Außerschulische Bildung 4/2025

Verborgene Geschichten der Einheit

Die (Wieder)Vereinigung aus Schwarzer postmigrantischer Perspektive

Der Essay beleuchtet die deutsche Einheit aus der Perspektive Schwarzer Menschen, Communities of Color und Migrant*innen aus Ostdeutschland. Er zeigt, wie Isolation, struktureller Rassismus und rechte Gewalt das Leben vieler prägten, und wie diese Erfahrungen in offiziellen Erzählungen bis heute ausgeblendet bleiben. Zugleich macht der Beitrag deutlich, dass Migrant*innen nicht nur Objekte politischer Prozesse waren, sondern sich durch Proteste und Erinnerungsarbeit aktiv gegen Ungleichbehandlung und Unsichtbarmachen einsetzten. Der Beitrag lädt ein, kritisch auf Erinnerungskultur zu blicken und plädiert dafür, Ausschlüsse und Brüche ebenso einzubeziehen wie Widerstände und nicht-weiße Perspektiven. von Laura Schrader

Als ich am 1. September 1990 eingeschult wurde, trug ich eine rote Micky Maus-Schulmappe mit leuchtenden Reflektoren und in meinen Armen eine große Schultüte auf dem der Kobold Plumps aus dem Sandmännchen abgebildet war. Die Schultüte war randvoll mit Süßigkeiten und vielen kleinen Geschenken. Ich erinnere mich noch, dass ich überglücklich darüber war. Es war ein warmer Spätsommertag, den ich erst mit meiner Familie in der Grundschule verbrachte und der später mit einem Ausflug in den Zoo endete. Alles war neu und aufregend für mich: Ich lernte meine neuen Mitschüler*innen, meine Lehrerin und auch den Ort kennen, den ich die nächsten vier Jahre besuchen sollte. Heute, mit viel Abstand, muss ich schmunzeln über die Figuren auf meinem Ranzen und meiner Schultüte. Ob das damals aufgefallen ist? Auf der einen Seite Micky Maus – Ikone der westlich-kapitalistischen Unterhaltungsindustrie. Auf der anderen Seite Plumps – fester Bestandteil des abendlichen Einschlafrituals im antifaschistischen Arbeiter- und Bauernstaat.

Das Besondere an diesem Ereignis ist, dass der Anfang meiner neuen Lebensphase mit einer tiefgreifenden gesellschaftlichen Umbruchphase zusammenfiel. Der Fall der Mauer war zu diesem Zeitpunkt ein paar Monate her und die Feierlichkeiten zum „Tag der deutschen Einheit“ gerade in Vorbereitung. Genau dazwischen wurde ich eingeschult und freute mich auf mein neues Leben als Schulkind – während einige um mich herum bereits die Schattenseiten des Umbruchs spürten. Im Prozess des Übergangs wurde schon früh deutlich, wer einbezogen werden sollte und wer nicht mehr Teil der neuen Gesellschaftsform sein sollte. Und noch etwas Anderes fällt auf: Das erste Klassenfoto wurde von uns aufgenommen. Dieses Mal stachen nicht die bunten Mappen und Schultüten hervor. Nein, ich war es, das einzige Schwarze Kind in einer Gruppe weißer Schüler*innen. In diesem Bild verdichtet sich Vieles, was diese Zeit für mich ausmacht: Es ist meine Sichtbarkeit und das gleichzeitige Ausklammern aus der Geschichte. Ein Widerspruch, den viele nicht-weiße Menschen und Menschen mit Migrationsgeschichte kennen.

In den Jahren danach hieß es oft: „Ihr seid der erste Jahrgang der zur (Wieder)Vereinigung eingeschult wurde und der erste dieser Generation, der die Schule abschließt.“ Meine Schulzeit fiel somit in ein besonderes Jahrzehnt, das gleichermaßen von Aufbruch und neuen Möglichkeiten geprägt war sowie wie von Arbeitslosigkeit, Unsicherheit und rechter Gewalt. Diese Eindrücke begleiteten meine ersten Schuljahre und haben auch mein Aufwachsen im Osten nachhaltig geformt.

Rassistisch motivierte Straftaten wurden nicht als solche benannt und als „Rowdytum“ relativiert. Das verfestigt das Bild eines homogen weißen Ostens, der weder die Perspektiven migrierter Schwarzer Menschen und Communities of Color noch die Erfahrungen post-migrantischer Generationen beinhaltet.

