Demokratie in der Dauerkrise?
Man weiß gar nicht, wo man anfangen soll angesichts all der vielfach beschriebenen Herausforderungen, denen sich die Demokratie gegenübersieht. Sinkendes Vertrauen in Institutionen, in die Funktionsweise und Verfahren der Demokratie, Elitenkritik an jeder Ecke. „Die da oben“ haben – so sehen es viele – seit Langem den Draht zu „denen da unten“ verloren. Social Media rollt mit Deepfakes, Algorithmen und Fake News längst als Welle fernab von der einst beschworenen Demokratisierung und Teilhabe durchs Land, KI ersetzt Menschen. Immer mehr Demokratien kippen in autoritäre Systeme, die Zahl der „echten Demokratien“ weltweit nimmt seit Jahren ab (vgl. Nord et al. 2026, S. 15). Dazwischen fährt die Bahn nicht, zumindest nicht pünktlich, Brücken und Straßen sind baufällig, Freibäder geschlossen, Kommunen hoch überschuldet, Menschen fühlen sich im öffentlichen Raum nicht sicher, progressive Kräfte wettern gegen den Kulturkampf der „Rechten“, die umgekehrt denselben Vorwurf an „links-grün-woke Kräfte“ adressieren. Dazwischen sitzen erstarkende populistische Kräfte und genießen beim sinnbildlichen Eimer Popcorn, wie sich ihre Erfolge – vermeintlich! – ohne große Mühe vergrößern. Und dann wäre da ja auch noch die Weltlage. Postings des US-Präsidenten, die die Märkte verrücktspielen lassen, Staatschefs, die das Völkerrecht für eine Ansammlung von Papier halten, die eher in Museumsvitrinen, denn in die aktuelle Politik gehört.
Die Lage scheint aussichtslos. Die Demokratie scheint von so vielen Seiten regelrecht unter Feuer, die empirischen Befunde scheinen vielfach so erdrückend, dass man sich einen Ausweg kaum ausmalen kann. Doch ist das alles immer gleich eine Krise für die oder der Demokratie? Müsste die Demokratie nicht in der Lage sein, so manchen Dingen aus der Aufzählung standhaft zu begegnen? Womöglich gar mit einer gewissen Gelassenheit? Merkt man, wenn eine Demokratie stirbt? (Vgl. Levitsky/Ziblatt 2018; Shen 2025) Und hat sich die Demokratiebildung damit ausreichend befasst? Einen Schwerpunkt der Demokratiebildung bildete bislang völlig zurecht die Befähigung zu politischer Teilhabe, Partizipation, Mündigkeit und politischer Urteilskraft. Spielte die Sensibilisierung für demokratische Erosionsprozesse dabei eine ausreichende Rolle, oder stand im Vordergrund in erster Linie die Idee, eben gerade durch das Genannte jene Erosionsprozesse zu vermeiden, ihnen vorzubeugen? Und wenn dem so ist, müssten wir daran angesichts des eingangs formulierten kursorischen Befundes etwas ändern?
Vitalwerte der Demokratie
„Immer ist irgendwas“ – die Prinz Charles im Zuge seiner Krönungszeremonie zugeschriebene Aussage ist wohl eine der lebensweltlichsten Übersetzungen des Phänomens, welches nicht mehr nur die Sozialwissenschaften mit dem Begriff der „Polykrise“ beschreiben. Am Tag der Krönung geriet, trotz monatelanger minutiöser Planungen und einer perfekten Inszenierung, der Zeitplan aus dem Takt. Das Gefühl kennen viele: Trotz aller Mühe, aller guten Absichten und Vorsätze, dem redlichen Bemühen, die Dinge zu organisieren und am Laufen zu halten, kommt etwas dazwischen. Auch die Politik kennt diese Erfahrung – gerade jetzt, während dieser Text entsteht, in einer Zeit, in der ein unvermittelt begonnener Krieg gegen den Iran die Bemühungen der deutschen Bundesregierung um wirtschaftlichen Aufschwung regelrecht niederwalzt.
