Außerschulische Bildung 3/2025

Marcus Hawel/Stefan Kalmring (Hrsg.): (Ohn-)Macht überwinden!

Politische Bildung in einer zerrissenen Gesellschaft

Berlin 2024
Verbrecher Verlag, 315 Seiten
 von Norbert Reichel

Marcus Hawel und Stefan Kalmring haben gemeinsam mit 16 Autor*innen einen Reader vorgelegt, um zu „ergründen, welchen Beitrag eine linke politische Bildung für die verschiedenen Krisenfelder der Gesellschaft leisten kann und was dafür getan werden sollte, damit dies gut gelingt.“ (S. 8)

Der Band wurde von der Rosa-Luxemburg-Stiftung mit Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung finanziert. Er enthält vier Teile, zu Beginn zwei grundsätzliche Texte von Marcus Hawel und Holger Oppenhäuser. Der zweite Teil diskutiert Teilaspekte, unter anderem Klassismus, LSBTQIA*, Klima, historisch-politische Bildung („Erziehung nach Auschwitz“) und Antisemitismus. In einem zum dritten Teil überleitenden Text betont Friedrich Burschel die enge Verknüpfung von linker Politik und aktivistischer Bildung. (S. 205) Im dritten Teil analysiert Stefan Kalmring die Grundlagen aktivistischer Bildung. Es folgen drei Beiträge mit konkreten Projekten, im Zeichen von „Gegenkultur als Kettenbrecher*in“ (Ahmed Shah, S. 265 ff.). Der Band schließt mit zwei Erfahrungsaustauschen über die Bildungspraxis.

Den Rahmen bildet die „multiple Dauerkrise, mit der wir uns heute konfrontiert sehen und die das gesellschaftliche Miteinander auf eine harte Probe stellt“, jedoch auch als „Chance“ gesehen werden sollte. Grundlagen sind Solidarität, Humanismus und ökologische Nachhaltigkeit. (S. 7) In diesem Sinne dient der Band der Verständigung unter denen, die politische Bildung betreiben und sich selbst in der Regel eher auf der linken Seite des politischen Spektrums sehen, ist aber anschlussfähig auch für Akteure, die sich nicht dort einordnen. Als Gewährsleute werden mehrfach Karl Marx (als Analytiker, nicht als Handlungsanweisung), Oskar Negt, Theodor W. Adorno oder Walter Benjamin zitiert.

Klimaleugner*innen und Extremist*innen lassen sich kaum erreichen. Politische Bildung darf sich dennoch nicht auf deren Polarisierung einlassen, sondern sollte – so Julian Niederhauser am Beispiel des „Klimaskeptizismus“ – die „diversen Ausprägungen“ erkennen, um „eine Mittlerposition zwischen moderaten Skeptiker:innen und der Klimagerechtigkeitsbewegung einzunehmen.“ (S. 126)

Wird „Abgrenzung zum Standard“ oder gibt es „eine Konjunktur, über gesellschaftliche Differenzen und Spaltungen zu sprechen“? (S. 292) Massimo Perinelli schlägt vor: „Auf eine Konjunktur der Widersprüche können wir uns einigen, in der die politische Bildungsarbeit die Aufgabe hat, den produktiven Streit zu organisieren.“ Rebecca Gotthilf antwortet: „Wir gehen nicht von bloßen Methoden in unserer Bildungsarbeit aus, sondern vor allem von einer solidarischen Haltung, die Ermöglichungsorte des gegenseitigen Empowerments und der Kritik schafft.“ (S. 293)

So verstanden fördert politische Bildung „einen Lern- wie auch einen Verlernprozess“ (Marcus Hawel, S. 46) gegen Freund-Feind-Denken und Othering (S. 37), gegen Nationalismus (S. 36), auch gegen „eine verkürzte Kapitalismuskritik“, die sich auf das Thema der Religion beschränkt (S. 43). Politische Bildung braucht Zeit, um „das politische Handgemenge, in das die politische Bildung hineingezogen wird“ (S. 49) zu überwinden. Erst dann hat die von Holger Oppenhäuser beschriebene „Emanzipationsperspektive“ eine Chance.

Politische Bildung ist somit letztlich immer aktivistisch, aber sie sorgt für „Perspektivwechsel“, reflektiert Aktivismus. (S. 292) Ein gelingendes Beispiel präsentiert Asia Kubiakowska. Sie zeigt, wie soziale Bewegungen in Polen zum Thema „sichere Abtreibung“ (S. 247) und zum Schutz von Geflüchteten an der belarussischen Grenze (S. 248) wirken. Bildung schafft Gemeinschaft, eine „CommUnity-Gegenkultur“ – so Ahmed Shah. (S. 268) Seine Botschaft: „Der Frontalunterricht ist gescheitert. Die Frontalregie ist in der Krise. Entgegen einer Hierarchie des Wissens streben wir eine Symmetrie des Wissens an. Das bedeutet, gesellschaftliches Wissen und das eigene Wissen auf Augenhöhe und jenseits von Elfenbeinturm oder Ghetto zu remixen.“ (S. 271)

Politische Bildung nimmt Partei. Für Menschen- und Bürgerrechte. Politische Bildung ist nie neutral und darf es auch nicht sein. Stefan Kalmrings Definition aktivistischer Bildung kann als Fazit und Auftrag gelesen werden: „Nach unserem Verständnis ist sie ganz auf politisch engagierte Menschen und eine sich als links und gesellschaftskritisch verstehende politische Praxis zugeschnitten.“ (S. 203) In diesem Sinne sollte das Buch in Verständigungsprozessen und konzeptionellen Arbeiten nicht nur in Bildungsorganisationen genutzt werden, sondern auch in Nichtregierungsorganisationen, Parteien, Kirchen. Man muss nicht jeden Satz der Analysen und vorgestellten Methoden teilen, aber alle Beiträge zeigen einen inspirierenden Weg, wie man erreichen könnte, dass möglichst viele der angesprochenen Menschen bereit sind, sich für eine differenzierte Perspektive zu öffnen. Dies wäre für die Zukunft der Demokratie schon ein großer Erfolg.

Norbert Reichel ist promovierter Literaturwissenschaftler und Pädagoge. Er betreibt das Internetmagazin „Demokratischer Salon: Argumente zur historisch-politischen Bildung“ (www.demokratischer-salon.de).