Als Kind eines afrokubanischen Vertragsarbeiters und einer weißen ostdeutschen Arbeiterin möchte ich daher meinen Blick auf die deutsche Einheit und den daraus folgenden Transformationsprozess vorstellen. Für mich gehören Erfahrungen mit Rassismus und Ausschluss ebenso zur deutschen Geschichte wie Widerstand und Engagement migrantischer und post-migrantischer Communities. In meinem Beitrag versuche ich deshalb, das einheitlich weiße Narrativ über diese Zeit aufzubrechen und die Erinnerungen Schwarzer Menschen, Communities of Color und Migrant*innen hervorzuheben. Gleichzeitig möchte ich aufzeigen, wie die erste Generation der in die DDR Eingewanderten häufig in die Rolle passiver Objekte gedrängt wurde und sich durch politisches Engagement und Erinnerungsarbeit selbst zu Subjekten der Geschichte entwickelte. Die zweite – post-migrantische – Generation, zu der ich mich zähle, griff diese Erfahrungen und Kämpfe auf und verband sie mit der eigenen Suche nach Identität und Zugehörigkeit. Die Verbindungen beider Generationen beruhen sowohl auf persönlichen Beziehungen und geteilten Erinnerungen sowie dem Bedürfnis, die eigene Geschichte selbst zu erzählen: für eine kritische Erinnerungskultur und gegen das Unsichtbarmachen ihrer Lebensrealitäten.

Während ich über Vertragsarbeitende und auch politische Asylsuchende, Schwarze und migrantische Communities, People of Color schreibe, fällt mir auf, wie herausfordernd das Verwenden dieser Begriffskategorien ist. Nicht alle Menschen, die nicht-weiß und nicht-deutsch gelesen werden, fühlen sich von diesen Begriffen angesprochen. Nicht alle wollen nur auf ihren damaligen Status reduziert werden. Mit den Begriffen versuche ich, möglichst viele Identitäten abzubilden – auch meine eigene – und dennoch gelingt es nicht immer und schon gar nicht für alle. In der DDR lebten nicht nur Menschen, die nach der Gründung dieses Staates migrierten. Schwarze Menschen gibt es seit über 400 Jahren in Deutschland; Jüdinnen, Sintizze und Romnja, Musliminnen etc. zählen schon seit Jahrhunderten zur Geschichte dieses Landes – auch wenn das in öffentlichen Diskursen zu oft ausgeklammert wird. Ich bin mir der Grenzen dieser oben genannten Kategorien bewusst und verwende diese trotzdem, weil sie für mich die spezifischen Lebensbedingungen der Menschen einbeziehen, die im Zusammenhang mit der DDR und der Wendezeit stehen. Im Zuge bilateraler Abkommen mit sozialistischen Bruderstaaten wie Kuba, Vietnam oder afrikanischen Ländern wie Mosambik, Angola und Algerien migrierten junge Menschen in die DDR.

Verortung im Leeren: Migration und Isolation im ostdeutschen Kontext

Erfahrungen, die Menschen, die in die DDR migrierten, teilten, sind Gefühle der Isolation, die Suche nach Zugehörigkeit und der Wunsch nach Ankommen. Viele Vertragsarbeitende berichten, dass sie in Wohnheimen lebten und in ihrer Freizeit kaum Kontakt zur mehrheitlich weißen DDR-Bevölkerung hatten. Während es im Arbeitsalltag Bezugspunkte und auch Austausch gab, kam es eher selten zu persönlichen Verbindungen außerhalb des Betriebs. Das war auch zum Teil politisch so gewollt. Der Aufenthalt der migrantischen Arbeitskräfte war meistens auf vier Jahre begrenzt und an einen wirtschaftlichen Auftrag gebunden. Die Arbeiter*innen stellten eine wichtige Unterstützung für ihre Herkunftsländer dar und sollten später nach ihrer Rückkehr ihre erworbenen Kenntnisse zum Aufbau ihrer Länder einsetzen. Ihr Leben in der DDR hatte daher eher einen funktionalen Charakter, der individuelle Bedürfnisse nicht berücksichtigte. Dennoch unternahmen viele den Versuch, Beziehungen aufzubauen und mehr Einblicke in das Leben und den Alltag in der DDR-Gesellschaft zu erhalten. Dass das zum Teil auch gelang, zeigen einerseits die entstandenen Freundschaften, kollegiale Verbindungen und auch Liebesbeziehungen. Diese Beziehungen stellten allerdings keine Garantie dar, länger als vorgesehen in der DDR bleiben zu können. Paare und auch Familien wurden getrennt und blieben im Ungewissen, ob oder wann sie sich wiedersehen würden. Ein Grund, weshalb viele Kinder aus diesen Beziehungen häufig ohne Vater aufwuchsen, was eine Herausforderung war für die Auseinandersetzung mit eigenen Rassismuserfahrungen, aber auch für die Suche nach der eigenen Identität. Dennoch waren Austausch oder gar Beziehungen eher die Ausnahme und der Alltag der Vertragsarbeitenden streng reglementiert. So durften sie in den Wohnheimen keinen Besuch ihrer deutschen Freund*innen oder Kolleg*innen empfangen. Es gab Besuchsregeln und auch feste Zeiten. Rückblickend erinnert sich Paulino Miguel in seinem Essay über sein Leben als Vertragsarbeiter, dass gerade diese erzwungene Trennung zu tiefer Einsamkeit führte. Zwar waren er und auch seine Kolleg*innen ständig unter Menschen, aber ohne eine reale Möglichkeit, wirklich anzukommen, um sich etwas aufzubauen (vgl. Miguel 2020).

