Herausforderungen und Potenziale für politische Bildung
Gesellschaftliche Debatten finden heutzutage vermehrt auch im digitalen Raum statt. Dieser kann demokratische Beteiligung durchaus fördern, andererseits können Soziale Medien Diskursfragmentierung und Polarisierung verstärken (vgl. Mahrt 2024). Eine Verhärtung und Eskalation der Diskussion lässt sich in den Kommentarspalten bei unterschiedlichsten Themenkomplexen beobachten. Beiträge verlassen den Boden der Sachlichkeit, stark emotionalisierende Inhalte erhalten vermehrt Reaktionen, ob Zuspruch oder Gegenwind. Die Vielzahl an Interaktionen wiederum erhöht die Sichtbarkeit, verstärkt durch Algorithmen und Entwicklungen im Bereich der Künstlichen Intelligenz (KI) (vgl. Raza/Aslam 2024). Bestehende Meinungen können so verstärkt werden, alternative Perspektiven hingegen erhalten weniger Sichtbarkeit. Dies erschwert eine konstruktive Auseinandersetzung. Gleichzeitig werden Falschinformationen bis hin zur gezielten Desinformation, Hate Speech und Propaganda in den Diskurs eingebracht, erhalten eine große Reichweite und sind nur schwer zu korrigieren (vgl. King/Phillips/Carley 2025). Dies kann bestehende Konfliktlinien verstärken und ebenso eine konstruktive Auseinandersetzung erschweren oder sogar unmöglich machen. Damit bedrohen diese Phänomene unsere (digitale) Streitkultur, das Vertrauen in Institutionen und Demokratie und letztendlich unser friedliches Zusammenleben (vgl. Rieber 2023). Eine konstruktive Streitkultur, die das demokratische Grundverständnis fördert und nicht beeinträchtigt, begreift Konfliktfähigkeit zunächst als erlernbare Schlüsselkompetenz und Streit als Normallfall konkurrierender Interessen und Positionen. Die Austragung von Streit dagegen muss klare Regel befolgen: ohne Gewalt, mit Respekt gegenüber dem anderen und Anerkennung von Legitimität der anderen Positionen. Konstruktiv wird Streit, wenn durch Dialog und Perspektivwechsel Verständnis entstehen kann und Ambiguitäten besser ausgehalten werden können (vgl. Jäger 2023; Sarcinelli 1990).

Die gegenwärtig zu oft unkonstruktive (digitale) Streitkultur lässt Herausforderungen für die politische Bildung entstehen, da sie Alltagserfahrungen im digitalen Raum, gesellschaftliche Debatten und Konflikte sowie Bildungsprozesse verbindet. Genauer stellt sich die Frage, wie Bildungsprojekte eine digitale konstruktive Streitkultur fördern können, wie die Funktionsweise der digitalen Medien sowie psychologische Mechanismen, die digitale Räume begünstigen, entsprechend adressiert werden müssen. Der Beitrag erkundet diese Leitfragen praxisnah und stellt im späteren Verlauf das Projekt #vrschwrng vor, das eine konstruktive Auseinandersetzung mit Verschwörungserzählungen und Desinformation fördert und so zu einer digitalen Streitkultur beiträgt. Die in diesem Beitrag genutzten Grafiken sind im Projekt #vrschwrng der Berghof Foundation entstanden (© Berghof Foundation/Projekt #vrschwrng).
Digitale Räume als neue Arenen des Streits
Ein zentrales Merkmal digitaler Kommunikation ist die Aufmerksamkeitsökonomie. Plattformen sind so gestaltet, dass Inhalte mit hoher Interaktionsrate besonders sichtbar werden (vgl. Plohr 2022). Algorithmen verstärken Beiträge, die starke Reaktionen wie Zustimmung oder Ablehnung auslösen (vgl. Cinelli et al. 2021). Dadurch gewinnen emotionalisierte oder zugespitzte Aussagen häufig an Reichweite, während differenzierte oder moderat formulierte Positionen weniger Aufmerksamkeit erhalten (vgl. Brady/Crockett/van Bavel 2020). Öffentliche Debatten werden so strukturell in Richtung Zuspitzung verschoben. Zudem kann diese Aufmerksamkeit monetarisiert werden, wodurch Sabine Trepte soziale Medien auch als soziale Supermärkte bezeichnet (vgl. Janus/Trepte 2026). Content Creator*innen zielen darauf ab, möglichst viel Reichweite zu generieren, da Reichweite zur zentralen Währung werden kann.
