Gegen die Kriegstüchtigkeit
Rowohlt, 144 Seiten
Ole Nymoen, der mit Wolfgang M. Schmitt den Videopodcast „Wohlstand für alle“ (www.youtube.com/c/WohlstandfürAlle) betreibt, vertritt einen neuen Typus politischer Bildung. Er arbeitet netzbasiert, ist in der Welt der neuen Medien zuhause und hat zusammen mit Schmitt das Buch „Influencer: Die Ideologie der Werbekörper“ vorgelegt. Es stieß auf große, allerdings gemischte Resonanz, denn es folgt Adornos Kulturindustrie-These und kritisiert gerade den Mainstream einschlägiger Netz-Aktivitäten, die Informationsvermittlung auf ihre Funktion als Werbeträger reduzierten. Dagegen wirken Nymoens eigene Podcasts fast old-school-mäßig sachbezogen. Sie konzentrieren sich auf die Inhalte, meiden modische Rahmung und ermuntern z. B. ihr junges Publikum, sich mit dem eher sperrigen Thema Politische Ökonomie zu befassen.
Anfang 2025 konzentrierten sich die Podcasts auf die Wahlprogramme der Parteien und versuchten, zu deren Lektüre anzuregen – auch eine eher traditionelle Form, zur politischen Auseinandersetzung zu motivieren. 2024 hatte Nymoen jedoch mit einem anderen Thema für Aufsehen gesorgt. In der Wochenzeitung „Die Zeit“ veröffentlichte er ein Statement zu der Frage „Warum ich niemals für mein Land kämpfen würde“. Das löste einen Shitstorm aus. Der Autor wurde als vaterlandsloser Geselle und Egoist angegriffen und etwa mit dem Wunsch bedacht, er möge den Russen in die Hände fallen und zu „15 Jahre Lagerhaft“ verurteilt werden. (S. 116)
„Deutschland muss kriegstüchtig werden“ – so die Losung des letzten und neuen Verteidigungsministers Boris Pistorius. Das war der Anstoß für Nymoens Stellungnahme. Bei der Vokabel kriegstüchtig könne „es einem klar denkenden Menschen eigentlich nur kalt den Rücken runterlaufen“ (S. 11), lautete seine spontane Reaktion. Die begründet nun sein Buch ausführlich, in einer persönlich gehaltenen, gut lesbaren Form, mit der er auf die teils heftigen Angriffe reagiert und auch eigene Vorstellungen des sozialen Zusammenlebens – „Wo bleibt die Gemeinschaft?“ (S. 126 ff.) – zur Sprache bringt.
In der Einleitung setzt er gerade in dieser Hinsicht seinen Standpunkt den Anforderungen entgegen, die mittlerweile in Sachen Opferbereitschaft an die junge Generation gerichtet werden: „Der so oft beschworene ‚gesellschaftliche Zusammenhalt‘, er ist nichts weiter als eine Phrase für Weihnachts- und Neujahrsansprachen. Und dennoch tun die maßgeblichen Politiker so, als würden die Interessen des Staates und die seiner Bürger in eins fallen, sodass die Kriegstüchtigkeit nicht nur von oben verordnet, sondern von unten gewollt sei.“ (S. 17 f.) Die Betonung von Interessendifferenzen gibt dann gewissermaßen den roten Faden für die folgenden Kapitel ab.
Das erste, „Der Sinn des Krieges“ überschrieben, wendet sich gegen den Topos von der Sinnlosigkeit des Krieges und erläutert, wie im modernen Staatenverkehr systematisch Gegensätze aufgebaut werden. Dies habe zur Folge, dass ständig mit den Optionen Krieg oder Frieden kalkuliert werde und die Verantwortlichen sich in gewisser Weise immer darauf berufen könnten, sich bloß zu verteidigen. Dass „wir“ dabei für „unser“ Land kämpfen, sei aber Ideologie. Sachlich betrachtet zeige sich hier, „wer oder vielmehr was in diesem Krieg tatsächlich verteidigt wird. Es sind nicht die Kämpfenden und auch nicht die Zivilisten. Es ist die bestehende staatliche Herrschaft. Der Schutz, den der Staat Y seinen Bürgern bietet, ist keineswegs einer vor Gewalt schlechthin. Es ist der Schutz vor Fremdherrschaft: Weil unser Staatschef Y seine Herrschaft als Lebensbedingung des eigenen Volkes betrachtet, nimmt er sich das Recht heraus, seine Untertanen als Werkzeug gegen den militärischen Feind zu gebrauchen.“ (S. 46 f.)
Nymoen besteht darauf, dass die freiheitliche Marktwirtschaft den Gegensatz von Arbeit und Kapital nicht wirklich überwunden hat, dass vielmehr der Kapitalismus – mittlerweile global – als Triebkraft nationaler Unverträglichkeiten wirke. Das zweite Kapitel „Der Unsinn des Krieges“ nimmt sich dazu die Legitimationen (Völkerrecht, Verteidigung, Heimatschutz, Wertebasierung …) vor, die benutzt werden, wenn sich Staaten gegen Ihresgleichen zur Wehr setzen. Das dritte, abschließende Kapitel kommt dann wieder zum Ausgangspunkt zurück und erläutert die Absage, sich mit der Waffe in der Hand der Nation zur Verfügung zu stellen. Dabei geht es im Grunde um eine Große Weigerung im Sinne Herbert Marcuses (dem Nymoen einen eigenen Podcast gewidmet hat), also nicht um egoistischen Rückzug, sondern um die Neugestaltung des Sozialen: „Ich möchte nicht auf Menschen schießen, von denen mich nichts Substanzielles trennt und mit denen ich wahrscheinlich ein angenehmes, kooperatives, friedliches Leben führen könnte – wären da nicht die Machthaber dieser Welt, die anderes mit uns vorhaben.“ (S. 114)
Nymoens Buch ist ein prononcierter, natürlich auch provokativer Beitrag zu einer Debatte, die sicherlich demnächst die Republik beschäftigen wird, nämlich zur Wieder- oder Neueinführung der Wehrpflicht. Die wird ja von den politisch entscheidenden Kräften ins Auge gefasst, wie immer dann die konkrete Ausgestaltung aussehen mag. Aber man kann davon ausgehen, dass ein Neuanfang mit verschiedenen Gerechtigkeitsproblemen konfrontiert wird. Munition, um solche Kontroversen politisch gehaltvoll zu führen, bietet die Streitschrift des jungen Autors auf jeden Fall.