»Für mich war es immer wichtig, nicht auf einen Daseinsaspekt reduziert zu werden.« Gabriela Willbold, Frauenärztin, Autorin, 1962 geboren in Cottbus Foto: Initiative Schwarze Menschen in Deutschland e.V. (ISD); aus der Ausstellung www.homestory-deutschland.de (2006); Foto: N’zitu Mawakha

Das Thesenpapier „Fremde und Fremd-Sein in der DDR. Zu historischen Ursachen der Fremdenfeindlichkeit in Ostdeutschland“ von Jan C. Behrends, Thomas Lindenberger und Patrice G. Poutrus (2003) beleuchtet eindrücklich die gesellschaftlichen Bedingungen für den Ausschluss und auch den strukturellen Rassismus, den viele Menschen mit Migrationserfahrung in der DDR erfuhren. Sie bewegten sich in einem Umfeld, das kaum Bezugspunkte für sie bot und sie nicht immer willkommen hieß. Vielmehr wurden sie als sichtbare Zeichen der Staatsmacht gesehen und damit auch als Repräsentant*innen einer Politik, die vielen DDR-Bürger*innen fremd oder aufgesetzt erschien. Sie wurden nicht als zugehörig verstanden, sodass ein Nährboden für Missverständnisse, Feindseligkeit und auch Gerüchte über das angeblich privilegierte Leben von Migrant*innen entstehen konnte. Es gab zum Beispiel Erzählungen darüber, dass sie einen besseren Zugang zu Westprodukten hatten und sich freier bewegen durften. Solche Vorurteile führten zu Spannungen, die aber von Seiten der DDR-Regierung weder ernstgenommen noch aktiv abgebaut wurden. So konnten sich die Gräben zwischen Eingewanderten und DDR-Bevölkerung überhaupt erst auftun und vergrößern.

Ein Umstand, der das zusätzlich beförderte, ist das Schweigen über Rassismus in der DDR. Berichte von Vertragsarbeitenden, journalistische Recherchen und wissenschaftliche Arbeiten dokumentieren rassistisch motivierte Übergriffe. Diese sind bis heute zum Teil nicht vollständig aufgeklärt und die Täter*innen wurden selten oder nur zu milde zur Verantwortung gezogen (vgl. Waibel 2016; Initiative 12. August 2020). So erinnert sich Paulino Miguel etwa an den Tod seines Mitschülers Carlos Conceição im September 1987. Dieser wurde nach einem Diskobesuch zusammengeschlagen und in einen Fluss geworfen. Erst am nächsten Tag wurde seine Leiche geborgen. Diese Tat schockierte seine Freund*innen zutiefst und führte zu noch mehr Angst vor weiteren Angriffen (vgl. Miguel 2020). Doch die Gewalt blieb verschwiegen – sowohl in der DDR selbst als auch in den Jahren nach der Wende. Dieses Schweigen führt dazu, dass es bis heute keine konstruktive Auseinandersetzung mit Rassismus in unserer Gesellschaft gibt. Wir erleben nach wie vor, wie diese Gewalt ignoriert und als Randphänomen abgetan wird. Das trägt dazu bei, dass sich Menschen mit Migrationsgeschichte weder ernstgenommen noch zugehörig fühlen. Behrends, Lindenberger und Poutrus (2003) führen in ihrer Arbeit aus, dass es in der DDR keine breite Aufarbeitung mit dem Nationalsozialismus gab und somit auch keine Diskussionskultur erprobt wurde, in der über gesellschaftliche Probleme gesprochen werden konnte. Rassistisch motivierte Straftaten wurden nicht als solche benannt und als „Rowdytum“ relativiert.

