Berührungspunkte und Herausforderungen von Sport und politischer Bildung
„Der Sport“ – das grobe Bild vom Ganzen
Um eine Einordnung des Sammelbegriffs Sport zu ermöglichen und sich der Frage nach der Bedeutung von Sport in der demokratischen Gesellschaft und nach Berührungspunkten und Grenzen von Sport und politischer Bildung/Demokratiebildung zu nähern, soll ein (wegen der Kürze zugegebenermaßen recht oberflächlicher und auch nicht vollständiger) Blick auf die unterschiedlichen Dimensionen von Sport geworfen werden. Vielfältige Motive und strukturelle Aufstellungen prägen die Diversität des Sports. Immer spielt auch die gefühlsmäßige Einbindung des Individuums eine Rolle – die Motivation zu ehrenamtlichem Engagement, Lebensperspektiven, der Spaß an Unterhaltung, persönliche Fitness- oder sportliche Leistungsmotive oder die Bindung als Kunde oder Fan. Zu allen nachfolgend erwähnten Szenen existiert umfangreiche Fachliteratur der verschiedenen Disziplinen der Sportwissenschaften, die der Erfahrung nach aber über den eigenen Fachwissenschaftszweig hinaus wenig wahrgenommen wird. Dazu passt, dass vom Sportausschuss des Deutschen Bundestags geladene Sachverständige am 18.12.2024 „mangelnde Anerkennung“ beklagten. Die Sportwissenschaft habe in Deutschland nicht den Stellenwert, den sie verdiene und benötige (www.bundestag.de/presse/hib/kurzmeldungen-1034788; Zugriff: 11.01.2025).
Der Zuschauersport – und darunter v. a. der Profisport – ist der Teil des Feldes, der mit großer Präsenz in verschiedensten Medien aufwartet. Es geht bei dem sportlichen Erfolg um unternehmerische Motive, Kunden-/Fanbindung usw. Die Sportclubs bzw. Unternehmen stehen vor der Herausforderung, im Wettbewerb mit anderen Unterhaltungsangeboten zu bestehen. Die DFL Deutsche Fußball Liga ist in Deutschland die promineste Gruppe in diesem Feld. Unternehmen oder Vereine nutzen Maßnahmen der Corporate Social Responsibility (CSR), um Haltung zu zeigen, eine (gesellschaftspolitische) Positionierung zu schärfen und das Profil der eigenen Marke zu stärken. So führt der FC Bayern München bspw. die Aktionen Rot gegen Rassismus durch und positioniert sich gegen Antisemitismus, gegen Rassismus, gegen Diskriminierung jeglicher Art. Weitere prominente Beispiele im Profisport könnten genannt werden.
Projekte von Trägern der sportbezogenen Sozialen Arbeit richten sich an Kinder und Jugendliche (mit und ohne Beeinträchtigung) in schwierigen Lebenslagen und sind oft an sozialen Brennpunkten verortet. Die freien Träger der Kinder- und Jugendhilfe verbinden Sport und Jugendsozialarbeit und wollen mit Angeboten die soziale Integration fördern. In Teilen nehmen diese Akteure mit ihren Angeboten auch Themen der Demokratiebildung auf. Ein größerer Akteur in Berlin ist bspw. die Gesellschaft für Sport und Jugendsozialarbeit gGmbH. Schirp und Gräfe (2011) beschreiben konzeptionelle Grundlagen des Handlungsfeldes, ein bundesweiter Überblick zu Akteuren und Angeboten existiert aber nicht. Auch deswegen hat sich die Initiative MOBILEE seit 2022 daran gemacht, eine systematische Erfassung des Feldes zu versuchen (www.mobilee-plattform.de).
