Außerschulische Bildung 4/2025

„Staaten kommen und gehen – Gott bleibt“

Erinnerungskultur der deutschen Teilung – Entwicklung von Arbeitsmaterialien

Wie wurde die Teilung im „Zonenrandgebiet“ erlebt? Ein von der Bundesstiftung Aufarbeitung gefördertes Projekt der Ländlichen Heimvolkshochschule Mariaspring geht dieser Frage nach – mit Archivrecherchen, Zeitzeugenberichten und Exkursionen ins Eichsfeld. Daraus entstehen offene Bildungsmaterialien (OER) für eine lebendige Auseinandersetzung mit der deutschen Zeitgeschichte. Ziel ist es, neue Blickwinkel zu eröffnen, zum Austausch anzuregen und die Teilung nicht nur als Schwarz-Weiß-Bild zu sehen, sondern in ihrer Vielschichtigkeit zu begreifen und daraus Impulse für politische Bildung heute zu gewinnen. von Boris Brokmeier
„Im Vergleich zur Bevölkerung in der DDR brauchen die Bürger der Bundesrepublik Deutschland beim Einkauf keine Versorgungslücken, Einschränkungen des Warenangebots oder lange Wartezeiten hinnehmen. Das Konsumgüterangebot ist reichhaltig und auf die Wünsche der Verbraucher abgestimmt. In der DDR ist das Warenangebot im Durchschnitt von geringerer Qualität (…).“ (BMB 1985)

Diese bundesdeutsche regierungsamtliche Einschätzung ist dem „Zahlenspiegel“ des Bundesministeriums für innerdeutsche Beziehungen von 1985 zu entnehmen.

Diese jährlich unter dem vollständigen Titel „Zahlenspiegel Bundesrepublik Deutschland/Deutsche Demokratische Republik – Ein Vergleich“ herausgegebene und vom Gesamtdeutschen Institut redaktionell verantwortete Publikation stellte auf rund 130 Seiten statistische Vergleiche beider deutscher Staaten an und kommentierte nicht nur die Zahlen, sondern nahm vielmehr auch Einschätzungen und Wertungen vor, wie die o. g. zum Warenangebot in beiden Ländern. Der „Zahlenspiegel“ richtete sich, wie im Vorwort ausgeführt wird, an Schulen und an die außerschulische politische Bildung und war als Arbeitshilfe zur Behandlung der „Deutschen Frage“ gedacht.

Die Publikation lieferte nicht nur Zahlen, sondern eben auch umfangreiche ideologisch konnotierte Texte im Sinne einer Verdeutlichung der Vorzüge des westdeutschen freiheitlichen Systems.

Diese und andere regierungsamtliche Veröffentlichungen aus der Zeit der deutschen Teilung warfen während der Reflexion der politischen Bildung zur deutschen Teilung und Wiedervereinigung in der Heimvolkshochschule Mariaspring die Frage auf, ob und ggf. wie Menschen, die auf der westdeutschen Seite in Grenznähe lebten, intensiver und zielgerichteter bundesdeutscher Regierungspropaganda zur deutschen Teilung, zur Grenze und zur besseren Lebenssituation im Westen ausgesetzt waren.

Diese Fragestellung ist insofern für die historisch-politische Bildungsarbeit in Mariaspring relevant, weil Seminare zur Geschichte der deutschen Teilung, zur Situation auf beiden Seiten der innerdeutschen Grenze und zur Entwicklung der ehemaligen Grenzregion nach der Wiedervereinigung zum festen Bestandteil des Bildungsangebots gehören. Die Heimvolkshochschule in Bovenden befindet sich ebenfalls im grenznahen Bereich, der früher nicht nur umgangssprachlich, sondern auch regierungsamtlich „Zonenrandgebiet“ genannt wurde. Auch dieser Terminus besaß eine gewollte ideologische bzw. propagandistische Funktion.

