Mit Anita Haviv-Horiner im Gespräch
Außerschulische Bildung: Was hat dich bewogen, in dieser extremen Ausnahmesituation nach dem 7. Oktober 2023 ein Interviewbuch über das zivilgesellschaftliche Engagement und die Hilfsbereitschaft der Menschen in Angriff zu nehmen?
Anita Haviv-Horiner: Nach dem 7. Oktober, nach diesem furchtbaren Massaker, das das größte Verbrechen an Juden seit dem Holocaust darstellt, bin ich in ein sehr tiefes Loch gefallen. Wie viele andere Israelis auch, habe ich danach gesucht, wo ich irgendwo einen Lichtblick finden kann. Es bringt ja nichts, wenn man nur in dieser depressiven Stimmung verharrt. Das Leben muss weitergehen.
In dieser Zeit habe ich sehr viele Interviews gehört im Fernsehen und im Radio, aber eben auch in meinem Bekanntenkreis gesehen, wie viele Menschen sich plötzlich engagiert oder ihr existierendes Engagement verstärkt haben. Ich habe gesehen, welche Solidarität plötzlich entstanden ist, wie sehr Menschen bereit waren, ihre Komfortzone zu verlassen. Und ich dachte, das muss festgehalten werden, auch um eine breit gefächerte Sicht auf Israel zu ermöglichen, das ja sonst immer nur durch den Konflikt wahrgenommen wird.
Was hat dich bei den Gesprächen am meisten überrascht?
Erstens einmal die Kreativität der Menschen, also ihre Ideen. Zum Beispiel hat eine Interviewgebende beschlossen, dass man Betroffenen beibringen muss, wie sie einen Podcast produzieren. Dadurch lernen sie nicht nur, ihre Geschichte zu erzählen, sondern auch das Technische, weil das ihrer Meinung nach einen Heilprozess startet. Sie hat daraufhin die NGO „Personal Journey“ gegründet, die in diesem Bereich arbeitet. Eine Therapeutin, die Akupunktur macht, hat mir erzählt, dass sie sich einer Gruppe angeschlossen hat, die völlig spontan entstanden ist. Ein Hochzeitssaal hat seine Prämissen zur Verfügung gestellt, sodass hunderte alternative Therapeuten und Psychologen in diesem Hochzeitssaal ihre Dienste für Überlebende des Nova Festivals gratis anbieten konnten. Die Therapeuten standen 24/7 Stunden zur Verfügung. Die Materialien wurden gratis geliefert. Diese Kreativität, aber auch diese Bereitschaft, alles quasi auf Pause zu stellen und sich nur dieser Hilfe zu widmen, haben mich überrascht.
Es ist immer eine Kette. Das heißt, einer hat eine Idee gehabt, sehr schnell konnte er oder sie andere von dieser Idee überzeugen und diese auch einbinden. Und mich hat überrascht, dass sie alle es geschafft haben, ein Netzwerk aufzubauen, das es ihnen ermöglicht hat, so wirksam zu sein. Die meisten dieser Projekte laufen bis heute – natürlich in reduziertem Maße – weiter. Die Nachhaltigkeit dieser Projekte hat mich auch sehr beeindruckt.
Du schreibst in deinem Vorwort, dass du dieses Buch – wie alle deine Publikationen – als Instrument der politischen Bildung im deutsch-israelischen Dialog verstehst. Kannst du das etwas genauer erläutern?
Zunächst einmal war es mir sehr wichtig, dass das Buch auf Deutsch erscheint, weil ich die deutschsprachigen Medien verfolge und sehe, dass Israel immer nur durch diese eine Brille des Konflikts, der Armee, des Bad Guys wahrgenommen wird. Und natürlich, es ist ein wichtiger Aspekt. Man kann auch viel diskutieren, was richtig ist und was falsch ist. Aber es war mir wichtig, ein breit gefächerteres Bild von Israel, ein nuancierteres Bild von Israel darzustellen.
Darüber hinaus sind sowohl die Interviews im Buch als auch die Interviews in den Videos so gestaltet, dass man sehr gut mit ihnen in Workshops arbeiten kann. Im Buch richtet sich die letzte Frage immer darauf, was andere im Ausland, in Deutschland lernen können: Was möchte ich euch mitgeben?
Ich hatte an der Universität in Wien einen Workshop. Dort haben wir sehr viel gerade zu dieser letzten Frage gearbeitet, quasi das zivilgesellschaftliche Engagement auf den Referenzrahmen der Teilnehmenden bezogen.