Das verfestigt das Bild eines homogen weißen Ostens, der weder die Perspektiven migrierter Schwarzer Menschen und Communities of Color noch die Erfahrungen post-migrantischer Generationen beinhaltet. Dass diese Lebensrealitäten nicht abgebildet werden, verhindert auch, dass Migration als ein selbstverständliches Phänomen der deutschen Gesellschaft akzeptiert wird. Das ist etwas, was für Deutschland insgesamt gilt. Die Besonderheit im Fall Ostdeutschlands ist, dass die Komplexität und Heterogenität dieser Region verkannt wird und es sehr „einfach“ ist, ausschließlich Probleme mit Arbeitslosigkeit, Armut, scheinbarer Rückständigkeit und rechten Strukturen auf diesen Teil des Landes zu projizieren. Die ostdeutsche Schwarze Soziologin Katharina Warda (vgl. Warda 2020) hat die Widersprüchlichkeit dieser Erzählung hinterfragt: Wenn der Osten angeblich so weiß war und auch noch ist: Gegen wen richteten sich dann die rassistischen Übergriffe?

Die gesellschaftliche Transformation: Brüche und Kontinuitäten sichtbarmachen

Vielen sind die 1990er Jahre im kollektiven Gedächtnis als gewaltvolle Jahre eingeschrieben. Auch meine Erinnerung an meine Kindheit und Jugend verbinde ich mit einer großen Sorge vor gewaltvollen Ausschreitungen und einer Überforderung, diese nicht einordnen und benennen zu können. Bereits in der Grundschule sah ich Hakenkreuze an Hauswände gesprüht, hörte auf dem Pausenhof meine Mitschüler*innen „Ausländer raus!“ skandieren und sah immer häufiger junge Menschen mit Glatze, in Springerstiefeln und Bomberjacken. Die Stimmung war aufgeladen und ich spürte, dass ich nicht willkommen bin. Schon sehr bald nach der Wende brach eine Welle rechtsextremer und rassistischer Gewalt los.

Mit dem Fall der Mauer 1989 veränderte sich das Leben vieler Menschen in der ehemaligen DDR und unter das Gefühl der Hoffnung auf ein besseres Leben, das mehr Freiheiten versprach, mischten sich auch andere Emotionen. Das politische System der DDR wurde in das der Bundesrepublik Deutschland überführt, die gesellschaftspolitisch, ideologisch anders ausgerichtet war. Strukturen, die zuvor Sicherheit und Stabilität bedeuteten, brachen nun weg und hinzukam eine hohe Arbeitslosigkeit unter der DDR-Bevölkerung – zu der ich natürlich auch migrierte Menschen zähle. Das führte zu Unsicherheiten und zu einer Sorge, um Arbeitsplätze und Wohlstand konkurrieren zu müssen. Für die meisten eine neue Erfahrung. Auch der rechtliche Aufenthaltsstatus der Vertragsarbeitenden, Studierenden sowie der politischen Emigrant*innen war ungewiss: Dieser war nämlich an die bilateralen Verträge zwischen DDR und „Entsendeland“ geknüpft und bei den Arbeiter*innen zusätzlich an den Arbeitsplatz. Davon hing wiederum entweder das Zimmer im Wohn- oder im Student*innenheim ab. Ihre Sicherheit war also ab den Jahren 1989/90 existenziell bedroht.

Das Recherchekollektiv zweiteroktober90 hat sich mit den Ausschreitungen am 2. und 3. Oktober 1990 beschäftigt und eine Reihe an Übergriffen dokumentiert. Was die Recherche zutage befördert hat, ist nicht nur ein Ausmaß an Gewalt, das mir damals nicht bewusst war, sondern sie lieferte auch Hinweise auf gut vernetzte rechtsextreme Strukturen in der DDR und der BRD. In der Nacht vor den Feierlichkeiten zur deutschen Einheit gab es bundesweit weit mehr als 20 bisher bekannte Fälle. Bewaffnete Neonazis überfielen gezielt Linke und besetzte Häuser sowie Wohnheime und Wohnungen von Geflüchteten und ehemaligen Vertragsarbeitenden. Sie zündeten Häuser an, schlugen die Bewohner*innen. In den folgenden Jahren erlebten wir tagelange Ausschreitungen und Angriffe auf „fremd“ markierte Menschen. Es gab die Pogrome in Hoyerswerda 1991, Rostock-Lichtenhagen 1992 und die „Himmelfahrtskrawalle“ 1994 in Magdeburg – um nur einige zu nennen. Diese Gewalt prägte das Leben vieler in die DDR migrierter oder so gelesener Menschen, die auf doppelte Weise um ihre Zukunft fürchten mussten. Einerseits wegen der gegen sie gerichteten Angriffe. Andererseits, weil zusätzlich ihr Aufenthaltsstatus bis 1997 ungeklärt war und viele zuvor in ihre Heimatländer abgeschoben wurden (vgl. DOMiD o. J.).

