Internationale Jugendarbeit im 17. Kinder- und Jugendbericht
Zum Kernbereich der internationalen Jugendarbeit gehören internationale Jugendbegegnungen, multilaterale Workcamps, der internationale Freiwilligendienst und der internationale Fachkräfteaustausch. Internationale Jugendarbeit wiederum ist Teil der internationalen Jugendbildung, zu der auch der Schüler*innenaustausch, internationale Formate des Kinder- und Jugendreisens sowie viele weitere Angebote und Aktivitäten im formalen, non-formalen und informellen Bildungsbereich gehören.
Der 16. Kinder- und Jugendbericht von 2020 zum Thema „Förderung demokratischer Bildung im Kindes- und Jugendalter“ wurde im Feld der internationalen Jugendarbeit breit rezipiert und mit bisherigen Konzepten politischer Bildung in der internationalen Jugendarbeit verknüpft. Nun liegt seit September 2024 der 17. Kinder- und Jugendbericht (BMFSFJ 2024) vor, der sich als Gesamtbericht unter dem Stichwort „Jungsein heute“ mit aktuellen Krisenphänomenen wie dem Krieg in der Ukraine, der Corona-Pandemie, dem Klimawandel oder steigender Demokratiefeindlichkeit in ihren Auswirkungen auf das Leben junger Menschen und die Angebote der Kinder- und Jugendhilfe befasst.
Die pädagogische und politische Relevanz des Berichts wäre an sich schon ein ausreichendes Argument, um sich aus der internationalen Jugendarbeit heraus damit zu beschäftigen. Der Fokus des 17. Kinder- und Jugendberichts auf internationale Krisen und Veränderungsprozesse in ihrer „globalen Dynamisierung“ (ebd., S. 87 ff.) fordert aber erst recht dazu auf, danach zu fragen, wo und wie im aktuellen Kinder- und Jugendbericht die internationale Jugendarbeit eine Thematisierung findet und wie das Feld in die Analysen und Argumentationen aufgenommen wird.
Internationale Jugendarbeit aus Sicht der Bundesregierung
In ihrer dem Bericht vorangestellten Stellungnahme betont die (ehemalige) Bundesregierung, sich in der europäischen und internationalen Jugendpolitik an den Zielen und Grundsätzen der Eigenständigen Jugendpolitik auf Bundesebene sowie den strategischen Vorhaben der EU-Jugendstrategie zu orientieren und rückt dabei den Aspekt der Mitsprache junger Menschen und die Berücksichtigung ihrer Belange in der Politikgestaltung ins Zentrum (vgl. BMFSFJ 2024, S. 11). Auch die Jugendbeteiligung auf der Ebene der UN-Generalversammlung wird von der Bundesregierung hervorgehoben und ausdrücklich unterstützt. Internationale Jugendarbeit – als Oberbegriff des Feldes in der Kinder- und Jugendhilfe – taucht dann in der Beschreibung des Kinder- und Jugendplans des Bundes (KJP) als zentrales Förderinstrument der Kinder- und Jugendhilfe auf Bundesebene auf (vgl. ebd., S. 13). Hierzu heißt es:
„Internationale Erfahrungen sind für junge Menschen besonders wertvoll. Sie tragen dazu bei, neue Wissenshorizonte zu eröffnen, Handlungskompetenzen in einer globalisierten Welt zu erweitern, Mitverantwortung für Frieden, Freiheit und soziale Gerechtigkeit zu stärken sowie zum Umgang mit Diversität zu befähigen. (…) Die gesellschaftliche Teilhabe junger Menschen ist eng verknüpft mit der Befähigung, die globalisierte, internationalisierte und europäisierte Wirklichkeit mit dem persönlichen, aber auch mit dem erweiterten politischen und gesellschaftlichen Umfeld in Einklang zu bringen. Die Bundesregierung fördert daher zahlreiche Jugendbegegnungen und Fachkräfteprogramme freier und öffentlicher Träger sowie Freiwilligendienste für junge Menschen (…). Dieses Engagement, insbesondere der vielen Ehrenamtlichen in diesem Feld, will die Bundesregierung auch zukünftig unterstützen. (…) Nach dem Leitbild des KJP sollen dabei verstärkt solche jungen Menschen in Deutschland an internationale Projekte herangeführt werden, die sonst kaum Möglichkeiten für entsprechende Erfahrungen haben.“ (Ebd., S. 17)
Zusätzlich zur Förderung der internationalen Jugendarbeit über den KJP betont die Bundesregierung ihre Unterstützung der bilateralen Jugendwerke und verweist darüber hinaus auf Erasmus+ und das Europäische Solidaritätskorps als Möglichkeit der Förderung grenzüberschreitender Mobilität und transnationaler Zusammenarbeit durch EU-Programme. Dabei wird betont, allen jungen Menschen Mobilitätserfahrungen zu ermöglichen und Zugangsbarrieren abzubauen (vgl. ebd.). Denn:
„Auch die europäische und internationale Jugendarbeit leistet unentbehrliche Beiträge für eine individuelle und gesellschaftliche Entwicklung, die Offenheit, Engagement und demokratisches Miteinander in der Zivilgesellschaft erhalten und fördern: Internationale Jugendarbeit bildet, ermöglicht kulturelle Öffnung, verhindert das Abgleiten in Extremismen und stärkt darüber hinaus länderübergreifende Netzwerke demokratischer Zusammenarbeit. Sie ist ein wichtiger Teil der Jugendpolitik der Bundesregierung und ermöglicht jungen Menschen, sich mit Altersgenossinnen und Altersgenossen in anderen Ländern aktiv für Europa und Völkerverständigung, für Solidarität und Demokratie einzusetzen und sich zugleich kritisch mit demokratiefeindlichen Entwicklungen auch mit jungen Menschen in anderen Ländern kritisch auseinanderzusetzen.“ (Ebd., S. 22)
Das von der Bundesregierung so klar formulierte jugendpolitische Ziel, internationale Bildungserfahrungen für alle jungen Menschen zu ermöglichen und vorhandene Zugangsbarrieren zu beseitigen, ist für das Feld der internationalen Jugendarbeit eine wichtige politische Stütze. Getrübt wird dieses Bekenntnis zur Relevanz internationaler Jugendarbeit allerdings durch realpolitische Entwicklungen wie bspw. die Abschottungspolitik gegenüber geflüchteten Menschen, eine halbherzige Klimapolitik, eine fehlende Auseinandersetzung mit der europäischen Kolonialgeschichte oder die Stabilität bestehender Ungleichheitsverhältnisse innerhalb und zwischen den Mitgliedstaaten der EU (vgl. Thimmel 2024, S. 12).

Zudem ist gegenüber der positiven Darstellung der Potenziale internationaler Jugendarbeit durch die Bundesregierung in der Fachdebatte vor dem Hintergrund insbesondere des russischen Angriffs auf die Ukraine eine größere Zurückhaltung gegenüber den in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten formulierten Zielen angemahnt, die von einem Fortschritt hin zu einer friedlicheren Welt ausgingen und den substanziellen Beitrag der internationalen Jugendbildung hierzu betonten (vgl. ebd., S. 13). Vor diesem Hintergrund wäre es notwendig, Zielformulierungen kritisch zu prüfen, ohne damit die Relevanz von internationaler Jugendarbeit an sich in Frage zu stellen. Die ohnehin immer vorhandene Gefahr der Überfrachtung pädagogischer Praxis mit hohen politischen Zielen tritt hier also nochmal deutlicher zutage. Es verlangt nach einer Auseinandersetzung an der Schnittstelle von Wissenschaft, Praxis und Politik mit den von den Prinzipien der Kinder- und Jugendarbeit ausgehenden Zielsetzungen. Dies würde denn auch dem in der Zugangsstudie zum internationalen Jugendaustausch (Becker/Thimmel 2019) herausgearbeiteten Problem begegnen, dass dem Interesse der Kinder und Jugendlichen keine oder nur sehr wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird, „da zum einen in der Praxis ein Primat von Formatstrukturen, Organisation und Finanzierungsregelungen verhindert, dass Internationalität ein integraler Bestandteil von Jugendarbeit und Jugendsozialarbeit ist. Zum anderen sehen sich die Jugendarbeiter*innen häufig selbst nicht verantwortlich für die internationale Dimension ihrer Besucher*innen des Jugendzentrums oder des Jugendverbandes, sondern verschieben diese Verantwortung auf die Schule.“ (Thimmel 2024, S. 16)
Internationale Jugendarbeit als Ressource der Kinder- und Jugendhilfe und Teil von Kinder- und Jugendarbeit
Kommen wir nun zum Kommissionsteil. Die Berichtskommission nimmt eine für die Kinder- und Jugendhilfe nicht immer selbstverständliche internationale Perspektive ein, was deutlich wird an der Analyse der internationalen Forschungslage, der Rezeption internationaler und international vergleichender Studien, der Berücksichtigung inter- und transnationaler Organisationen und NGOs wie UNICEF, dem Blick auf internationale Jugendbewegungen wie Fridays for Future, der Integration von Perspektiven und Rahmenbedingungen einer nationalen und internationalen Kinder- und Jugendpolitik, der Betonung der Kinderrechte (UN-Kinderrechtskonvention) und – für die Kinder- und Jugendarbeit von besonderer Bedeutung – der Beschreibung der europäischen Diskurse und Prozesse (European Youth Work Conventions, European Youth Work Agenda und Bonn-Prozess).
