Außerschulische Bildung 2/2026

Norbert Reichling: „Umbau des ganzen Lebens“

Der Bund. Gemeinschaft für sozialistisches Leben – Kulturrevolution und Politik in einem Langzeitexperiment

Berlin 2025
Metropol Verlag, 357 Seiten
 von Ulrich Klemm

Der Titel dieser Studie bringt mit wenigen Worten ein politisches Gemeinschaftsprojekt auf den Punkt, das in dem langen Zeitraum von den 1920er bis 1980er Jahren in Deutschland bestand und exemplarisch eine Miniatur deutscher Kultur- und Politikgeschichte repräsentiert. Diese Gemeinschaft – sie bestand aus maximal 200 Mitgliedern –, die sich „Der Bund“ – Gemeinschaft für sozialistisches Leben nannte, regional in Essen und im Ruhrgebiet angesiedelt war, steht für ein Lebensgefühl und eine Haltung, die sich an vielen Stellen in den 1920er und 1930er Jahren wiederfand. Es handelt sich um ein (bildungs-)politisches Experiment im Kontext der Arbeiter- und Jugendbewegung. Reichling spricht von einem „selbstgewählten Soziotop“ (S. 309).

Die Wiederentdeckung dieser sozialistischen Gemeinschaft begann in den 1980er Jahren und findet mit der Studie von Reichling ein vorläufiges Ende. Die Recherchen dazu fingen im Frühjahr 1988 an, als sich der Autor mit ehemaligen Mitgliedern in einem Altersheim traf.

Diese Gemeinschaft ist nur schwer einzuordnen. Sie ist, so Reichling, weder eine Bildungseinrichtung noch eine proletarische Kulturorganisation, kein klassischer Arbeiterverein und auch kein sozialutopisches Experiment – „aber von alldem etwas“ (S. 15). Der Autor beschreibt diese Gruppe als einen politisch-pädagogischen Langzeitversuch und als eine „Ausnahmeerscheinung“ (S. 16).

Die Analyse ist chronologisch aufgebaut und beginnt mit dem vielschichtigen Gründungszeitraum 1923–1924 als „Freier proletarischer Bund für Erziehung“, der sich ideologisch zwischen Volkshochschulbewegung, Jugend-, Arbeiter- und Lebensreformbewegung bewegt. Es folgen die Biografien der beiden zentralen Gründungspersonen, den Pädagog*innen Artur (1880–1968) und Dore (1894–1979) Jacobs. Der Bildungsaspekt hat von Beginn an eine große Bedeutung und konzentrierte sich auch auf die Körperbildung mit einer eigenen Bewegungslehre. Dazu wird 1927 eine „Bundesschule für Körperbildung und rhythmische Erziehung“ mit einem eigenen Schulgebäude, dem „Blockhaus“, gegründet. Ein weiteres umfangreiches Kapitel ist der Erwachsenenbildung mit der proletarisch-sozialistischen Gruppe in der VHS Essen gewidmet. Mit dem Begriff und der Struktur des „Bundes“ sowie mit dem sozialistischen Selbstverständnis befasst sich ein Kapitel und dokumentiert das gesellschaftskritische und lebensreformerische Potenzial der Gemeinschaft. Die Auseinandersetzung mit einer Veränderung der Geschlechterverhältnisse und der Gleichstellung von Mann und Frau waren weitere wichtige Themen für die Gruppe und machte sie insbesondere für Frauen interessant. Zwei Kapitel dokumentieren die Nazi-Zeit 1933–1945, in der vom Bund einerseits ein offener Widerstand vermieden wurde, und andererseits neue illegale Strukturen aufgebaut wurden, die auch dem Schutz der jüdischen Mitglieder dienten. Erstaunlich ist die Feststellung, dass alle in Deutschland gebliebenen Bund-Mitglieder die Nazi-Zeit mehr oder weniger ohne Gefährdung des Lebens überlebt haben, trotz Polizeibewachung, Denunziation, Berufsverbote, Gestapo-Verhöre und Verhaftungen. Die Gemeinschaft verstand es geschickt, durch Tarnung und Täuschung, ihre Strukturen zu verbergen und gleichzeitig aufrechtzuerhalten. Dieser „konspirativer Zusammenhalt“ (S. 215) rettete die Gemeinschaft und führte zu einer besonderen Form des zivilen Widerstands im Nationalsozialismus. Nach 1945 wurden die ehemaligen Gewissheiten auf den Prüfstand gestellt und man suchte nach neuen Konzepten und Orientierungen. Es bestand eine große Unsicherheit, wie der Bund in der neuen Zeit fortgeführt werden sollte. Sehr schnell wurde die außerschulische Bildungsarbeit wieder zu einem Schwerpunkt. Der bereits in der Vorkriegszeit gegründete „Volkshochschulkreis Bund“ wurde ab den 1950er Jahren öffentlich gefördert und die „Bundesschule“ entwickelte sich zu einer staatlich anerkannten Berufsfachschule. Seit 2000 trägt die Schule den Namen „Dore-Jacobs-Berufskolleg“ zur Ausbildung von Gymnastiklehrer*innen und hat den Status einer „Höheren Berufsfachschule und Berufliches Gymnasium“.

