Deutschland und die Ukraine seit dem 19. Jahrhundert
C.H. Beck, 287 Seiten
Der Münchner Osteuropahistoriker referiert faktenreich und bestens belegt die Sichtweisen deutscher Politik in den vergangenen 150 Jahren auf die Ukraine. Fatal ist die Fixierung auf Russland. Die Ukraine hingegen spielte immer nur dann eine Rolle, wenn sich ukrainische Politiker*innen und Intellektuelle für deutsche Zwecke vereinnahmen ließen.
Martin Schulze Wessel verfolgt die Geschichte der deutschen Ignoranz gegenüber der Ukraine in sechs chronologisch angeordneten Kapiteln. Er beginnt mit dem Zarenreich, fährt fort mit der Zwischenkriegszeit, dem Zweiten Weltkrieg, den Jahren des Kalten Krieges, der Zeit nach 1989 und schließlich der Zeit nach 2013. Im Schlusskapitel verweist er auf die „selektive Auseinandersetzung mit den NS-Verbrechen“ (S. 233), die nur Russland als Opfer der Nazis gesehen habe: „Die Ukraine wurde in beiden deutschen Staaten ideologisiert“ (S. 234), aus unterschiedlichen Gründen, mit unterschiedlichen Botschaften, aber mit demselben Ergebnis. Mehrere Karten illustrieren die Diagnosen der einzelnen Kapitel.
Martin Schulze Wessel dokumentiert die Hilflosigkeit ukrainischer Intellektueller, die in ihrer Not sich mehrfach die falschen Bündnispartner suchten, beispielsweise Doncov oder Bandera, deren Fehlgriffe heute noch von der russischen Propaganda genutzt werden, um alle Politiker*innen der Ukraine pauschal als Nazis zu brandmarken. Zur Geschichte der Ukraine gehört auch die Tatsache, dass im Zweiten Weltkrieg 1,5 von 2,7 Millionen ukrainischen Juden von Wehrmacht und Einsatzgruppen ermordet wurden und dass es in der Ukraine antisemitische Pogrome gab, beispielsweise in der kurzen Zeit der ukrainischen Staatlichkeit nach dem Ersten Weltkrieg. Stalin und Hitler setzten gleichermaßen auf Hunger als Waffe, um die ukrainische Bevölkerung zu dezimieren und zu beherrschen.
Ein Trauma, das nicht nur in der Ukraine von Bedeutung ist, ist der sogenannte Hitler-Stalin-Pakt vom 23. August 1939, nach dem Hitler am 1. September sowie Stalin am 17. September Polen überfielen. Die heutigen Grenzen zwischen den EU und NATO angehörigen Staaten und der Russischen Föderation, der Ukraine und Belarus entsprechen mit Ausnahme der baltischen Staaten nach wie vor den Grenzen der sogenannten Molotow-Ribbentrop-Linie. Die deutsche Wehrmacht wütete vor allem in der Ukraine und in Belarus, dort lagen die „Bloodlands“, die Timothy Snyder beschrieb.
Gibt es Aufarbeitung? „Erst nach dem umfassenden russischen Angriff auf die Ukraine sprach Bundeskanzler Olaf Scholz im August 2024 eine einfache Wahrheit aus: dass die Opfer, die die Ukraine während der Zweiten Weltkriegs gebracht habe, Deutschland eine besondere Verantwortung im gegenwärtigen Krieg zuwiesen.“ (S. 234) Im deutschen Geschichtsunterricht und den Medien spielt diese Verantwortung nicht die Rolle, die sie spielen müsste. Dies liegt nicht zuletzt an dem Fehlverhalten und den Fehleinschätzungen der verschiedenen Bundesregierungen, ungeachtet der Parteien, die sie trugen.
Höchst treffend beschreibt Martin Schulze Wessel den fatalen Einfluss des Bestsellers „Die Schlafwandler“ von Christopher Clark auf Angela Merkel. (S. 215 f.) Dieses Buch bekräftigte nach dem Beginn des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine im Sommer 2014 eine Politik der „Deeskalation“. Verhindert werden sollte ein weiteres Hineinschlittern in einen Krieg wie im Jahr 1914. Nur Wolfgang Schäuble warnte und „zog im März 2014 vor Schülern eine Parallele zwischen der Annexion der Krim durch Russland und dem Vorgehen des Nazi-Regimes 1938“ (S. 217), dem es gelang, mit dem Münchner Abkommen Großbritannien und Frankreich zu bewegen, ihm Teile der damaligen Tschechoslowakei zuzusprechen. Mit den bekannten Folgen. Schulze Wessel begründet, dass 1938 wie 2014 ein „Containment“ die bessere Strategie gewesen wäre. Aber auch heute noch argumentieren westliche Politiker*innen, sie könnten bei Erfüllung bestimmter Forderungen Putins weitere Aggressionen verhindern.
Martin Schulze Wessel kommentierte am 10. November 2025 (online) in einem Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung sein Buch. Auch Putin müsste eigentlich merken, welchen Fehleinschätzungen er erlegen ist: „Diese Ukraine heute ist politisch geeinter, als sie es bei ihrer Entstehung war. Und eine völlig andere, als sie in sowjetischer Zeit war.“ Sein Geschichtsbild sei aber offenbar zu fest gefügt, um dieser Einsicht Taten folgen zu lassen. Daher sei es erforderlich, „die Ukraine finanziell und durch Waffenlieferungen so zu unterstützen, dass sie Russlands Vormarsch stoppen kann.“ Nur wenn Putin eines Tages merken sollte, dass er mehr verliert als gewinnt, sei eine Lösung absehbar.
Die in „Die übersehene Nation“ faktenreich beschriebene Geschichte legt diesen Schluss zumindest nahe. Last not least: Die Erkenntnisse des Buches lassen sich mühelos auf die deutsche Sicht auf andere Staaten des ehemaligen Sowjetimperiums und des sogenannten Ostblocks übertragen, nicht zuletzt Polen und die drei baltischen Republiken. Wir sollten genau zuhören, was diese zu sagen haben.