Außerschulische Bildung 3/2025

Vertrauen als Wegzehrung und Motivation

Junge Menschen müssen merken: Hier wird mir vertraut – ich kann hier vertrauen

Kinder- und Jugendbeteiligung braucht Strukturen, Ressourcen, Verbindlichkeit, politische Bildungsräume und Wirksamkeit. Sie soll möglichst für alle offen sein, soll Teilhabe und Selbstwirksamkeit erlebbar machen und stärkt damit Gesellschaft und Demokratie. Vertrauen spielt auf verschiedenen Ebenen eine Rolle. Was heißt das konkret und wie kann es in der Praxis gestärkt werden? Jasmin-Marei Christen spricht mit Björn Elsen über Erwartungen, Erfahrungen und Herausforderungen am Beispiel des Jugendforums in Saalfeld-Rudolstadt in Thüringen. von Jasmin-Marei Christen und Björn Elsen

Bei der Diskussion um Jugendbeteiligung wird oft alles aus der Perspektive der Erwachsenen gedacht und gestaltet: Es geht darum, die Demokratie zu stärken, in die Zukunft zu investieren, die eigenen Verfahren zu bereichern. Dabei werden an Jugendbeteiligung Ansprüche gestellt, die bei politischem Engagement von Erwachsenen viel seltener Beachtung finden: Es soll niedrigschwellig und inklusiv sein und die erreichen, die bisher nicht erreicht oder aktiviert wurden. Kinder- und Jugendbeteiligung orientiert sich an etablierten Prozessen und Abläufen. Sie muss sich nach den Strukturen richten, die Erwachsene für Erwachsene gestalten, soll sich aber mit kleinen Budgets und Rederechten statt Vetorecht und Haushaltsposten zufriedengeben. Verfahren werden nicht verändert, sondern höchstens gedolmetscht, von „bürokratisch“ zu dem, was Erwachsene sich als „jugendgerecht“ vorstellen. Verlässlich, verbindlich und wirksam ist dabei nur wenig. Daran nicht zu verzweifeln, nicht desillusioniert und gelangweilt das Handtuch zu werfen, ist schwer. Eine wichtige Brücke, Stütze und motivierende Wegzehrung ist daher das Vertrauen in die Demokratie, in die Strukturen und Prozesse, in die Menschen, mit denen sich die jungen Menschen gemeinsam engagieren und mit denen sie zusammenarbeiten. Wie aber kann dieses Vertrauen ganz praktisch gestärkt werden?

Wir haben uns darüber unterhalten, worum es bei Vertrauen im Kontext politischer Bildung und Beteiligungsarbeit geht. Was sind die Erfahrungen von Björn Elsen aus der Arbeit mit dem Jugendforum in Saalfeld-Rudolstadt in Thüringen? Überschneidet sich das mit den Erfahrungen, die Jasmin-Marei Christen in Beteiligungsprozessen, Jugendverbandsarbeit und außerschulischer politischer Bildung gemacht hat? Was dabei deutlich wird ist kein neuer Zaubertrick und auch nicht das Material für eine neue Toolbox. Aber es ist doch erschreckend unüblich: Beteiligung braucht Strukturen, die für junge Menschen gemacht sind, die auf ihre Bedürfnisse ausgerichtet sind, die Raum für ihre Expertise bieten und sich als vertrauenswürdig erweisen. Denn das schafft wiederum Vertrauen in die Strukturen, in die Begleitpersonen und in die Demokratie generell.

Aber was bedeutet das für Fachkräfte, die das ganz praktisch umsetzen wollen? Was kann eine solche Art der Jugendbeteiligung an dem Vertrauen in kommunale Strukturen, in Politik und Demokratie verändern? Welche Verantwortung haben wir als Begleitkräfte, dieses Vertrauen aufzubauen?

Jasmin-Marei Christen: Warum arbeitest du da, wo du arbeitest?