Wenn man die Vitalwerte der Demokratie in „harte“ und „weiche“ Werte unterteilt, dann zählt das „Immer-ist-Irgendwas“ eher zu den weichen Werten. Um die „harten“ ist es aktuell weiterhin nicht schlecht bestellt.
Wenn man die Vitalwerte der Demokratie in „harte“ und „weiche“ Werte unterteilt, dann zählt das „Immer-ist-Irgendwas“ eher zu den weichen Werten. Um die „harten“ ist es aktuell weiterhin nicht schlecht bestellt. Demokratie-Indizes, die liberale Demokratien weltweit vergleichend vermessen, bescheinigen der Bundesrepublik weiterhin ein hohes Maß an demokratischer Stabilität. Im V-Dem Report 2026 belegt Deutschland Platz 15 in einer Liste von 179 Ländern. In einigen Sub-Kategorien, aus denen das Gesamtranking resultiert – etwa im „Deliberative Component Index“ sowie im „Liberal Component Index“ liegt Deutschland sogar in der Spitzengruppe auf den ersten fünf Plätzen (vgl. Nord et al. 2026, S. 48). Eine große Mehrheit ist überzeugt von der Demokratie als Staatsform, eine kleinere Mehrheit zeigt sich weiterhin auch mit dem Funktionieren der Demokratie zufrieden. So weit, so gut. Und doch kann man nicht umhin, entlang jener eingangs formulierten Herausforderungen und Probleme den Eindruck zu haben, dass diese Stabilität trügerisch ist und durch Erosionsprozesse droht brüchig zu werden. Denn für die Demokratie ist das dauerhafte „Immer-ist-Irgendwas“-Gefühl ein Stresstest. Ein Test, der fragt, ob die Dinge noch funktionieren. Ob Pläne belastbar sind, Planungssicherheit ermöglichen. Ob man sich verlassen kann auf Gesagtes, ob Mechanismen greifen wie geplant, ob ein „Plan B“ existiert, wo „Plan A“ unerwartet scheitert. Dieses Gefühl ist ein wesentlicher Vitalwert der Demokratie, der in demoskopischen und empirischen Daten und Studien mit dem Vertrauen in die Handlungsfähigkeit von Politik, in ihre Fähigkeit zum Lösen drängender Probleme vermessen wird. Hier manifestiert sich seit Längerem eine Krise der Demokratie. Das Vertrauen in die Handlungs- und Problemlösungsfähigkeit von Politik hat deutlich abgenommen (vgl. z. B. Körber-Stiftung 2025). Wo Vertrauen schwindet, stellen sich schnell fundamentalere Fragen: Wenn die Lage aussichtslos scheint, ist dann nicht auch Umsturz, Disruption ein Weg? Wofür das System verteidigen, wenn man es als dysfunktional und handlungsunfähig erlebt? Im gleichen Atemzug gewinnen jene politischen Angebote an Attraktivität, die in einer „harten Hand“, die ohne Kompromisse und oft mühsame deliberative Verfahren eine Heilserzählung versprechen und die Probleme auf andere Gruppen externalisieren. Schuld sind dann mal „die Eliten“, mal „die Migranten“, mal „die Reichen“ oder die „faulen Bürgergeldempfänger, die dem Staat auf der Tasche liegen“.