Sportbezogene Projekte von (Unternehmens)Stiftungen leisten politische Bildungsarbeit. So nutzt bspw. das Projekt Lernort Stadion mit Hauptförderer DFL Stiftung die Fußballstadien von Erst- und Zweitliga-Clubs und die Emotionalität und Attraktivität des Profifußballs, um in Räumen der Stadien Schulklassen ein- oder mehrtägige Seminare zur politischen Bildung anzubieten (vgl. hierzu den Beitrag von Geisler/Schultz in dieser Ausgabe). Nach der von Becker (2020) vorgenommenen Einordnung ist dies „politische Bildung/Demokratiebildung als gesondert arrangiertes, sachbezogenes Angebot“. Es unterscheidet sich von Settings und Gelegenheitsstrukturen, die man eher dem Sportverein zuordnen würde, in denen politisch bildende oder demokratiebildende Situationen anlassbezogen entstehen können.
Der gemeinnützige, organisierte Sport beansprucht für sich gesellschaftliche Verantwortung und das Potenzial, zum Zusammenhalt beizutragen und Werte wie Vielfalt, Fairness und Respekt zu vermitteln.
Der selbstorganisierte Sport beschreibt die Sportszene, die man in der Regel auf der Straße, im Park oder im Wald sieht, die stark jugendkulturell belegt ist. Es geht dabei um Orte, die (junge) Menschen ohne schulpädagogische oder vereinsmäßige Orientierung bespielen und selbst gestalten können. Konfliktbewältigung und Strategien der Selbstbehauptung würden ebenso geschult wie Identitätsaushandlungen fern von durch Erwachsene kontrollierten Räumen (vgl. Bindel 2008). Ein hier von extern kommender Einsatz von politischer Jugend- und Erwachsenenbildung wird sehr wahrscheinlich mit Verlust an Glaubwürdigkeit und Identifikation einhergehen.
Der Schulsport, in dessen Rahmen Praxis politischer Bildung wirkt oder wirken kann, wird hier nicht weiter betrachtet.

Der gemeinnützige, organisierte Sport ist vermutlich „der Sport“, der meist gemeint ist, wenn die Frage nach der Bedeutung von Sport in der demokratischen Gesellschaft und zu Berührungspunkten von Sport und politischer Bildung aufgebracht wird. Der organisierte Sport bezeichnet die Gesamtheit der gemeinnützigen Sportvereine und deren Dachverbände. In den 102 Mitgliedsorganisationen des nationalen Dachverbandes Deutscher Olympischer Sportbund (DOSB) sind mehr als 28 Millionen Mitgliedschaften in rund 87.000 Turn- und Sportvereinen organisiert (mögliche Doppelmitgliedschaften inbegriffen). Es werden rund 10 Millionen Mitgliedschaften von jungen Menschen unter 27 Jahren gezählt (vgl. DOSB 2024). Hier engagieren sich 8 Millionen Freiwillige im Bereich Sport und Bewegung, davon 750.000 Amtsträger auf der Vorstandsebene. Hinzu kommen 950.000 Engagierte auf der Ausführungsebene und 6,3 Millionen freiwillige Helfer*innen (z. B. bei Vereinsfesten) (vgl. ebd.). Die Engagierten auf der Vorstandsebene und Ausführungsebene erbringen eine monatliche Arbeitsleistung von rund 23 Millionen Stunden (vgl. BiSp 2021). Im organisierten Sport wird Jugend-, Breiten-, Leistungssport betrieben. Der gemeinnützige, organisierte Sport beansprucht für sich gesellschaftliche Verantwortung und das Potenzial, zum Zusammenhalt beizutragen und Werte wie Vielfalt, Fairness und Respekt zu vermitteln. Funktionsprinzipien des Sportvereins sind die freiwillige Mitgliedschaft, die Orientierung an den Interessen der Mitglieder, die ehrenamtliche Mitarbeit oder Freiwilligenarbeit und die demokratische Entscheidungsstruktur. Vorderstes sinnstiftendes Merkmal in Sportvereinen ist das Sporttreiben bzw. die Organisation des Trainings- und Spiel-/Wettkampfbetriebes. Als konzeptionellen Ansatz für den Kinder- und Jugendsport bzw. die Kinder- und Jugendarbeit im Sport betont die Deutsche Sportjugend, Jugendverband im DOSB, im Übrigen den begrifflichen Dreiklang von Bewegung, Spiel und Sport.