Björn Elsen: Ich begebe mich bewusst an Orte, wo meine Arbeit einen Unterschied macht. Ich würde sagen, gerade im ländlichen Raum macht das jede Person, die sich wertebasiert für Jugendpolitik einsetzt. Der ländliche Raum ist für die Demokratie unendlich wichtig, die Strukturen, die ihn lebendig machen, sind aber durch Überalterung vom Aussterben bedroht. Mir geht es darum, den ländlichen Raum zukunftsfähig zu machen. Dafür braucht es Jugendpolitik. Dass junge Menschen eine gute Zeit haben, bildet die Basis, damit sie gern bleiben, zurückkommen oder zuziehen. Dafür ist Jugendbeteiligung ein wichtiger Schlüssel.

Was bedeutet Vertrauen für dich?

Für mich ist Vertrauen eine Art Vorleistung, die wir jeden Tag eingehen, oft ganz unbewusst. Dahinter steckt das Grundbedürfnis, nicht verletzt, sondern akzeptiert und ernst genommen zu werden. Wenn ich mir zum Beispiel im Café ein Getränk bestelle, dann gehe ich automatisch davon aus, dass es nichts Gefährliches enthält. Das klingt banal, aber da steckt ziemlich viel drin: Ich vertraue dem Café, den Menschen, die da arbeiten – aber auch den ganzen Regeln im Hintergrund, also den Hygienevorschriften, Gesetzen, Lieferketten und so weiter. Dieses Grundvertrauen in Institutionen oder Systeme nehmen wir meistens als gegeben hin, es ist aber zentral für unseren Alltag. Und wie viel Vertrauen man überhaupt mitbringt, hängt natürlich auch stark von den eigenen Erfahrungen ab.

Spannend, ich hätte Vertrauen vor allem darauf bezogen, wie ich mich auf andere Menschen einlasse. Aber es stimmt, mein Alltag ist dadurch geprägt, wieviel Vertrauen ich in das System habe, das mich umgibt. Und was bedeutet das deiner Meinung nach für die Jugendbeteiligung?

Ich glaube, bei Kinder- und Jugendbeteiligung geht es genau darum: jungen Menschen zu zeigen, dass wir sie wirklich ernst nehmen – also ihre Bedürfnisse, ihre Perspektiven, ihr Sein. Das fängt oft bei ganz einfachen Dingen an. Ich arbeite viel mit queeren Jugendlichen, und da ist es zum Beispiel total wichtig, einfach den richtigen Namen und die richtigen Pronomen zu verwenden. Das kostet mich null Aufwand – aber für die Person macht es ein Riesenunterschied. Es zeigt ihnen, dass sie mir vertrauen können.

Ein weiterer Aspekt ist, dass wir mit der Zeit von jungen Menschen verantwortungsvoll umgehen müssen. Die haben Schule, Ausbildung, andere Verpflichtungen – und wenn sie sich dann noch in ihrer Freizeit engagieren, dann ist das ein riesiges Geschenk. Es ist also unsere Aufgabe als Fachkräfte, dafür zu sorgen, dass es nicht langweilig oder kompliziert wird, sondern Spaß macht.

Also geht es auch hier um das Vertrauen auf persönlicher und struktureller Ebene. Wir müssen zeigen, dass junge Menschen uns vertrauen können. Das bedeutet auch, stets transparent zu sein, warum ich sie beteiligen will und was sie erwarten können. Das ist doch ein guter Zeitpunkt, zu beschreiben, was du machst.

Ich arbeite in der Partnerschaft für Demokratie in Saalfeld-Rudolstadt. Das ist ein Landkreis in Südost Thüringen. Die Partnerschaften sind die kommunale Ebene des Bundesprogramms „Demokratie Leben!“ und haben immer junge Menschen als Hauptzielgruppe und als Strukturelement ein Jugendmitbestimmungsgremium, das über ein eigenes Budget bestimmt. Wir haben zudem neben der allgemeinen Koordinierungsstelle noch eine zusätzliche Stelle geschaffen, die sich nur um die Kinder- und Jugendbeteiligung kümmert. Der Gedanke war damals: Wenn wir es ernst meinen mit der Kinder- und Jugendbeteiligung, dann braucht es dafür eine Person, die sich nur darum kümmert. Und das machen ich jetzt seit Oktober 2021.