Studien wie etwa der jährliche Deutschland-Monitor zeigen, dass sinkendes Vertrauen leider hocheffektiv um sich greift. Oder anders: Ein Misstrauen kommt selten allein. Wer wenig Vertrauen in Institutionen der Demokratie hat, vertraut auch dem politischen System weniger (vgl. Deutschland-Monitor 2024; 2025). Der Soziologe Aladin El Mafalaani hat vor Kurzem den Begriff der „Misstrauensgemeinschaften“ geprägt (El Mafaalani 2025). Menschen, die sich in Gemeinschaften mit jenen zusammenfinden, die ebenso misstrauen wie man selbst. Misstrauen als vertrauensstiftendes Moment. Ein zentrales Problem dabei, welches auch weit in die politische Mitte hinein anzutreffen ist: In zunehmendem Maße werden nicht nur politische Entwicklungen als Problem betrachtet, sondern wird die Politik selbst das Problem. Entscheidungen von geringer Halbwertzeit erschweren Planungen und verunsichern (vgl. Köcher 2026). Überwältigende Mehrheiten haben gegenwärtig keine Vorstellung davon, welche Rahmenbedingungen Politik in unterschiedlichsten Politikfeldern setzt, wohin sich Dinge entwickeln. Das reicht von der Finanzierung der sozialen Sicherungssysteme, über die künftige Art des Heizens bis hin zur Frage von Mobilität im Zuge der Debatte über das Aus vom Verbrenner-Aus.
Das schleichende Gift des Populismus
Wenn Politik selbst als Problem betrachtet wird, ist der Brückenschlag zu einer weiteren zentralen Krise der Demokratie nicht weit: zum weltweit erstarkenden Populismus. Während andere Länder wie Italien, die Niederlande oder Frankreich schon seit Jahrzehnten Erfahrungen im Umgang mit rechtspopulistischen Parteien haben, ist Deutschland in dieser Entwicklung eher ein Spätzünder. Manche führen das in erster Linie auf die über Jahrzehnte andauernde wirtschaftliche Prosperität und Stabilität zurück, andere stärker auf die historische Dimension deutscher Erfahrungen, die nationalsozialistische Diktatur im Besonderen. Es ist wichtig, das Erstarken der AfD und des Rechtspopulismus insgesamt nicht in erster Linie durch eine nationale Brille zu betrachten, sondern internationale Entwicklungen – Parallelen wie Unterschiede – immer im Blick zu haben. Ein weltweites Phänomen lässt sich nicht ausschließlich individuell erklären.
Populismus wird in der Forschung als eine „dünne Ideologie“ bezeichnet, die häufig mit „richtigen“ Ideologien verbunden ist, so etwa mit dem Rechtsextremismus. Kernmerkmale des Populismus sind zwei Dinge: Die Idee eines homogenen Volkes, aus dem ein einheitlicher „Volkswille“ ableitbar ist, sowie die Vorstellung, dass Volk und Volkswille durch „fremde Mächte“ unterdrückt werden. Durch „die da oben“ – Eliten in Politik, Medien, Wissenschaft – oder auch „die da draußen“ wie etwa die EU. Die Ähnlichkeit der Tonalitäten ist aussagekräftig. So plakatierte US-Präsident Donald Trump im Wahlkampf „In Reality they’re not after me, they’re after you. I’m just in the way“ und AfD-Politiker Björn Höcke in Thüringen „Sie sind nicht hinter mir her, es geht um Euch. Ich stehe ihnen dabei nur im Weg.“ (Wie Rechte reden 2024)
Wenn Politik selbst als Problem betrachtet wird, ist der Brückenschlag zu einer weiteren zentralen Krise der Demokratie nicht weit: zum weltweit erstarkenden Populismus.