Typische Konfliktdynamiken in digitalen Räumen zeigen sich häufig in Polarisierungsprozessen und in der Herausbildung von „Wir-gegen-sie“-Narrativen.
Hinzu kommen psychologische Faktoren wie Anonymität und die wahrgenommene Distanz zwischen Kommunikationspartner*innen. Die reduzierte soziale Kontrolle kann Enthemmung begünstigen und zu schärferen, teils aggressiveren Ausdrucksformen führen (vgl. Suler 2004). Gleichzeitig tragen fragmentierte Öffentlichkeiten und thematisch abgeschlossene Communities zur Ausbildung von Teilöffentlichkeiten bei (vgl. Cinelli et al. 2021). Gemeinsame Referenzrahmen gehen verloren, wodurch wechselseitiges Verstehen erschwert wird.

Typische Konfliktdynamiken in digitalen Räumen zeigen sich häufig in Polarisierungsprozessen und in der Herausbildung von „Wir-gegen-sie“-Narrativen (vgl. Tajfel/Turner 1979). Gruppenidentitäten werden aktiviert, Positionen moralisch aufgeladen und Gegenseiten delegitimiert. Solche In-Group-/Out-Group-Dynamiken können Debatten verhärten und eine konstruktive Auseinandersetzung blockieren. Parallel dazu nehmen Emotionalisierung und Moralisierung zu, wodurch sachliche Argumente in den Hintergrund treten und Diskussionen personalisiert werden (vgl. Brady et al. 2017).
Verschwörungsnarrative fungieren in diesem Kontext häufig als Eskalationsmotor. Sie bieten vereinfachende bzw. eindeutige Erklärungen für komplexe gesellschaftliche Entwicklungen und stellen Schuldzuweisungen bereit (vgl. Douglas/Sutton/Cichocka 2017). Komplexität wird reduziert, Ambivalenz ausgeblendet und alternative Perspektiven werden als Teil eines vermeintlich manipulativen Systems interpretiert (vgl. Butter 2018). Dadurch entstehen kommunikative Strukturen, die Widerspruch kaum zulassen und häufig zum Gesprächsabbruch führen.
Gleichzeitig bleiben digitale Räume ambivalent. Sie wurden ursprünglich mit dem Anspruch entwickelt, Partizipation und demokratische Teilhabe zu erweitern (vgl. Castells 2012). Grundsätzlich können sich alle ab dem Mindestalter mit Internetzugang beteiligen, Informationen verbreiten und Positionen sichtbar machen. Diese Offenheit schafft Potenziale für pluralistische Diskurse und gesellschaftliche Mobilisierung. Beispielsweise wurde die Plattform Discord bei den Gen-Z-Protesten in Madagaskar, Nepal und Marokko für eine erfolgreiche Massenmobilisierung genutzt (vgl. Barisch 2025). Zugleich zeigt sich jedoch, dass wenige sehr aktive Akteur*innen große Sichtbarkeit erzeugen, während eine schweigende und meist still mitlesende Mehrheit kaum in Erscheinung tritt (vgl. Nonnecke/Preece 2003; van Dijck/Poell/de Waal 2018). Demokratisches Potenzial und polarisierende Dynamiken bestehen somit nebeneinander.
3 Signale, dass eine digitale Diskussion kippt
Diskussion verlagert sich von der Sachebene auf die Personenebene
Argumente und sachliche Auseinandersetzung treten in den Hintergrund, stattdessen dominieren Zuschreibungen, Abwertungen oder persönliche Angriffe.