Es geht also um kommunale Mitbestimmung. Wie sieht dieses Gremium bei euch konkret aus?

Unser Jugendforum ist ein offenes Gremium für alle Interessierten zwischen 12 und 27 Jahren. Diese Offenheit gibt unglaublich viel Flexibilität. Die Strukturen, in denen Beteiligung passiert, sollten sich an jungen Menschen orientieren – nicht an dem, was Erwachsene sich mal überlegt haben, weil es „schon immer so war“.

Das Jugendforum ist eine Art „Möglichkeitsraum“. Mit jeder Person, die mitmacht, verändert sich dieser Raum. Es kann sein, die Mitglieder sagen: Wir wollen hier nur eine gute Zeit haben und vielleicht über Politik diskutieren – aber selbst das ist kein Zwang. Oder sie nutzen es als Instrument, um sich intensiv politisch einzumischen. Oder es ist etwas dazwischen oder beides gleichzeitig. Gerade diese Flexibilität ist bei vielen Jugendparlamenten nicht gegeben, die haben einen zu starren Rahmen.

Unsere flexible Form macht es attraktiver für junge Menschen, sich zu engagieren. Der Zugang wird sehr erleichtert, weil wir sagen: „Schaut wie eure zeitlichen Kapazitäten sind. Wir freuen uns, wenn ihr Bock habt, bei jedem Treffen dabei zu sein und es ist auch in Ordnung, wenn ihr nur zwei Mal im Jahr oder nur bei bestimmten Aktionen dabei seid. Ihr könnt einfach gucken, wie passt das bei euch. Wenn ihr es nicht schafft ist es auch in Ordnung.“

Das klingt sehr offen, aber was passiert denn dann an Beteiligung und gibt es irgendwelche Vorgaben oder Aufgaben für das Jugendforum?

Die einzige Aufgabe die unser Jugendforum festgeschrieben hat, ist aktuell die Entscheidung über die Verwendung des Jugendfonds. Der Jugendfonds ist sowohl für eigene Projekte des Jugendforums da, als auch für Projekte von anderen Jugendgruppen aus dem Landkreis. Das Antragsverfahren war zu Beginn sehr starr und langweilig, mit vielen Anforderungen an die Abrechnung. Wir haben das Verfahren dann sehr niedrigschwellig gestaltet. Es reicht ein Treffen, auf dem der Plan geschildert und kurz, bei Bedarf mit meiner Unterstützung, auf einer Flipchart skizziert wird. Alle Abrechnungen erledige ich. Die jungen Menschen müssen „nur“ ihr Idee umsetzen, was ja schon eine riesige Aufgabe ist. Ansonsten reicht ein kleiner Bericht und eine Teilnehmendenliste. Dadurch ist es viel mehr echte Jugendbeteiligung. Die Argumentation gegenüber der Verwaltung – inwieweit das in die Förderung passt – das übernehme ich dann auch, falls es ein Problem gibt.

Das klingt alles sehr niedrigschwellig. Wen erreichst du mit diesem Ansatz besonders gut und für wen hat das im ländlichen Raum deiner Meinung nach eine besondere Bedeutung?

Am Jugendforum schätze ich besonders, dass es so offen ist, dass jede Person ganz herzlich empfangen wird. Schnell gehören neue dazu. Hier treffen sich junge Menschen, die sich sonst nicht begegnet wären und dann auf einmal über das Jugendforum hinaus Engagement und Zusammenhalt entwickeln. Sie geben aufeinander acht, schließen tolle Freundschaften und eröffnen dadurch einander auch neue Möglichkeiten. Zum Beispiel gehen sie gemeinsam auf Konzerte, Partys, Demos etc. und bieten einander Sicherheit – bilden eine Bezugsgruppe. Das Jugendforum ist mehr als ein regelmäßiger Treffpunkt und wirkt darüber hinaus.