Mit den Ausführungen sollten unterschiedlichste Motivlagen „im Sport“ aufgezeigt bzw. in Erinnerung gerufen werden. Die einzelnen Akteure der Sportsektoren sind meist strukturell, juristisch oder finanziell nicht miteinander verbunden und es ist auch nicht möglich, dass jemand für „den Sport“ mit einer Stimme spricht.
In Bezug auf Vereine kommt Riekmann (2011) in ihrer qualitativen Studie zu dem Ergebnis, dass diese insgesamt (inklusive Sportvereine) ihr Potenzial zur Partizipationsförderung als Grundvoraussetzung für Demokratiebildung nicht realisieren. Gleichzeitig wird allgemein ein Anspruch zur Demokratiebildung an Sportvereine als Träger der freien Kinder- und Jugendhilfe mit großen Mitgliederzahlen betont (vgl. Quade/Barkemeyer/Neuber 2023). Im dritten Abschnitt dieses Beitrags werden die Potenziale der politischen Bildung/Demokratiebildung anhand ausgewählter Aktivitäten des gemeinnützigen, organisierten Sports mit Vereinen und Verbänden sichtbar gemacht.
Der Sport und die Gefühle
Sport ist vieles: private körperliche Betätigung, Gemeinschaft oder Wirtschaftsfaktor – aber auch Emotion. Geleitet zunächst auf der individuellen Ebene durch bspw. Begeisterung, Identifikation, Wellbeing oder starke Ablehnung wird der Sport zum prominenten Gegenstand gesellschaftlicher Auseinandersetzung. Wird Sport eigentlich dann gesellschaftspolitisch relevant und demokratisch wirksam, wenn die Gefühle von vielen auf einer kollektiven Ebene mitspielen? Nachfolgend werden ausgehend von der These der besonderen Mobilisierungskraft von Sport einige Aspekte erörtert, aus denen demokratiepolitische Dimensionen abgeleitet werden können:
Emotionale Bindung und Identifikation – Sport erzeugt starke Gefühle der Freude, der Enttäuschung oder der Spannung. Diese Emotionen schaffen intensive Verbindungen zwischen Individuen und Teams, Nationen oder bestimmten Idealen. Diese Bindungen verstärken den Einfluss des Sports auf gesellschaftliche Themen wie Gemeinschaftsbildung und kulturelle Identität. Gleichzeitig ist diese Emotionalität auch das, was wirtschaftlich relevant wird: Sponsoring im Sport existiert, weil viele Menschen begeistert Sport verfolgen und Produkte platziert werden können.
Werteempfinden – Sport wird oft die Bedeutung zugesprochen, Spiegel gesellschaftlicher Werte wie Fairness, Leistung, Teamgeist und Respekt zu sein. Er dient als Bühne, um diese Werte zu feiern, aber auch ihre Missachtung zu kritisieren (z. B. bei Doping oder Korruption). Die emotionalen Reaktionen der Menschen auf solche Ereignisse und die Identifikation damit machen den Sport zu einem prominenten Medium für gesellschaftliche Debatten.
Sport erzeugt starke Gefühle der Freude, der Enttäuschung oder der Spannung. Diese Emotionen schaffen intensive Verbindungen zwischen Individuen und Teams, Nationen oder bestimmten Idealen.
Empathie und Anteilnahme spielen oft bspw. im Zuschauersport oder im Vereinssport mit und sind insofern von großer Bedeutung, als dass sie Aufmerksamkeit binden und ggf. Engagement nach sich ziehen. Sport bietet darüber hinaus eine globale – aber auch lokale – Plattform, um soziale und politische Botschaften zu verbreiten. Hier setzen bspw. Aktionen gegen Rassismus oder Kampagnen für Gleichberechtigung und Inklusion an.
Gemeinschaft und Zugehörigkeit – Sport kann soziale Verbindungen und Gemeinschaften stärken, weil gemeinsames Handeln bspw. im Verein im gelingenden Fall positive Erlebnisse schafft. Menschen erleben ein Gefühl der Zugehörigkeit und der Selbstwirksamkeit, sei es durch das Unterstützen eines Vereins oder Proficlubs, das Mitspielen in einer Mannschaft oder das gemeinsame Feiern von sportlichen Erfolgen. Dieses Gemeinschaftsgefühl hat eine starke emotionale Basis und kann Solidarität fördern. Gleichzeitig bietet diese Dimension auch Attraktivität bspw. für extrem rechte Akteure (vgl. Claus/Rehn 2024, S. 122).