Besuch im Grenzmuseum Sorge Foto: Boris Brokmeier

Wir verstehen unsere Bildungsangebote nicht als pure Wissensvermittlung, sondern als Angebot vertiefter Auseinandersetzung und Urteilsbildung zur deutsch-deutschen Zeitgeschichte. Die dafür ausgewählten Themen sollen bei den Teilnehmenden neben dem notwendigen Interesse ein Bewusstsein für die damalige Situation der Menschen auf beiden Seiten der Grenze schaffen. Wir wollen damit die für diese Zeit typische Schwarz-Weiß-Malerei überwinden und ein differenziertes Bild schaffen, das zur Auseinandersetzung mit dem Thema im Seminar motiviert.

In den jeweiligen Bildungsveranstaltungen, die i. d. R. als fünftägige Bildungsurlaube angeboten werden, stellen wir immer wieder fest, dass es insbesondere bei Erwachsenen, die der sogenannten Erlebnisgeneration zuzurechnen sind, ein Interesse an diesem zeitgeschichtlichen Themenkomplex gibt. Die Teilnehmenden kommen aus West- und Ostdeutschland und zum Großteil nicht aus dem unmittelbaren ehemaligen Grenzbereich. Einige von ihnen verfügen über biografische Erfahrungen, weil es verwandtschaftliche Beziehungen in den jeweils anderen Teil Deutschlands gab, andere unternahmen Reisen in die DDR oder wohnten im „Zonenrandgebiet“ und die Grenze war Teil ihres Alltags. Ehemalige Zoll- und Bundesgrenzschutz-Beamte (BGS), die an der Grenze eingesetzt waren, nahmen ebenfalls an einigen Seminaren teil und konnten ihre spezifischen beruflichen Erfahrungen einbringen.

Zum recht breiten Themenkomplex deutscher Zeitgeschichte existiert inzwischen eine schwer überschaubare Zahl an Büchern, Broschüren, Filmen und Websites. Dennoch begeben wir uns immer wieder auf die Suche nach geeigneten Arbeitsmaterialien für unsere Seminare, um intensiver in bestimmte Fragestellungen zu historischen Ereignissen einzutauchen.

Wir verstehen unsere Bildungsangebote nicht als pure Wissensvermittlung, sondern als Angebot vertiefter Auseinandersetzung und Urteilsbildung zur deutsch-deutschen Zeitgeschichte.

Daraus entwickelten wir die Idee, eigene Arbeitsmaterialien für die Erwachsenenbildung zu erstellen, die als OER-Material (Open Education Resources) genutzt werden können. Es soll nicht das x-te Themenheft entstehen, sondern digitale Materialien, die verändert, angepasst oder gekürzt werden können, je nach Zielgruppe. Die Materialien sollen weiteren interessierten Einrichtungen in der Erwachsenenbildung zur Verfügung stehen. Auf diesem Wege möchten wir die Aufmerksamkeit in der historisch-politischen Bildung auf die Bearbeitung zeitgeschichtlicher Themen lenken.

Das Entwickeln und Erstellen solcher Arbeitshilfen ist nunmehr zusammen mit umfangreichen Archivrecherchen Gegenstand eines Projektes mit dem Titel „West – Ost – Eichsfeld“ geworden, das von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur gefördert wird. Anhand nachfolgender Leitfragen orientiert sich die Arbeit im laufenden Projekt:

  • Wie nahmen die Menschen es wahr, dass sie an dieser „Systemgrenze“ auch eine repräsentative Funktion hatten?
  • Wie wurde beurteilt, dass Besuchern bzw. Grenztouristen und Teilnehmern an Bildungsreisen vor der alltäglichen Kulisse der erschreckenden Grenzanlagen vermittelt werden sollte, welche Freiheiten sie in einer Demokratie genießen?
  • Verstand man sich selbst als Teil eines „Frontverlaufs der Demokratie“ und wurde dieses Gefühl durch Grenznähe, Familienbande und das kulturelle Erbe der Region verstärkt oder stand den Eichsfelder*innen vornehmlich die tagtäglich erfahrene konkrete Trennung vor Augen?

