Außerschulische Bildung 3/2025

Demokratie braucht Vertrauen

Wie Misstrauen Gesellschaften verändert – und was politische Bildung dem entgegensetzen kann

Vertrauen ist nicht nur zentral für das gesellschaftliche Miteinander, sondern auch für das Funktionieren demokratischer Gesellschaften. Doch Vertrauen in politische Institutionen schwindet zunehmend. Wenn Vertrauen verloren geht, greifen Populismus, Verschwörungsglaube und Systemverdrossenheit ineinander. Dieser Beitrag beleuchtet psychologische Perspektiven auf politisches Vertrauen und zeigt, welche schwerwiegenden gesellschaftlichen Folgen ein Vertrauensverlust haben kann. Außerschulische politische Bildung kann Räume eröffnen, in denen Vertrauen durch transparente, partizipative und dialogische Prozesse gestärkt werden kann – als Gegen-Erfahrung zu Ohnmacht, Ausgrenzung oder Belehrung. von Isabel Thielmann
„Wenn ich eine fundamentale Voraussetzung aller funktionierenden Demokratien nennen müsste, dann ist es: Vertrauen. Nur mit Vertrauen – in uns selbst, als souveräne Wähler, ineinander, als Bürgerinnen und Bürger, in unsere öffentlichen Debatten, aber auch in unsere Verfahren und Institutionen – nur mit Vertrauen kann Demokratie gelingen.“ Frank-Walter Steinmeier, 2. September 2021, Bratislava/Slowakei

Vertrauen ist nicht nur für zwischenmenschliche Beziehungen unverzichtbar – es ist auch der Kitt, der demokratische Gesellschaften zusammenhält. Es verbindet Bürger*innen mit politischen Institutionen, schafft Akzeptanz für Verfahren und Entscheidungen und trägt dazu bei, dass Gesetze nicht nur als rechtlich gültig, sondern auch als gerecht und verbindlich wahrgenommen werden. So ermöglicht Vertrauen Kompromissfähigkeit und Kooperationsbereitschaft im gesellschaftlichen Miteinander.

Umso besorgniserregender ist es, dass politisches Vertrauen in den letzten Jahren deutlich gesunken ist. Eine repräsentative Umfrage der Körber-Stiftung aus dem Jahr 2024 ergab, dass 51 % der Befragten ein geringes oder gar kein Vertrauen mehr in die demokratischen Institutionen in Deutschland haben. Dieser Vertrauensverlust ist keine abstrakte Krise – er hat konkrete Folgen für das demokratische Zusammenleben: Misstrauen begünstigt Rückzug aus politischen Prozessen, fördert die Anfälligkeit für populistische Narrative und öffnet Tür und Tor für verschwörungsideologische Weltbilder.

Beispiele für Ereignisse, die den Verlust politischen Vertrauens befeuern, finden sich in Deutschland reichlich. Während der Corona-Pandemie sorgte die sogenannte Maskenaffäre für große Empörung. Einzelne Bundestagsabgeordnete hatten sich dabei persönlich bereichert und so das Vertrauen vieler Menschen in die politische Integrität erschüttert. In der Finanzpolitik erodiert Vertrauen, wenn führende Politiker wie Olaf Scholz im Zusammenhang mit dem Cum-Ex-Skandal Erinnerungslücken geltend machen, ohne dass eine konsequente Aufklärung erfolgt. Und auch die jüngsten Entscheidungen der Bundesregierung unter Kanzler Friedrich Merz, entgegen zentraler Wahlversprechen die Schuldenbremse auszusetzen und die Stromsteuer nicht auch für Privathaushalte zu senken, wird gemeinhin als „Wortbruch“ erlebt – mit maßgeblichen Konsequenzen für das Vertrauen der Bürger*innen in die politischen Akteur*innen.

