Stimmen aus der Praxis non-formaler politischer Bildung
Vertrauen als positiver Bezugspunkt
Vertrauen ist keine Selbstverständlichkeit, insbesondere nicht in der politischen Bildung. Politischer Bildung haftet schnell der Vorwurf an, sie sei manipulativ, wolle steuern und beeinflussen. Hier muss politische Bildung sich wehren. Sie muss sich vielfältig, kontrovers und demokratisch zeigen. Denn wenn Fake News Debatten (mit-)bestimmen, braucht es kompetente, mündige Menschen, die nicht nur eine Meinung vertreten, sondern dank politischer Bildung die Fakten kennen.
Für diesen Beitrag reflektierten Fachkräfte das Thema Vertrauen im professionellen Selbstkonzept, im Angebotssetting und im Kontext politischer Wirklichkeiten. Es zeigt sich – so viel sei zu Beginn verraten –, dass sie sich grundsätzlich positiv auf Vertrauen beziehen, auch wenn ihr Verstehen und ihre Gedanken dazu verschieden ausfallen.
In der Analyse verstehen die Befragten Vertrauen vor allem als eine Basis für die fachliche Beziehung mit Teilnehmenden und als Effekt von Stabilität und Struktur.
Vertrauen zeigt sich in der fachlichen Beziehung als Wertschätzung, als Empathie, als Akzeptanz und in Räumen für Verletzlichkeit in der Begegnung. Es wird in den konkreten Begegnungen der politischen Bildung vorausgesetzt, angestrebt, aufgebaut und erfahren. Vertrauen zeige sich auf Seiten der Teilnehmenden bspw. als Verletzlichkeit oder als erlebte Anerkennung („hier kann ich ich sein“). Die Fachkräfte beschreiben, dass bspw. das Ernstnehmen der (bedürfnisorientierten) Anliegen der Teilnehmenden und die Transparenz ihres Handelns unterstützend wirken, um Vertrauen herzustellen. Für die verschiedenen Prozesse von Vertrauensbildung entwickeln die Fachkräfte eine grundlegend akzeptierende Haltung als interaktive Kompetenz. Diese Haltung führt aus ihrer Sicht dazu, dass die Lernsettings möglichst offen und empathisch gestaltet werden können, sodass die Teilnehmenden sich wohlfühlen (sollen, können). Dieses Zusammenspiel aus Inhalt und vertrauensvollem Setting in der Begegnung trage dazu bei, dass emotionales Erleben und Reflektieren ermöglicht werde und dass der politische Lernraum in einem sicheren Rahmen erfahren wird. Dazu zählt exemplarisch die Einführung der „Las Vegas“-Regel, von der eine Person berichtet. Die Regel besagt, dass alle persönlichen Erzählungen im Raum bleiben. Alle Teilnehmenden müssen dieser Regel zustimmen, damit sie möglich gemacht werden kann. Dies wirke im besonderen Maße für die Arbeit mit (mehrfach-)diskriminierten Teilnehmenden vertrauensbildend.
Die zweite prägnante Säule ist Vertrauen als Folge von erfahrbarer Stabilität und Struktur. Die Befragten setzen auf eine sichere Orientierung im Umgang mit den Teilnehmenden, um ihre Bildungsangebote vertrauensvoll umzusetzen. Dazu zählen beispielsweise die Orientierung an quellenbasierten Fakten, Planungssicherheit, Zuverlässigkeit und die Befähigung zur Urteilsfindung. Die Befragten vertrauen auf demokratische Inhalte und Herangehensweisen. Somit ermöglichen sie die Erfahrung von Sicherheit und Stabilität in einem neuen, offenen Lernkontext. Gemeinsam mit lebensweltnahen, offenen Themen und Inhalten, mit den realen Begegnungen entstehen so sichere, stabile Bezugsrahmen für das gemeinsame politische Debattieren und Lernen. Mit Stabilität und Struktur als Grundlage für Vertrauen kann in der Begegnung politisches Miteinander erprobt, ausprobiert und gelebt werden.

Somit wird Vertrauen im Wechselspiel aus Bewegung und Stabilität aufgebaut, wobei das Vertrauen der Fachkräfte in die Demokratie und die Kenntnisse um die Herangehensweisen (Methodiken der Mitbestimmung und Mitgestaltung) die notwendigen Ausgangspunkte bilden.
