Demokratie in Aktion
Demokratie lebt vom Dialog! Gleichzeitig nehmen digitale Medien eine immer bedeutendere Rolle bei der Gestaltung dieses Dialoges ein und stellen Demokratien vor Herausforderungen (vgl. Lorenz-Spreen et al. 2023). Vor diesem Hintergrund soll dieser Praxisbeitrag Gemeinsamkeiten von Medien- und Demokratiekompetenz hervorheben und einige wichtige Lernziele für die politische Bildung herausarbeiten. Darauf aufbauend erfolgt die Einführung in die Methode „Democracy Machine!“ (basierend auf dem Exponat von Scarborough/Robertson 2015/2018), welche sich in vier Modulen mit den Themen (1) demokratische Diskussionskultur, (2) digitale Diskussionskultur, (3) Informations- sowie (4) Desinformationsstrategien beschäftigt. Die vorgestellten Module können im Umfang variiert werden. Dadurch entstehen Praxiseinheiten, die von 15-minütigen Kurzimpulsen bis zu 90-minütigen Seminareinheiten reichen.
Schnittbereiche zwischen politischer Bildung und Medienbildung
Wie müssen Kinder und Jugendliche vorbereitet werden, damit diese selbstbestimmt an gesellschaftlichen Prozessen teilhaben können? Zu dieser Frage veröffentlichte der Europäische Rat ein Demokratiekompetenzmodell, welches verschiedene Anforderungsprofile (Werte, Haltungen, Fähigkeiten, Wissen und Kritisches Denken) umfasst und als Leitlinie für Bildungsangebote dienen soll (vgl. Europarat 2023). Ebenso werden im Hinblick auf Medienkompetenz verschiedene Anforderungen formuliert (Medienkunde, -nutzung, -gestaltung und -kritik, vgl. Baacke 2024) die darauf abzielen einen selbstbestimmten und kritischen Umgang mit Medien zu fördern. In neueren Konzeptionen von Medienkompetenz (vgl. Digitales Deutschland 2021) sind diese Fähigkeiten zunehmend kleinteiliger differenziert oder werden parallel als eigenständige Konstrukte (bspw. AI Literacy, vgl. Long/Magerko 2020) diskutiert. Vorhandene Konzepte überlappen einerseits und werden andererseits schnell unübersichtlich. Ein erstes Ziel war es daher, zu vereinfachen und dabei Gemeinsamkeiten und geteilte Lernziele von Demokratie- und Medienkompetenz herauszuarbeiten (siehe Abbildung 1).

Methode
Die „Democracy Machine!“ basiert auf dem gleichnamigen Kunstprojekt, welches im Zentrum für Kunst und Medien (ZKM) in Karlsruhe für Besucher*innen zugänglich ist. Im Austausch mit dem Künstler Adam J. Scarborough wurde die „Democracy Machine!“ nachgebaut und didaktisch aufbereitet.
Kern der medienpädagogischen Methode ist es, mit den Teilnehmer*innen einen gemeinsamen Dialog über aktuelle gesellschaftliche Fragen zu führen und diesen zu visualisieren. Als Fragenpool wurden die jugendpolitischen Forderungen des Bayerischen Jugendrings, die Fragen des Wahl-O-Mats zu Bundestagswahl und Europawahlen sowie eine pädagogische Fragensammlung zusammengestellt. Diese reichen von Einstiegsfragen (bspw. „Darf Ananas auf die Pizza?“) bis zu komplexen, gesellschaftlichen Fragestellungen (bspw. „Der Ausbau erneuerbarer Energien soll weiterhin vom Staat finanziell gefördert werden.“). Um die „Democracy Machine!“ an spezifische Gruppen anzupassen, können auch eigene Fragen hinzugefügt werden.