Lernort Eichsfeld

Mariaspring liegt geografisch in unmittelbarer Nähe zum Eichsfeld, einem Gebiet, das sich über einen kleinen Teil Südniedersachsens und in einem größeren Teil, dem Obereichsfeld, im Norden Thüringens erstreckt. Das Eichsfeld war bis 1990 geteilt, was für die Eichsfelder*innen besonders schmerzhaft war, weil Familien plötzlich getrennt wurden und Besuche erst seit der Einrichtung des „Kleinen Grenzverkehrs“ 1972 und der Einrichtung des Grenzübergangs Duderstadt/Worbis möglich wurde.

Eine weitere Besonderheit ist der gelebte Katholizismus im Eichsfeld. Auch während der DDR-Zeit spielte dieser im Obereichsfeld eine wichtige Rolle für die Menschen, während im niedersächsischen Untereichsfeld die Zahl der Katholiken zwar auch sehr hoch war und noch ist, aber eine gewisse Säkularisierung über die Jahre zu verzeichnen war. Die Menschen haben eine starke Bindung an das Eichsfeld, was im Wesentlichen auf das „Charakteristikum Kirche und Katholizismus“ (Harteisen et al. 2018) zurückzuführen ist. Die SED hatte es im Eichsfeld schwer und versuchte u. a. durch den Eichsfeld-Plan und Kadertransfers dort Fuß zu fassen (vgl. ebd., S. 99). Auf dem Punkt gebracht heißt das für die Eichsfelder: „Staaten kommen und gehen – Gott bleibt“ (Remy 1990).

Gedenkstein zur Erinnerung an die Flucht der Bewohner von Böseckendorf Foto: Boris Brokmeier

Diese regionalen Besonderheiten nutzen wir für die Seminare zur deutschen Teilung und Wiedervereinigung und fokussieren die Seminarinhalte z. T. auf das Eichsfeld und kreieren damit einen vielfältigen Lernort vor den Türen unserer Bildungsstätte. Ein zentraler Bestandteil bildet das Grenzlandmuseum Eichsfeld auf dem Gelände des ehemaligen Grenzübergangs Duderstadt/Worbis. Deren fachliche Expertise und Dauerausstellung nutzen wir als Informations- und Beratungsressource bei der Planung und Durchführung von Seminaren.

Das Projekt zielt darauf ab, eine Vielzahl von Dokumenten, Zeitungsartikeln, Berichten, Broschüren aus diversen kommunalen und staatlichen Archiven in Niedersachsen und Thüringen zutage zu befördern und diese für die politische Erwachsenenbildung nutzbar zu machen. Inzwischen ist als Ergebnis intensiver Recherchen bereits ein umfangreicher Katalog zusammengekommen, der in einem weiteren Schritt ausgewertet und thematischen Schwerpunkten zugeordnet werden soll.

Unsere Arbeitshypothese, dass die Menschen im sogenannten Zonenrandgebiet intensiver mit der Grenze zu tun hatten und häufiger Adressaten für politische Verlautbarungen, Veranstaltungen und Berichterstattung waren, kann bereits jetzt durch die Fülle des Archivmaterials bestätigt werden.

Originalquellen

Aus den Erfahrungen anderer Seminare zu zeitgeschichtlichen Themen wissen wir, dass die Arbeit mit Originalquellen eine stärkere Aufmerksamkeit der Teilnehmenden erfährt. Insofern sollen diese Erkenntnisse auch für die Veranstaltungen zur deutschen Teilung und Wiedervereinigung genutzt werden.