Das greift schon meine nächste Frage auf: Was können wir von dem Engagement der Interviewpartner*innen für Deutschland lernen? Vielleicht auch gerade vor dem Hintergrund der 35 Jahre Wiedervereinigung beider deutscher Staaten? Was kann man aus dem zivilgesellschaftlichen Engagement nach dem 7. Oktober 2023 lernen, um in Umbruchssituationen handlungsfähig zu werden oder zu bleiben? In Situationen, bei denen man nicht weiß, in welche Richtung sich etwas gesellschaftlich entwickeln wird?
Ich glaube erstens, dass wir Israelis sehr darauf trainiert sind, mit der Ungewissheit zu leben. So wie ich Deutschland wahrnehme, sucht man dort immer nach Gewissheiten, die es im Leben aber nicht wirklich gibt. Und wie man auch jetzt gerade in Deutschland in der Politik sieht: Es gibt keine Gewissheiten. Und damit muss man sich abfinden, das muss der Ausgangspunkt unserer Überlegungen sein. Und da haben wir in Israel, glaube ich, sehr viel Erfahrung.
Zweitens glaube ich, dass man lernen kann, risikobereit zu sein. Das Prinzip lautet: Ich habe eine Idee, ich setze sie um. Wenn der Versuch flachfällt, ist es auch gut, dann erprobe ich eben eine andere Idee. Also die Tatsache, dass man einmal auf die Nase fällt, bedeutet nicht, dass man es nicht noch einmal wagen soll, sondern im Gegenteil. Diese Fehlerfreundlichkeit finde ich wichtig.
Und was mich sehr beeindruckt hat und was vielleicht auch auf den deutschen Referenzrahmen übertragen werden kann, ist, dass marginalisierte Gruppen in Israel, also wie zum Beispiel Ultraorthodoxe oder auch die arabischen Bürger, ein Gefühl des Empowerments gehabt haben. Sie haben eigene Initiativen ins Leben gerufen, die auch anderen Gruppen zugutegekommen sind. In mehreren Projekten, gerade auch in den später gedrehten Videos, werden genau diese marginalisierten Gruppen angesprochen, also zum Beispiel sozial benachteiligte Jugendliche. Und man sagt ihnen: „Es geht nicht darum, was wir euch geben können, sondern was ihr den anderen geben könnt.“ Die Initiativen wurden auf der Grundlage ihrer Ideen entwickelt.
Ich glaube, das ist ein Modell, mit dem man sehr gut arbeiten kann. Meines Erachtens könnten einige dieser israelischen Organisationen auch beratend in Deutschland tätig sein. Manche der im Buch und den Videos vorgestellten Konzepte eignen sich auch für den sozialen Dialog in Deutschland, z. B. Konfliktlinien zwischen alten und neuen Bundesländern, Integration von Bevölkerungsgruppen mit Migrationshintergrund, Gewalt gegen Frauen. Es gibt ja auch in Deutschland viele Spannungsfelder, die bearbeitet werden sollten.
Ich denke, dass das Empowerment von benachteiligten Gruppe im Blick behalten werden soll und kann.
Das stärkt ja die Gesellschaft insgesamt. Wir merken das immer wieder an der Sprachlosigkeit oder der Unfähigkeit, in einen guten, demokratischen Streit zu gehen, weil die Menschen sich eigentlich gar nicht mehr zuhören, weil sich viele so gar nicht gesehen fühlen. Und genau diese Perspektive sichtbar zu machen, wäre ja wichtig.
Das ist ein totaler Wechsel der Perspektiven, weil man sich auf eine Sache konzentriert. Ich habe Ultraorthodoxe, Säkulare, Linke, Rechte und Juden, Araber interviewt, und alle haben gesagt: „Es ist mir nicht wichtig, wem ich helfe, ich will nur helfen.“ In dem Moment, in dem man hilft, werden Grenzen aufgebrochen. Ich möchte soziale Spannungsfelder in Israel keineswegs schönreden. Doch Empowerment benachteiligter Gruppen scheint mir definitiv ein Instrument, das helfen kann.
Wir wissen, dass du die Entwicklungen und den wachsenden Antisemitismus in Deutschland genau beobachtest. Es gibt viele Akteure der politischen Bildung, die sich mit ihrer Bildungsarbeit gegen Antisemitismus und Israelfeindlichkeit engagieren. Hier kann nicht genug getan werden. Was wünschst du dir in diesem Kontext von den politischen Bildner*innen?