Konflikterleben und Integration – Sport spiegelt gesellschaftliche Konflikte, lösen vermag er sie aber nur in Teilen. Aber die leidenschaftlichen Emotionen, die im Sport entstehen, machen ihn zu einem Ort, an dem gesellschaftliche Spannungen sichtbar und auch ausgetragen werden. Diverse Projekte im Jugend- oder Breitensport mit dem Anspruch integrativ zu wirken, versuchen dies zu überbrücken und ihr Potenzial zu nutzen, um im Spiel oder im Engagement Konfliktlösekompetenz anzuregen. Als politisches Feld kann der Sport aber auch Ort für Radikalisierungs- und Deutungskämpfe sein (vgl. ebd.).

Stolz, Frustration und Scham sind Gefühle, die auch mit sportlichen Leistungen verbunden sind. Sie beeinflussen das Selbstbild von Individuen und Gruppen. So ist bei der Entwicklung von Kindern und Jugendlichen das Erleben von Stolz, Frustration oder Scham verbunden mit der Anerkennung in der (Sport)Gruppe höchst relevant. Sport kann zudem kulturelle und nationale Identitäten prägen, die oft emotional aufgeladen sind, etwa wenn eine Nation bei großen Turnieren wie den Olympischen Spielen repräsentiert wird.
Neben – oder wegen – seiner von der emotionalen Einbindung abgeleiteten Rolle war Sport immer wieder an wichtigen gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen und Ereignissen unmittelbar beteiligt und ist es bis heute. Fachliche Ansatzpunkte für politische Bildungsarbeit mit Sport(themen) – wie oben angerissen – existieren auch deswegen zahlreiche. Zusammenhänge zwischen der eigenen Lebenswelt und den gesellschaftlichen Bedingungen können verständlich aufgezeigt und Räume für demokratische Aushandlungsprozesse aufgemacht werden.
Vielfach diskutiert, kritisiert – und aufgegriffen: Wie politisch ist der Sport? Wie kann der Sport politisch bildend/demokratiebildend sein?
Wie politisch ist nun der gemeinnützige, organisierte Sport? Muss er neutral sein? Lösche antwortet auf die Frage deutlich: „Man könnte (…) formulieren, dass es den unpolitischen Sport – eigentlich – nicht gibt. Natürlich kommt es auf den Politik-, auch auf den Sportbegriff an, mit dem operiert wird.“ (Lösche 2002, S. 45) Auch mit den Ausführungen im vorherigen Abschnitt wurde deutlich, dass er nicht neutral sein kann. Und in steter Regelmäßigkeit wiederholen auch einige verbandliche Vertreter*innen des Sports, dass der Sport(verein) parteipolitisch neutral sein muss, aber es gesellschaftspolitisch nicht ist, dass er wertebasiert und immer mehr als nur Bewegung ist und alle Themen, die in der Gesellschaft vorkommen, auch im Sport vorkommen (vgl. Folkmann 2022).
Wie Akteure im gemeinnützigen, organisierten Sport politische Themen aufgreifen, wird nachfolgend anhand einzelner Beispiele aufgezeigt. Es wird auch auf das Kontinuum von politischer Bildung und Demokratiebildung in Gruppensettings im Verein eingegangen. Es ist nicht möglich, einen vollständigen Überblick zu liefern. Die oben aufgemachte Bedeutung von gefühlmäßiger Einbindung des Einzelnen spielt dabei immer eine zentrale Rolle, zumal es für Kinder und Jugendliche (und Erwachsene) immer um freiwillige Teilnahme geht. Die Gefühle von Empathie und Anteilnahme, Gemeinschaft und Zugehörigkeit, Konflikterleben, Stolz und Scham, sonstige emotionale Bindung und Identifikation oder Werteempfinden werden angesprochen.