Tabelle 1 veranschaulicht die Begriffe aus der Umfrage, die mit dem Begriff Vertrauen assoziiert werden. Sie zeigt einen deutlichen Schwerpunkt der Nennungen auf der Ebene der fachlichen Beziehungen. Vertrauen wird vorrangig als Teil der konkreten Beziehungsangebote in der politischen Bildungsarbeit anerkannt.

Dreieck der Begegnung
Mehrdimensionales Vertrauen entwickelt sich aus Sicht der Fachkräfte im Zusammenspiel von Angebot, Setting/Rahmenbedingungen, Trägerstrukturen, Kooperationspartner*innen, Förderrahmen, Seminarleitungen und Teilnehmenden. Allerdings fühlen sich die meisten teilnehmenden Fachkräfte für die Herstellung von Vertrauen in der konkreten Bildungspraxis mit Teilnehmenden im hohen Maße verantwortlich. Die Seminarleitungen führen im Idealfall die bereits im Vorfeld und ggf. bei der Anreise vertrauensvollen Begegnungen im konkreten Angebot der politischen Bildung fort.
Hier entsteht ein Dreieck aus Teilnehmenden, politischen Bildner*innen und dem Inhalt des Angebots. Gleichsam trägt der Rahmen des Trägers das Konstrukt des Vertrauens, wie die Abbildung 1 veranschaulicht.

Vertrauen wirkt wechselseitig im Dreieck aus Teilnehmenden, Seminarleitung und Inhalt. Der Träger und dessen Akzeptanz spielen im Vorfeld angesichts der Freiwilligkeit der politischen Bildung, wie bereits erwähnt, eine zentrale Rolle. Es ist somit wesentlich, wie der Träger in Bezug auf Vertrauen, Seriosität und Demokratie positioniert ist. Überzeugt der Träger nicht in seiner Reputation, ist er nicht in der Lage, die ausgewählte Personengruppe zu adressieren, so wird er nicht als Ort für Debatten, Lernen und Auseinandersetzungen gewählt. Ergo wirkt eine Vervielfältigung der Orte politischer Bildung, die dann verschiedene Zielgruppen adressieren können, als eine Maßnahme, in der verschiedene Personengruppen gewonnen werden können.
Vertrauen schafft Offenheit
Doch warum ist Vertrauen in der politischen Bildung wichtig?
„Vertrauen statt Kontrolle“ wird als notwendiger Handlungsleitfaden für politische Bildungsprozesse dargestellt. Im Sinne der Partizipation argumentieren die befragten Teilnehmenden, dass sie Vertrauen zu den Teilnehmenden aufbauen, um die Prozesse partizipativ gestaltbar werden zu lassen. Somit ermöglicht Vertrauen politische Teilhabe im Setting der politischen Bildung. Die Prinzipien „Vertrauen statt Kontrolle“ und „Partizipation statt Leitung“ unterscheiden in der Tat partizipative, non-formale politische Bildungsprozesse maßgeblich von vielen Bildungsangeboten im (hoch-)schulischen Kontext. Denn in den partizipativen Formen non-formaler politischer Bildung existieren reale Möglichkeiten, Vertrauen zu etablieren und Verantwortung abzugeben, da keine Sanktionsmöglichkeiten aufgrund der Freiwilligkeit der Teilnahme existieren. So kann Mitbestimmung aktiv gelebt werden, da keine Bewertung stattfindet. Gelingt dieser Prozess, können die Fachkräfte schlussendlich Führung an die Teilnehmenden abgeben, um Räume für Eigenverantwortung, Kreativität und Reflexion zu eröffnen.
Die Analyse der Umfrage zeigt außerdem, dass Vertrauen aus Sicht der Fachkräfte dazu beiträgt, dass sich Wissen vervielfältigen kann. Zum einen können die Seminarleitungen vielfältiges Wissen in den Prozess einfließen lassen und Kontroversen evozieren. Zum anderen werden Teilnehmende ermutigt, marginalisierte Stimmen aufzugreifen, ihre eigenen Stimmen und Erfahrungen einfließen zu lassen. Sie entwickeln so ein eigenes Interesse am Prozess, setzen sich mit den anderen Teilnehmenden und mit eigenen aktuellen Themen auseinander. Die Fachkräfte fokussieren die Aufgabe, möglichst „angenehme Lernräume“ zu schaffen, in denen diese Erfahrungen Raum erhalten und Erfahrungen für Neues gemacht werden können. Tabelle 2 veranschaulicht in der linken Spalte die Ziele von Vertrauen, die in der Umfrage genannt wurden. In der rechten Spalte führe ich Qualitätsmerkmale an, die hier verfolgt werden.