Starke moralische Aufladung und fehlender Interpretationsspielraum
Positionen werden als eindeutig richtig oder falsch markiert. Differenzierte Sichtweisen oder Ambivalenzen finden keinen Raum mehr und werden als illegitim oder bedrohlich dargestellt.
Widerspruch wird als Angriff gewertet
Gegenrede wird nicht als Teil demokratischer Aushandlung verstanden, sondern als feindlicher Akt interpretiert. Dadurch entstehen Kommunikationsabbrüche und eine weitere Verhärtung der Debatte.
Herausforderungen für die politische Bildung
Die Digitalisierung und ihre bereits beschriebenen Auswirkungen auf den öffentlichen Diskurs verändern auch die Rahmenbedingungen politischer Bildung. Es ergeben sich neue, vielschichtige pädagogische Spannungsfelder, die aus veränderten Kommunikationsformen und -dynamiken, etwa in Sozialen Medien und digitalen Lebenswelten resultieren (vgl. Hubacher/Waldis 2021). Politische Bildung zeichnet sich durch das Prinzip der Kontroversität nach dem Beutelsbacher Konsens aus, es bedarf folglich einer Offenheit für kontroverse Diskussionen und die Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Positionen (vgl. Gloe/Oeftering 2022). Gleichzeitig muss politische Bildung die Risiken, die durch Digitalisierung entstehen, wie Desinformation, Deep Fakes, Hate Speech oder Propaganda klar benennen und eine deutliche Grenze zu diskriminierenden, menschenverachtenden oder extremistischen Positionen ziehen. Neben einer Stärkung der Medienkompetenz und des kritischen Denkens ist das Aushalten von Widersprüchen in unserer komplexen Welt überaus wichtig. Dies gelingt durch die Förderung von Empathie, Konfliktfähigkeit und Ambiguitätstoleranz. Darüber hinaus sollte politische Bildung zur Einordnung befähigen, ob ein digitaler Diskurs noch konstruktiv ist, Partizipation möglich und sinnvoll ist oder aber, ob ein Wendepunkt erreicht ist und es sich um eine destruktive Eskalation handelt, befeuert durch die Funktionsweise der jeweiligen Plattform.
Die Digitalisierung und ihre Auswirkungen auf den öffentlichen Diskurs verändern auch die Rahmenbedingungen politischer Bildung. Es ergeben sich neue, vielschichtige pädagogische Spannungsfelder, die aus veränderten Kommunikationsformen und -dynamiken, etwa in Sozialen Medien und digitalen Lebenswelten resultieren.
Ein weiteres Spannungsfeld ist das Abwägen zwischen Schutzräumen, gerade für Minderheiten und Gruppen, die auch im digitalen Raum von Diskriminierung und Anfeindungen betroffen sind, und der Zumutung demokratischer Auseinandersetzungen. Wie bereits einleitend beschrieben, werden Debatten in Sozialen Medien und digitalen Räumen oftmals als emotional überfordernd und verletzend wahrgenommen und sie sind durch Polarisierungen und Grenzüberschreitungen gekennzeichnet. Politische Bildung hat den Auftrag, Räume zu schaffen, in denen eine respektvolle digitale Kommunikation eingeübt werden kann, und eine konstruktive digitale Streitkultur gefördert wird. Wichtig dabei ist, zum einen dadurch kontroverse Debatten nicht zu verhindern und zum anderen verletzende und diskriminierende Positionen nicht noch weiter zu verstärken. Auch hier spielt die Stärkung der Ambiguitätstoleranz eine entscheidende Rolle (vgl. Heindl/Gloe 2025). Partizipative und reflexive Methoden wie etwa Rollenspiele oder Szenarien tragen wesentlich dazu bei, digitale Streitkultur erlebbar zu machen und konkrete Handlungsoptionen aufzuzeigen.