Wichtig für eine Einordnung der Aktivitäten oder Prozesse bleibt insgesamt die Unterscheidung der von Becker (2020) vorgenommenen Settings und Gelegenheitsstrukturen:
- Politische Bildung/Demokratiebildung als anlassbezogene Auseinandersetzung mit politischen Themen,
- Politische Bildung/Demokratiebildung als handlungsfeld- und systeminhärente Erfahrungsmöglichkeit (Politische Bildung/Demokratiebildung als Querschnittsthema oder Teil des Bildungsverständnisses),
- Politische Bildung/Demokratiebildung als gesondert arrangiertes, sachbezogenes Angebot.
Die Settings und Gelegenheitsstrukturen sollen nachfolgend illustriert werden. Letztere – die gesondert arrangierten, sachbezogenen Angebote – sind im Sport (und auch insgesamt) die öffentlich sichtbareren Initiativen von Akteuren, die im Sinne einer politischen Bildung bzw. Demokratiebildung explizit wirken wollen. Meist sind dies Projekte, die eher professionell aufgestellt sind, insofern, als dass sie an Proficlubs oder Bundes- oder Landesdachverbänden des Sports angesiedelt sind und über Bundes- oder Landesförderungsprogramme oder Stiftungsförderung finanziert werden.
Dieser Art von Aktivitäten der politischen Bildung/Demokratiebildung sind einige Maßnahmen der dsj und ihrer Mitgliedsorganisationen zuzuordnen. Die dsj konnte durch Bundesförderung aus Mitteln des Bundesministeriums des Innern und für Heimat (BMI) und Mitteln der Beauftragten der Bundesregierung für Antirassismus Kommunikation und Aktivität zum demokratischen Grundverständnis des Sports und nachhaltiger Förderung der demokratischen Teilhabe im Sport in den letzten Jahren intensivieren. Dazu gehören die Aktivitäten des gemeinnützigen, organisierten Sports im Bundesprogramm des BMI Zusammenhalt durch Teilhabe sowie das Bundesprogramm gegen Rechtsextremismus und Menschenfeindlichkeit im Sport (vgl. Reip 2023) und die seit 2018 bei der dsj angesiedelte Geschäftsstelle des Netzwerks „Sport & Politik für Fairness, Respekt und Menschenwürde“ (www.sportundpolitik.de) (wegen auslaufender Förderung hat das Netzwerk im Jahr 2025 seine Arbeit eingestellt). Gemeinsam mit dem DOSB führt die dsj außerdem seit Anfang 2023 das bundesweite Projekt „(Anti-)Rassismus im organisierten Sport“ durch (vgl. dazu den Beitrag von Rabien in dieser Ausgabe). Verschiedenste Projektaktivtäten und Materialien sind entstanden und stehen auf www.sport-mit-courage.de zur Verfügung. Beispielhaft genannt seien hier das Themendossier Sport, Werte und Politik. Zwischen Neutralität und Haltung zeigen (dsj 2022) oder der Materialordner Sport mit Courage – Verein und Verbände stark machen – zum Umgang mit Rechtsextremismus im Sport (dsj 2014). Allen o. g. Beispielen ist gemeinsam, dass die Aktivität über öffentliche Bundesförderung ermöglicht wird und darüber besondere Impulse gesetzt werden konnten.
Die emotionale Einbindung bzw. Betroffenheit in der eigenen Lebenswelt mobilisiert und bietet den fachlichen Ansatzpunkt für (politische) Bildungsarbeit mit Sportthemen.