Zu Beginn der 1990er Jahre stieg die Zahl der Asylsuchenden in Deutschland. Das wurde von einer medialen Hetzkampagne gegen geflüchtete Menschen begleitet, die die Asylsuchenden selbst verantwortlich machten für die Gewalt gegen sie. Um das „Problem in den Griff zu bekommen“ – und meiner Meinung nach, um die weiße Mehrheitsbevölkerung zu beschwichtigen – sollte durch die Neuregelung gewährleistet werden, dass nur Menschen, die tatsächlich politisch verfolgt sind, Anspruch auf das deutsche Asylrecht haben. Der sogenannte „Asylkompromiss“ schränkte das Recht auf Asyl massiv ein. An dieser politischen Entscheidung zeigt sich, dass es wenig Bereitschaft gab, sich mit rechtsextremen und rassistischen Gesellschaftsstrukturen auseinanderzusetzen. Opfer und Hinterbliebene dieser Gewalt wurden größtenteils allein gelassen. Auch gab es keine öffentliche Debatte darüber, wie trotz der großen Herausforderungen ein gutes Miteinander gelingen kann. Die fehlende Aufarbeitung der Taten und ihren Folgen empfinden einige noch heute als Risse oder Brüche in der eigenen Biografie. Für andere versinnbildlicht dies den Graben, der zwischen verschiedenen Teilen der Gesellschaft immer noch wirkt.

Vom Objekt zum Subjekt: Sich selbst in die Geschichte einschreiben

Dem Mauerfall gingen vielfältige Proteste voraus, meistens unter dem Schlagwort „Friedliche Revolution“ zusammengefasst. DDR-Bürger*innen wie auch migrierte Personen haben ihren Unmut, Ärger und Wunsch nach Veränderungen auf die Straße getragen, weil sie das enge Korsett der sozialistischen Diktatur nicht länger ertragen konnten. In den Erzählungen über politischen Protest werden die Geschichten migrantischer Communites, Schwarzer Menschen und People of Color weitestgehend ausgeklammert. Ehemalige (Vertrags-)Arbeiter*innen berichten, dass sie sich in ihren Betrieben gegen widrige Arbeitsbedingungen auflehnten, die Arbeit niederlegten und streikten. 1975/76 organisierten sich z. B. algerische Arbeiter*innen gegen schlechte Arbeits- und Lebensbedingungen. So forderten sie, dass ihre Löhne erhöht werden und die Überwachung durch Betreuer*innen beendet werden sollte – mit Erfolg. Auch mosambikanische Arbeiter*innen, die in der Fleischindustrie eingesetzt waren, forderten in einem Streik 1982 eine Lohnerhöhung (vgl. Parson/Reich 2020). Ich finde es wichtig darauf aufmerksam zu machen, dass Arbeiter*innen oder auch Studierende Ungerechtigkeiten nicht einfach passiv erduldeten, sondern sich aktiv zur Wehr setzten und für ihre Rechte eintraten. Sie gingen damals ein großes Risiko ein, da bei „Fehlverhalten“ auch abgeschoben wurde. Diese Erzählungen gilt es weiter zu beleuchten und öffentlich zu machen. In den letzten Jahren sind bereits spannende Projekte entstanden, die diesen Geschichten mehr Raum geben. Bemerkenswert ist, wie sich die Erfahrungen der Generationen wiederholen, miteinander verweben und so zu facettenreichen Erzählungen führen. Zu diesen wichtigen Projekten zählt für mich die Tagung „Im Osten was Neues? Perspektiven von Migrant_innen – Schwarzen Menschen – Communitys of Color auf 30 Jahre (Wieder-) Vereinigung und Transformationsprozesse in Ostdeutschland“ an der Hochschule in Mittweida im Oktober 2020 (vgl. Kaya/Abed-Ali/Nguyễn 2020). Die Tagung und die dazu gehörige Dokumentation brachten vielfältige Sichtweisen zu dem Thema in einem wissenschaftlichen Kontext zusammen. Hier wurde aufgezeigt, dass Erfahrungswissen Expert*innenwissen ist, das der Wissenschaft und Politik hilfreiche Informationen liefert. Biografiearbeit ist nicht nur für die persönliche Reflexion wichtig, nein, sie bietet wertvolle Anknüpfungspunkte für eine kollektive Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Das Dossier der Heinrich-Böll-Stiftung „Ostdeutsch und (post-) migrantisch“, kuratiert von Ngoc Bich Tran stellt individuelle postmigrantische Erzählungen vor und zeigt, dass die ostdeutsche Gesellschaft immer schon migrantisch war. Der Sammelband „Erinnern Stören. Der Mauerfall aus migrantischer und jüdischer Perspektive“, herausgegeben von Lydia Lierke und Massimo Perinelli, trägt sowohl west- als auch ostdeutsche, migrantische wie post-migrantische Perspektiven zusammen (vgl. Lierke/Perinelli 2020). Die einzelnen Kapitel ermöglichen zum Teil sehr persönliche Einblicke in die Erfahrungswelten Betroffener, die in den Diskursen rund um die deutsche Einheit nach wie vor zu wenig Anerkennung finden. Diese Geschichten sind ein wertvolles Geschenk an die Erinnerungskultur und auch für folgende Generationen, die bei der Suche nach der eigenen Identität, nach einer Sprache für ihre Erlebnisse nicht mehr bei null anfangen müssen.