Erst seit einiger Zeit rückt ein wesentlicher Aspekt dieser Definition stärker in den Vordergrund, und zwar die Frage, welches Demokratieverständnis damit verbunden ist. Rechtspopulist*innen sehen sich selbst als Retter der Demokratie, als jene, die die Reste der Demokratie verteidigen, während ihre Gegner*innen ihnen just das Gegenteil vorwerfen. Wer 2021 am Sturm auf das Kapitol teilnahm, sah sich im Recht dies zu tun, eben um die Demokratie zu verteidigen (vgl. Lewandowsky 2024). Wenn der Volkswille unterdrückt wird, ist das Handeln des Volkes selbst die letzte Möglichkeit, um die Demokratie zu retten – so die aus Sicht jener Akteure logische Schlussfolgerung. Wir müssen also beim Blick auf das Erstarken des Populismus nicht nur auf damit verbundene Dinge, wie den verstärkten Glauben an Verschwörungserzählungen und verbreitete Anti-Establishment-Positionen schauen, sondern vor allem auf die Frage, welches Verständnis von Demokratie damit in größer werdenden Gruppen vertreten wird. Unmittelbar liegt die Frage nah, wie überhaupt Demokratiebildung stattfinden soll, was ihr Ausgangspunkt sein muss, wenn unterschiedliche Demokratieverständnisse aufeinandertreffen. Der Politikwissenschaftler Lewandowsky hat 2024 hierzu treffend geschrieben, dass jene, die sich für Demokraten halten (obwohl sie häufig keine sind) und zunehmend glauben, nicht mehr in einer Demokratie zu leben (obwohl sie es tun), Dinge fordern, die sie als demokratisch erachten (obwohl sie es nicht wären) (vgl. ebd). Eine zentrale Aufgabe der Demokratiebildung in der Zukunft muss sein, diesem Befund mehr Raum zu widmen, Formate und Ideen zu entwickeln, wie dies dekonstruiert werden kann. Dies gilt umso mehr, als sich einzelne Zwischentöne dieser Idee inzwischen entlang unterschiedlichster Diskurse – etwa die Frage, ob es „demokratisch“ ist, dass die AfD bislang weiterhin keinen Bundestagsvizepräsidenten stellt, sowie die Rede vom angeblichen „Wählerwille“, der sich in Deutschland Regierungen rechts der Mitte wünscht – weit in die politische Mitte hinein als anschlussfähig erweisen.
Diese Anschlussfähigkeit erweist sich zunehmend als ein Problem eigener Art. In dem Buch „Defekte Debatten. Warum wir als Gesellschaft besser streiten müssen“ habe ich das Phänomen mit meinem Co-Autor, dem Journalist Korbinian Frenzel, unter der Überschrift „Elite by day – Volk by night“ beschrieben (Reuschenbach/Frenzel 2024). Die Anfälligkeit, dafür selbst in populistische Rhetorik zu verfallen, ist vielen Politiker*innen und bisweilen auch uns selbst eigen. Dabei ist Populismus – wie oben skizziert – mehr als ein rhetorisches Stilmittel und nicht etwa mit der Stimmungsmache von Demagog*innen zu verwechseln (vgl. Urbinati 2019). Wenn immer mehr populistische Erzählungen und Deutungen auf diese Weise eine Normalisierung erfahren, bleibt letztlich kaum mehr eine Möglichkeit, diese mitsamt ihrer Verengung und ihren Exklusions- und Externalisierungslogiken zu problematisieren. Es ist eine große Aufgabe, angesichts zahlreicher Probleme und Herausforderungen den Verlockungen des Populismus nicht zu erliegen. Der amerikanische Politikwissenschaftler Larry M. Bartels machte in einer vergleichenden Untersuchung der politischen Stimmung in Europa nach der Euro- und der Corona-Krise politische Eliten als Verursacher*innen von Diskursverschiebungen aus, wohingegen die Bürger*innen selbst sich nach den Krisen nicht signifikant empfänglicher für Rechtspopulismus zeigten (vgl. Bartels 2023). Ob sich diese Ergebnisse heute ein weiteres Mal so zeigen würden, bleibt offen. Forschungen der letzten Jahre werden gegenwärtig wiederholt, um Vergleiche über die Zeit sichtbar zu machen. Es ist zu vermuten, dass sich die affektive Polarisierung und damit verbundene Abwertungslogiken und Respektlosigkeiten inzwischen auch in der Bevölkerung stärker zeigen. Die Bedeutung der Vorbildfunktion von Politiker*innen, in der Frage wie sie sprechen, erklären und kommunizieren, darf gerade auf Seiten personalisierter Medienlogiken nicht unterschätzt werden.