Die „Democracy Machine!“ selbst ist eine kostenlose Software, die an die Funktion und Optik eines Videospiels erinnert und so den Diskussionen einen spielerischen Charakter gibt. In Absprache mit dem Künstler und den Entwickler*innen wird das Tool Ende 2029 komplett als Open Source Software zur Verfügung stehen. Für den deutschsprachigen Raum kann bis dahin eine kostenlose Lizenz samt technischer Einführung beim Medienzentrum Parabol beantragt werden. Zum Abstimmen der Fragen können die Tastatur, externe Controller oder Buttons genutzt werden. Für einen Einsatz ohne technische Hilfsmittel können beispielsweise Stimmkarten gebastelt und die Ergebnisse analog visualisiert werden. Alle vier Module (ca. 90 Minuten pro Modul) bauen auf diesem Werkzeug auf und setzen weitere Schwerpunkte:
Wer heute demokratisch handeln will, muss Diskurse verstehen und an ihnen teilhaben, Informationen prüfen und digitale Dynamiken reflektieren.
Modul 1 – Demokratische Diskussionskultur: Neben ersten ad-hoc Diskussionen wird anhand der Redebeiträge analysiert, was ein Konsens ist und in welchen Situationen ein Kompromiss ausgehandelt werden muss. Im Dialog wird mit den Jugendlichen erörtert, welche Parallelen zwischen der Kompromissfindung in der „Democracy Machine!“ und politischen Aushandlungsprozessen bestehen. Je nach zeitlichem Rahmen können ad-hoc Diskussionen mit einer in Gruppenarbeit vorbereiteten Diskussion verglichen werden. In diesem Zusammenhang bietet es sich an, auf Regeln zu verweisen (bspw. „begründen Sie Ihren Standpunkt“ oder „wechseln Sie die Perspektive“), um zu zeigen, wie respektvolle Debatten gestaltet werden können (vgl. bpb 2019). Am Ende des Moduls können die Teilnehmenden Diskussionsregeln anwenden, unterschiedliche Perspektiven einnehmen und ihre eigene Rolle in demokratischen Gesprächssituationen reflektieren.

Modul 2 – Digitale Diskussionskultur erweitert die ersten Debattenerfahrungen durch einen Perspektivwechsel. Hierzu sollen die Jugendlichen schildern, wo sie die Unterschiede zwischen einer persönlichen und einer digitalen Diskussion vermuten. Die Ausführungen der Jugendlichen können gut verbalisiert werden und zu verschiedenen Phänomenen im Mediensystem überleiten. Die wesentlichen Gefahren, auf die wir aufmerksam machen, sind Fragmentierung (Echokammern), Flooding (insbesondere Einfluss von Social- und Chatbots) sowie Anonymität (im Kontext von Hassrede). Nach der Diskussion der Gefahren können Hinweise und Vorschläge zu „Counter-Speech“ gesammelt werden (vgl. hateaid 2023). Diese Erläuterungen können anschließend durch die „Democracy Maschine!“ vertieft werden:
- Die Jugendlichen handeln bei einer ad-hoc Diskussion den Konflikt nicht verbal, sondern durch die Nutzung von Textnachrichten aus.
- Die Jugendlichen suchen bei der Vorbereitung einen oder mehrere Beiträge zum Diskussionsthema auf sozialen Netzwerken.
Die Ergebnisse können jeweils als Ausgangspunkt für eine weitere Reflexion des Diskussionsverlaufes dienen. Am Ende des Moduls können die Teilnehmenden demokratiegefährdende Dynamiken in Mediensystemen erkennen und erste konstruktive Gegenstrategien entwickeln.
Modul 3 – Informationsstrategien: Während Modul 2 bereits die Möglichkeit eröffnete, in sozialen Netzwerken zu recherchieren, liefert Modul 3 eine strukturierte Hilfe zur Informationssuche. Im Kern stehen First-Hand- (Was ist wahr?) und Second-Hand-Evaluation (Wem kann man glauben?). Sie ermöglichen, einerseits anhand von Inhalt und andererseits anhand der Quelle die Gültigkeit einer Aussage zu überprüfen (vgl. Bromme 2022). Zur Einübung erhalten die Teilnehmenden Leitfäden, die sie schrittweise durch beide Strategien führen. Für die Diskussion und Kompromissfindung sollte hierbei mehr Zeit gegeben werden, um eine vielschichtige Debatte zu ermöglichen. Zwischenrufe oder Zwischenfragen aus dem Publikum können hier, ähnlich wie bei einer Bundestagsdebatte, erlaubt werden. An dieser Stelle kann besonders der Kontrast zwischen einer Diskussion ohne Vorbereitung und einer, die anhand von Quellen geführt wird, aufgezeigt werden. Am Ende des Moduls können die Teilnehmenden Informationsqualität strukturiert prüfen, um Informationen reflektiert zu bewerten.