Schweigen durchbrechen: postmigrantische Selbstorganisation als Widerstand

Viele Kinder aus bi-nationalen Beziehungen wuchsen entweder ohne das migrierte Elternteil auf oder erlebten, dass über dessen Erfahrungen kaum gesprochen wurde. Selbst wenn sie mit dem Elternteil zusammenlebten, das diese spezifische Erfahrung gemacht hat. So fehlte im Aufwachsen oft ein Zugang zu dieser Lebensrealität, was wiederum den Wunsch weckte, die Leerstellen zu füllen und die verschwiegene Geschichte Stück für Stück wie ein Puzzle zusammenzusetzen.

»Als Schwarze AkademikerInnen sind wir ArchäologInnen. Wir graben aus und graben um, weil so vieles verschüttet ist.« Peggy Piesche, Germanistin, 1968 geboren in Arnstadt Foto: Initiative Schwarze Menschen in Deutschland e.V. (ISD); aus der Ausstellung www.homestory-deutschland.de (2006); Foto: Deborah Moses Sanks

Durch das Aufwachsen ohne Vater, empfand ich meine Identität und auch meinen Lebensweg oft als unvollständig und auch nicht normal. Es fehlte mir an Vorbildern, die meine Erfahrungen mit Beleidigungen und verbalen wie auch physischen Angriffen verstanden, weil sie diese selbst erlebten und wissen, wie schambesetzt solche Erlebnisse sein können. Daran zeigt sich auch eine Wirkmacht von Rassismus: Es vermittelt den Eindruck, immer draußen zu sein und niemals richtig dazuzugehören, trotz aller Bemühungen. Keinen richtigen Anschluss zu finden, sich isoliert und „anders“ zu fühlen war ein Anlass, mich mit meiner eigenen Familienbiografie auseinanderzusetzen und mich auf Spurensuche in die Vergangenheit zu begeben. So verstand ich meine Biografie immer mehr als Teil der DDR und Wendegeschichte und erkannte: Meine Geschichte ist kein Einzelfall.

Gerade aus dieser Erfahrung des Schweigens und der empfundenen Unvollständigkeit erwuchs die Motivation, politisch aktiv zu werden und mich mit Schwarzen Menschen in Ostdeutschland zu verbinden. Für mich bedeutet das, nicht nur die Puzzleteile meiner Familiengeschichte zusammenzufügen, sondern auch Räume zu schaffen, in denen Geschichten wie meine nicht länger am Rand stehen, sondern im Mittelpunkt der ostdeutschen Erinnerung stehen.