Die Landkreise und Gemeinden auf beiden Seiten der innerdeutschen Grenze wurden seit 1952 mit dem kontinuierlichen Ausbau der Grenzanlagen zu „spezifischen Kommunikationsräumen. Hier trafen ost- und westdeutsche Grenzsoldaten aufeinander, patrouillierten alliierte Truppen, beackerten Bauern ihre Felder, liefen westdeutsche Touristen auf und kamen Staatsgäste zu Besuch.“ (Eckert 2022, S. 15)

Das sogenannte Zonenrandgebiet – ein problematischer Begriff aus der Adenauerzeit –, dessen historisch gewachsene Verbindungen nach Ostdeutschland durch die Grenze gekappt wurden, stellte auch für die Bewohner eine Herausforderung dar, was Arbeitsplätze, Wirtschaftskraft und Perspektive in diesem Gebiet angeht. Es ging also auch darum, den Menschen in den grenznahen Städten und Dörfern das Leben so attraktiv wie möglich zu machen, ähnlich der Situation West-Berlins, nur, dass die Arbeitnehmenden dort eine sogenannte Berlin-Zulage zu ihrem Gehalt bekamen.

Die Situation an der innerdeutschen Grenze stellte sich somit komplett anders dar als die Grenzlandregionen zu anderen Nachbarstaaten Deutschlands.

Erinnerungskultur und Grenzen

Unklar ist nach wie vor, „wie die 40jährige Geschichte der DDR im gesamtdeutschen Gedächtnis zu bewerten und zu verankern ist“ (Assmann 2013, S. 118). Darüber werden die Historiker*innen streiten. Ob die DDR später auch nur noch „eine Fußnote im Geschichtsbuch“ sein wird, wie es der renommierte Historiker Heinrich August Winkler formulierte oder nicht, spielt im Moment keine Rolle. Aktuell liegen zwischen der Wiedervereinigung und heute 35 Jahre und demzufolge ist die sogenannte Erlebnisgeneration noch vorhanden und deren Nachfahren ebenfalls, die biografische Beziehungen in die Zeit der deutschen Teilung, sei es im Westen oder Osten, haben.

Zahlreiche Gedenkorte zur deutschen Teilung tragen wesentlich zur Erinnerung an die deutsche Teilung bei. Diese befinden sich in vor allem in Berlin, bedingt durch die Berliner Mauer, die eine Schneise durch die Stadt schlug und an der ehemaligen 1.400 km langen Grenze. Gedenksteine und -tafeln sind dort in großer Zahl anzutreffen, auch Grenzmuseen in unterschiedlicher Größe und Qualität, aber auch eine Vielzahl von Kunstwerken, die sich mit der Grenze und deren Öffnung bzw. Wegfall auseinandersetzen.

Wer heute im ehemaligen Grenzgebiet unterwegs ist, stößt früher oder später an einen solchen Gedenkort oder zumindest auf ein Hinweisschild dorthin. Das Gedenken an die deutsche Teilung ist omnipräsent und damit auch Teil der deutschen Erinnerungskultur und Thema für die politische Bildung.

Mit unserem Projekt wollen wir nicht die DDR-Geschichte aufarbeiten, sondern uns auf das Leben in den Grenzbereichen („Zonenrandgebiet“) konzentrieren und die Auswirkungen der Grenznähe auf die Menschen in den Fokus nehmen. Aleida Assmann geht davon aus, dass die DDR-Geschichte im nationalen Gedächtnis als Diktatur abgespeichert wird (vgl. Assmann 2013, S. 121). Das war zur Zeit der deutschen Teilung nicht anders als heute. Und damit wurde auf der Westseite für die Geschichte der Bundesrepublik ein Gegenbild geschaffen, das diese als freiheitlichen und demokratischen Staat präsentiert.

Bildungsarbeit

Der Schwerpunkt historisch-politischer Bildung in Mariaspring wird vor allem durch fünftägige Seminare, die als Bildungsurlaubs-Seminare konzipiert und anerkannt sind, realisiert. Sie setzen sich mit der deutschen Teilung und Wiedervereinigung in der Region Eichsfeld und dem Harz auseinander. Das Wissen um die Teilung Deutschlands und die Konsequenzen für die Bundesrepublik und vor allem für die DDR nimmt – so unsere Erfahrungen – immer weiter ab, aber gleichzeitig stellen wir ein Interesse an diesen deutschlandpolitischen Fragen fest. Die dazu angebotenen Seminare sollen neben Fakten vor allem Eindrücke aus bestimmten Regionen vermitteln und damit die Themen so nah wie möglich an die Teilnehmenden heranholen.