Die anderen Settings, bspw. die alltägliche Praxis von Sportvereinen, die durch systeminhärente Erfahrungsmöglichkeiten oder anlassbezogene Auseinandersetzung mit politischen Themen (vgl. Becker 2020) wirken können, sind schwer und v. a. nicht in der Gesamtheit (von gelingender Praxis), sondern eher anekdotisch darzustellen. Bei diesen Kontexten liegt der Fokus des Handelns auf anderen Zielen wie u. a. spezifischem motorischem Lernen. Die Bearbeitung von politischen Themen ist latent inhärent und wird oft als solche auch nicht priorisiert. Anspruch muss es noch mehr sein, diese Gelegenheitsstrukturen zu stärken. Denn diese Kontexte sind gleichzeitig diejenigen, die theoretisch in großer Breite bundesweit existieren, dies im Gegensatz zu den möglichen arrangierten, sachbezogenen Angeboten der politischen Bildung einzelner Workshops oder Projekte. Die Umsetzung hängt aber stark mit der fachlichen Reflexion und dem Bildungsverständnis des*r Multiplikators*in, des*r Trainers*in/Übungsleiters*in in der Arbeit bspw. mit einer Gruppe zusammen (gelingende Zufallsroutinen von Verantwortlichen, die auf Grundlage von Erfahrungswissen und Intuition in der Fläche immer wieder zu finden sind, sind gut, aber keine Grundlage für strategische Entwicklung).
Die dsj hat dies mit dem mit Prof. Dr. Ralf Sygusch (Universität Erlangen-Nürnberg) gemeinsam entwickelten Modell zur Förderung psychosozialer Ressourcen zum Thema gemacht: „Eine Frage der Qualität. Persönlichkeits- und Teamentwicklung im Kinder- und Jugendsport. Ein sportartenorientiertes Rahmenmodell zur Förderung psychosozialer Ressourcen.“ (dsj 2005) Das Modell wurde auch konkret auf einige Sportarten wie Basketball, Handball, Judo und Gewichtheben und ihren Trainingsbetrieb angewendet. Die entsprechenden Publikationen sind unter www.dsj.de/service/publikationen abzurufen. Es handelt sich um ein Qualifizierungsinstrument für den organisierten Sport. Es wird damit ein jugendarbeiterischer Anspruch an Prozesse im Trainingsbetrieb angewendet und versucht, die Gelegenheiten der Selbstorganisation im Kernbetrieb des Vereins zu identifizieren. Genau diese Momente sind auch politisch bildend/demokratiebildend wirksam oder können wirksam werden. Die emotionale Einbindung bzw. Betroffenheit in der eigenen Lebenswelt mobilisiert und bietet den fachlichen Ansatzpunkt für (politische) Bildungsarbeit mit Sportthemen. Es liegt nahe, hier Räume für demokratische Aushandlungsprozesse aufzumachen. Eine Mitgliedschaft im Sportverein allein reicht aber nicht, um die politische Partizipationsbereitschaft zu fördern. Wenn aber im Sportverein gezielt Möglichkeiten zur Mitbestimmung und Entscheidung, Mitsprache und Aushandlung sowie zu Mitgestaltung und Engagement gegeben werden, kann von demokratischer Partizipationsförderung gesprochen werden (vgl. Derecik/Menze 2018). Dazu führen Derecik und Menze aus: „Trainer*innen fördern die Entwicklung der Selbst- und Mitbestimmungsfähigkeit, indem sie den Teilnehmenden Gelegenheiten geben, eigene Ziele zu setzen und Verantwortung zu übernehmen, indem sie den Teilnehmenden Möglichkeiten aufzeigen, wie sie die Einheiten in Bewegung, Spiel und Sport mitgestalten können, indem sie die Teilnehmenden ermutigen, den Rahmen für Spiel und Sport bspw. durch die Festlegung und Kontrolle von Regeln gemeinsam mitzugestalten. ‚Da habe ich gemerkt, dass ich das selber steuern kann, selber Einfluss nehmen kann. Das hat mir den entscheidenden Schub gegeben, mich voll reinzuhängen.‘ (Anonymer Sportler).“ (2018, S. 9) Die entsprechende Qualifizierung von Multiplikator*innen im Sinne einer pädagogischen Qualität bleibt eine fortwährende Kernaufgabe im gemeinnützigen organsierten Sport.