Ich wünsche mir, dass sie ihr eigenes sehr oft Schwarz-Weiß-Bild von Israel ein bisschen schattieren, dass sie sich multiperspektivisch informieren. Das heißt nicht, dass man keine Kritik an der Regierung Israels und an der Politik oder an der Armee Israels ausüben kann. Das passiert nirgendwo intensiver als in Israel selbst. Es ist auch keine Frage, dass diese Regierung versucht, die Demokratie nach ungarischen Muster total auszuhöhlen. Diese Tatsachen möchte ich keineswegs unter den Tisch kehren. Aber diese im Ausland stattfindende Gleichsetzung von Israel mit seiner Regierung ist nicht akzeptabel. Sie zieht Menschen wie mir den Boden unter den Füßen weg.
Israel ist das einzige Land, dessen Existenzrecht oft infrage gestellt wird. Und ich glaube, dass man verstehen muss, dass Israel existenziell bedroht ist. Und es geht nicht nur um den Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern, sondern, wie man gesehen hat, auch zwischen Iran und Israel.
Die Feinde Israels haben sich auf die Fahnen geschrieben, Israel zu zerstören.
Man denke an diese Uhr in Teheran, die mit einem digitalen Countdown die dort vermutete Zeit der Existenz Israels herunterzählt. Oder man denke an die Charta der Hamas, in der Programm und Ziele der 1987 gegründeten Terrororganisation festgeschrieben sind. Also es geht nicht um die Besatzung, sondern um die Zerstörung Israels. Das muss man sich vor Augen halten. Und noch einmal: Ich glaube, man sollte auch Einblicke suchen in die israelische Gesellschaft, die sonst nicht so bekannt sind.
Und ich hoffe, durch mein Buch und die Videos einen Beitrag dazu geleistet zu haben.
Du hast es schon angedeutet im bisherigen Gespräch, dass die Arbeit, die diesem Buch zugrunde liegt, weitergeht. Was hast du schon umgesetzt? Was sind deine weiteren Pläne?
Ich habe für die Bundeszentrale für politische Bildung zehn Videos mit Akteurinnen und Akteuren der israelischen Zivilgesellschaft gemacht. Darunter ist auch eine Palästinenserin aus Ost-Jerusalem. Ich habe sie über ihre Arbeit befragt. Diese Videos sind circa zehn bis zwölf Minuten lang.
Ich würde mich sehr freuen, Fortbildungen dazu zu machen, wie auch zum Buch. Und ich denke, dass die Interviews sprachlich relativ einfach gehalten sind, sodass man sie auch in Schulen einsetzen kann. Gerade in den Videos, aber auch in den Interviews im Buch habe ich die Sprache ganz bewusst klar, deutlich und einfach gehalten, damit man mit unterschiedlichen Zielgruppen arbeiten kann.
Und wie es weitergeht, weiß ich jetzt noch nicht. Aber ich denke, das sind jetzt schon 27 Interviews, also die im Buch und die zehn Interviews im Video. Da hat man schon eine ganz gute Palette, mit der man zu diesem Thema arbeiten kann.
Darüber hinaus erstelle ich für die Bundeszentrale für politische Bildung ein multiperspektivisches digitales Israel-Dossier, das auch bald online abrufbar sein wird. Die 20 Texte israelischer und deutscher Expertinnen und Experten werden es den Lesenden ermöglichen, sich Hintergrundwissen über Israel anzueignen.
Gerne bin ich bereit, Kontakte zwischen deutschen und israelischen zivilgesellschaftlichen Organisationen herzustellen.
Liebe Anita, vielen Dank für das Gespräch und alles Gute für dich und deine weitere Arbeit!
Weitere Informationen zum Projekt
Anita Haviv-Horiner hat in ihrem Buch „Solidarität heißt Handeln Die israelische Zivilgesellschaft nach dem Massaker vom 7. Oktober 2023“ (erschienen im Oktober 2024) 17 zivilgesellschaftliche Initiativen vorgestellt. Zehn weitere Initiativen kamen – anderthalb Jahre nach dem Angriff der Hamas – auf der Website der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb zu Wort. Die Interviews für die Videos hat Anita Haviv-Horiner im März 2025 geführt.
Zur Interviewpartnerin

netawien@gmail.com
Foto: Sabine Frank