Außerschulische Bildung 2/2025

Florian Spissinger: Die Gefühlsgemeinschaft der AfD

Narrative, Praktiken und Räume zum Wohlfühlen

Opladen/Berlin/Toronto 2024
Barbara Budrich, 301 Seiten
 von Alina Jugenheimer

In einer Zeit in der die AfD bei der Bundestagswahl über 20 % der wahlberechtigten Stimmen einholt und damit als zweitstärkste Kraft im deutschen Bundestag vertreten ist, ist die Arbeit von Florian Spissinger zur Gefühlsgemeinschaft der AfD von ganz besonderem Interesse. Gerade jetzt, im Nachgang zur letzten Bundestagswahl bietet sie eine sehr aufschlussreiche Lektüre für alle Personen, die sich nähere Informationen darüber wünschen, warum die AfD für so viele Menschen attraktiv ist und was ihre Anziehung ausmacht. Diese Fragen sind auch für die Arbeit in der politischen Bildung relevant. Dabei versteht Florian Spissinger „… unter der neurechten Gefühlsgemeinschaft einen Anziehungspunkt und eine Gefühlsquelle für diejenigen …, die in rechter Politik nichts (mehr) Abstoßendes und Anstößiges sehen, sondern vielmehr ein gutes und wichtiges politisches Projekt“ (S. 23, Herv. i. O.).

In der Analyse der AfD-Gefühlsgemeinschaft beschäftigt sich Spissinger zunächst mit neurechten Narrativen, insbesondere mit der Gefühlswelt und Gefühlsarbeit zu Migration und Klimaschutz. Hier führt Spissinger aus, wie durch neurechte Bedrohungsszenarien Wahrnehmungsraster aufgebaut werden, die die Alltagserfahrung prägen. Auch verweist Spissinger in seiner Arbeit auf die Gefühlsdialektik von Angst und Hoffnung, denn die weit verbreitete Annahme, Hoffnung sei charakteristisch für emanzipatorische Politik während rechter Politik eher negativ besetzte Emotionen wie Angst zuzuschreiben sind, ist unterkomplex: Stattdessen besteht eine Dynamik und Ambivalenz neurechter Gefühlsarbeit. Im zweiten Teil der Analyse behandelt Florian Spissinger Widerstandsakte der AfD-Gemeinschaft, die angesichts der zuvor thematisierten Bedrohungsszenarien von der AfD-Gemeinschaft als legitim und notwendig angesehen werden. Spissinger spricht von „attraktiven Gefühlspositionen“ (S. 100, Herv. i. O.), die in einer affektiven Beziehung zum imaginierten Gegenüber, z. B. den „Altparteien“ stehen und konzentriert sich auf Gefühlspositionen, die durch neurechte Narrative von Migrationsabwehr und Anti-Klimaschutz zur Verfügung gestellt werden. Hierein können sich Spissinger zufolge AfD-Anhänger*innen als selbsternannte „Widerständige“ begeben und dabei ein gutes Gefühl und moralische Entlastung bekommen. Eindrücklich wird dies anhand eines Gesprächspartners Spissingers deutlich, für den sich die Tätigkeit bei der AfD „… wie eine liebevoll-sorgende Tätigkeit für die ,Mitmenschen‘, gar wie eine soziale Wohltat anfühl(t)“ (S. 105).

Schließlich zeigt Florian Spissinger auf, wie Gefühle in der AfD-Gemeinschaft eingeübt werden: Gleichgesinnte bestätigen sich beim Schimpfen und Spotten, zum Beispiel bei AfD-Veranstaltungen oder in Chat-Gruppen. Relevant ist hier auch, dass sich Spissinger zufolge durch solche „Gefühls- und Identitätstrainings“ (u. a. S. 250, Herv. i. O.) die Anhänger*innen der AfD-Gemeinschaft immer selbstverständlicher in der neurechten Gefühlswelt bewegen und damit immer weiter aus der gemeinsamen Welt mit anderen gesellschaftlichen Gruppen entfernen.

Die Analyse Florian Spissingers zum „Wohlfühlen“ in der AfD-Gemeinschaft und über den als legitim erachteten Widerstand der AfD-Gemeinschaft gegen vermeintliche Bedrohungsszenarien und das Zulassen ebenso wie Einüben dieser Gefühlspositionen ist nicht nur in der aktuellen Situation besonders hervorzuheben und macht die vorliegende Studie bedeutsam. Denn so eröffnen sich der Forschung zu rechten Narrativen und der Auseinandersetzung mit rechten Ideen vielschichtigere Zugänge sowie die Analyse komplexerer und widersprüchlicher Narrative.

Als wissenschaftliches Fachbuch ist die Analyse nicht dezidiert an die politische Bildung gerichtet. Jedoch ermöglicht sie der politischen Bildung, Ansatzpunkte für Gegenstrategien zu identifizieren, die sich nicht auf Angst fokussieren, sondern das positive Gefühl, das so viele Menschen in der AfD-Gemeinschaft finden, zu berücksichtigen: Wenn sich die politische Bildung damit beschäftigt, warum sich Personen in der AfD wohlfühlen, fällt es leichter, Ansatzpunkte mit denjenigen zu finden, die sich noch nicht vollständig in diese „Gefühlsgemeinschaft“ hineinbegeben haben. Auch können die Erkenntnisse aus Spissingers Forschung für die politische Bildung als Mahnung zur Vorsicht und Handlung interpretiert werden: Wenn es in der AfD-Gemeinschaft darum geht, „demokratische Legitimität neu zu verteilen“ (S. 144), braucht die politische Bildung erst recht eine starke Haltung sowie eine Professionalisierung, um dem entgegenzuwirken. Dabei geht es für die politische Bildung darum, zu vermitteln, dass demokratische Legitimität nicht losgelöst von Grund- und Menschenrechten besteht, sondern darum, eine demokratische Haltung zu fördern und zu stärken, die sich an genau diesen orientiert.

Alina Jugenheimer ist beim AdB e. V. verantwortlich für das Projekt „Kompetenzprofil für Fachkräfte der politischen Jugendbildung“ und arbeitet außerdem zu Antifeminismus und der extremen Rechten im Internet.