In den Angeboten der politischen Bildung, in denen es gelingt, verschiedene Positionen auszutauschen und Kontroversen und Unversöhnliches nicht zu personalisieren, kann es gelingen, Polaritäten zu verringern, aufzubrechen und Zwischentöne, jenseits eines Entweder-oder darstellbar zu machen und somit Räume für Annäherungen zu schaffen. Die Praxis zeigt zugleich, dass spannungsgeladene Räume, in denen Positionen sich diametral gegenüberstehen, als Lernräume eine Herausforderung für die Fachkräfte darstellen können. Hierfür benötigen sie eine fachliche Haltung, Ambiguitätstoleranz und Wissen, um sich auf Werte und Debatten berufen zu können. Gelingt dies, begünstigt das im Umkehrschluss, dass Vertrauen in die eigene Fachlichkeit und Professionalität (weiter) wachsen kann. Professionalität in der non-formalen politischen Bildung ist dann
„Vertrauen auf meine Kompetenz, um Akzeptanz als epistemische Autorität zu bekommen – Vertrauen in die Institution, für die ich arbeite – Vertrauen, um eine (resonante) Beziehung aufzubauen.“
Vertrauen ist im besonderen Maße für die Arbeit mit vulnerablen und mehrfach-diskriminierten Gruppen ein Aspekt ethischer Grundhaltung. Das gegenseitige Verstehen kann nur gelingen, wenn Vertrauen und Empathie in der Begegnung als ergebnisoffene soziale Interaktionen hergestellt werden können. Hierfür bedarf es einer menschenrechtsbasierten Haltung der Fachkräfte der politischen Bildung, um Beziehungsaufbau und Anerkennung mit (mehrfach-)vulnerablen Gruppen zu ermöglichen. Respektvolle Formen des gegenseitigen Vertrauens entstehen selbstverständlich ebenso in jenen Räumen, in denen politische Bildner*innen ähnliche Positionierungen und Erfahrungen wie die Teilnehmenden zum Ausgangspunkt der Auseinandersetzungen wählen. Dies geschieht beispielsweise konkret in Empowermenträumen, in denen bspw. BI*PoC-Fachkräfte gezielt mit BI*PoC-Gruppen arbeiten.
In den Angeboten der politischen Bildung, in denen es gelingt, verschiedene Positionen auszutauschen und Kontroversen und Unversöhnliches nicht zu personalisieren, kann es gelingen, Polaritäten zu verringern, aufzubrechen und Zwischentöne, jenseits eines Entweder-oder darstellbar zu machen und somit Räume für Annäherungen zu schaffen.
Vertrauen wird als ein wechselseitiger Prozess wahrgenommen, der nicht gezielt gesteuert werden kann. Vertrauen wird zwar als Basis für politische Bildung anerkannt und zugleich doch sehr verschieden interpretiert. Vertrauen erscheint als ein Merkmal politischer Bildung. Allerdings gibt es keine Methodik für Vertrauen, da diese verschieden konstruiert wird und adressat*innenorientiert aufgebaut werden muss. Vertrauensaufbau findet im Zusammenspiel verschiedener Komponenten statt. Dazu zählen die Rahmenbedingungen, die Adressat*innen, die Verhaltensweisen und die professionelle, parteiliche Haltung der Seminarleitungen. Gleichzeitig muss Vertrauen im Spannungsbogen von Bewegung und Stabilität im Prozess immer wieder neu hergestellt werden. Hier ist auf Seiten der Fachkräfte die Eigenkompetenz, das Vertrauen der Fachkräfte in den Prozess und das Vertrauen in das eigene demokratische Handeln gefragt.
Fehlendes Vertrauen
Die befragten Fachkräfte berichten von Vertrauensverlust, Vorwürfen der Manipulation und Indoktrination aber auch von fehlendem Vertrauen der Teilnehmenden in der konkreten Praxis. Tabelle 3 veranschaulicht verschiedene Dimensionen des fehlenden Vertrauens, die für sie die politische Bildungsarbeit beeinflussen.

Die Darstellung der Vertrauensverlust-Erfahrungen macht deutlich, dass Fachkräfte der politischen Bildung in ihrem Alltag immer wieder eine grundsätzliche Infragestellung der Bildungsarbeit wahrnehmen und erfahren, die von verschiedenen Kräften ausgehen. Trägerstrukturen werden allerdings nicht als Sender*innen von Vertrauensverlust wahrgenommen. Das heißt, dass die befragten Personen ihren Trägern vertrauen. Gleiches gilt für Netzwerkstrukturen, die in der Regel als kollegial erfahren werden. Dem stehen allerdings mehrere Beispiele für fehlendes Vertrauen auf Seiten der Teilnehmenden, fehlendes Vertrauen in die Selbstkompetenz und fehlendes Vertrauen der Fördermittelgebenden gegenüber.