Besonders wichtig ist das für diejenigen, die sich allein fühlen und auf der Suche nach einer Gruppe sind, der sie vertrauen können. Wir haben hier im ländlichen Raum sehr viele junge Leute, die das Gefühl haben: „Ich sitze hier auf meinem Dorf, um mich herum sind viele gegen Vielfalt und Demokratie und ich bekomme hier keinen Anschluss.“

Würdest du also sagen, dass Vertrauen in der Kinder- und Jugendbeteiligung in Zeiten von Rechtspopulismus und rechtsextremen Angriffen eine besondere Bedeutung hat?

Im ländlichen Raum kannst du nicht mehr sicher sagen: „Ich gehe in den Raum dort und werde nicht verletzt.“ Es gibt hier nicht so viele verschiedene Räume und damit wird das relevant. Daher ist es wichtig, gerade hier Räume zu bieten, die sicher sind.

Und wenn wir es schaffen, diejenigen ins Jugendforum rein zu holen, die sich mit ihren Themen und Bedarfen allein fühlen, dann blühen die wirklich total auf. Wir können inzwischen sagen, dass unser Jugendforum ein Safer Space ist. Dort engagieren sich viele queere junge Menschen, junge Menschen mit Behinderung, mit Neurodivergenzen und mit Flucht- oder Migrationserfahrung. Viele kommen vom Dorf und haben das Gefühl, ich bin die einzige hier im Dorf, die so denkt.

Ein für mich prägendes Beispiel: ein junger Mensch, der beim Erstkontakt sehr unsicher war und sich in seinem Kaff sehr einsam fühlte. Er ist bei uns so aufgeblüht, weil er ernst genommen wurde, weil er Freund*innen gefunden hat und das Gefühl hatte dazuzugehören. Er hat letztes Jahr dem Bundespräsidenten völlig selbstverständlich erzählt, was das Jugendforum so macht, und hat für den Stadtrat kandidiert. Solche Erfahrungen mache ich immer wieder und dafür mache ich den Job, um solche Prozesse zu begleiten.

Auch beim AdB, z. B. bei der „Akademie für Kinder- und Jugendparlamente“ oder im Projekt „Demokratie Profis in Ausbildung! Politische Bildung mit Kindern“ erleben wir immer wieder Beispiele dafür: Statt Erwachsenenstrukturen zu kopieren und sich zu wundern, dass es nicht passt, sollte bei Beteiligung und politischer Bildung darauf geachtet werden, was die jungen Menschen mitbringen und brauchen, und ein Raum geboten werden, indem sie das entwickeln können, was für sie passt. Und anstatt etwas in einen Rahmen zu pressen, in den es nicht gehört – also junge Menschen in Erwachsenenstrukturen, die auch vielen Erwachsenen nicht angenehm sind – sollte es lieber „kinderfreundlich“ gestaltet werden, denn dann ist es oft einfach „menschenfreundlicher“. Aber passiert denn in eurem Jugendforum mehr als sehr unregelmäßige Anwesenheit, kleine Projekte und viel Freizeitspaß? Gibt es politische Teilhabe und ist sie mit all den anderen Aktivitäten verbunden?

Es gibt jeden Monat ein Treffen, auf dem wir verschiedene Themen diskutieren und unsere Projekte planen, die wir das Jahr über umsetzen. Bei den Projekten ist es allerdings auch wichtig, dass ich die Jugendlichen nicht damit alleinlasse. Ich bringe mich ein, damit es auch dann weitergeht, wenn die jungen Menschen weniger Kapazitäten haben – sonst würde sich alles so in die Länge ziehen.

Die jungen Menschen können also auch da auf deine Unterstützung vertrauen. Aber braucht Jugendbeteiligung nicht etwas mehr Struktur, um konkret wirksam werden zu können, auch in den Politikbetrieb hinein? Inwieweit kann euer Jugendforum konkret auf kommunale Entscheidungen einwirken?