Diese Art Vertrauensverlust ist jedoch kein rein deutsches Phänomen. Weltweit lassen sich ähnliche Entwicklungen beobachten: Die Forschung spricht inzwischen von einer „Ära des Misstrauens“ (Kirk/Schill 2024). In den Vereinigten Staaten beispielsweise gaben 2024 nur 23 % der US-Amerikaner*innen an, darauf zu vertrauen, dass die Bundesregierung „fast immer“ oder „meistens“ richtig handle – ein Wert, der bereits seit über 15 Jahren konstant niedrig ist (vgl. Pew Research Center 2024). Dass Vertrauensverluste häufig nicht isoliert bleiben, ist besonders alarmierend. Sie greifen über – auf Medien, Wissenschaft, Justiz – und erzeugen so einen umfassenden Legitimitätsverfall demokratischer Institutionen.

Für die politische Bildung wirft das drängende Fragen auf: Was bedeutet Vertrauen im demokratischen Kontext genau – und wie geht es verloren? Welche Folgen hat der Verlust von Vertrauen, sowohl für Individuen als auch für die Gesellschaft? Wie kann Vertrauen und demokratische Resilienz wieder gestärkt werden und welche Rolle spielt politische Bildung dabei? Der folgende Beitrag geht diesen Fragen aus psychologischer Sicht nach.

Was ist Vertrauen – und was bedeutet politisches Vertrauen?

Vertrauen ist ein vielschichtiger Begriff, der in verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen – etwa der Psychologie, Soziologie, Ökonomie oder Politikwissenschaft – unterschiedlich definiert wird. Die meisten Definitionen sind sich dennoch darin einig, dass Vertrauen positive Erwartungen an die Absichten und das Verhalten anderer umfasst, verbunden mit der Bereitschaft, sich durch entsprechende Verhaltensweisen verletzlich zu machen (vgl. z. B. Thielmann/Hilbig 2015). Wer vertraut, entscheidet, sich in eine Position der Abhängigkeit zu begeben, trotz der Möglichkeit, enttäuscht oder ausgenutzt zu werden. In der Literatur ist umstritten, ob Vertrauen und Misstrauen als zwei Pole einer gemeinsamen Dimension oder als unabhängige Konstrukte zu verstehen sind. Der vorliegende Beitrag folgt der häufig gewählten Perspektive, beide als Endpunkte eines Kontinuums zu betrachten.

Vertrauen – mühsam aufgebaut, schnell erschüttert. Ein zentrales Fundament der Demokratie, aber kein Selbstläufer. Foto: Alex Shute, Unsplash (https://unsplash.com/photos/a-wooden-block-that-says-trust-surrounded-by-blue-flowers-bGOemOApXo4; https://unsplash.com/de/lizenz)

Ein zentrales Merkmal von Vertrauen ist sein relationaler Charakter: Eine Partei (der/die Vertrauende) setzt Vertrauen in eine andere Partei (der/die Vertrauensempfänger*in), deren Handlungen bedeutsame Konsequenzen für die vertrauende Person haben können. Wichtig dabei ist, dass Vertrauensempfänger*innen nicht auf Einzelpersonen beschränkt sind; auch Organisationen und Institutionen können diese Rolle einnehmen. Vertrauen findet also nicht nur auf zwischenmenschlicher, sondern auch auf institutioneller Ebene statt. Obwohl sich institutionelles Vertrauen in wesentlichen Punkten vom zwischenmenschlichen Vertrauen unterscheidet, ist es maßgeblich durch die wahrgenommene Vertrauenswürdigkeit einzelner Vertreter*innen innerhalb dieser Institutionen geprägt (vgl. Latusek/Cook 2025). Vertrauen in Institutionen hängt somit nicht nur von der strukturellen Ausgestaltung der Institutionen ab, sondern auch vom Auftreten ihrer Repräsentant*innen, denen dadurch eine nicht zu unterschätzende Verantwortung zuteilwird.

Wer politischen Institutionen vertraut, schreibt ihnen Integrität, Fairness und Leistungsfähigkeit zu. Wer misstraut, unterstellt eher Intransparenz, Selbstinteresse oder Inkompetenz.