Insgesamt zeigt sich, dass der unsichere Rahmen der politischen Bildung im gesellschaftlichen Kontext offene Türen für fehlende Anerkennung, für geringe Wertschätzung und für ein immer wieder auftretendes Misstrauen gegenüber der politischen Bildungsarbeit schafft.
Handlungsbedarfe
In der Umfrage wurde abschließend gefragt, wie das Vertrauen in die politische Bildung verbessert werden kann und wo aktuelle Handlungsbedarfe gesehen werden. Grundsätzlich wurde angemerkt, dass angesichts der aktuellen gesellschaftspolitischen Krisen offen kommuniziert werden müsse, was politische Bildung leisten kann und was nicht. Gleichzeitig zeigen sich – so die Beobachtung – immer mehr offene Konflikte in den Seminaren, sodass gefordert wird, dass die Referent*innen und Honorarkräfte besser geschult werden müssten, um einen möglichst sicheren Umgang mit polarisierenden Konflikten und Debatten zu erlangen.
Vertrauen könne nur dort entstehen, wo verschiedene Angebote mit unterschiedlichen Inhalten für heterogene Zielgruppen platziert werden. Die Ausstattung mit Stellen und die finanzielle Absicherung verschiedener Träger ermöglichen es, beispielsweise heterogene Zielgruppen mit heterogenen Fachkräften zu erreichen. Zeitliche Begrenzungen, Singularitäten der Angebote und befristete Kooperationen erwirken kein Vertrauen in politische Bildung, Demokratie und Gesellschaft: „Es braucht eine Anerkennung von Politik und es braucht Rahmenbedingungen, die es uns ermöglichen, Vertrauen selbst aufzubauen.“
Allerdings sehen einige Fachkräfte in den aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen Chancen für den Ausbau der Angebote politischer Bildung. Sie haben die Hoffnung, dass der Rechtsruck in der gesellschaftspolitischen Diskussion als Antriebskraft wirkt, damit sich non-formale politische Bildung als „eigenständige Akteurin aufstellen“ kann. Non-formale Bildung solle als wichtiger Baustein demokratischer Gesellschaftskultur anerkannt werden. Diese Eigenständigkeit und Legitimierung sei besonders wichtig, weil aktuell der Eindruck entstehe, dass das Eintreten für liberale Rechte und für die Umwelt schon dem Vorwurf der Neutralitätsmissachtung ausgesetzt ist.
„Außerschulische politische Bildung sollte den Vertrauensverlust, der durch Fake News und Populismus beschleunigt wird, als Chance nutzen und sich noch viel stärker als eigenständiger Akteur in demokratischen Bildungsprozessen aufstellen – nicht als Ergänzung zur Schule und auch nicht als Ergänzung zum Staat und staatlichen Politiken. Eine positionierte politische Bildung, die angesichts von Polarisierung und Hass gleichzeitig gesellschaftliche Debatten überhaupt wieder ermöglicht, ist für eine breit aufgestellte demokratische Gesellschaft sehr wichtig. Oftmals hat man aktuell das Gefühl, dass das bloße Eintreten für Menschenrechte, das Grundgesetz, Anti-Diskriminierung schon den Vorwurf mit sich bringen, dass man nicht ‚neutral‘ ist. Dem muss man mit Lobbyarbeit für eine positionierte politische Bildung entgegentreten, anstatt den Kopf zu senken und zu versuchen die eigene Haltung zu verbergen, mit der vollkommen verkehrten Hoffnung, dann als ‚neutraler‘ Bildungsakteur ernst genommen zu werden.“
Außerschulische Jugendbildung solle außerdem viel stärker neben schulischer Bildung wahrnehmbar werden. Das Potenzial außerschulischer Jugendbildung sei noch ungenutzt, weil es nur punktuell existiere und als Ergänzung anerkannt wird. Im Ausbau der schulischen Ganztagsformate spiele die non-formale politische Bildung bisher kaum eine Rolle. Hier müsse ein Paradigmenwechsel erfolgen.