Die Stringenz und Disziplin der sozialistischen Haltung aus der Vorkriegszeit wurde nach 1945 versucht aufrechtzuerhalten, verlor aber zunehmend an Anschlussfähigkeit an die neuen gesellschaftlichen Verhältnisse in der Bundesrepublik Deutschland. Neue Themen in den 1970er Jahren wie der Vietnamkrieg, der Jugendprotest und die antiautoritäre Erziehung wurden aufgegriffen. 2004 wird dem Bund mit der Aufnahme von 13 Mitgliedern in die Liste der „Gerechten unter den Völkern“ in Yad Vashem eine große Ehre zuteil, die die historische Bedeutung und das Vermächtnis der Gemeinschaft verdeutlicht.

Reichling betont immer wieder die besondere Gruppendynamik des Bundes, die er als ein „striktes Regelwerk von (informeller) Hierarchie und Gruppengehorsam“ (S. 299) definiert und wesentlich zum Überleben der Gruppe, auch in schwierigen Zeiten, beitrug.

Die Gleichzeitigkeit von entschiedenem linkem Denken und Bürgerlichkeit zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte des Bundes. Reichling rekonstruiert einen an Kant und den Neukantianismus angelehnten Sozialismus. Er beschreibt die Politik des Bundes als einen Dritten (ethisch-kantianischen) Weg zum Sozialismus und als eine „andragogische Lebensgemeinschaft“ (S. 302). Es wird deutlich, dass in dieser Gemeinschaft der Sozialismus nicht nur eine Sache von Programmen und Manifesten war, sondern vor allem eine Angelegenheit der persönlichen Lebensführung.

Methodisch ist die Studie interessant, weil sie einer Kombination von Institutionen-, Personen- und Sozialgeschichte folgt. Die sozialbiografische Perspektive nimmt dabei einen besonderen Raum ein und erklärt sich sehr gut mit Reichlings umfangreicher Quellenanalyse, die neben dem Schrifttum, persönlichen Zeugnissen, grauer Literatur vor allem zahlreiche biografische Interviews mit Mitgliedern nutzt. Wissenschaftlich und publizistisch bietet die Studie einen differenzierten Apparat mit Fußnoten, Quellenverzeichnis, Zeittafel, Bildnachweis und einem Personenregister – und leider auch einen Nachruf von Heidi Behrens und Paul Ciupke zu Norbert Reichling, der am 15. September 2024 im Alter von 71 Jahren verstarb – völlig überraschend und ohne das fertige Buch in den Händen halten zu können.

Die Gefahr, die der Autor selbstkritisch sah, eine „unkritische Chronik“ (S. 29) verfasst zu haben, kann eindeutig nach der Lektüre nicht bestätigt werden. Im Gegenteil, ihm ist es gelungen, aus einer empathischen Distanz – oder vielleicht auch einer distanzierten Empathie – heraus ein überzeugendes, aber auch kritisches Porträt einer politischen Gemeinschaft rekonstruiert zu haben, die an der Schnittstelle von Lebensreformbewegung, Arbeiterbewegung, Erwachsenenbildung und Antifaschismus über Jahrzehnte hinweg bestand und heute zu einer klammheimlichen Bewunderung führt.

Ulrich Klemm ist promovierter Diplom-Pädagoge, Honorarprofessor für Erwachsenenbildung an der Universität Augsburg und seit 40 Jahren in Forschung, Lehre und Praxis in der außerschulischen Bildung tätig.