Die von populistischen Akteur*innen erhobenen Vorwürfe finden auch in der Breite der Bevölkerung viel Zustimmung. So zeigen es etwa der jüngste Deutschland-Monitor 2025 und eine Studie der Universität Hohenheim, in der es heißt: „Etwa ein Viertel der Menschen in Deutschland glaubt, dass Politik in Deutschland von ‚geheimen Mächten‘ gesteuert wird. Ebenfalls ein Viertel meint, die Regierenden ‚betrügen das Volk‘. Und etwa die Hälfte sieht Politiker als abgehoben an. Gut ein Fünftel unterstellt den Massenmedien Manipulation. Sie würden die Bevölkerung systematisch belügen. Und 14 Prozent wähnen das Land eher in einer Diktatur als in einer Demokratie. Letzteres ist in Ostdeutschland deutlich weiter verbreitet als in Westdeutschland (24 % vs. 12 %). Nicht alle der 18 bewerteten Aussagen sind mit Populismus gleichzusetzen. Aber wenn sie gemeinsam auftreten, weist dies auf ein rechtspopulistisches Weltbild hin. Dieses Weltbild findet sich bei 17 Prozent der Befragten. Dies ist der gleiche Wert wie im letzten Jahr. Im Ostdeutschland ist der Populisten-Anteil mit 28 Prozent fast doppelt so groß wie in Westdeutschland (15 %).“ (Brettschneider 2025, S. 30)
Kann man gegen Befürchtungen Politik machen?
„Wut“ ist inzwischen ein häufig gebrauchtes Wort, um die Wahrnehmung der Politik durch viele Menschen zu charakterisieren. Auch andere Begriffe tauchen auf: „Ohnmacht“ oder „Resignation“. Die Begriffe kreisen um eine zentrale Herausforderung der Demokratie, die in den Sozialwissenschaften mit dem Begriff der „Deprivation“ beschrieben wird. Menschen haben den Eindruck, dass sie in einer Gesellschaft nicht das „bekommen“, was ihnen subjektiv zusteht und befürchten ihren (in der Selbstwahrnehmung häufig ohnehin niedrigen oder wahlweise hart erarbeiteten gesellschaftlichen Status) einzubüßen. Deprivation kann objektiv und subjektiv gemeinsam vorliegen, aber auch unabhängig voneinander. Eng mit ihr verbunden sind Befürchtungen: Befürchtungen, den eigenen Status nicht halten zu können, ihn einzubüßen. Gefühle von fehlendem Respekt und fehlender Anerkennung für die eigenen Leistungen (vgl. z. B. Engels/Arnold/Schläger 2024) und fehlender Akzeptanz für die eigene Art zu leben.

Für die Politik stellt sich die Frage, wie man diesen Befürchtungen politisch begegnet. Können gute Löhne, ein finanziell stabiler Sozialstaat und anderes ausreichend Sicherheit geben, um Befürchtungen zu mindern? Sind restriktivere Regeln im Bereich der Asyl- und Migrationspolitik geeignet, um in kultureller Hinsicht Verlustängsten zu begegnen? Einzelne Maßnahmen allein scheinen hier kaum des Rätsels Lösung, zumal es immer auch „die anderen“ gibt, die in diesem oder jenen Bereich weniger oder kaum Befürchtungen empfinden. Für die Demokratiebildung stellen sich indes andere Fragen: Wie können Angebote und Formate aussehen, die die subjektiven Sorgen, Ängste und Befürchtungen von Menschen als Ausgangspunkt wählen? Nicht verbunden mit der Idee, sie belehren zu wollen, sondern mit zwei Zielen: Räume zu schaffen für die Sichtbarkeit dieser Befürchtungen und Sorgen und darauf aufbauend Strategien und Wege für mehr Selbstwirksamkeitserfahrungen zu entwickeln. Der sich abzeichnende Trend, sogenannte „Dritte Orte“ von Stadtteilzentren, über Bibliotheken bis hin zu Dorfkneipen wieder stärker in den Blick zu nehmen und sie zu unterstützen, deutet an, dass die Relevanz von physischen Begegnungsorten von vielen erkannt wurde. Indes jedoch auch von „den Falschen“. So veröffentlichte die AfD ein Strategiepapier mit dem Ziel einer stärkeren Verankerung im ländlichen Raum, in dem sie unter anderem parteieigene Kneipen und Dorfaktivitäten in den Mittelpunkt stellt. [Das Papier „Verankerung in der Fläche – die AfD erobert die Dörfer“ sollte in der Demokratiebildung unbedingt gelesen werden. Zu finden ist es hier: https://table.media/assets/berlin/strategiepapier-landliche-raumnahme.pdf (Zugriff: 20.04.26).