Gemeinsam mit weiteren Schwarzen Frauen gründete ich 2017 die „(un) Sichtbar – BIPoC Initiative“ in Sachsen-Anhalt. Wir hatten in unserem Aufwachsen wenig Kontakt zu Schwarzen Menschen, sodass uns Vorbilder fehlten, die es uns erlaubten, unser Schwarzsein als etwas Selbstverständliches zu verstehen. Deshalb ist es uns als politische Initiative wichtig, Austausch- und Begegnungsräume zu schaffen, sodass wir dem Gefühl der Isolation ein Gemeinschaftsgefühl entgegenstellen können. Aus diesem Grund wählten wir den Namen und die besondere Schreibweise: aus der nicht selbst gewählten Unsichtbarkeit heraustreten und unsere Erzählungen als politischen Widerstand formulieren. Wesentlicher Aspekt unserer Arbeit ist dabei, uns gegenseitig zu stärken und zu vernetzen. 2018 haben wir den ersten Black History Month in Magdeburg organisiert. Einen Monat lang stellten wir das Wirken und Schaffen Schwarzer Frauen* in den Vordergrund. Wir führten Empowermentworkshops durch, organisierten Filmabende und Lesungen. Dadurch zeigten wir: Uns gibt es hier und wir nehmen uns den Platz, der uns zusteht!

Eine kritische Erinnerungskultur darf die Einheit nicht nur als Erfolgsgeschichte erzählen, sondern muss auch Ausschlüsse, Risse, Brüche und Widerstände sichtbar machen. Erst so entsteht ein Erinnern, das tatsächlich viele Perspektiven einschließt.

Auf der Gedenkveranstaltung anlässlich des 40. Todestages der kubanischen Vertragsarbeitenden Delfin Guerra und Raúl Garcia Paret 2019 in Merseburg formulierten wir, wie gefährlich das Schweigen über Rassismus ist und wie schwerwiegend die Folgen für die Betroffenen sind. Sie werden mit ihrem Schmerz alleingelassen und oftmals selbst verantwortlich für die Taten gemacht. Diese Veranstaltung wurde von der Initiative 12. August organisiert. 2025 wurde endlich eine Gedenktafel in der Stadt angebracht, die nun mehr Öffentlichkeit für beide Getöteten schafft. Erinnern ist wichtig, denn, wenn wir es als Gesellschaft nicht schaffen, strukturelle Gewalt als solche zu erkennen und zu benennen, wird es auch keine kritische Aufarbeitung und Prävention geben. Es führt dazu, dass Fehler wiederholt und weiter Menschenleben gefordert werden. Diese Fehler manifestieren sich auch heute in einer verschärften Debatte um Asyl und Abschiebungen – wie schon in den 1990er Jahren. Gerade deshalb ist eine erweiterte Perspektive auf die Wendezeit so wichtig, weil sie zeigt, der Osten war und bleibt migrantisch.

Was bleibt: Ein kritischer Blick auf die Erinnerungskultur

Wenn ich heute an das Bild meiner Einschulung zurückdenke, frage ich mich, wie der Transformationsprozess verlaufen wäre, hätten die Geschichten von Schwarzen Menschen, migrantischen Communities und ihren Familien von Anfang an zur Einheit dazugehört. Wenn Rassismus und rechte Gewalt nicht als Randerscheinungen, sondern als strukturelle Probleme der Gesellschaft anerkannt und besprochen worden wären. Vielleicht hätten sich dann weniger tiefe Gräben aufgetan. Vielleicht gäbe es heute eine Erinnerungskultur, die auch den unbequemen Erzählungen Raum gibt. Eine kritische Erinnerungskultur darf die Einheit nicht nur als Erfolgsgeschichte erzählen, sondern muss auch Ausschlüsse, Risse, Brüche und Widerstände sichtbar machen. Erst so entsteht ein Erinnern, das tatsächlich viele Perspektiven einschließt. Fünfunddreißig Jahre später habe ich nun eine Sprache für meine Erfahrungen gefunden. Ich kann klarer einordnen, was viele mit der (Wieder-)Vereinigung verbinden und die Überforderung, die mit diesem Umbruch einherging besser verstehen. Vor allem aber bin ich dankbar für die Erinnerungsarbeit der ersten Generation, die mutig ihre Geschichte erzählt und damit Räume öffnet, in denen auch meine Stimme Platz hat.

Zur Autorin

Laura Schrader (sie/ihr) beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Empowermentarbeit und Community Care-Projekten. Dabei liegt ihr Fokus auf der kritischen Auseinandersetzung mit Rassismus und Schwarze Identitäten in Ostdeutschland. Die meiste Zeit lebte, arbeitete und engagierte sie sich politisch in Ostdeutschland. Diese Erfahrungen prägen ihre Perspektive auf gesellschaftliche Ungleichheiten und motivieren sie, Diskriminierung sichtbarer zu machen und Räume für Austausch, Begegnung und Kreativität zu schaffen. In ihrer Arbeit setzt sie gerne Schreibmethoden ein, um politische Bildung und persönliche Erfahrung miteinander zu verbinden. Aktuell lebt und arbeitet sie in Berlin.