Das Wissen um die Teilung Deutschlands und die Konsequenzen für die Bundesrepublik und vor allem für die DDR nimmt – so unsere Erfahrungen – immer weiter ab, aber gleichzeitig stellen wir ein Interesse an diesen deutschlandpolitischen Fragen fest.

Seminartitel wie „Halt! Hier Grenze!“, „Auch drüben war Deutschland“ oder „Zisterzienser-Zeche-Zonengrenze – Die Wirtschaftsgeschichte des Harz“, um nur drei zu nennen, sollen für das jeweilige Thema Interesse wecken. Exkursionen in die Grenzregion und an die ehemalige Grenze sind zentraler Bestandteil der Seminare, um die Dimensionen der Grenzanlagen nachvollziehen zu können. Dank der zahlreichen Grenzmuseen sind Teile der Grenzanlagen in Form von Metallgitter-Zäunen, Beobachtungstürmen und Bunkern vorhanden, um diese im Original zu betrachten. Auf der Westseite sind Mahnmale und Gedenksteine zu „Republikflüchtlingen“ aus der DDR zu finden und auf der Ostseite wiederum im ehemaligen „Sperrgebiet“ Reste von DDR-Grenztruppen-Anlagen und Infotafeln neueren Datums, die wichtige Lernorte in den Seminaren darstellen.

Alle diese Orte und Gegenstände erzählen Geschichten aus der Zeit der deutschen Teilung, die z. T. ergänzt werden durch persönliche Erfahrungen und Erlebnisse der Teilnehmenden aus beiden Teilen Deutschlands.

Grenzinformation im Harz Foto: Boris Brokmeier

Zur deutschen Teilung und Wiedervereinigung existieren bereits unzählige Veröffentlichungen, Dokumentationen, Internetseiten etc. aus der Wissenschaft, von Museen, aus der Zivilgesellschaft oder Zeitzeug*innen, die, je nach Thema und Bedarf in die Seminararbeit einbezogen werden. Dennoch haben wir festgestellt, dass die Arbeit mit Original- bzw. Primärdokumenten zu spezifischen Ereignissen und Aktivitäten und Vorfällen an der Grenze zielführender ist, weil mehr Fakten zur Verfügung stehen und der Hintergrund des Dokuments (Zeitungsbericht, Fallberichte des BGS, Dienstanweisungen, Konzepte) weitere wichtige Erkenntnisse liefert, sodass in den Seminaren Entdeckendes Lernen durch die Befassung mit ausgewählten Ereignissen stattfinden kann.

Obwohl die innerdeutsche Grenze mit Mauer und Metallgitterzaum und weiteren unüberwindbaren Hürden auf eine menschenverachtende Weise ausgestattet war, gab es dennoch, wie z. B. im Eichsfeld, Ereignisse, Begebenheiten und Aktionen, die jenseits des strikten Grenzregimes geregelt und organisiert werden mussten. Davon ist selten etwas in Publikationen zu lesen, sondern vielmehr in Originaldokumenten, die sich in den entsprechenden Archiven befinden.

Das nachfolgende Beispiel soll das verdeutlichen: In Böseckendorf, einem kleinen Ort im Eichsfeld, unmittelbar an der Grenze und damit im Sperrgebiet der DDR gelegen, sind am 2. Oktober 1961 53 Einwohner in einer Nacht in den Westen geflüchtet, um einer drohenden Zwangsumsiedlung (Aktion „Ungeziefer“) zu entgehen. Im Februar 1963 gelang weiteren 13 Personen aus dem Dorf die Flucht in den Westen. Diese spektakulären „Republikfluchten“ hat es aus keinem anderen Ort in der DDR in diesen Jahren gegeben. Dass die Presse im Westen über diese Ereignisse berichtete und das mit einer gewissen Häme, liegt auf der Hand, genauso wie in der DDR öffentlich kein Wort darüber verloren wurde.