Eigentlich wäre das kein Problem und würde gut zusammenpassen. In einigen Kontexten werden wir auch als sehr vorbildliches Format gesehen. Leider haben andere erwachsene Entscheidungsträger*innen Probleme damit, dass unser Jugendforum so ein wandelbares und vielfältiges Format ist. Die können sich nicht vorstellen, dass etwas, das nicht wie ihre eigenen Gremien funktioniert, trotzdem gut mit ihnen zusammenarbeiten kann. Hier müssen wir noch dicke Bretter bohren.

Das ist leider oft ein Problem der Kinder- und Jugendbeteiligung: dass die Erwachsenen sehr enge Vorstellungen von politischer Mitwirkung haben. Wie können wir das Vertrauen von Erwachsenen in Jugendbeteiligung stärken?

Wir haben eine Institutionenkrise. Es wird immer schwieriger, Menschen dafür zu begeistern, sich in politischen Institutionen zu engagieren. Jugendbeteiligung ist dafür ein gutes Instrument. Gut gemachte Jugendbeteiligung öffnet den Raum für viele Menschen. Denn wenn sie so gestaltet ist, dass eine 12jährige Person, die nicht auf dem Gymnasium ist, es verstehen kann, bedeutet es auch, dass viele es verstehen können – auch Menschen, die sich noch kaum mit Politik beschäftigt haben oder Menschen mit Behinderung, Menschen die nicht Deutsch als Erstsprache haben oder nicht studiert haben. Mir geht es darum, über Jugendbeteiligung politische Entscheidungsinstitutionen grundsätzlich niedrigschwelliger zu machen und zu öffnen, sodass es auch für Erwachsene einfacher wird, sich politisch zu beteiligen. Jugendbeteiligung ist ein guter Ansatzpunkt, weil es sehr viele rechtliche Rahmen gibt, die zu Jugendbeteiligung verpflichten.

Du bist auch schon lange in dem Feld unterwegs. Uns Fachkräften wird ja immer wieder erzählt, wie wichtig Vertrauensarbeit ist. Was verstehst du darunter und mit welchen Ansätzen bzw. Formaten hast du guten Erfahrungen gemacht?

Zuerst einmal kommt mir vieles von dem, wie du an das Jugendforum herangehst, bzw. was du schilderst, warum es so gut funktioniert, sehr bekannt vor. Es sind ähnliche Ansätze wie in einigen Bereichen der außerschulischen politischen Bildung oder auch der Jugendverbandsarbeit. Dort gibt es eben auch diese offenen Räume mit einer Mischung aus verschiedenen Aktivitäten, Beziehungsarbeit, Freizeit und Interessenvertretung. Dein Beispiel zeigt gut, warum Beteiligungsarbeit und politische Bildung eben auch diese Vielfalt an Momenten und Ansätzen ermöglichen sollte, weil sie Zugänge schaffen, Kraft zum Durchhalten schenken und Vertrauen aufbauen, das dann wieder das Verhältnis zu Politik und das Vertrauen in Demokratie stärken kann. Beteiligung ist grundsätzlich auch immer politische Bildung und bei beidem ist wichtig, dass ich als Fachkraft authentisch und respektvoll bin – damit stelle ich Vertrauen her. Ich verkaufe keine Position als die richtige, sondern biete Räume zum Positionieren und ich beteilige nicht, damit Politik durch hübsche Kinderzeichnungen bunter wird, sondern um jungen Menschen Gestaltungsmöglichkeiten zu eröffnen. Es gibt nicht das eine passende Format – das ist einfach immer sehr abhängig von Kontexten, Personen und Ressourcen. Aber jedes Format wird besser, wenn die jungen Menschen darauf vertrauen können, dass sie in einem Raum sind, der sicher und wirkungsvoll ist. Als Fachkraft habe ich die Verantwortung, das zu gewährleisten. Das bedeutet zum Beispiel, dass ich mich dafür vehement einsetze, die Positionen, Forderungen und Ideen der jungen Menschen an den passenden Stellen einzubeziehen. Also bringe ich das, was sie mir anvertraut haben, überall dort ein, wo ich Zugang habe. Und ich verspreche nicht mehr, als ich halten kann – sie können mir also vertrauen, wenn ich ihnen sage, wie wirksam ihre Mitarbeit sein kann. Wenn ich junge Menschen frage was sie wollen und sie antworten mir, dann vertrauen sie darauf, dass mit ihren Antworten etwas passiert. Wenn damit nichts passiert, geht Vertrauen in Strukturen verloren. Es geht nicht darum, dass Politik langsam ist, sondern ob das Vertrauen gerechtfertigt ist, dass damit etwas passiert. Diese Wechselbeziehung zwischen Vertrauen und Wirksamkeit. Weißt du, was ich meine?