Das von der Bundesregierung so klar formulierte jugendpolitische Ziel, internationale Bildungserfahrungen für alle jungen Menschen zu ermöglichen und vorhandene Zugangsbarrieren zu beseitigen, ist für das Feld der internationalen Jugendarbeit eine wichtige politische Stütze.
Internationale Jugendarbeit wird durch die Berichtskommission ein erstes Mal im Zusammenhang der Erläuterung der personellen Ressourcen der Kinder- und Jugendhilfe erwähnt, da dem Freiwilligendienst, zu dem auch der zur internationalen Jugendarbeit gehörende internationale Freiwilligendienst zählt, hier neben Fachkräften und Ehrenamt/zivilgesellschaftlichem Engagement eine besondere Bedeutung zukommt. Dabei stellt die Kommission fest, dass die Teilnehmendenzahlen im internationalen Freiwilligendienst während der Corona-Pandemie aufgrund von Lockdowns und Reisebeschränkungen zurückgegangen sind, während die Nachfrage im nationalen Freiwilligendienst konstant geblieben ist (vgl. BMFSFJ 2024, S. 65; siehe auch S. 344). Der Krieg in der Ukraine und andere militärische Konflikte schränken die Möglichkeiten des internationalen Freiwilligendienstes zudem deutlich ein und haben Unsicherheit und Zurückhaltung von jungen Menschen zur Folge (vgl. ebd.). Mit dem Angriff der Hamas auf Israel wurden Interims- und Sonderregelungen durch das BMFSFJ notwendig, damit internationale Freiwillige ihren Dienst fortsetzen oder sich umorientieren sowie bedarfsgerechte Hilfe durch pädagogische oder psychologische Betreuung und Traumabewältigung erhalten konnten (vgl. ebd.). Die Kommission fordert in diesem Zusammenhang „eine Weiterentwicklung der Strukturen und keine Kürzungen der Förderung.“ (Ebd., S. 65)
In der Beschreibung der „Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe“ findet internationale Jugendarbeit Erwähnung in der Beschreibung der Kinder- und Jugendarbeit als ein „weiteres Feld“ neben den „Hauptfeldern“ der Jugendverbandsarbeit und der Offenen Kinder- und Jugendarbeit (vgl. ebd., S. 66 und S. 367). Sie wird hier zwar – wie in den Kinder- und Jugendberichten üblich – als ein relevanter Teil der Kinder- und Jugendarbeit nach §11 SGB VIII sichtbar, eine detailliertere Beschreibung, Begründung und Analyse mit Blick auf die Besonderheit dieses Arbeitsfeldes im Vergleich zu den anderen, zumeist kommunalen Angeboten der Kinder- und Jugendarbeit erfolgt aber nicht. Unter der Überschrift „Aktuelle Themen und Herausforderungen“ heißt es dann allerdings:
„Darüber hinaus haben die aktuellen bewaffneten Konflikte und Kriege auch besondere Auswirkungen auf die internationale Kinder- und Jugendarbeit, da sowohl mit der Ukraine als auch mit Russland und Belarus einerseits und mit Israel (und auch Palästina) andererseits viele Partnerschaften und Austauschprogramme aktuell nicht gepflegt werden können und keine klaren Zukunftsperspektiven bestehen. Umso wichtiger ist es daher, die bestehenden Jugendwerke und vergleichbare Strukturen, Netzwerke, Partnerschaften und Verbindungen aufrechtzuerhalten und zu stärken, damit Partnerschaften nicht abbrechen und alsbald wieder aufgenommen werden können.“ (Ebd., S. 370)
Während internationale Jugendarbeit also in der Beschreibung der Kinder- und Jugendarbeit zunächst lediglich als ein „weiteres Feld“ (und nicht zugleich als Querschnittsbereich aller Felder) neben anderen miterwähnt wird, rückt sie in Fragen der Auswirkungen aktueller Kriege und Konflikte als ein „Hauptfeld“ in den Blick. Dies verwundert nicht. Denn wenn in einem Partnerland ein Krieg ausbricht, ist ein Jugend- oder auch Schüler*innenaustausch in gewohnter Form nicht mehr möglich und es muss besondere Aufmerksamkeit auf den Schutz der Teilnehmenden und Partnerorganisationen gelegt werden.