Werfen wir den Blick auf politisches Vertrauen – dem Fokus dieses Beitrags. Politisches Vertrauen stellt eine spezifische Form des institutionellen Vertrauens dar, das sich auf politische Akteur*innen wie Politiker*innen, Parlamente, Regierungen und politische Parteien bezieht. Politisches Vertrauen beschreibt die Überzeugung, dass diese Akteur*innen im Sinne des Gemeinwohls handeln, kompetent und fair agieren und sich an geltende Regeln und Gesetze halten (vgl. Zmerli 2014). Wer politischen Institutionen vertraut, schreibt ihnen Integrität, Fairness und Leistungsfähigkeit zu. Wer misstraut, unterstellt eher Intransparenz, Selbstinteresse oder Inkompetenz. Misstrauen ist dabei nicht grundsätzlich negativ – ein gewisses Maß an Skepsis ist durchaus Teil demokratischer Wachsamkeit. Problematisch wird es jedoch, wenn Misstrauen zur Grundhaltung wird, sich pauschal gegen „die Politik“ richtet und demokratische Verfahren grundsätzlich infrage stellt. Aber wie kommt es dazu? Was führt dazu, dass politisches Vertrauen schwindet – und welche gesellschaftlichen Folgen hat das ganz konkret?

Vom Vertrauensverlust zur Systemverdrossenheit – wie Misstrauen Gesellschaften verändert

Obwohl die Tendenz zu vertrauen in bestimmten Persönlichkeitsmerkmalen verankert ist (vgl. Thielmann/Hilbig 2015), ist Vertrauen in konkrete Akteur*innen ein in großem Maß dynamisches Phänomen: Es entsteht, wandelt sich – und kann auch verloren gehen. Wichtig dabei ist, dass Vertrauen meist lange braucht, um aufgebaut zu werden – aber sehr schnell verloren gehen kann. Ein einzelnes Ereignis reicht oft aus, um bestehende Vertrauensverhältnisse nachhaltig zu erschüttern.

Vertrauensverlust ist kein bloßes Symptom, sondern ein aktiver, sich selbst verstärkender Prozess – mit weitreichenden Folgen für das demokratische Miteinander.

Ein prägnantes Beispiel für ein solches Ereignis – mit maßgeblichen Konsequenzen für politisches Vertrauen – ist die sogenannte Maskenaffäre während der Corona-Pandemie. Als bekannt wurde, dass mehrere Bundestagsabgeordnete erhebliche Provisionen für die Vermittlung von Maskengeschäften erhielten, entstand der Eindruck, dass sich politische Eliten inmitten der Krise persönlich bereicherten. Die Folge war nicht nur ein Vertrauensverlust in die beteiligten Personen, sondern eine breite Skepsis gegenüber der Politik insgesamt. Laut einer repräsentativen Umfrage des Instituts INSA-Consulere vom März 2021 gaben 58 % der Befragten an, ihr Vertrauen in die politische Klasse sei durch den Skandal erschüttert worden (IDEA 2021). Zudem hatte die Affäre messbare politische Folgen: Einer empirischen Analyse zweier Landtagswahlen im selben Monat zufolge, schadete der Skandal der gesamten CDU/CSU – und führte zu einem Verlust von rund vier Prozentpunkten (vgl. Leininger/Rudolph 2024). Dieser Effekt zeigte sich selbst dort, wo keine direkt an der Affäre beteiligten Abgeordneten kandidierten – ein Hinweis auf eine generalisierte Bestrafung der Partei für das Fehlverhalten Einzelner.