Bei der Bearbeitung dieser Ereignisse im Seminar entwickeln sich u. a. Fragen zum weiteren Verbleib der Geflüchteten, was in Böseckendorf nach Bekanntwerden der Fluchten passierte und wie sich die getrennten Familien nach der Wiedervereinigung zueinander verhielten. Um diese und andere Fragen zu klären, kommen Dokumente aus Archiven zum Einsatz: Zeitzeugenberichte, Ereignisberichte des BGS), Passierscheine für das Sperrgebiet, Fotos und Protokolle von Politikerbesuchen an der Grenze nach den jeweiligen Fluchten.

Anhand dieser unterschiedlichen Dokumente entsteht zunächst eine multiperspektivische Darstellung der Fluchtsituation, denn der BGS lieferte eine andere Sichtweise und Einschätzung als die Dabeigewesenen oder deren Nachfahren oder gar die Presse. Alle zur Verfügung stehenden Dokumente werfen Fragen auf, die im Verlauf des Seminars behandelt werden können: Warum waren Passierscheine für Einwohner des Ortes Böseckendorf notwendig? Warum wurde im Jahr 1961, und damit 12 Jahre nach Gründung beider deutscher Staaten, in Besuchsprotokollen eines Bundestagsausschusses am Fluchtort nicht von der DDR sondern der „SBZ“ (Sowjetische Besatzungszone) gesprochen? Warum schätzte der BGS die Situation nach der Flucht für sehr gefährlich ein?

Die Südhannoversche Zeitung aus Duderstadt berichtete damals: „Kreisoberamtmann Paulmann war zur Begrüßung der Flüchtlinge nach Immingerode gekommen, brachte Schokolade und andere Süßigkeiten für die vier Kinder mit und sagte den 13 Menschen aus der Ostzone jede erdenkliche Hilfe zu. Am heutigen Montag werden sie in Friedland registriert und dann beginnt für sie das Leben in demokratischer Freiheit.“

Diese üblichen Redewendungen und Darstellungen des Westens als „demokratische Freiheit“ waren überall gebräuchlich und sollten vor allem bei den Leser*innen im „Zonenrandgebiet“ das Gegenbild zur DDR und das eigene Bewusstsein schärfen.

Ergänzt werden diese Recherchen mit einer Exkursion nach Böseckendorf, um einen Eindruck vom Dorf zu bekommen, ob und wie dort auf die Fluchtereignisse hingewiesen wird und wo die Fluchtstrecken entlangführten.

Diese Form des Entdeckenden Lernens führt dazu, dass die Teilnehmenden durch ihre Recherchen und Einschätzungen in der Gruppe tief in das Thema einsteigen und die von ihnen gewonnenen Erkenntnisse bewerten und beurteilen müssen. Der Ansatz der Multiperspektivität ist notwendig, um zu erkennen, wer welche Interessen an den geglückten Fluchten hatte und wie diese artikuliert wurden. Mittlerweile stehen auch ausreichend Dokumente des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) aus dem Bundesarchiv zur Verfügung, u. a. in der „Einzelinformation 613/61 über die Durchführung der Maßnahmen zur Festlegung der Staatsgrenze West vom 03.10.1961, wo es heißt: „An der Stelle des Grenzdurchbruchs war in der Zeit von 11.30 Uhr bis 20.00 Uhr kein Grenzposten stationiert, obwohl nach Festlegungen die Stelle durch einen Posten hätte abgesichert sein müssen. Die Untersuchungen ergaben, dass bereits am 18.8. in einem Situationsbericht der Ortsparteiorganisation und der Nationalen Front Angaben darüber enthalten waren, dass ‚sämtliche Bauern von Böseckendorf die Koffer gepackt hätten und auf dem Sprung stünden‘.“

Die OER-Bildungsmaterialen

Die aus den unterschiedlichsten Archiven gewonnen Dokumente stehen unkommentiert und unbearbeitet zur Verfügung. Das Ziel des Projekts ist es dann, diese Archivalien für die politische Erwachsenenbildung so aufzubereiten und nach Themen zu sortieren, dass sie eine Bereicherung der historisch-politischen Bildung darstellen.