Insgesamt sei in der Praxis eine Diskursverschiebung zu merken, in der menschenrechtsbasiertes Handeln und transformatives Wissen diskreditiert werde. Gleichsam bedürfe es weiterer Anstrengungen, ein weites Verständnis von Politik und politischer Bildung zu nutzen, um mehr Menschen mit politischer Bildung zu erreichen. Eine Vervielfältigung von politischer Bildung könne zu einer Vervielfältigung von Debatten beitragen.
„Es müsste niedrigschwelliger über politische Bildung gesprochen werden, sodass alle Menschen eine Vorstellung davon haben, was es ist. Politische Bildung darf nicht elitär sein und Menschen ausschließen, so können mehr Menschen an politischer Bildung teilhaben; mehr Fördergelder wären dafür ebenfalls hilfreich, um breiter arbeiten zu können und um der Vereinnahmung von politischer Bildung durch nicht-demokratische Akteur*innen entgegenzutreten.“
Eine Gefahr wird in der Vereinnahmung der politischen Bildung von nicht-demokratischen Akteur*innen gesehen. Es geht demnach darum, politische Bildungspraxen im demokratischen Kontext zu vervielfachen und rechtsextreme Angebote zu verhindern.
Professionalisierung politischer Bildung ist ein Diskurs, der darauf abzielt, Standards und fachliche Zugänge in der non-formalen Bildungsarbeit zu setzen. In der laufenden Debatte um Professionalisierung politischer Bildung müssen allerdings die professionellen Zugänge zum Praxisfeld politischer Bildung für die Heterogenität der demokratischen Fachkräfte offenbleiben. Es gilt die Vervielfachung politischer Bildung in der Trägerlandschaft und innerhalb der Fachkräfte zu ermöglichen. Es bedarf viel mehr Akteur*innen mit migrantischen, BI*PoC, queeren Perspektiven mit und ohne Behinderungen. Denn erst mit Multiperspektivität und Machtsensibilität können diskursstarke, heterogene Orte der politischen Bildung erhalten und ausgebaut werden. Durch diese Debatten können sich neue professionelle Selbstverständnisse entwickeln.
„In den eigenen Reihen: Das Bewusstsein dafür schärfen, dass das, was wir machen, als Engagement für die Demokratie und gegen Kräfte der Entdemokratisierung richtig und wichtig ist.“
So kann sich politische Bildung zivilgesellschaftlich demokratisch ausbauen und nebenbei zur Selbstvergewisserung der Relevanz beitragen. Politische Bildung ist eben „Engagement für die Demokratie“.
Aus Sicht mehrerer Fachkräfte dominieren populistische Debatten (wie z. B. über Migration, Geflüchtete) die aktuellen Angebote, weshalb sie sich häufig nicht mit zukunftsorientierten Themen wie sozialer Gerechtigkeit oder Klimawandel befassen (können). Populistische Debatten führen dazu, dass Akteur*innen der politischen Bildung die Vielfalt und Verschiedenheit der Themen reduzieren, weil sie politische Bildung hier als Feuerwehr akut einsetzen statt mit Blick auf die Zukunft zu agieren. Hier wird ebenfalls der Wunsch nach Eigenständigkeit und Perspektive politischer Bildung geäußert, die dann Vertrauen in Zukunft bringen könne. Politische Bildung solle sich zukunftsorientiert an Möglichkeitsräumen, sozialer Gerechtigkeit und Demokratie orientieren, statt im Verteidigen des Status Quo oder im Widersprechen populistischer Themensetzungen zu verharren.
„Medien: Wenn Themen wie Migration dominieren, obwohl die Probleme, die sich daraus ergeben als gering einzustufen sind, dann entsteht eine misstrauische Haltung, wenn die Fakten präsentiert werden, weil es zu Dissonanzen führt, wenn es durch die mediale Intensität ‚gefühlt‘ anders ist als in der Wissenschaft. Umgekehrt ist das Thema der sozialen Gerechtigkeit unterrepräsentiert und die damit zusammenhängenden Gefahren wie Demokratie-Abbau, werden als übertrieben wahrgenommen.“
Politische Bildung, so zeigt diese Erfahrung, kann Misstrauen produzieren, indem sie Fakten darstellt. Hier steckt politische Bildung in einem Dilemma der Wahrheitsproduktionen medialer Inszenierungen. Der Ausweg aus diesen Dilemmata kann nur sein, an den Fakten festzuhalten und falsche Wahrheiten zu dekonstruieren. Dies ist dann eine notwendige Aufgabe, auch im Kontext von Vertrauen und Ethik.