Ereignisse wie dieses sind keine Einzelfälle – und ihre Folgen reichen deutlich über kurzfristige Stimmverluste bei Landtagswahlen hinaus. Spezifische Erfahrungen des Vertrauensbruchs können langfristig in generalisierte Erwartungen über die Vertrauenswürdigkeit anderer im Allgemeinen münden (vgl. Glanville/Paxton 2007). Gleichermaßen geht politisches Misstrauen häufig mit einem allgemeinen Vertrauensverlust gegenüber anderen gesellschaftlichen Institutionen einher, etwa gegenüber Medien, Justiz oder Wissenschaft (vgl. Levi/Stoker 2000). Viele Menschen entwickeln in diesem Kontext ein generalisiertes institutionelles Misstrauen, das nicht mehr zwischen verschiedenen Institutionen unterscheidet, sondern sie pauschal als Teil eines „Systems“ begreift, dem nicht zu trauen ist. Diese Form des Misstrauens bildet den Nährboden für weitreichende Demokratieablehnung, etwa in Form von Verschwörungsglauben oder populistischen Weltanschauungen.

„Scamdemic“ statt Vertrauen – die Corona-Krise hinterließ nicht nur gesundheitliche, sondern auch demokratische Spuren. Foto: theblowup, Unsplash (https://unsplash.com/photos/text-IY_6_WfTdTs; https://unsplash.com/de/lizenz)

Verschwörungsglaube und populistische Einstellungen teilen ein grundlegendes Narrativ: Die Gesellschaft ist gespalten in „das Volk“ und eine abgehobene, korrupte Elite, die im Geheimen eigene Interessen verfolgt. Verschwörungstheoretische wie auch populistische Erzählungen bieten einfache Antworten auf komplexe gesellschaftliche Probleme – und sprechen besonders jene an, die das Vertrauen in etablierte Strukturen verloren haben. Die empirische Forschung konnte zeigen, dass Verschwörungsglaube und populistische Einstellungen eng mit Misstrauen gegenüber politischen Institutionen, dem gesellschaftlichen System und anderen Menschen im Allgemeinen verknüpft sind (z. B. Christner 2022; Thielmann/Hilbig 2023). Wer seine Mitmenschen und politische Institutionen für korrupt und eigennützig hält, ist besonders empfänglich für Narrative, die genau das bestätigen – sei es durch die Vorstellung geheimer Machenschaften oder durch die Rede von „denen da oben“. Dieser sogenannte confirmation bias – die Tendenz, Informationen so auszuwählen und zu interpretieren, dass sie bestehende Überzeugungen bestätigen (vgl. Nickerson 1998) – trägt somit dazu bei, auf Misstrauen basierte Weltbilder zu stabilisieren.

Dass Verschwörungsglaube und populistische Einstellungen längst keine Randphänomene mehr sind, zeigt die aktuelle Mitte-Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung (Zick et al. 2023): 38 % der Befragten äußerten verschwörungsgläubige, 33 % populistische und 29 % völkisch-autoritäre Einstellungen. Der Anteil potenziell demokratiegefährdender Positionen ist damit im Vergleich zur Corona-Zeit deutlich gestiegen. Besonders auffällig sind die Entwicklungen bei konkreten Zustimmungswerten: 32 % der Befragten stimmten der Aussage zu, dass „die Medien und die Politik unter einer Decke stecken“ – gegenüber 24 % im Jahr 2020/21. Knapp ein Drittel gab zudem an, „die regierenden Parteien betrügen das Volk“ – fast doppelt so viele wie zwei Jahre zuvor. Und ein Fünftel der Befragten vertrat die Ansicht, dass Deutschland eher einer Diktatur als einer Demokratie gleiche.