Die Archivalien umfassen Artikel aus Regional- und Lokalzeitungen sowie Journalen und Jahrbüchern der Regionalgeschichte. Darüber hinaus sind diverse Anträge, Berichte, Stellungnahmen und Korrespondenz aus der lokalen und regionalen Politik identifiziert worden, die ebenfalls für die Bildungsmaterialien genutzt werden sollen. Weiterhin stehen Jahresberichte des Bundesgrenzschutzes zur Verfügung, die u. a. die Arbeit in den Grenzinformationsstellen betreffen. Digitalisierte historische Prospekte und Broschüren zu Fahrten in die DDR sollen ebenfalls Teil der Bildungsmaterialien sein. Darüber hinaus bieten bereits transkribierte Zeitzeugeninterviews des Grenzlandmuseums Eichsfeld die Möglichkeit, O-Töne aus diesen autobiografischen Erinnerungen aufzugreifen.

Es wird angestrebt, für die Themenschwerpunkte je ein Materialpaket von drei bis fünf Archivquellen mit Beschreibung (Pur-Version) bereitzustellen. Des Weiteren werden ein bis zwei strukturierte Arbeitsaufträge mit dazugehörigen Archivquellen pro thematischen Schwerpunkt erarbeitet. Ergänzt wird dies mit drei umfassenderen, erklärungsintensiven Simulationen bzw. Rollenspielen.

Die erarbeiteten Materialien werden auf der Webseite von Mariaspring zum Download angeboten. Mit den Verantwortlichen der Agentur für Erwachsenenbildung Niedersachsen werden weitere Möglichkeiten der Veröffentlichung eruiert, bspw. bietet sich die Plattform twillo an (www.twillo.de/oer/web), wenn auch der Hochschulbereich erreicht werden soll.

Das Projekt wird zum Ende 2026 abgeschlossen sein. Bis dahin sollen die Arbeitsmaterialien mehrere Pretests durchlaufen haben, um sie anschließend in der politischen Bildung einsetzten zu können – 36 Jahre nach dem Ende der DDR.

Zum Autor

Boris Brokmeier, Leiter der Ländlichen Heimvolkshochschule Mariaspring in Bovenden mit dem Arbeitsschwerpunkt historisch-politische Bildung, Co-Vorsitzender der Kommission Erwachsenenbildung im AdB und Mitherausgeber der Fachzeitschrift „Außerschulische Bildung“.
brokmeier@mariaspring.de

Literatur

Assmann, Aleida (2013): Das neue Unbehagen an der Erinnerungskultur – Eine Intervention. München: C.H. Beck
BMB – Bundesministerium für innerdeutsche Beziehungen (1985): Zahlenspiegel Bundesrepublik Deutschland/Deutsche Demokratische Republik – Ein Vergleich. Berlin: Gesamtdeutsches Institut – Bundesanstalt für gesamtdeutsche Aufgaben
Eckert, Astrid M. (2022): Zonenrandgebiet – Westdeutschland und der eiserne Vorhang. Berlin: Ch. Links Verlag
Harteisen, Ulrich/Hoppe, Ansgar/Küster, Hansjörg/Müller Torsten W./Porada, Haik Thomas/Wucherpfennig, Gerold (2018): Das Eichsfeld – Eine landeskundliche Bestandsaufnahme. Köln: böhlau
Remy, Dietmar (1990): Opposition und Verweigerung in Nordthüringen (1976–1989). Schriftenreihe des Grenzlandmuseums Eichsfeld. Duderstadt: Grenzlandmuseum