Die Fachkräfte sehen außerdem die Notwendigkeit, dass das Vertrauen in die Verschiedenheit politischer Bildung (strukturell) gestärkt wird. Dabei sollte jene non-formale politische Bildung eine Präsenz bekommen, die über die Landeszentralen und die Bundeszentrale für politische Bildung/bpb hinausgeht. Non-formale Bildung sollte außerdem in die Lage versetzt werden, neue Formate und Konzepte zu entwickeln. So seien beispielsweise aufsuchende Formate politischer Bildung zu implementieren. Politische Bildung sollte beispielsweise an Orten stattfinden, wo die Menschen sind, und nicht warten, dass die Menschen automatisch den Weg zu ihnen finden.
Schlussendlich sollte so – wie die Freiheit von Forschung und Wissenschaft ein geflügelter Ausdruck ist – die Freiheit und Vielfalt der politischen Bildung als demokratischer Auftrag ebenfalls gesetzt werden. Dies alles ist Teil eines gewünschten Paradigmenwechsels für die non-formale politische Bildung. Eine Fachkraft bringt das Anliegen auf den Punkt: „Politische Bildung. Kein Auftrag. Ein Grundrecht.“
Fazit
Diese explorative Studie hinterlässt zahlreiche Spuren der Reflexion von Vertrauen aus Praxisperspektive. Sie zeigt, dass einheitliche Vorstellungen von Vertrauen in der Praxis politischer Bildung nicht existieren. Gleichsam gibt es ein Sprechen und Denken zu diesem Gefühl als Grundlage der eigenen Praxis und ein Wissen um die Dimensionen fehlenden Vertrauens. Aus Erfahrungen fehlenden Vertrauens entstehen Handlungsbedarfe, um das Vertrauen der Teilnehmenden zu erhalten und zu fördern und um das Vertrauen als Selbstkompetenz politischer Bildner*innen neu zu fassen.
Politisches Vertrauen braucht eine fachliche Haltung, die offen für die verschiedenen Stimmen der Teilnehmenden ist, die sich menschenrechtsbasiert positioniert, die Verschiedenheiten zulässt, marginalisierte Stimmen zur Debatte einlädt und Kontroversen willkommen heißt, ohne Verachtung und Ausgrenzung zu fördern.
Wird Vertrauen allerdings in der politischen Bildung primär auf der Beziehungsebene angestrebt, dann bewegt sie sich in einem gefährlichen Fahrwasser, weil hier die persönliche Bindung und Überzeugungskraft der Fachkräfte in den Vordergrund gestellt werden könnten und der Inhalt und die Auseinandersetzung in den Hintergrund rücken. Die Autorität und die Macht der Beziehung hat das Potenzial, Inhalte und Verschiedenheiten zu überdecken. Vertrauen ist so ein begleitendes Konzept für demokratisches Funktionieren – das reicht aber nicht aus. Da Vertrauen ebenso in Beziehungen mit nicht-demokratischen Akteur*innen entwickelt werden kann, ist Vertrauen an sich kein Wert, um Demokratie, Menschenrechte und politische Teilhabe zu thematisieren.
Deshalb gilt es, eine Form politischen, demokratischen Vertrauens in der Balance zwischen politischer Integrität/Faktenbasiertheit und fachlicher Beziehung zu entwickeln. Das Wechselspiel von Transparenz und Vertrauen, Bewegung und Stabilität muss mit Anstand, ausbalancierter Nähe-Distanz, Diskriminierungssensibilität, Empathie für (mehrfach-)vulnerable Gruppen und Seriosität ausgestattet werden. Fachkräfte brauchen fundiertes, fachliches Wissen, um nicht zuletzt Lügen und Halbwissen, welches z. B. als antisemitische Stereotype schnell sein Publikum findet, zu dechiffrieren und zu thematisieren. Sie benötigen einen reflektierten Umgang mit dem Thema Neutralität und den Grenzen des Neutralitätsgebots, um Sicherheit in der Praxis bieten zu können.
Politisches Vertrauen braucht eine fachliche Haltung, die offen für die verschiedenen Stimmen der Teilnehmenden ist, die sich menschenrechtsbasiert positioniert, die Verschiedenheiten zulässt, marginalisierte Stimmen zur Debatte einlädt und Kontroversen willkommen heißt, ohne Verachtung und Ausgrenzung zu fördern.
Ich danke den Fachkräften für die Teilnahme an der Umfrage.
Zur Autorin

https://inespohlkamp.de
info@inespohlkamp.de