Entscheidend ist daher umso mehr, dass Akteur*innen der Demokratiebildung in bisweilen auch anstrengenden Allianzen mit örtlichen Politiker*innen und anderen Initiativen und Institutionen diesen Bestrebungen eigene Vorhaben entgegensetzen, und zwar nicht nur als Idee auf dem Papier, sondern in pragmatischen Ansätzen in der Praxis. Lohnenswert ist hier die Inspiration aus Projekten, die dies bereits versuchen, so etwa die Konrad-Adenauer-Stiftung mit ihrem Format „Dorfliebe“, die Diakonie Deutschland mit dem Format „Verständigungsorte“ oder das privat organisierte Format „Respektraum“. Angesichts aktueller Sparmaßnahmen und politischer Neujustierungen etwa im Programm „Demokratie Leben!“ mag dieser Appell für viele zynisch klingen. Und doch ist er zentral, um Erosionsprozesse der Demokratie „von unten“ auf kommunaler Ebene zu stoppen, wo häufig lange fernab von medialem Interesse und Scheinwerferlicht „Raumnahme“ betrieben werden kann (vgl. zum Thema Berg/Üblacker 2020).
„Liefern“ als Lösung?
Für die Politik wird im Kontext von erstarkenden populistischen Einstellungen und all dem Frust über „die Politik“ häufig davon gesprochen, dass alles besser werde, wenn die Politik „endlich liefere“. In dieser Diagnose zeigt sich überraschende Einigkeit zwischen Vertreter*innen verschiedenster Parteien, auch zahlreiche politische Beobachter*innen stimmten in den letzten Monaten in den Kanon ein. Aus wissenschaftlicher Sicht ist bei der Idee des Lieferns als Allheilmittel Skepsis angebracht. Es zeigt sich, dass die Idee, Menschen funktionierten nach einer Art Rational-Choice-Modell, unterkomplex ist. Vielmehr wird deutlich, dass selbst wenn eigene generelle politische Forderungen Gehör finden und umgesetzt werden, situativ andere Themen die Wahlentscheidungen von Menschen beeinflussen können oder das situative Liefern noch nicht als ausreichend dafür erachtet wird, die eigenen politischen Einstellungen und Positionen tatsächlich zu überdenken (vgl. Reuschenbach 2026). Es ist letztlich wie im echten Leben: Vertrauensverluste wiegen schwer und sind in der Regel nur längerfristig mit Anstrengung und Aufrichtigkeit wieder aufzuwiegen. Für Politik bedeutet dies, dass es nicht nur per se um das „Liefern“ geht – was angesichts vielfacher Reformerfordernisse immer auch mit unbequemen Wahrheiten verbunden sein wird – sondern vor allem darum, dass das „Gelieferte“ sich auf Dauer als verlässlich und stabil erweist.
Chancen? – Aber ja!