Je nach Zielgruppe ergeben sich unterschiedliche Herausforderungen:
- Jugendliche befinden sich in einer sensiblen Phase ihrer Persönlichkeitsentwicklung. Gleichzeitig bewegen sich Jugendliche oftmals in stark emotionalisierenden, fragmentierten Online-Räumen und werden dort mit Desinformation und Hate Speech konfrontiert. Die aktive Medienbegleitung durch Eltern nimmt mit dem Alter der Kinder und Jugendlichen ab (vgl. Naab 2025) und auch in der Schule fehlen oftmals Räume des Austauschs. Hier bedarf es reflexiver Peer-Ansätze, die gemeinsames Lernen und Perspektivwechsel fördern und so Medienkompetenzen, Konfliktfähigkeit und digitale Selbstwirksamkeit stärken.
- Erwachsene bewegen sich oftmals in einseitigen Informationsumgebungen, in denen emotionalisierende Inhalte besonders viel Sichtbarkeit erhalten (vgl. Cinelli 2021). Dies kann zu einer Polarisierung von Themen und Diskursen beitragen. Im Kontext der rasanten Entwicklungen im Bereich der KI bedarf es kritischer Informations- und Medienkompetenz, nicht nur um Deep Fakes als solche zu erkennen, sondern sich auch der Wirkungsmechanismen des digitalen Raums bewusst zu werden. Dabei ist die Reflexion der Auswirkungen auf Individuum, Demokratie und unser friedliches Zusammenleben entscheidend.
Politische Bildung hat den Auftrag, Räume zu schaffen, in denen eine respektvolle digitale Kommunikation eingeübt werden kann, und eine konstruktive digitale Streitkultur gefördert wird. Wichtig dabei ist, zum einen dadurch kontroverse Debatten nicht zu verhindern und zum anderen verletzende und diskriminierende Positionen nicht noch weiter zu verstärken.
Projektvorstellung: #vrschwrng – Bildung gegen verschwörungsideologisches Denken
Das Projekt #vrschwrng sensibilisiert Jugendliche und erwachsene Bezugspersonen für Struktur und Wirkung verschwörungsideologischer Narrative und Desinformation, insbesondere in Sozialen Medien. Es stärkt Medien- und Urteilskompetenz, fördert den reflektierten Umgang mit Unsicherheiten und trägt zur Entwicklung demokratischer Resilienz bei.
Dabei ist der friedenspädagogische Ansatz lebensweltorientiert und dialogisch. Digitale Kommunikationspraktiken Jugendlicher bilden den Ausgangspunkt der Bildungsformate. Verschwörungserzählungen werden nicht isoliert behandelt, sondern als Bestandteil digitaler Alltagskulturen analysiert.
Workshops und digitale Lernmaterialien arbeiten mit konkreten Posts und Videos, um Emotionalisierungsstrategien, vereinfachende Deutungsmuster und plattformspezifische Dynamiken sichtbar zu machen. Zugleich werden emotionale Dimensionen einbezogen: Erfahrungen von Ohnmacht oder Verunsicherung werden aufgegriffen und in geschützten Reflexionsräumen bearbeitet. Empathie, Dialogfähigkeit und Ambiguitätstoleranz werden so gezielt gefördert.
vrschwrng setzt präventiv an und schafft Räume für eine reflektierte Auseinandersetzung mit kontroversen Inhalten. Statt Abwertung oder Bloßstellung stehen Sensibilisierung, Perspektivwechsel und demokratische Konfliktfähigkeit im Zentrum. Damit leistet das Projekt einen Beitrag zur Förderung einer konstruktiven digitalen Streitkultur.
Lernpotenziale und Methoden zur Förderung digitaler Streitkultur
Die Förderung digitaler Streitkultur erfordert didaktische Zugänge, die Kontroversen sichtbar machen, produktiv bearbeiten und als Lernanlass verstehen. Ziel ist es, Konflikte nicht zu vermeiden, sondern sie als Bestandteil demokratischer Aushandlungsprozesse erfahrbar zu machen. Digitale Kommunikationsräume bieten hierfür reale Anknüpfungspunkte, da dort gesellschaftliche Konflikte unmittelbar sichtbar werden.