Paradoxerweise gewinnen in einem solchen Klima des allgemeinen Misstrauens häufig gerade jene Akteur*innen an Vertrauen, die sich selbst kaum durch besondere Wahrhaftigkeit auszeichnen. Populistische Akteur*innen erscheinen dabei nicht trotz, sondern gerade wegen ihrer fundamentalen Systemkritik glaubwürdig. Durch die Inszenierung als „Stimme des Volkes“ erzeugen sie emotionale Nähe und Zugehörigkeit – und bieten scheinbare Orientierung in einem als überkomplex und ungerecht empfundenen politischen System. Sie geben höchst erfolgreich jene einfachen Antworten, die komplexen Problemen nicht gerecht werden. Ein eindrückliches Beispiel liefert Donald Trump: Schätzungen zufolge ließ er während seiner ersten Amtszeit über 30.000 falsche oder irreführende Aussagen verlauten (vgl. Kessler et al. 2021). Dennoch wird er von vielen seiner Anhänger*innen als authentisch wahrgenommen – als jemand, der „die Dinge beim Namen nennt“ und angeblich unbequeme Wahrheiten ausspricht.

Es braucht pädagogische Räume, in denen über Vertrauen, Misstrauen und deren Voraussetzungen offen gesprochen werden kann – ohne Misstrauen vorschnell zu pathologisieren oder abzuwerten.

Diese Dynamiken machen deutlich: Vertrauensverlust ist kein bloßes Symptom, sondern ein aktiver, sich selbst verstärkender Prozess – mit weitreichenden Folgen für das demokratische Miteinander. Für die politische Bildung bedeutet das, Vertrauen nicht nur als abstraktes Ziel zu formulieren, sondern als Lerngegenstand ernst zu nehmen. Es braucht pädagogische Räume, in denen über Vertrauen, Misstrauen und deren Voraussetzungen offen gesprochen werden kann – ohne Misstrauen vorschnell zu pathologisieren oder abzuwerten. Denn nicht jedes Misstrauen ist irrational. Doch wenn Misstrauen unhinterfragt bleibt und übergeneralisiert, kann es demokratiefeindliche Narrative bestärken und so die Legitimität demokratischer Institutionen untergraben. Gerade deshalb müssen solche Bildungsräume ideologisch offen gestaltet sein. Einseitige Deutungsmuster – gleich welcher Richtung – untergraben die Glaubwürdigkeit politischer Bildung und erzeugen neues Misstrauen. Vertrauen entsteht dort, wo unterschiedliche Perspektiven im Rahmen demokratischer Grundwerte ernsthaft gehört und ausgehandelt werden. Wie also kann politische Bildung dazu beitragen, Vertrauen zu stärken, ohne berechtigte Kritik zu unterdrücken?

Vertrauen (wieder)herstellen – Impulse aus der Vertrauensforschung

Vertrauen lässt sich nicht erzwingen – aber unter bestimmten Voraussetzungen kann es wachsen. Bachmann et al. (2015) identifizieren sechs Schlüsselmechanismen zur Wiederherstellung von Vertrauen in institutionellen Kontexten, die auch für demokratische Politik relevant sind:

  1. Sinnstiftung meint das gemeinsame Verstehen der Ursachen eines Vertrauensbruchs und das Benennen von Verantwortung. In politischen Kontexten kann dies durch transparente Untersuchungen oder öffentliche Anhörungen geschehen. Untersuchungen zeigen, dass solche Prozesse das Vertrauen in Institutionen stärken können – etwa nach der Finanzkrise 2008 (vgl. Mueller et al. 2015). Allerdings sind derartige Bemühungen nicht in jedem Fall wirksam: Wird durch eine Untersuchung deutlich, dass das Fehlverhalten schwerwiegender war als zunächst angenommen, kann das Vertrauen weiter beschädigt werden. Entscheidend ist zudem, dass Aufarbeitungsprozesse von unabhängigen, glaubwürdigen Dritten durchgeführt werden – andernfalls droht ein zusätzlicher Vertrauensverlust.
  2. Ein relationaler Ansatz setzt auf die Wiederherstellung emotionaler Bindung – durch symbolische Gesten, Entschuldigungen, Rücktritte oder rechtliche Konsequenzen. Solche Maßnahmen können das Gerechtigkeitsempfinden der Öffentlichkeit stärken. Dass sie zunehmend seltener werden – etwa in Form politischer Rücktritte (vgl. Philipp 2007) – wirft Fragen nach der Bereitschaft zur Verantwortung und damit nach der Vertrauenswürdigkeit politischer Akteur*innen auf. So blieben etwa in prominenten Fällen wie dem Cum-Ex-Skandal (Olaf Scholz) oder der Maskenaffäre (Jens Spahn) personelle Konsequenzen weitgehend aus.
  3. Regulierung und formelle Kontrolle zielen darauf, institutionelle Rahmenbedingungen so zu stärken, dass zukünftige Regelverstöße unwahrscheinlicher werden. Dazu zählen Maßnahmen zur Korruptionsbekämpfung, zur Stärkung unabhängiger Aufsichtsgremien oder zur besseren Ressourcenausstattung von Kontrollinstanzen. Sie signalisieren, dass politisches Handeln nicht im rechtsfreien Raum stattfindet.
  4. Zentral ist auch die Pflege einer ethischen Kultur, die von Akteur*innen glaubwürdig vorgelebt und durch informelle Normen gestützt wird. Forschung zeigt, dass sichtbare Integrität und konsequente Normorientierung das politische Vertrauen stärken können (vgl. Faulkner et al. 2015; Martin et al. 2020). Dies setzt allerdings voraus, dass auch die Medien sich nicht nur auf Skandale fokussieren, sondern vertrauenswürdiges Verhalten sichtbar machen.
  5. Transparenz und Verantwortungsübernahme fördern Vertrauen, wenn relevante Informationen offen kommuniziert und nachvollziehbare Erklärungen für Entscheidungen gegeben werden. Auch der Umgang mit Fehlern spielt eine Rolle: Studien zeigen, dass offene, ehrliche Kommunikation – etwa durch Teilversprechen oder erklärende Eingeständnisse – das Vertrauen stabilisieren kann (vgl. Weinberg 2024).
  6. Vertrauensübertragung meint, dass Glaubwürdigkeit durch Zusammenarbeit mit vertrauenswürdigen Dritten gestärkt werden kann. Hierfür kommen z. B. Vertreter*innen der Zivilgesellschaft, unabhängige Expert*innen oder überparteiliche Institutionen infrage. Entscheidend ist, dass diese Akteur*innen von der Öffentlichkeit als legitim und unabhängig wahrgenommen werden – nur dann kann sich Vertrauen auf andere Kontexte übertragen.

Worin liegen also die Ableitungen für die politische Bildung im außerschulischen Raum? Zunächst: Sie kann keine Garantie für Vertrauen geben, aber sie kann Erfahrungsräume schaffen, in denen Vertrauen entstehen kann. Das Besondere an der außerschulischen Bildung ist dabei ihr freiwilliger, dialogischer und oft biografieorientierter Charakter: Teilnehmende bringen ihre eigenen Perspektiven und Erfahrungen ein, wählen Themen mit aus, erleben sich als handlungsfähig – und begegnen Pädagog*innen nicht in einer bewertenden Rolle, sondern auf Augenhöhe. Vertrauensfördernde politische Bildung beginnt also nicht bei der Frage: „Wie überzeuge ich die Teilnehmenden von der Demokratie?“, sondern bei der Frage: „Wie gestalte ich Prozesse so, dass demokratisches Miteinander möglich und erlebbar wird?“ Dazu gehört zum Beispiel, Transparenz über Ziele und Rollen herzustellen, biografische Erfahrungen als Wissensquelle zu würdigen und Aushandlung zuzulassen, wo Positionen aufeinandertreffen. Politische Bildung wirkt dort besonders glaubwürdig, wo sie nicht belehrt, sondern einlädt – zum Denken, zum Widerspruch, zur Selbstverortung. Gerade im Kontext verbreiteten Misstrauens kann sie so eine Gegen-Erfahrung bieten: Die Erfahrung, gehört, ernst genommen und zur Mitgestaltung ermutigt zu werden.

