innere Einheit ist sicher nicht in allen Belangen erreicht. Gleichsam zeigen die Ergebnisse, auch in Übereinstimmung mit anderen neueren Studien (vgl. Teney et al. 2024; Hebenstreit 2023), dass Deutschland heute mehr verbindet als es trennt. Dies gilt insbesondere für den Kanon an zentralen Werten und Grundrechten, die als Ausdruck der vorherrschenden politischen Kultur als allgemeines Fundament flächendeckend geteilt werden – in Ost und West.

Zu den Autor*innen

Prof. Dr. Marion Reiser ist Inhaberin des Lehrstuhls für das Politische System der BRD und stellvertretende Direktorin des KomRex – Zentrum für Rechtsextremismusforschung, Demokratiebildung und gesellschaftliche Integration an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen der empirischen Demokratieforschung, Parteien-, Eliten- und Einstellungsforschung. Sie ist wissenschaftliche Leiterin des Thüringen-Monitors und Co-Leiterin des Deutschland-Monitors.
marion.reiser@uni-jena.de
Foto: Nicole Nerger/Universität Jena
Pierre Zissel ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für das politische System der BRD an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Seine Schwerpunkte sind die politische Soziologie und die Wahlforschung. Er ist Co-Autor beim Deutschland-Monitor und dem Thüringen-Monitor. In seiner Dissertation befasst er sich mit den Wettbewerbsbedingungen von Kandidierenden bei Kommunalwahlen.
pierre.zissel@uni-jena.de
Foto: Studioline Photography Erfurt

Literatur

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