Gesprächsregeln gemeinsam aushandeln
Klare und gemeinsam entwickelte Gesprächsregeln bilden eine Grundlage für konstruktive Auseinandersetzungen. Regeln sind insbesondere in digitalen Kontexten entscheidend, da Kommunikationsdynamiken häufig emotionalisiert verlaufen und Missverständnisse schneller eskalieren können. Durch das gemeinsame Aushandeln von Regeln werden Teilnehmende aktiv in die Gestaltung eines respektvollen Diskussionsraums einbezogen und wird demokratische Mitverantwortung eingeübt.
Praxiserprobte Regeln können beispielsweise die Trennung von Person und Position, das aktive Zuhören oder den Verzicht auf abwertende Sprache umfassen. Die gemeinsame Entwicklung solcher Regeln stärkt nicht nur soziale Kohärenz, sondern fördert auch normative Reflexionsprozesse über Meinungsfreiheit und Grenzen legitimer Kontroversen (vgl. Gloe/Oeftering 2022).
Arbeit mit realen digitalen Konflikten
Digitale Kommentarspalten, Social Media Diskussionen oder öffentlich zugängliche Debatten können als Lernmaterial dienen. Die Analyse realer Konfliktverläufe ermöglicht es, Dynamiken von Polarisierung, Emotionalisierung und Eskalation sichtbar zu machen. Gleichzeitig werden Plattformlogiken und algorithmische Verstärkung als strukturelle Rahmenbedingungen digitaler Kommunikation reflektiert (vgl. Cinelli et al. 2021).
Die Arbeit mit authentischen Beispielen eröffnet Chancen zur kritischen Medienanalyse, birgt jedoch auch Risiken. Inhalte müssen sorgfältig ausgewählt werden, um diskriminierende oder extremistische Positionen nicht unreflektiert zu reproduzieren. Eine reflektierte didaktische Einbettung ermöglicht es, Kommunikationsmuster zu analysieren, ohne sich mit den Positionen selbst zu identifizieren.
Perspektivwechsel und Rollenarbeit
Perspektivwechsel stellen eine zentrale Methode zur Förderung digitaler Streitkultur dar. Ziel ist es, Empathie zu entwickeln ohne Zustimmung zu implizieren. Teilnehmende setzen sich mit unterschiedlichen Positionen auseinander und versuchen nachzuvollziehen, welche Erfahrungen, Unsicherheiten oder Werte hinter bestimmten Aussagen stehen könnten.
Die Leitfrage „Warum glauben Menschen das?“ eröffnet einen reflexiven Zugang zu kontroversen Meinungen und knüpft an sozialpsychologische Erkenntnisse zu Motivlagen von Überzeugungen an (vgl. Douglas/Sutton/Cichocka 2017). Rollenarbeit oder Simulationen ermöglichen es, Positionen einzunehmen, die nicht der eigenen entsprechen. Dadurch werden komplexe Sichtweisen nachvollziehbar und zugleich kritische Distanz sowie analytisches Denken gestärkt.
Emotionen ernst nehmen
Digitale Konflikte sind häufig mit starken Emotionen verbunden. Angst, Wut oder Ohnmacht können sowohl Auslöser als auch Folge von Auseinandersetzungen sein. Diese Gefühle sollten im Bildungsprozess nicht delegitimiert, sondern als legitime Bestandteile politischer Kommunikation anerkannt werden.
Emotionale Dynamiken spielen eine zentrale Rolle in der Verbreitung und Mobilisierung politischer Inhalte. Studien zeigen, dass moralisch aufgeladene oder emotionalisierte Botschaften häufiger Aufmerksamkeit erhalten und sich schneller verbreiten (vgl. Brady et al. 2017). Methodisch können Reflexionsphasen, Gesprächsrunden oder kreative Ausdrucksformen dazu beitragen, emotionale Erfahrungen zu strukturieren und zu bearbeiten.