Literatur

Behrends, Jan C./Lindenberger, Thomas/Poutrus, Patrice G. (Hrsg.) (2003): Fremde und Fremd-Sein in der DDR. Zu historischen Ursachen der Fremdenfeindlichkeit in Ostdeutschland. Berlin: Metropol Verlag
DOMiD – Dokumentationszentrum und Museum über die Migration in Deutschland (o. J.): Migrationsgeschichte in Bildern; https://domid.org/news/vertragsarbeit-in-der-ddr (Zugriff: 18.09.2025)
Initiative 12. August (2020): 40 Jahre Schweigen in Merseburg. In Erinnerung an Delfin Guerra und Raúl Garcia Paret. In: Lierke, Lydia/Perinelli, Massimo (Hrsg.): Erinnern stören. Der Mauerfall aus migrantischer und jüdischer Perspektive. Berlin: Verbrecher Verlag, S. 261–276
Kaya, Asiye/Abed-Ali, Riham/Nguyễn, Phương Thúy (Hrsg.) (2020): Im Osten was Neues? Perspektiven von Migrant_innen – Schwarzen Menschen – Communitys of Color auf 30 Jahre (Wieder-)Vereinigung und Transformationsprozesse in Ostdeutschland. Tagungsdokumentation, 28.–30. Oktober 2020. Hochschule Mittweida: Friedrich-Ebert-Stiftung
Lierke, Lydia/Massochua, Jessica/Zimmermann, Cynthia (2020): Ossi of Color. Vom Erzählen (p)ost-migrantischer Geschichten. In: Lierke, Lydia/Perinelli, Massimo (Hrsg.): Erinnern stören. Der Mauerfall aus migrantischer und jüdischer Perspektive. Berlin: Verbrecher Verlag, S. 451–468
Lierke, Lydia/Perinelli, Massimo (Hrsg.) (2020): Erinnern stören. Der Mauerfall aus migrantischer und jüdischer Perspektive. Berlin: Verbrecher Verlag
Miguel, Paulino (2020): Paulinos Tagebuch. Ein mosambikanischer Vertragsarbeiter erinnert sich. In: Lierke, Lydia/Perinelli, Massimo (Hrsg.): Erinnern stören. Der Mauerfall aus migrantischer und jüdischer Perspektive. Berlin: Verbrecher Verlag, S. 299–320
Parson, Clara-Rose/Reich, Julian Ibrahim (2020): Fragmente der Kontinuität – Widerstandsgeschichte von BIPoC in Deutschland. In: Kaya, Asiye/Abed-Ali, Riham/Nguyễn, Phương Thúy (Hrsg.): Im Osten was Neues? Perspektiven von Migrant_innen – Schwarzen Menschen – Communitys of Color auf 30 Jahre (Wieder-)Vereinigung und Transformationsprozesse in Ostdeutschland. Tagungsdokumentation, 28.–30. Oktober 2020. Hochschule Mittweida: Friedrich-Ebert-Stiftung, S. 78–84
Tran, Ngoc Bich (Kuratorin) (2025): Ostdeutsch und (post-) migrantisch. Dossier der Heinrich-Böll-Stiftung; https://heimatkunde.boell.de/de/ostdeutsch-und-post-migrantisch (Zugriff: 15.09.2025)
Waibel, Harry (2016): Rassismus in der DDR. Drei charakteristische Fallbeispiele aus den 70er und 80er Jahren. In: Zeitschrift des Forschungsverbundes SED-Staat. Berlin: Freie Universität, S. 111–130
Warda, Katharina (2020): Zwischen „Dunkeldeutschland“ und „Friedlicher Revolution“ – Die Wiedervereinigung aus intersektionaler Perspektive. Vortrag vom 7. Dezember 2020 Frauenkampftag Bochum; https://podcasts.apple.com/de/podcast/blm-zwischen-dunkeldeutschland-und-friedliche-revolution/id1535296304?i=1000501654303 (Zugriff: 15.09.2025)
Zweiteroktober90 (o. J.): Die Gewalt der Vereinigung; https://zweiteroktober90.de (Zugriff: 15.09.2025)