Internationale Jugendarbeit als Teil europäischer und internationaler Kinder- und Jugendpolitik
Auch im Kapitel „Kinder- und Jugend(hilfe)politik“ taucht internationale Jugendarbeit unter der Überschrift „Europäische und internationale Kinder- und Jugendpolitiken“ auf, weil es hier um den jugendpolitischen Fokus der Europäischen Union auf Youth Work, also Jugendarbeit, Jugendsozialarbeit und Mobilitätsprogramme geht, wozu auch die Förderung von internationalem Jugendaustausch gehört (vgl. BMFSFJ 2024, S. 76). Ähnlich wie bei der Beschreibung der Kinder- und Jugendarbeit als Leistung der Kinder- und Jugendhilfe taucht internationale Jugendarbeit auch hier zunächst eher am Rande auf, rückt dann aber ebenso im Kapitel „Aktuelle Themen und Herausforderungen“ wieder ins Zentrum.

Die Bedeutung internationaler Jugendarbeit wird darin gesehen, „dass sich junge Menschen ‚über Landesgrenzen hinweg, freiwillig und selbstbestimmt begegnen, dabei etwas lernen und pädagogisch begleitet werden‘.“ (Ebd., S. 484) Allerdings macht der Blick auf genau dieses Arbeitsfeld auch deutlich, „wie groß die Auswirkungen von für die Jugendmobilität disruptiven Entwicklungen wie der Corona-Pandemie und des Kriegs in der Ukraine sind – Verbindungen und Zusammenarbeit wurden eingeschränkt, Austauschprogramme waren und sind nicht im selben Ausmaß wie zuvor möglich.“ (Ebd.) Hinzu komme der Fachkräftemangel, der dazu führe, dass sich „europäische und internationale Themen oft als nicht mehr aufrechtzuerhalten erweisen und im Zweifel wegfallen. Dies wird noch verstärkt durch etwaige Finanzierungsengpässe und eine chronische Unterfinanzierung in einigen Ländern.“ (Ebd.) Und auch der Klimawandel wird als für das Feld besonders bedeutsam angeführt, bspw. mit Blick auf die Frage, wie internationale Jugendbegegnungen ökologisch nachhaltig umgesetzt werden können und gleichzeitig gewährleistet bleibt, dass auch marginalisierte junge Menschen an internationalen Bildungsangeboten teilnehmen (vgl. ebd.).
Im weiteren Verlauf wird internationale Jugendarbeit zusammen mit dem europäischen Begriff Youth Work als ein Arbeitsfeld europäischer und internationaler Jugendpolitik präsentiert. Die Berichtskommission knüpft damit an die in jüngerer Zeit verstärkt zu beobachtenden Anstrengungen an, die Internationalisierung der Kinder- und Jugendhilfe voranzutreiben und Fachkräfte für eine globale Zusammenarbeit zu befähigen und dies über eine Stärkung der Anbindung der Kinder- und Jugendarbeit in Deutschland an den europäischen Diskurs um Youth Work und die in diesem Kontext entwickelten Strukturen, Netzwerke und Instrumente zu leisten (vgl. Thimmel 2021; 2024). Dem Feld der internationalen Jugendarbeit kommt dabei eine zentrale Rolle zu:
„Mit Blick auf den Umgang des Arbeitsfelds Youth Work bzw. internationale Jugendarbeit mit den beiden Schwerpunktthemen ‚Aufwachsen in Krisen‘ sowie ‚Aufwachsen in einer diversen Gesellschaft‘ ist festzustellen, dass europäisch wie international anerkannt wird, dass die Reihe von Krisen der letzten Jahre – darunter die Corona-Pandemie, der Klimawandel und die Auswirkungen des Angriffskriegs Russlands gegen die Ukraine – tiefgreifende Auswirkungen auf junge Menschen haben, da sie Ungleichheiten und Menschenrechtsverletzungen verschärfen und die Komplexität der Herausforderungen, denen sich junge Menschen gegenübersehen, verstärken. Diese Krisen betreffen junge Menschen nicht nur in Deutschland, sondern europa- und weltweit. Eine adäquate Auseinandersetzung damit erfordert deshalb neben der nationalen eine internationale und transnationale Perspektive des Denkens und Handelns.“ (BMFSFJ 2024, S. 485)
Entsprechend werden die Ziele von internationaler Jugendarbeit hervorgehoben, „zu internationaler Verständigung und Austausch beizutragen, um Wissenshorizonte zu eröffnen, Handlungskompetenzen in einer globalisierten Welt zu erweitern und Mitverantwortung für Frieden, Freiheit und soziale Gerechtigkeit zu stärken.“ (Ebd.) Durch die Möglichkeit, junge Menschen durch internationale Jugendarbeit für den Umgang mit aktuellen und zukünftigen Krisen und Diversität zu befähigen und damit auch einen Beitrag gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus zu leisten, spielt das Feld nach Ansicht der Kommission „eine entscheidende Rolle (…), um junge Menschen in Krisenzeiten zu unterstützen und inklusive und diverse Gesellschaften zu fördern.“ (Ebd.)