In einer solchen Stabilität und Verlässlichkeit läge durchaus eine Chance, längerfristig Vertrauen in das Funktionieren und die Institutionen der Demokratie zurückzugewinnen (vgl. Reuschenbach 2025). Aber auch Anderes gibt Anlass zur Hoffnung. Nicht nur, dass weiterhin große Mehrheiten in Deutschland Parteien der Mitte wählen, gemäßigte Einstellungen vertreten und die Demokratie als Staatsform gutheißen. Auch in anderen inhaltlichen Dimensionen liegen Chancen. So zeigen Studien des Think Thanks More in Common, die ihre Forschungen dem gesellschaftlichen Zusammenhalt widmen, dass sehr viele Menschen sich mehr Gemeinsinn, Zusammenhalt und Solidarität wünschen. Bloß glauben viele nicht mehr daran, dass es anderen auch so geht (vgl. More in Common 2023). 83 % der Menschen geben an, sich regelmäßig Gedanken über die Zukunft des Landes zu machen. Und immerhin eine Mehrheit von 58 % geht davon aus, dass auch andere diese tun (vgl. More in Common 2025).
Demokratie kann auf Dauer nur bestehen und sich gegen Feinde im Inneren und Äußeren wehren, wenn sie von einer Vielzahl von Schultern getragen und gestaltet wird.
In einer Befragung dazu, was für ein Deutschland Menschen sich wünschen, bekommen jene Ideen viel Zuspruch, die genau das tragen könnten: Die Möglichkeit, von eigener Arbeit ordentlich leben zu können, ein respektvoller Umgang und ein wertschätzendes Miteinander, der Wunsch, nachts auf der Straße keine Angst vor Verbrechen haben zu müssen, und gleiche hervorragende Bildungschancen für alle Kinder werden als besonders wichtig angesehen (vgl. ebd.). Schon 2024 zeigte die Studie „Generation Mitte“, dass Menschen sehr sensibel für die Gründe eines schwindenden Zusammenhalts sind. So machte eine deutliche Mehrheit von 74 % wachsenden Egoismus als Grund aus, ebenso viele benannten wachsende soziale Unterschiede, 61 % soziale Medien, 58 % Hass und Hetze im Netz (vgl. Köcher 2024). Deutlich wird dabei, dass es vor allem um die Wahrnehmung übergeordneter Ebenen geht, während diese und weitere Daten klar zeigen, dass im Privaten und unmittelbaren Umfeld eine überwältigende Mehrheit weiterhin Zusammenhalt und Solidarität erlebt.
Und der ARD-Deutschlandtrend vom Januar 2026 zeigt eine deutliche Mehrheit von 81 %, die sich besorgt darüber zeigt, dass in der Weltpolitik offenbar zunehmend wieder das Recht des Stärkeren gilt (vgl. infratest dimap 2026). Auch in einer mehrheitlich geteilten Sorge kann eine Chance liegen. Im konkreten Fall für Multilateralismus und europäische Zusammenarbeit, für eine Auseinandersetzung über die Frage, welche Werte uns leiten sollten – innen- wie außenpolitisch und auch für die Unterstützung möglicher Reformen und politischer Projekte, die es auf dem Weg dorthin braucht.
Es ist zum Zeitpunkt, zu dem dieser Text entsteht, ein gutes Zeichen, dass Politiker*innen viele dieser Punkte zunehmend aufgreifen und zum Gegenstand politischer und medialer Debatten machen – wie etwa die frühere Grünen-Vorsitzende Ricarda Lang im Gespräch mit DIE ZEIT (2026). Für die Demokratiebildung bleibt neben den bereits genannten eine weitere Herausforderung bestehen: Demokratie kann auf Dauer nur bestehen und sich gegen Feinde im Inneren und Äußeren wehren, wenn sie von einer Vielzahl von Schultern getragen und gestaltet wird. Es braucht daher mehr Angebote, die die Bedeutung und Berechtigung von wechselseitigen Erwartungen zwischen Politiker*innen und Bürger*innen zum Gegenstand haben und Gedanken darüber anstellen, wie Erwartungen und Ansprüche eingeordnet werden können, wechselseitige Perspektivwechsel zu ermöglichen und damit bestenfalls Verstehen und Verständigung zu fördern.
Zur Autorin

julia.reuschenbach@uni-hamburg.de
Foto: Tobias Koch