Ja, Vertrauen bedeutet für mich, für die jungen Menschen zu kämpfen, also wenn das Jugendforum seine Rechte nicht bekommt, weil es angeblich kein ordentliches Gremium ist, dann ist es meine Verantwortung und der Grund, warum sie mir auch vertrauen können, dass ich mich bei der Verwaltung so lange dafür einsetze, bis es klappt.

Schwierig ist nur: Meine Aufgabe ist, das Vertrauen in die Demokratie zu stärken, während ich gleichzeitig gemeinsam mit den jungen Menschen oft negative Erfahrungen mit Politik mache. Ich soll also Institutionen verteidigen und das Vertrauen zu ihnen stärken, obwohl ich sie auch kritisieren muss und sie verändern will – im Sinne der jungen Menschen und mit ihnen.

Stimmt, als Begleitkraft sitzt du oft zwischen den Stühlen und das ist nicht nur unbequem, sondern schädlich für das Vertrauen.

Ja, die roten Linien sind da aber klar gezogen, denn ich bin immer parteiisch für die jungen Menschen. Das ist mein Auftrag. Da können sie mir vertrauen.

Genau. Vertrauen bedeutet aber auch, in Kinder und Jugendliche zu vertrauen und ihnen etwas zuzutrauen – also nicht nur über Schulhöfe und Spielplätze mit ihnen zu reden. Das passiert leider viel zu selten, weil wir alle mal mehr und mal weniger adultistisch sind und jungen Menschen aufgrund ihres Alters weniger zutrauen. Und damit kommen wir zu dem für mich entscheidenden Punkt: Beteiligungsformate und -strukturen sind leider oft sehr davon abhängig, wer sie begleitet und gestaltet. Du hast gesagt, das Jugendforum bietet einen sicheren Raum und die jungen Menschen finden sich darüber als Bezugsgruppe. Schafft die Niedrigschwelligkeit neben dieser Bezugsgruppe auch noch auf eine andere Weise konkrete Vorteile für die politischen Beteiligungsprozesse, die ja vom Jugendforum bearbeitet werden?

Wir machen immer wieder kreative Kunstprojekte, die direkte Wirksamkeit erfahrbar machen. Wir gestalten Kunst. Die schauen sich Menschen an und die jungen Menschen bekommen Feedback und Erfolg. Diese kurzfristigen positiven Erfolge helfen, die langfristigen politischen Prozesse durchzuhalten, bei denen wir die dicken Bretter bohren. Außerdem hilft die Kunst, junge Perspektiven sichtbar zu machen und damit Diskussionen anzuregen.

Die Verbindung von Kunst und Beteiligung ist eine gute Idee, die sowohl im ländlichen ebenso wie im urbanen Raum hilft, Durststrecken zu vermeiden und junge Meinungen sichtbar zu machen. Gibt es aber vielleicht noch etwas, das speziell im ländlichen Raum nötig und hilfreich ist?