Einige wenige weitere (Sport)Wissenschaftler*innen befassen sich mit dem Thema von Sportvereinen als Orte von politischer Bildung, Demokratiebildung oder demokratischer Partizipation (vgl. u. a. Quade/Barkemeyer/Neuber 2023; Alrichs/Jaitner 2021; vgl. auch den Beitrag von Alrichs/Jaitner in dieser Ausgabe). Alrichs/Jaitner plädieren für eine systematische Trennung der Begriffe „Demokratiebildung“ als selbsttätige Aneignung von Demokratie in demokratischer Praxis und „politischer Bildung“ als Lernen über Demokratie. Die gesamte Fachdebatte dazu wird hier nicht aufgegriffen, vielmehr das Kontinuum eines vielschichtigen Bildungsprozesses zugrunde gelegt, das Wissenserwerb, Erfahrungen, Emotionen, praktisches Handeln und Beteiligung beinhaltet. Im Jahr 2025 wird auch der dsj-Forschungsverbund das Thema Demokratieförderung im Sportverein/-verband zum Schwerpunkt machen.
Wenn im Sportverein gezielt Möglichkeiten zur Mitbestimmung und Entscheidung, Mitsprache und Aushandlung sowie zu Mitgestaltung und Engagement gegeben werden, kann von demokratischer Partizipationsförderung gesprochen werden.
Ein Feld, das darüber hinaus demokratiebildende Arbeit im gemeinnützigen organsierten Sport aus einem engagementfördernden Fokus heraus aufnimmt, sind die Freiwilligendienste. Rund 4.000 Plätze im Jahr existieren im Sport. Bei der Auswahl der Seminarthemen wird an den Interessenlagen der (überwiegend) jungen Freiwilligendienstleistenden angeknüpft. Die politische Bildungsarbeit der Träger*innen im Sport fokussiert beispielsweise Themen wie Doping, Fairplay, Integration, Rassismus oder Ablehnung von LGBTQ+ im Fußball, Chancen und Risiken sportlicher Großveranstaltungen, Gewalt im (Leistungs-)Sport oder Demokratieförderung durch junges Engagement. Ehemalige Freiwilligendienstleistende bleiben regelmäßig den Sportvereinen oder -verbänden als Engagierte erhalten. Genannt sei in dem Zusammenhang auch das Format der sogenannten Juniorteams, das als flexibles Engagementformat für Jugendliche und junge Erwachsenen im Alter von 16–26 Jahren funktioniert. Es bietet anders als die Wahlämter in Sportvereinen und -verbänden eine projektorientierte Struktur und flexible Form des Engagements in der Jugendarbeit im Sport, die demokratiebildende Dimensionen hat. An vielen weiteren Stellen ermöglicht zudem die Förderung aus dem BMFSFJ-Programm Kinder- und Jugendplan des Bundes die Unterstützung der demokratischen Partizipation junger Menschen in Sportorganisationen im organisierten Sport.
Rückblick auf den 16. Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung
Vor dem Hintergrund des bisher Ausgeführten, sollen nun Aussagen des 16. Kinder- und Jugendberichts der Bundesregierung aus dem Jahr 2020 aufgegriffen werden. Dieser hatte den Schwerpunkt „Förderung demokratischer Bildung im Kindes- und Jugendalter“ und lieferte bereits einige Feststellungen und Handlungsempfehlungen für eine Weiterentwicklung von Sport und politischer Bildung/Demokratiebildung, die in weiten Teilen nicht eingelöst scheinen, die aber auch die oben aufgezeigten Grenzen nicht ausgewogen betrachten: Es müsse mehr handlungsfeldübergreifenden Austausch über politische Bildung geben, es sei (u. a. „vom Sport“) kritisch zu reflektieren und zur Kenntnis zu nehmen, dass nicht jedes soziale Lernen gleich auch politisches Lernen oder Demokratielernen sei. Meist werde politische Bildung („im Sport“, in der internationalen Jugendarbeit oder in der kulturellen Bildung) stärker als Querschnittsaufgabe wahrgenommen und bilde seltener den Kern der Aktivität in Form eines konzeptionell geplanten Bildungsangebots. Stattdessen fände politische Bildung häufiger situativ anlassbezogen oder gelegenheitsstrukturell ermöglicht statt, indem sie sich entweder aus Gesprächen mit Jugendlichen oder aus der Situation heraus ergeben oder indem demokratisch bildende Situationen, durch die den Organisationen inhärente Gelegenheitsstrukturen oder Beteiligungsmöglichkeiten geschaffen werden (vgl. Deutscher Bundestag 2020, S. 354).