Im Fazit des Kapitels wird dann hervorgehoben, dass internationale Jugendbegegnungen als ein „Kerninstrument“ der internationalen Jugendarbeit für die „europäische und internationale Zusammenarbeit im Jugendbereich entscheidend (ist), um in einer immer diverser werdenden Gesellschaft durch informelle, formale und nicht-formale Bildungsaktivitäten Orientierung zu bieten.“ (Ebd.) Zudem kritisiert die Kommission, dass das Europäische und Internationale in der Kinder- und Jugendhilfe häufig als „Themen“ behandelt werden, obwohl es sich dabei um eine „politische Ebene“ handele, was dazu führe, „dass Themen auf dieser Politikebene Gefahr laufen, in den für europäische und internationale Jugendpolitik zuständigen Referaten zu verbleiben und nicht mit den für dieselben Themen auf nationaler Ebene zuständigen Referaten zusammengebracht zu werden.“ (Ebd., S. 487) Eine „ressortübergreifende Behandlung von Jugendthemen“ (ebd.) – dies hebt die Kommission zurecht hervor – wäre aber angesichts der Entwicklungen auf nationaler und europäischer Ebene dringender denn je.
Fazit
Die Darstellung der internationalen Jugendarbeit im 17. Kinder- und Jugendbericht entspricht in weiten Teilen dem aktuellen Stand des Fachdiskurses und spiegelt das professionelle Selbstverständnis des Feldes: „Internationale Begegnungen im In- und Ausland bieten jungen Menschen die Möglichkeit, für selbstverständlich gehaltene Überzeugungen zu hinterfragen und als eine von vielen möglichen Perspektiven auf die Welt zu erkennen.“ (BMFSFJ 2024, S. 274) Es wird aber auch deutlich, dass die internationale Jugendarbeit im Gesamtkontext der Kinder- und Jugendhilfe und im Vergleich zu anderen Arbeitsfeldern der Kinder- und Jugendarbeit nach wie vor ein marginalisiertes Feld darstellt. Internationale Jugendarbeit wird zumeist lediglich als „ein Teil von“ abgehandelt – als ein Teil von Kinder- und Jugendarbeit oder als ein Teil von europäischer und internationaler Jugendpolitik oder als ein Teil von Youth Work. Dies wird der Bedeutung des Feldes für die im Bericht fokussierten internationalen Krisenzusammenhänge und der Internationalität und Diversität als soziologischem Grundtatbestand nicht gerecht. Dass internationale Jugendarbeit im Bericht gerade dann ins Zentrum rückt, wenn es darum geht, angesichts der Herausforderungen von Kinder- und Jugendarbeit und -politik die Potenziale zu beleuchten, ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass es dem Feld nach wie vor an Sichtbarkeit und Anerkennung mangelt (vgl. Fürstenrieder Erklärung 2023).
Der Bericht zeigt, dass nicht nur die Potenziale internationaler Jugendarbeit zum Umgang mit den Krisen der Welt, sondern auch die Belastungen des Feldes im Vergleich zu anderen Feldern der Kinder- und Jugendhilfe Besondere sind. Angesichts dessen wäre die Fachcommunity der internationalen Jugendarbeit und Jugendbildung (wozu dann auch Schüler*innenaustausch, schul-, hochschul- und berufsbezogene Mobilitätsformate gehören) gut beraten, den Bericht zu nutzen, um noch stärker als bisher um die Sichtbarkeit und Ankerkennung des Feldes im Kontext der Kinder- und Jugendhilfe und darüber hinaus zu kämpfen. Der im Bericht betonte Zusammenhang von internationaler Jugendarbeit und Youth Work als europäisches Konzept könnte hier eine wichtige Richtungsanzeige sein.
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st.schaefer@katho-nrw.de