Zur Beteiligung im ländlichen Raum gehört immer auch die Frage der Mobilität. Wenn ich nicht die Möglichkeit habe, zu einem Treffen hin und wieder nach Hause zu kommen, dann bin ich automatisch von Beteiligungsmöglichkeiten ausgeschlossen. Wir arbeiten da sehr eng mit der mobilen Jugendarbeit zusammen. Die Kolleg*innen holen für uns die Jugendlichen ab und fahren sie auch wieder nach Hause. Ohne diese Kooperation wäre meine Arbeit überhaupt nicht möglich. Gleichzeitig findet auf den Fahrten unglaublich viel Vertrauens- und Beziehungsarbeit statt. Daher ist auch immer eine*r der Kolleg*innen bei den Treffen und Veranstaltungen dabei. Das gibt den jungen Menschen Sicherheit und Vertrautheit.

Das Stichwort Sicherheit bringt mich zu einem Thema, das uns alle aktuell beschäftigt und das wir hier erst kurz gestreift haben: Inwieweit haben die aktuellen demokratiefeindlichen Entwicklungen auch Auswirkungen auf das Thema Vertrauen?

Leider gibt es in letzter Zeit immer mehr Anfeindung gegenüber Menschen, die sich für die Demokratie einsetzen. Das sind auch Erfahrungen, die Mitglieder unseres Jugendforums machen. Sicherheit ist eine Vorrausetzung dafür, sich zu engagieren. Natürlich finden sich immer wieder Menschen, die aktiv sind, trotz Bedrohung, doch viele sind davon abgeschreckt. Ich höre immer wieder: „Ich würde mich ja gern engagieren, aber ich traue mich nicht.“ Diese Bedrohungserwartung zeugt von einem Vertrauensverlust in die Sicherheitsstrukturen des Staates. Zudem werden Angriffe oft nicht angezeigt, auch weil das Vertrauen in Verwaltung und Polizei fehlt. Wir versuchen, nicht nur Räume zu bieten, in denen junge Menschen davon berichten, wir sind auch im Kontakt mit verschiedenen Akteur*innen, um Konzepte zu entwickeln, wie wir das Sicherheitsgefühl und auch das Vertrauen in diese Institutionen wieder aufbauen können. Aber dafür muss sich auch etwas ändern.

Wir können nicht komplett verhindern, dass Menschen bedroht oder angegriffen werden, aber wir können uns Gedanken über Schutzkonzepte machen und kompetent auf Vorfälle reagieren. Dafür braucht es starke Institutionen und Träger, die sich schützend vor Engagierte stellen und sichere Orte schaffen. So kann langsam auch das Vertrauen wiederhergestellt werden.

Das geht deutlich über die eigentliche Beteiligung oder das Vertrauensverhältnis zwischen dir und den jungen Menschen hinaus. Gut, dass es für euch trotzdem selbstverständlich ist. Lass uns abschließend schauen, welche Tipps, Forderungen und Fragen wir aus dem Gespräch mitnehmen. Du hast schöne Beispiele gebracht, wie man eben nicht nur versucht, jungen Menschen beizubringen, sich in den Strukturen zurechtzufinden, sondern auch prüft, wie die Strukturen so geändert werden können, dass alle – so wie sie sind – daran teilhaben können. Inwieweit ist das Vertrauensverhältnis noch verknüpft mit übergreifenden Aspekten und wo ist das konkret greifbar beim Jugendforum?

Wenn es um die Mitwirkung an Erwachsenengremien geht, wird Vertrauen hergestellt, indem wir Fachkräfte glaubhaft parteiisch für die Jugendlichen sind und sie in ihren Vorhaben stärken und unterstützen.