Anhand von Beispielen sollte oben gezeigt werden, dass Initiativen, Projekte und (Qualifizierungs-)Maßnahmen existieren. Potenzial für mehr Angebote, die Sport und politische Bildung systematisch miteinander verknüpfen, besteht ohne Zweifel. Aber Grenzen, die im Kinder- und Jugendbericht zu wenig betrachtet sind, liegen unter anderem in den personellen Ressourcen und der im organisierten Sport häufigen Überlastung ehrenamtlich Engagierter, in strukturellen Hürden, mangelnder Finanzierung und in Teilen fehlendem Bewusstsein für die Möglichkeiten solcher Angebote.
Der analysierende Blick aus jugendpolitischer Perspektive auf Aktivtäten „des Sports“ stellt wie gesagt heraus, dass „eine Verzahnung der praktischen Ansätze und eine gegenseitige Kenntnis- und Bezugnahme der hoch anschlussfähigen, aber bisher noch zu sehr voneinander abgetrennt laufenden Fachdebatten in den einzelnen Handlungsfeldern (…) helfen (könnte), politische Bildung als Querschnittsaufgabe in der Kinder- und Jugendarbeit insgesamt zu stärken. Es braucht dazu mehr Kommunikation und ein besseres Verständnis über die jeweiligen Konzepte und die Praxis sowie ein Verständnis für die arbeitsfeldspezifischen Zugänge und Stärken. Dies könnte in der Konsequenz zu mehr Kooperationen führen und zu einer Weiterentwicklung der Praxis beitragen.“ (Ebd., S. 60) Und weiter: „Auch in Arbeitsfeldern wie der kulturellen Bildung, der offenen Kinder- und Jugendarbeit, der Jugendverbandsarbeit, der Jugendsozialarbeit oder im Sport findet politische Bildung statt. Diese Tatsache findet jedoch im Fachdiskurs der politischen Bildung so gut wie keinen Niederschlag. Die politische Bildung wiederum spielt in den Fachdebatten der Jugendarbeit kaum eine Rolle. Um ein wechselseitiges Verständnis zu gewinnen und so die politische Bildung in allen Arbeitsfeldern weiterzuentwickeln, wird die gegenseitige Kenntnis- und Bezugnahme der verschiedenen Fachdebatten dringend empfohlen.“ (Ebd., S. 74)
Fazit: Wieviel zusätzliche Mobilisierungskraft bleibt?
Festzuhalten bleibt, dass der Sektor des gemeinnützigen organisierten Sports, der v. a. auf der Vereinsebene auf Grundlage ehrenamtlicher Kraft funktioniert, an seine Grenzen stößt. Es liegt auf der Hand, dass die Umsetzung des Kernbetriebs mit Sport-, Spiel- und Bewegungsangeboten Ressourcen bindet. Politische Bildung/Demokratiebildung kann hier als eines von vielen weiteren Anforderungen an die Vereins- oder Verbandpraxis und ihre Jugendarbeit wahrgenommen werden. Denn auch Felder wie bspw. der Kinderschutz, die Digitalisierung, die Inklusion, die Ehrenamtsförderung, mögliche internationale Begegnungen, nachhaltige Aufstellung u. v. m. sind relevant und von hohen Erwartungen begleitet. Vorschläge für bessere fördernde Rahmenbedingungen und fortwährende Qualifizierung sind in Teilen dann nur theoretische Lösungen. Aber vielseitige, in einer Auswahl oben erwähnte Ansätze und Initiativen existieren. Was es auf jeden Fall für zusätzliche Mobilisierungskraft für mehr Berührungspunkte von Sport und politischer Bildung – ganz im Sinne des 16. Kinder- und Jugendberichts – braucht: sich aufeinander beziehen, mit Wohlwollen Systemlogiken verstehen und Bereitschaft zeigen, Fachdebatten aus anderen Feldern geplant zu verfolgen und gemeinsamen Austausch strukturierter vorsehen.
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Kemmler@DSJ.DE