Wenn Politik leichtfertig mit dem Vertrauen der Bürger*innen umgeht, gewinnen alternative Wahrheiten an Macht. Foto: Brian Wertheim, Unsplash (https://unsplash.com/photos/if-you-repeat-a-lie-often-enough-it-becomes-truth-printed-wall-taken-at-daytime-AX6mFEv6mpY; https://unsplash.com/de/lizenz)

Gleichzeitig gilt es, die Grenzen politischer Bildung realistisch zu benennen. Politisches Vertrauen hängt eng mit sozialen und wirtschaftlichen Voraussetzungen zusammen. Forschung zeigt, dass wachsende Ungleichheit – insbesondere in Krisenzeiten – das Vertrauen in politische Institutionen untergräbt (vgl. Algan et al. 2017). Wo Menschen strukturell benachteiligt und politisch nicht repräsentiert werden, kann Bildung allein kein Vertrauen stiften. Maßnahmen zur Verringerung wirtschaftlicher und sozialer Ungleichheiten – etwa durch sozial gerechte Steuerpolitik, faire Bildungschancen oder eine partizipative Verwaltungspraxis – sind daher ebenso essenziell wie politische Bildungsarbeit, um die Anschlussfähigkeit demokratischer Institutionen zu erhöhen und Demokratieverdruss entgegenzuwirken. Und nicht zuletzt braucht es politische Akteur*innen, die selbst vertrauenswürdig handeln.

Fazit

Vertrauen ist keine Zierde der Demokratie – es ist ihr Fundament. Ohne Vertrauen werden Regeln, Verfahren und Institutionen in ihrer Legitimation destabilisiert; mit Vertrauen wird demokratisches Handeln möglich, auch in Konflikt und Unsicherheit. In einer Zeit, in der Misstrauen lauter wird und vereinfachende Erzählungen an Boden gewinnen, braucht es Orte, an denen Vertrauen wachsen kann. Bildungsstätten sind solche Orte. Politische Bildung kann dabei sicher keine Vertrauenskrisen lösen – aber sie kann sie verständlich machen. Sie kann Räume öffnen, in denen nicht nur über Demokratie gesprochen, sondern Demokratie erlebt, hinterfragt und mitgestaltet wird. Vertrauen entsteht dort, wo Menschen das Gefühl haben, gesehen, gehört und ernst genommen zu werden.

Doch Vertrauen ist nicht nur eine pädagogische Aufgabe – es ist auch eine politische Verantwortung. Wer sich zur Wahl stellt, erhält nicht bloß Stimmen, sondern Vertrauen. Politische Akteur*innen sollten sich bewusst sein, dass dieses Vertrauen verletzlich ist – und dass sein Verlust weitreichende, oft langanhaltende Folgen haben kann. Wer es verspielt, untergräbt nicht nur die eigene Glaubwürdigkeit, sondern beschädigt die demokratische Kultur insgesamt. Demokratie lebt vom Vertrauen – oder, wie Frank-Walter Steinmeier es formulierte: „Nur mit Vertrauen kann Demokratie gelingen.“

Zur Autorin

Dr. Isabel Thielmann ist Psychologin und leitet am Max-Planck-Institut zur Erforschung von Kriminalität, Sicherheit und Recht in Freiburg eine unabhängige Forschungsgruppe. Ihre Arbeit bewegt sich an der Schnittstelle von Persönlichkeitspsychologie, sozialem Verhalten und normativen Fragen – mit einem besonderen Fokus auf Ehrlichkeit, prosozialem Verhalten und moralischen Entscheidungsprozessen. Im Zentrum ihrer Forschung steht die Frage, warum sich Menschen in ihrem moralischen Verhalten unterscheiden – und wie sich die Bereitschaft zu ehrlichem, fairem oder hilfsbereitem Handeln fördern lässt. Nach ihrer Promotion zum Thema Vertrauen an der Universität Mannheim war sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin und Dozentin im Bereich der kognitiven Psychologie an der Universität Koblenz-Landau tätig.
i.thielmann@csl.mpg.de

Literatur

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