Damit junge Menschen sich auf langfristige Beteiligungsprozesse einlassen, braucht es darum eine Verlässlichkeit, dass die begleitende Fachkraft auch garantiert die ganze Zeit da ist. Dies steht aber im Widerspruch zu der Förderlogik, in der wir uns bewegen. Wenn wir uns immer nur in jährlichen Förderungen befinden, können wir jungen Menschen nicht garantieren, dass wir noch da sind, wenn sie uns brauchen. Wir versuchen trotzdem, in langfristige Prozesse hineinzugehen, da es bisher immer weiterging. Aber zur Wahrheit gehört auch, dass wir schon mehrfach sehr gezittert haben. Und ich halte es für verantwortungslos, solche Unsicherheiten nicht auch mit den Mitgliedern des Jugendforums zu teilen. Denn die Realität ist: Wenn es meine Stelle nicht mehr gibt, dann gibt es das Jugendforum auch nicht mehr. Die Jugendarbeit, mit der wir eng zusammenarbeiten, kann vielleicht einzelne Elemente auffangen und weiterführen, aber bei weitem nicht in dem Umfang.

Danke für das spannende Gespräch. Es hat nochmal gezeigt, dass Vertrauen in der politischen Bildung und der Kinder- und Jugendbeteiligung in vielen Facetten eine Rolle spielt. Es ist Voraussetzung für wirksame Beteiligung. Vor allem aber macht es die Strukturen und Formate erst wirklich lebendig und ermöglicht niedrigschwellige Zugänge. Also kurz gesagt: Beteiligung braucht Strukturen, die für junge Menschen gemacht sind und die sich nach ihren Bedürfnissen richten – die sich als vertrauenswürdig erweisen und ihnen Vertrauen entgegenbringen. Und wenn so ein Konzept wie das Jugendforum die Menschen erreicht, die nur selten Zugänge zu Institutionen und Angeboten der Beteiligung haben, dann ist das super. Es funktioniert, weil du mit deinem Verständnis handelst und den Raum damit prägst. Die spannende Frage ist darum: Wie schaffen wir es, dass das Vertrauen, das du aufbaust, nicht von dir abhängig ist? Wie so oft kommen wir damit auch hier auf das Thema Ressourcen. Politische Bildung und Jugendbeteiligung brauchen Vertrauen, um Strukturen lebendig zu gestalten, aber dafür werden eben Ressourcen benötigt, um langfristig und verbindlich Vertrauen aufzubauen und einzuhalten. Was ist dein Fazit?

Vertrauen ist eine wichtige Grundlage meiner Arbeit – ich vertraue in die Fähigkeiten und das Interesse der jungen Menschen und sie können mir vertrauen, dass ich mich für sie einsetze. Mein Ziel ist es, Jugendbeteiligung jugendgerecht zu machen und damit die Grundlage zu schaffen, dass gesellschaftliche Teilhabe insgesamt inklusiver und zugänglicher wird. Eigentlich nichts Besonderes, wir müssen es einfach machen. Aber all das ist nicht einfach, sondern anstrengend. Es braucht Ressourcen und darum steht für mich am Ende eben auch genau das: Wirksame Beteiligung und das Vertrauen, sich auf das Wagnis einzulassen, braucht verlässliche und langfristig abgesicherte Strukturen.

Zu den Interviewpartner*innen

Björn Elsen studierte Europastudien und Gesellschaftstheorie in Chemnitz, Jena und Helsinki. In Chemnitz initiierte er einen Bürger*innendialog für eine zukunftsfähige EU. Seitdem beschäftigt er sich intensiv mit Bürger*innenbeteiligung. Er arbeitet im Rahmen der Partnerschaft für Demokratie Saalfeld-Rudolstadt als Koordinator für Kinder- und Jugendbeteiligung. Dort begleitet er das Jugendforum sowie den Kreisschüler*innenrat und unterstützt Kinder- und Jugendbeteiligungsvorhaben im Landkreis.
Jugendbeteiligung@diakonie-wl.de
Jasmin-Marei Christen konzipierte, diskutierte und realisierte Kinder- und Jugendbeteiligung in jugendverbandlichen Kontexten und für bundespolitische Prozesse. Beim AdB arbeitete sie erst an der digitalen Plattform politischbilden.de, dann im Projekt „Demokratie-Profis in Ausbildung! Politische Bildung mit Kindern“ und nun im Team der Akademie für Kinder- und Jugendparlamente.
christen@adb.de