Modul 4 – Desinformationsstrategien: Die Teilnehmenden lernen typische Desinformationsstrategien kennen und wenden diese im geschützten Rahmen des „Bad-News-Games“ selbst an (vgl. Roozenbeek/van der Linden 2019). Im Dialog werden anschließend ergänzende Informationen zum Thema Desinformation gegeben und die Gefahren weiter präzisiert. Zur Vertiefung mit Hilfe der „Democracy Machine!“ könnte man:
- als Moderator*in Desinformationen in die Gruppe geben und die Jugendlichen dazu herausfordern, die Redebeiträge zu entkräften.
- ein fiktives Szenario aus Twitter-Posts (https://tweethunter.io/fake-tweet-generator) vorstellen, die mit Desinformationsstrategien arbeiten.
Am Ende des Moduls können die Teilnehmenden Manipulationsmechanismen beschreiben, eigene Vulnerabilitäten besser erkennen und Konsequenzen für demokratische Prozesse benennen.
Die Module sind nicht statisch, sondern flexibel einsetzbar. Sie können verkürzt, komplett oder in Kombination genutzt werden. Zur besseren Nachvollziehbarkeit sind zwei Ablaufvarianten im Folgenden beispielhaft beschrieben.
Hop-On-Hop-Off-Session
Diese Kurzvariante ist für offene Settings konzipiert, in denen mit hoher Fluktuation und wechselnden Kleingruppen agiert wird (z. B. Projekttage oder Tage der offenen Tür). Alle wichtigen Informationen zur Umsetzung sind als Ablaufplan in Tabelle 1 zusammengefasst.

Wenn sich eine Kleingruppe mit ca. 5 oder 6 Personen gefunden hat, beginnt die Einstimmung anhand eines kurzen Videoausschnitts, der eine Bundestagsdebatte zeigt. Anschließend wird dazu übergeleitet, eine eigene Frage zu diskutieren. Das Ergebnis wird nach Ende der kurzen Diskussion reflektiert. Anhand einer Übersicht werden die Begriffe Anonymität, Fragmentierung und Flooding kurz definiert. In einer Blitzlichtrunde können die Teilnehmenden Assoziationen zu den Phänomenen verbalisieren.
Doppelstunde
Diese Variante eignet sich besonders für den Einsatz im Unterricht, Gruppenstunden oder längere Workshoptage. Die Informationen zur Einheit sind als Ablaufplan in Tabelle 2 zusammengefasst.

Zunächst wird die Gruppe mit Hilfe einiger Reflexionsfragen oder eines Votings (bspw. „Ich finde es wichtig, mit anderen über gesellschaftliche Themen zu sprechen“) auf die Einheit eingestimmt. Alternativ können kurze Videoausschnitte einer Bundestagsdebatte als Einstieg herangezogen werden. Anschließend folgt eine Begriffsklärung, bei der die Teilnehmenden Gedanken zu Unterschieden zwischen Konsens und Kompromiss formulieren. Diese Vorbereitung wird durch eine große Diskussionsrunde mit vielen Diskussionsfragen oder durch mehrere kleinen Diskussionsrunden mit wechselnden Teilnehmenden und wenigen Fragen vertieft. Hierbei wird praktisch erlebbar, wie Meinungsverschiedenheiten geäußert und beigelegt werden können. Zusätzlich können Wandplakate zur Diskussionskultur den Verlauf der Debatte thematisieren und zur Reflexion genutzt werden. Für eine zweite Diskussionsphase verteilen sich die Teilnehmenden auf Kleingruppen. Erst werden innerhalb der Gruppe die Themen besprochen, eine gemeinsame Haltung erarbeitet und Sprecher*innen festgelegt. Anschließend folgt die eigentliche Diskussion mit Hilfe der „Democracy Maschine!“. Nach der Diskussion werden die Teilnehmenden gebeten, sich vorzustellen, wie diese Diskussion im digitalen Raum verlaufen wäre, um zu den spezifischen Herausforderungen überzuleiten und diese gemeinsam zu thematisieren. Zum Ende der Einheit erfolgt eine offene Reflexions- und Feedbackrunde, beispielsweise durch das erneute Besprechen bzw. Voting der Reflexionsfragen vom Beginn der Einheit.