Die Förderung digitaler Streitkultur erfordert didaktische Zugänge, die Kontroversen sichtbar machen, produktiv bearbeiten und als Lernanlass verstehen. Ziel ist es, Konflikte nicht zu vermeiden, sondern sie als Bestandteil demokratischer Aushandlungsprozesse erfahrbar zu machen.
Gelingensbedingungen, Grenzen und Ausblick
Was sind Gelingensbedingungen, um eine konstruktive Streitkultur im digitalen Raum zu stärken? Es erfordert entsprechende strukturelle Rahmenbindungen: Fachkräfte und Institutionen müssen Ressourcen und Mittel zur Verfügung stellen, die Zeit für Beziehungsgestaltung und Reflexion sowie die kontinuierliche Weiterbildung und Qualifizierung im Umgang mit Plattformlogiken, Desinformation und anderen menschenfeindlichen Phänomen ermöglichen. Nur so können Entwicklungen etwa bei KI-generierten Inhalten und der Umgang mit neuen digitalen Kommunikationsdynamiken entsprechend im Rahmen von politischer Bildung adressiert werden. Zur weiterführenden Lektüre können wir die Ausgabe 3/2024 der Fachzeitschrift „Außerschulische Bildung. Zeitschrift der politischen Jugend- und Erwachsenenbildung“ zum Schwerpunkt „Künstliche Intelligenz und politische Bildung“ empfehlen; www.adb.de/service/publikationen/fachzeitschrift-ausserschulische-bildung/ausgabe-3-2024 Hierfür sind langfristige Förderstrukturen entscheidend, die Erprobung und wissenschaftsbasierte Evaluation ermöglichen. Zeitgleich stellen knapper werdende öffentliche Haushalte sowie Kurzzeitförderungen in Projektform eine große Herausforderung dar und erschweren nachhaltige Strukturentwicklung.

Auch inhaltlich stoßen politische Bildung und digitale Streitkultur an Grenzen, etwa bei geschlossenen Weltbildern oder dem Glauben an Verschwörungserzählungen. Letzteres ist häufig mit stabilen identitätsbezogenen Überzeugungssystemen verbunden und ein Diskurs ist nur sehr begrenzt wirksam (vgl. Butter 2018; van Prooijen/Douglas 2017). Hier ist ein realistisches Erwartungsmanagement entscheidend. Nicht jede*r Nutzer*in in sozialen Netzwerken ist erreichbar und nicht immer ist eine konstruktive Debatte möglich. Wichtig ist auch, klare Schutzmaßnahmen für Fachkräfte institutionell zu verankern, wie etwa bei digitalen Anfeindungen und emotionalen Belastungen.
Der digitale Raum sollte von politischer Bildung nicht nur als Risiko wahrgenommen werden, vielmehr ist er auch ein zentraler Ort gesellschaftlicher Auseinandersetzung. Demokratische Willensbildungsprozesse finden vermehrt plattformvermittelt, also über soziale Medien statt, die einer aktiven pädagogischen Begleitung bedürfen (vgl. van Dijck/Poell/de Waal 2018; Busch/Keuler 2023). Digitale Streitkultur kann hier einen Beitrag zur demokratischen Resilienz leisten, indem sie demokratische Praxis einübt. Durch die Stärkung von Ambiguitätstoleranz, Konfliktfähigkeit, Empathie und kritischem Denken trägt sie zur demokratische Handlungskompetenz im digitalen Raum bei (vgl. Hameleers 2023).
Zu den Autorinnen

n.rieber@berghof-foundation.org
Foto: Berghof Foundation

t.schindler@berghof-foundation.org

k.goeldner-ebenthal@berghof-foundation.org
Foto: Berghof Foundation/Mathias Völzke