Weitere Varianten und Materialien
Die Materialien für die Durchführung in der pädagogischen Praxis sind als Open Educational Resources auf http://dm-adb.parabol.de zusammengefasst. Die von uns gesammelten Begleitmaterialien können gerne weiter angepasst und überarbeitet werden, um den Anforderungen vor Ort gerecht zu werden.

Praxisreflektierte Hinweise
Die unterschiedlichen Formate der „Democracy Machine!“ wurden im Zeitraum von Februar 2025 bis März 2026 in Mittel- und Oberfranken in insgesamt zwölf Veranstaltungen erprobt. Die Methode wurde in den unterschiedlichen Varianten durchgeführt und qualitativ, im Dialog mit den Teilnehmenden und Kooperationspartner*innen, evaluiert. Der Einstieg über ein kurzes Voting erwies sich als wirkungsvoll, um die Relevanz des Themas zu verdeutlichen und ein erstes Stimmungsbild zu erheben. Methodisch wurde der spielerische Charakter der „Democracy Maschine!“ positiv wahrgenommen. Das Design und die visuelle Gestaltung der Begleitmaterialien wurden als ansprechend und niedrigschwellig beschrieben. Inhaltlich zeigte sich, dass alltagsnahe und lebensweltbezogene Themen den Einstieg in Diskussionen deutlich erleichtern. Je konkreter die Fragestellungen an die Erfahrungswelt der Jugendlichen anknüpften, desto aktiver und offener verlief der Austausch. Kleingruppenformate senkten die Hemmschwelle zur Beteiligung spürbar. Gleichzeitig wurde deutlich, dass Diskussionsprozesse mehr Zeit benötigen als zunächst eingeplant war – insbesondere im zweiten und dritten Modul, wenn digitale Dynamiken oder Informationsquellen analysiert und reflektiert werden. Hier empfiehlt sich eine Unterstützung durch Checklisten, die eine Handlungsorientierung während der Arbeitsphase bieten. Gleichzeitig ist vor allem im dritten Modul eine aktive Moderation entscheidend: Wenn Teilnehmende in der quellengestützten Diskussion beispielsweise nicht selbstständig nach Quellen fragen, sollte dies gezielt angeregt werden. Sprachlich hat sich bewährt, alle Begriffe konsequent auf Deutsch einzuführen, auch wenn die Konzepte in der Fachliteratur häufig englisch diskutiert werden. Dies erhöht die Zugänglichkeit und beugt Missverständnissen vor. In längeren Formaten zeigte sich, dass die Module inhaltlich stark aufeinander aufbauen. Es empfiehlt sich daher, ausreichend Zeit pro Modul einzuplanen oder die Inhalte auf mehrere Termine (z. B. vier Wochen mit jeweils 90 Minuten) zu verteilen, statt alle Bausteine unmittelbar hintereinander durchzuführen.
Fazit & Ausblick
Wir freuen uns, dass die bisherigen Rückmeldungen sehr positiv ausfallen. Wir wollen jedoch anmerken, dass es sich bei der Methode um Ergebnisse aus der Pilotierungsphase des Projektes handelt und diese nur eingeschränkt generalisierbar sind. Aktuell werden die Arbeitsmaterialien weiter überarbeitet. Eine wissenschaftliche Begleitung und systematische Evaluation erscheinen im Anschluss sinnvoll. Abschließend war es unser Ziel zu verdeutlichen, wie die „Democracy Machine!“ zur Förderung von Demokratie- und Medienkompetenz beitragen kann. Wer heute demokratisch handeln will, muss Diskurse verstehen und an ihnen teilhaben, Informationen prüfen und digitale Dynamiken reflektieren. Die vier Module der „Democracy Machine!“ greifen diese Bereiche auf und ermöglichen aus unserer Sicht einen Perspektivwechsel vom sichtbaren Dialog, dem Mitdiskutieren über das Analysieren bis hin zum Durchschauen manipulativer Mechanismen.
Zu den Autor*innen
andreas.lederer@bezirksjugendring-oberfranken.de